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[40]V Aus dem Tagebuch des ersten Jahres
ОглавлениеEin paar Seiten, wie das so allmählich, aber unaufhörlich auf mich eindringt. Bisher ist die Politik, ist die vita publica zumeist außerhalb des Tagebuchs geblieben. Seit ich die Dresdener Professur innehabe, habe ich mich manchmal gewarnt: du hast jetzt deine Aufgabe gefunden, du gehörst jetzt deiner Wissenschaft – laß dich nicht ablenken, konzentriere dich! Und nun:
21. März 1933. Heute findet der »Staatsakt« in Potsdam statt. Wie soll ich darüber hinweg arbeiten? Es geht mir wie dem Franz im »Götz«: »Die ganze Welt, ich weiß nicht wie, Weist immer mich zurück auf sie.« Doch, ich weiß schon wie. In Leipzig haben sie eine Kommission zur Nationalisierung der Universität eingesetzt. – Am Schwarzen Brett unserer Hochschule hängt ein langer Anschlag (er soll in allen andern deutschen Hochschulen ebenso aushängen): »Wenn der Jude deutsch schreibt, lügt er«; er solle künftig gezwungen sein, Bücher, die er in deutscher Sprache veröffentliche, als »Übersetzungen aus dem Hebräischen« zu bezeichnen. – Für den April war hier in Dresden der Psychologenkongreß angesagt. Der »Freiheitskampf« brachte einen Brandartikel: »Was ist aus Wilhelm Wundts Wissenschaft geworden? … Welche Verjudung … Aufräumen!« Daraufhin ist der Kongreß abgesagt worden … »um Belästigungen einzelner Teilnehmer zu vermeiden«.
27. März. Neue Worte tauchen auf, oder alte Worte gewinnen neuen Spezialsinn, oder es bilden sich neue Zusammenstellungen, die rasch stereotyp erstarren. Die SA heißt jetzt in gehobener Sprache – und gehobene Sprache ist ständig de rigueur, denn es schickt sich, begeistert zu sein – »das braune Heer«. Die Auslandsjuden, besonders die französischen, englischen und amerikanischen, heißen heute immer wieder die »Weltjuden«. Ebenso häufig wird der Ausdruck »Internationales Judentum« angewandt, und davon sollen wohl Weltjude und Weltjudentum die Verdeutschung bilden. Es ist eine ominöse Verdeutschung: in oder auf der Welt befinden [41]sich die Juden also nur noch außerhalb Deutschlands? Und wo befinden sie sich innerhalb Deutschlands? – Die Weltjuden treiben »Greuelpropaganda« und verbreiten »Greuelmärchen«, und wenn wir hier im geringsten etwas von dem erzählen, was Tag für Tag geschieht, dann treiben eben wir Greuelpropaganda und werden dafür bestraft. Inzwischen bereitet sich der Boykott jüdischer Geschäfte und Ärzte vor. Die Unterscheidung zwischen »arisch« und »nichtarisch« beherrscht alles. Man könnte ein Lexikon der neuen Sprache anlegen.
In einem Spielzeugladen sah ich einen Kinderball, der mit dem Hakenkreuz bedruckt war. Ob solch ein Ball in dies Lexikon hineingehört?
(Bald danach kam ein Gesetz »zum Schutz der nationalen Symbole« heraus, das solchen Spielzeugschmuck und ähnlichen Unfug verbot, aber die Frage nach der Abgrenzung der LTI hat mich dauernd beschäftigt.)
10. April. Man ist »artfremd« bei fünfundzwanzig Prozent nichtarischen Blutes. »Im Zweifelsfalle entscheidet der Sachverständige für Rassenforschung.« Limpieza de la sangre wie im Spanien des sechzehnten Jahrhunderts. Aber damals ging es um den Glauben, und heute ist es Zoologie + Geschäft.
Übrigens Spanien. Es kommt mir vor wie ein Witz der Weltgeschichte, daß »der Jude Einstein« ostentativ von einer spanischen Universität berufen wird und den Ruf auch annimmt.
20. April. Wieder eine neue Festgelegenheit, ein neuer Volksfeiertag: Hitlers Geburtstag. »Volk« wird jetzt beim Reden und Schreiben so oft verwandt wie Salz beim Essen, an alles gibt man eine Prise Volk: Volksfest, Volksgenosse, Volksgemeinschaft, volksnah, volksfremd, volksentstammt …
Jämmerlich der Ärztekongreß in Wiesbaden! Sie danken Hitler feierlich und wiederholt als dem »Retter Deutschlands« – wenn auch die Rassenfrage noch nicht ganz geklärt sei, wenn auch die »Fremden« Wassermann, Ehrlich, Neißer Großes geleistet hätten. Es gibt unter meinen »Rassegenossen« in meiner nächsten Umgebung Leute, die dieses doppelte »Wenn« schon für eine tapfere Tat [42]erklären, und das ist das Jämmerlichste an der Sache. Nein, das Allerjämmerlichste daran ist, daß ich mich ständig mit diesem Irrsinn des Rassenunterschiedes zwischen Ariern und Semiten beschäftigen muß, daß ich die ganze grauenhafte Verfinsterung und Versklavung Deutschlands immer wieder unter dem einen Gesichtspunkt des Jüdischen betrachten muß. Mir erscheint das wie ein über mich persönlich errungener Sieg der Hitlerei. Ich will ihn ihr nicht zugestehen.
17. Juni. Was ist Jan Kiepura eigentlich für ein Landsmann? Neulich wurde ihm ein Konzert in Berlin verboten. Da war er der Jude Kiepura. Dann trat er in einem Film des Hugenbergkonzerns auf. Da war er »der berühmte Tenor der Mailänder Scala«. Dann pfiff man in Prag sein deutsch gesungenes Lied »Heute nacht oder nie!« aus. Da war er der deutsche Sänger Kiepura.
(Daß er Pole war, erfuhr ich erst viel später.)
9. Juli. Vor ein paar Wochen ist Hugenberg zurückgetreten, und seine deutschnationale Partei hat »sich selbst aufgelöst«. Seitdem beobachte ich, daß an die Stelle der »nationalen Erhebung« die »nationalsozialistische Revolution« gerückt ist, und daß man Hitler häufiger als zuvor den »Volkskanzler« nennt, und daß man vom »totalen Staat« spricht.
28. Juli. Es hat eine Feier stattgefunden am Grabe der »Rathenaubeseitiger«. Wieviel Mißachtung, wieviel Amoral oder betonte Herrenmoral steckt in dieser Substantivbildung, diesem Zum-Beruf-Erheben des Mordes. Und wie sicher muß man sich fühlen, wenn man solche Sprache führt!
Aber fühlt man sich sicher? Es ist doch auch viel Hysterie in den Taten und Worten der Regierung. Die Hysterie der Sprache müßte einmal besonders studiert werden. Dies ewige Androhen der Todesstrafe! Und neulich die Unterbrechung alles Reiseverkehrs von 12 bis 12.40 Uhr zur »Fahndung auf staatsfeindliche Kuriere und Druckschriften in ganz Deutschland«. Das ist doch halb unmittelbare Angst und halb mittelbare. Ich will damit sagen, daß dieser Spannungstrick, dem Film und Sensationsroman amerikanischer Art nachgeahmt, natürlich ebensosehr erwogenes [43]Propagandamittel ist wie unmittelbares Angsterzeugnis, daß aber andrerseits zu solcher Propaganda nur greift, wer es nötig, wer eben Angst hat.
Und was sollen die dauernd wiederholten Artikel – dauerndes Wiederholen scheint freilich ein Hauptstilmittel ihrer Sprache – über die siegreiche Arbeitsschlacht in Ostpreußen? Daß sie der battaglia del grano der Faschisten nachgebildet ist, brauchen die wenigsten zu wissen; aber daß es in agrarischen Bezirken während der Ernte wenig Arbeitslose gibt, und daß man also von diesem momentanen Rückgang der Arbeitslosigkeit in Ostpreußen nicht auf das allgemeine und ständige Absinken der Arbeitslosenzahl schließen darf, muß sich schließlich auch der Dümmste sagen.
Aber das stärkste Symptom ihrer inneren Unsicherheit sehe ich im Auftreten Hitlers selber. Gestern in der Wochenschau eine Tonfilmaufnahme; der Führer spricht einige Sätze vor großer Versammlung. Er ballt die Faust, er verzerrt das Gesicht, es ist weniger ein Reden als ein wildes Schreien, ein Wutausbruch: »Am 30. Januar haben sie (er meint natürlich die Juden) über mich gelacht – es soll ihnen vergehen, das Lachen …!« Er scheint jetzt allmächtig, er ist es vielleicht; aber aus dieser Aufnahme spricht in Ton und Gebärde geradezu ohnmächtige Wut. Und redet man denn immerfort, wie er das tut, von Jahrtausenddauer und vernichteten Gegnern, wenn man dieser Dauer und Vernichtung sicher ist? – Beinahe mit einem Hoffnungsschimmer bin ich aus dem Kino fortgegangen.
22. August. Aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten kommen Anzeichen der Hitlermüdigkeit. Der Referendar Fl., kein Geisteslicht, aber ein braver Junge, spricht mich in Zivil auf der Straße an: »Wundern Sie sich nicht, wenn Sie mich einmal in Stahlhelmuniform treffen mit der Hakenkreuzbinde am Arm. Ich muß – aber der Zwang ändert gar nichts an uns. Stahlhelm bleibt Stahlhelm und ist etwas Besseres als die SA. Und von uns, von den Deutschnationalen, wird die Rettung kommen!« – Frau Krappmann, die stellvertretende Aufwartefrau, mit einem Postschaffner verheiratet: »Herr Professor, zum 1. Oktober wird der Verein [44]›Geselligkeit‹ der Postbeamten von A 19 gleichgeschaltet. Aber die Nazis sollen nichts von seinem Vermögen erhalten; ein Bratwurstessen der Herren wird veranstaltet, mit anschließender Kaffeetafel für die Damen.« – Annemarie, ärztlich unverblümt wie immer, erzählt den Ausspruch eines Kollegen mit der Hakenkreuzbinde: »Was soll man tun? Das ist wie die Cameliabinde der Damen.« – Und Kuske, der Gemüsehändler, berichtet das neueste Abendgebet: »Lieber Gott, mach mich stumm, daß ich nicht nach Hohnstein kumm.« … Mach’ ich mir etwas vor, wenn ich aus alledem Hoffnung schöpfe? Der absolute Wahnsinn kann sich doch nicht halten, wenn einmal die Betrunkenheit des Volkes aufhört, wenn der Katzenjammer anfängt.
25. August. Was nutzen die Symptome der Müdigkeit? Alles hat Angst. Mein »Deutsches Frankreichbild« war mit Quelle & Meyer verabredet und sollte zuerst in der »Neuphilologischen Monatsschrift« erscheinen, die der Rektor oder Professor Hübner redigiert, ein durchaus maßvoller und braver Schulmann. Vor ein paar Wochen schrieb er mir in bedrücktem Ton, ob ich nicht von der Veröffentlichung der Studie wenigstens bis auf weiteres absehen wollte; es gebe im Verlag »Betriebszellen« (merkwürdiges Wort, koppelt Mechanisches und Organisches – diese neue Sprache!), und man möchte doch gern die gute Fachzeitschrift erhalten, und den politischen Leitern liege das eigentliche Fachinteresse ferner … Darauf wandte ich mich an den Verlag Diesterweg, für den meine ganz sachliche und stark materialhaltige Arbeit gefundenes Fressen sein mußte. Rascheste Ablehnung; als Grund wurde angegeben, die Studie sei »rein rückwärts gerichtet« und lasse »die völkischen Gesichtspunkte vermissen«. Die Publikationsmöglichkeiten sind abgeschnitten – wann wird man mir das Maul verbinden? Im Sommersemester hat mich der »Frontsoldat« geschützt – wie lange noch wird der Schutz vorhalten?
28. August. Ich darf und darf den Mut nicht sinken lassen, das Volk macht das nicht lange mit. Man sagt, Hitler habe sich besonders auf das Kleinbürgertum gestützt, und das war ja auch ganz offensichtlich der Fall.
[45]Wir nahmen an einer »Fahrt ins Blaue« teil. Zwei volle Autobusse, etwa achtzig Leute, das denkbarst kleinbürgerliche Publikum, ganz unter sich, ganz homogen, kein bißchen Arbeiterschaft oder gehobenes, freier denkendes Bürgertum. In Lübau Kaffeerast mit Kabarettvorträgen der Wagenbegleiter oder -ordner; das ist bei diesen Ausflügen das Übliche. Der Conférencier beginnt mit einem pathetischen Gedicht auf den Führer und Retter Deutschlands, auf die neue Volksgemeinschaft usw. usw., den ganzen Nazirosenkranz herunter. Die Leute sind still und apathisch, am Schluß merkt man am Klatschen eines Einzelnen, an diesem ganz isolierten Klatschen, daß aller Beifall fehlt. Danach erzählt der Mann eine Geschichte, die er bei seinem Friseur erlebt habe. Eine jüdische Dame will ihr Haar ondulieren lassen. »Bedauere vielmals, gnädige Frau, aber das darf ich nicht.« – »Sie dürfen nicht?« – »Unmöglich! Der Führer hat beim Judenboykott feierlich versichert, und das gilt noch heute allen Greuelmärchen zum Trotz, es dürfe keinem Juden in Deutschland ein Haar gekrümmt werden.« Minutenlanges Lachen und Klatschen. – Darf ich daraus keinen Schluß ziehen? Ist nicht der Witz und seine Aufnahme für jede soziologische und politische Untersuchung wichtig?
19. September. Im Kino Szenen vom Nürnberger Parteitag. Hitler weiht durch Berührung mit der Blutfahne von 1923 neue SA-Standarten. Bei jeder Berührung der Fahnentücher fällt ein Kanonenschuß. Wenn das nicht eine Mischung aus Theater- und Kirchenregie ist! Und ganz abgesehen von der Bühnenszene – schon allein der Name »Blutfahne«. »Würdige Brüder, schauet hier: Das blutige Märtyrtum erleiden wir!« Die gesamte nationalsozialistische Angelegenheit wird durch das eine Wort aus der politischen in die religiöse Sphäre gehoben. Und die Szene und das Wort wirken fraglos, die Leute sitzen andächtig hingegeben da – niemand niest oder hustet, nirgends knistert ein Brotpapier, nirgends hört man das Schmatzen beim Bonbonlutschen. Der Parteitag eine kultische Handlung, der Nationalsozialismus eine Religion – und ich will mir weismachen, er wurzele nur flach und locker?
[46]10. Oktober. Kollege Robert Wilbrandt kam zu uns. Ob wir einen staatsgefährlichen Gast aufnehmen wollten? Er ist plötzlich entlassen worden. Die Würgeformel heißt »politisch unzuverlässig«. Man hat die Affäre des Pazifisten Gumbel ausgegraben, für den er in Marburg eingetreten ist. Und dann: er hat ein kleines Buch über Marx geschrieben. Er will nach Süddeutschland, will sich in einem abgelegenen Nest in seine Arbeit vergraben … Wenn ich das auch könnte! Tyrannei und Unsicherheit wachsen mit jedem Tage. Entlassungen im verjudeten Kreis der Fachkollegen. Olschki in Heidelberg, Friedmann in Leipzig, Spitzer in Marburg, Lerch, der ganz arische Lerch, in Münster, weil er »mit einer Jüdin im Konkubinat« lebe. Der blonde und blauäugige Hatzfeld, der fromme Katholik, fragte mich ängstlich an, ob ich noch im Amt sei. In meiner Antwort wollte ich wissen, wieso er für seine, doch gänzlich unsemitische Person Befürchtungen hege. Er schickte mir den Sonderdruck einer Studie; unter seinem Namen stand mit Tinte: »Herzliche Grüße – 25 %.«
Die philologischen Fachzeitschriften und die Zeitschrift des Hochschulverbandes bewegen sich derart im Jargon des Dritten Reichs, daß jede Seite buchstäblich Brechreiz verursacht. »Hitlers eiserner Besen« – »die Wissenschaft auf nationalsozialistischer Basis« – »der jüdische Geist« – »die Novemberlinge« (das sind die Revolutionäre von 1918).
23. Oktober. Mir ist vom Gehalt eine »Freiwillige Winterhilfe« abgezogen worden; niemand hat mich deswegen vorher gefragt. Es soll sich um eine neue Steuer handeln, von der man sich ebensowenig ausschließen darf wie von irgendeiner anderen Steuer; die Freiwilligkeit bestehe nur darin, daß man über den festgesetzten Betrag hinaus zahlen dürfe, und auch hinter dieses Dürfen stelle sich für viele schon ein kaum verhüllter Zwang. Aber ganz abgesehen von dem verlogenen Beiwort, ist nicht das Hauptwort selber schon eine Verschleierung des Zwanges, schon eine Bitte, ein Appell an das Gefühl? Hilfe statt Steuer: das gehört zur Volksgemeinschaft. Der Jargon des Dritten Reichs sentimentalisiert; das ist immer verdächtig.
[47]29. Oktober. Plötzlicher Ukas, sehr einschneidend in den Lehrplan der Hochschule: der Dienstagnachmittag ist freizuhalten von Vorlesungen, die Studenten in ihrer Gesamtheit werden in diesen Stunden zu Wehrsportübungen herangezogen. Fast gleichzeitig begegnete ich dem Wort auf einer Zigarettenschachtel: Marke Wehrsport. Eine halbe Maske, eine halbe Demaskierung. Allgemeine Wehrpflicht ist durch den Versailler Vertrag verboten; Sport ist erlaubt – wir tun offiziell nichts Unerlaubtes, aber ein bißchen tun wir es doch, und machen eine kleine Drohung daraus, wir deuten immerhin die Faust an, die sich – vorläufig noch – in der Tasche ballt. Wann werde ich in der Sprache dieses Régimes einmal ein wirklich ehrliches Wort entdecken?
– – Gestern abend war Gusti W. bei uns, nach vier Monaten zurück aus Turö, wo sie mit ihrer Schwester Maria Strindberg zusammen bei Karin Michaelis gelebt hat. Dort hat sich offenbar eine kleine Gruppe kommunistischer Emigranten zusammengefunden. Gusti erzählte scheußliche Einzelheiten. Natürlich »Greuelmärchen«, die man sich nur ganz geheim zuflüstern darf. Besonders von dem Elend, das der jetzt sechzigjährige Erich Mühsam in einem besonders bösen Konzentrationslager erduldet. Man könnte das Sprichwort variieren und sagen: das Schlechtere ist der Freund des Schlechten; ich fange wahrhaftig an, die Regierung Mussolini für eine beinahe menschliche und europäische zu halten.
Ich frage mich, ob man die Worte Emigranten und Konzentrationslager in ein Lexikon der Hitlersprache aufzunehmen hätte. Emigranten: das ist eine internationale Bezeichnung für die vor der Großen Französischen Revolution Geflohenen. Brandes nennt einen Band seiner europäischen Literaturgeschichte die Emigrantenliteratur. Dann hat man von den Emigranten der russischen Revolution gesprochen. Und jetzt eben gibt es eine deutsche Emigrantengruppe – in ihrem Lager ist Deutschland! –, und »Emigrantenmentalität« ist ein beliebtes mot savant. So wird also diesem Wort in Zukunft nicht unbedingt der Aasgeruch des Dritten Reichs anhaften. Dagegen Konzentrationslager. Ich habe das Wort nur als Junge gehört, und damals hatte es einen durchaus [48]exotischkolonialen und ganz undeutschen Klang für mich: während des Burenkrieges war viel die Rede von den Compounds oder Konzentrationslagern, in denen die gefangenen Buren von den Engländern überwacht wurden. Das Wort verschwand dann gänzlich aus dem deutschen Sprachgebrauch. Und jetzt bezeichnet es, plötzlich neu auftauchend, eine deutsche Institution, eine Friedenseinrichtung, die sich auf europäischem Boden gegen Deutsche richtet, eine dauernde Einrichtung und keine vorübergehende Kriegsmaßnahme gegen Feinde. Ich glaube, wo künftig das Wort Konzentrationslager fallen wird, da wird man an Hitlerdeutschland denken und nur an Hitlerdeutschland …
Ist es Kaltherzigkeit von mir und enge Schulmeisterei, daß ich mich immer wieder und immer mehr an die Philologie dieses Elends halte? Ich prüfe wirklich mein Gewissen. Nein; es ist Selbstbewahrung.
9. November. Heute in meinem Corneilleseminar ganze zwei Teilnehmer: Lore Isakowitz mit der gelben Judenkarte; Studiosus Hirschowicz, Nichtarier, Vater Türke, mit der blauen Karte der Staatenlosen – die echten deutschen Studenten haben braune Karten. (Wieder die Umgrenzungsfrage: gehört das zur Sprache des Dritten Reichs?) … Warum ich so beängstigend wenig Hörer habe? Französisch ist kein beliebtes Wahlfach der Lehrerstudenten mehr; es gilt als unpatriotisch, und nun gar französische Literatur vom Juden vorgetragen! Man braucht schon beinahe ein bißchen Mut dazu, bei mir zu hören. Aber es kommt hinzu, daß jetzt alle Fächer schwach besucht werden: die Studenten sind vom »Wehrsport« und einem Dutzend ähnlicher Veranstaltungen übermäßig in Anspruch genommen. Und endlich: gerade in diesen Tagen müssen sie buchstäblich alle fast ununterbrochen bei der Wahlpropaganda mithelfen, sich an Umzügen beteiligen, an Versammlungen usw. usw.
Dies ist nun die größte Barnumiade, die ich bisher von Goebbels erlebt habe, und ich kann mir kaum denken, daß es eine Steigerung darüber hinaus gibt. Das Plebiszit für die Führerpolitik und die »Einheitsliste« für den Reichstag. Für meinen Teil finde ich ja die [49]ganze Sache so plump und so ungeschickt wie möglich. Plebiszit – wer das Wort kennt (und wer es nicht kennt, wird es sich erklären lassen), Plebiszit ist doch unweigerlich mit Napoleon III. verknüpft, und Hitler sollte sich lieber nicht mit ihm in Verbindung bringen. Und »Einheitsliste« zeigt gar zu deutlich, daß der Reichstag als Parlament ein Ende hat. Und die Propaganda als Ganzes ist wirklich eine so vollkommene Barnumiade – man trägt Schildchen mit einem »Ja« am Mantelaufschlag, man darf den Verkäufern dieser Plaketten nicht nein sagen, ohne sich anrüchig zu machen –, eine solche Vergewaltigung des Publikums, daß sie eigentlich das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung hervorbringen müßte …
Eigentlich – aber ich habe mich bisher noch immer getäuscht. Ich urteile wie ein Intellektueller, und Herr Goebbels rechnet mit einer betrunken gemachten Masse. Und außerdem noch mit der Angst der Gebildeten. Zumal ja niemand an die Wahrung des Wahlgeheimnisses glaubt.
Einen gewaltigen Sieg hat er jetzt schon über die Juden errungen. Es gab am Sonntag eine abscheuliche Szene mit dem Ehepaar K., das wir zum Kaffee hatten laden müssen. Müssen, denn der Snobismus der Frau, die kritiklos jede neueste oder zuletzt gehörte Meinung nachschwätzt, geht uns schon lange auf die Nerven; aber der Mann, obwohl er gern die Rolle des weisen Nathan spielt, schien mir immer leidlich vernünftig. Am Sonntag also erklärte er, er habe sich »schweren Herzens«, genau wie der Zentralverein jüdischer Staatsbürger, entschlossen, beim Plebiszit mit Ja zu stimmen, und seine Frau setzte hinzu, das Weimarer System habe sich nun einmal als unmöglich erwiesen, und man müsse sich »auf den Boden der Tatsachen« stellen. Ich verlor alle Fassung, schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Tassen klirrten, und schrie dem Mann wiederholt die Frage zu, ob er die Politik dieser Regierung für verbrecherisch halte oder nicht. Er antwortete voller Würde, ich sei zu dieser Frage nicht berechtigt, und fragte seinerseits höhnisch, warum ich denn im Amt bliebe. Ich sagte, ich sei nicht von der Regierung Hitler eingesetzt und diente nicht ihr und hoffte sie zu überleben. Frau K. betonte noch, man müsse doch anerkennen, daß der Führer – sie [50]sagte wirklich »der Führer« – eine geniale Persönlichkeit sei, deren ungemeine Wirkung man nicht leugnen und der man sich nicht entziehen könne … Heute möchte ich den K.s beinahe etwas von meiner Heftigkeit abbitten. Ich habe inzwischen von allerhand jüdischen Leuten unseres Kreises ganz ähnliche Meinungen gehört. Von Leuten, die fraglos zur intellektuellen Schicht gerechnet werden müssen, und die fraglos im allgemeinen zu den ruhig und selbständig denkenden Menschen zählen … Irgendeine Umnebelung ist vorhanden, die geradezu auf alle einwirkt.
10. November, abends. Den Höhepunkt der Werbung habe ich heute mittag an Dembers Radio miterlebt. (Unser jüdischer Physiker, schon entlassen, aber auch schon in Verhandlung um eine türkische Professur.) Diesmal war die Anordnung durch Goebbels, der dann den Ansager der eigenen Regie machte, wirklich ein Meisterstück. Alles auf Arbeit und Frieden für friedliche Arbeit gestellt. Erst das allgemeine Sirenengeheul in ganz Deutschland und die Minute des Stillschweigens in ganz Deutschland – das haben sie natürlich von Amerika gelernt und von den Friedensfeiern am Ende des Weltkriegs. Hierauf aber, vielleicht nicht sehr viel origineller (cf. Italien), doch in absoluter Vollendung durchgeführt, die Rahmung um Hitlers Rede. Maschinenhalle in Siemensstadt. Minutenlang der volle Betriebslärm, das Hämmern, Rasseln, Dröhnen, Pfeifen, Knirschen. Dann die Sirene und das Singen und allmähliche Verstummen der abgestoppten Räder. Dann aus der Stille heraus, ruhig mit Goebbels’ tiefer Stimme der Botenbericht. Und nun erst Hitler, dreiviertel Stunden ER. Zum erstenmal hörte ich eine ganze Rede von ihm, und mein Eindruck war im wesentlichen der gleiche wie vorher. Meist eine übermäßig erregte, überschrieene, oft heisere Stimme. Nur daß diesmal viele Passagen im weinerlichen Ton eines predigenden Sektierers gehalten waren. ER predigt Frieden, ER wirbt für Frieden, ER will das Ja Deutschlands nicht aus persönlichem Ehrgeiz, sondern nur um den Frieden schützen zu können, gegen den Anschlag einer wurzellos internationalen Clique von Geschäftemachern, die um ihres Profites willen skrupellos Millionenvölker aneinander hetzen …
[51]Das alles, und die gut einstudierten Zwischenrufe (»Die Juden!«) dazu, war mir natürlich längst bekannt. Aber in all seiner Abgedroschenheit, in all seiner dem Taubsten vernehmbar zum Himmel schreienden Verlogenheit bekam es doch eine besondere und neue Wirkungskraft durch einen Zug der vorbereitenden Propaganda, den ich unter ihren gelungenen Einzelheiten für den hervorragendsten und den eigentlich entscheidenden halte. Es hieß in der Voranzeige und Voransage: »Feierstunde von 13.00 bis 14.00 Uhr. In der dreizehnten Stunde kommt Adolf Hitler zu den Arbeitern.« Das ist, jedem verständlich, die Sprache des Evangeliums. Der Herr, der Erlöser kommt zu den Armen und Verlorenen. Raffiniert bis in die Zeitangabe hinein. Dreizehn Uhr – nein, »dreizehnte Stunde« – das klingt nach Zuspät, aber ER wird ein Wunder vollbringen, für ihn gibt es kein Zuspät. Die Blutfahne auf dem Parteitag, das war schon dieselbe Sparte. Aber diesmal ist die Enge der kirchlichen Zeremonie durchbrochen, ist das zeitferne Kostüm abgestreift, ist die Christuslegende in unmittelbare Gegenwart transponiert: Adolf Hitler, der Heiland, kommt zu den Arbeitern nach Siemensstadt.
14. November. Warum mache ich K. S. und den anderen Vorwürfe? Als gestern der Triumph der Regierung verkündet wurde: 93 % der Stimmen für Hitler, 40 Millionen Ja, 2 Millionen Nein; 39 Millionen für den Reichstag (die famose Einheitsliste), 3 Millionen »ungültig«, da war ich genau so überwältigt wie die anderen auch. Ich konnte mir immer wieder sagen, erstens sei das Resultat erzwungen, und zweitens bei dem Fehlen jeder Kontrolle sicherlich auch frisiert, genau so wie doch ein Gemisch aus Fälschung und Erpressung hinter der Nachricht aus London stecken muß, man bewundere dort besonders, daß sogar in den Konzentrationslagern überwiegend mit Ja gestimmt wurde –, und doch war und bleibe ich der Wirkung dieses Hitlertriumphes ausgeliefert.
Ich muß an die Überfahrt denken, die wir vor fünfundzwanzig Jahren von Bornholm nach Kopenhagen machten. In der Nacht hatten Sturm und Seekrankheit gewütet; nun saß man im Küstenschutz bei ruhiger See in der schönen Morgensonne an Deck und [52]freute sich dem Frühstück entgegen. Da stand am Ende der langen Bank ein kleines Mädchen auf, lief an die Reling und übergab sich. Eine Sekunde später erhob sich die neben ihm sitzende Mutter und tat ebenso. Gleich darauf folgte der Herr neben der Dame. Und dann ein Junge, und dann … die Bewegung lief gleichmäßig und rasch weiter, die Bank entlang. Niemand schloß sich aus. An unserem Ende war man noch weit vom Schuß: es wurde interessiert zugesehen, es wurde gelacht, es wurden spöttische Gesichter gemacht. Und dann kam das Speien näher, und dann verstummte das Lachen, und dann lief man auch auf unserem Flügel an die Reling. Ich sah aufmerksam zu und aufmerksam in mich hinein. Ich sagte mir, es gebe doch so etwas wie ein objektives Beobachten, und darauf sei ich geschult, und es gebe einen festen Willen, und ich freute mich auf das Frühstück – und indem war die Reihe an mir, und da zwang es mich genau so an die Reling wie all die anderen.
*
Ich habe für die ersten Monate des Nazismus im Rohstoff zusammengeschrieben, was in meinem Tagebuch Bezug hat auf den neuen Zustand und die neue Sprache. Damals ging es mir noch ungleich besser als später; ich war ja noch im Amt und im eigenen Haus, ich war ja noch der fast unbehelligt Beobachtende. Wiederum: ich war noch nicht ein bißchen abgestumpft, ich war noch so ganz gewohnt, in einem Rechtsstaat zu leben, daß ich damals vieles für die tiefste Hölle hielt, was ich später höchstens für ihren Vorhof, für den Danteschen Limbo nahm. Immerhin: soviel schlimmer es auch kommen sollte, alles was sich noch später an Gesinnung, an Tat und Sprache des Nazismus hinzufand, das zeichnet sich in seinen Ansätzen schon in diesen ersten Monaten ab.