Читать книгу Extra Krimi Paket Sommer 2021 - A. F. Morland, Pete Hackett - Страница 20

XIII.

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Brigitte schwieg so lange, dass Karin Tepper nervös nachfragte: »Bist du noch dran?«

»Sicher bin ich - Karin - ich glaub’s nicht ...«

»Ja, es ist lange her.«

»Lange? Eine Ewigkeit. Und so plötzlich - wie hast du mich überhaupt gefunden?«

»Über deine Eltern.«

»Wie gut, wenn die alten Leute nicht mehr so häufig umziehen ... Wo steckst du denn jetzt?«

»Im Hotel Merkur.«

»Das ist ja - hör mal, Karin, ich nehme mir den Nachmittag frei und zum Mittagessen treffen wir uns in der Stadt. 13 Uhr, einverstanden?«

Schon in der Schule hatte die praktische Brigitte immer alles organisiert, deshalb lachte Karin und sagte heiter: »Einverstanden. Und wo?«

»Vor dem alten Hauptbahnhof.«

»Wenn wir uns noch erkennen ...«

»Hach! Das wäre doch gelacht! Bis gleich, ich freue mich wahnsinnig.«

Zumindest Brigitte schien sich nicht geändert zu haben, immer noch spontan, vor Energie überschäumend und jederzeit bereit, ein Problem durch vernünftige Planung zu lösen. Vergnügt ging Karin in die Halle hinunter. Gestern Abend hatte sie plötzlich der Mut verlassen, mit Brigitte war sie nie so eng befreundet gewesen wie mit anderen Mädchen aus ihrer Klasse, aber dann war zu ihrem Erstaunen der Kontakt mit Brigitte nie abgerissen, während zwei enge Freundinnen im ersten Jahr nach dem Abitur gelegentlich noch schrieben oder anriefen, dann aber nichts mehr von sich hören ließen, auch auf Karins Briefe nicht mehr antworteten.

Nach dem Abendessen hatte Karin sich an die Bar gesetzt, etwas müde von dem reichlichen Essen und dem langen Gespräch mit Brigitte, ein klein wenig gegen einen Katzenjammer ankämpfend. Sie fürchtete sich vor dem leeren Hotelzimmer, sie wollte unter Menschen sein, ohne Wert auf Kontakte oder Gespräche oder gar Flirts zu legen. Einfach nur das Gefühl haben, dass es um sie herum lebendige Wesen gab.

Gegen neun Uhr setzte sich ein grauhaariger hagerer Mann mit einem langen zerfurchten Gesicht und einem energischen

Kinn neben sie, der die asiatische Bedienung anstarrte, als wollte er sie auffressen. Aus Langeweile hatte Karin ihn beobachtet. Nach dem ersten Bier schien er sich zu entspannen, er fischte ein völlig zerknülltes Zigarettenpäckchen aus einer Jackentasche und fluchte leise, als sein Feuerzeug nicht funktionierte. Dabei drehte er den Kopf und funkelte Karin so grimmig an, als sei sie an allem schuld und ganz besonders an seinem defekten Feuerzeug.

»Brauchen Sie Feuer?«, fragte Karin freundlich.

»Ich hätte nichts dagegen«, schnappte er und jetzt musste sie lachen.

»Ist was?«

»Nein, aber Sie scheinen sich zu wünschen, irgendeinen armen Menschen in der Luft zerreißen zu dürfen.«

»Durchschaut. Ich könnte vor Ungeduld brüllen.«

»Und warum tun Sie es nicht?«

»Hier? In der Bar?«

»Schlimmer als diese Dudelmusik wird es auch nicht klingen.«

Einen Moment lauschte er, dann grinste er unvermittelt breit: »In der Tat. Wenn ich jetzt Ihr Feuerzeug einen Moment haben dürfte ...«

Das zweite Bier schluckte er langsamer.

In der Tat, du meine Güte, wann hatte sie diese Wendung zum letzten Mal gehört? Sie bestellte ihr drittes Glas und druckste ein wenig herum: »Was hat Sie denn so verbittert?«

Einen Moment überlegte er, bevor er die Achseln zuckte: »Muss ich darauf antworten? Die Wahrheit kann und darf ich Ihnen nicht sagen und belügen möchte ich Sie nicht.«

»Oh!«, staunte sie. »Sind Sie ein altmodischer Mensch?«

Daraufhin musterte er sie gründlich, aber nicht erzürnt, eher erheitert. »Das auch.«

»So was gibt’s also noch.«

»Wir sterben aus«, vertraute er ihr an. »Und wenn die Lücke bemerkt wird, die andere schnell schließen, murmelt einer was von Wertewandel oder schnelllebiger Zeit

»Auch ein Nachruf! Was machen Sie denn beruflich?«

»Was schätzen Sie?«

»Pfarrer«, riet sie übermütig.

»Falsch.«

»Arzt.«

»Leider nein.«

»Dann weiß ich nicht - halt, Schriftsteller.«

»Auch nicht. Ich bin Kriminalbeamter.«

»Nein!«

»Doch. Ein richtiger Beamter und Bulle.«

»Mich laust der ... hm.« Vor Verlegenheit musste sie schnell trinken und jetzt amüsierte er sich über sie: »Und Sie? Was treiben Sie, um die täglichen Brötchen zu verdienen?«

»Im Augenblick gar nichts. Ich reise herum, langweile mich, besuche alte Schulfreundinnen und überlege, wie ich die Zeit totschlagen kann.«

»Geht das schon lange so?«

»Nein. Es wird auch nicht mehr lange dauern.«

»Na prima. Ich heiße übrigens Rogge, Jens Rogge.«

»Freut mich. Karin Tepper.«

Er zwinkerte ihr zu und sie griff wieder rasch nach ihrem Glas. Eigentlich ein ganz netter Kerl. Vor allem nicht aufdringlich. Aber in eine Bar passte er nicht, nein, ganz und gar nicht.

Ob ihrer Hellsichtigkeit musste sie kichern, denn er dozierte ernsthaft: »Eine Bar ist ein scheußlicher Ort. Man trinkt, ohne Durst zu haben, hängt herum, weil man das dumpfe Gefühl hat, fürs Bett sei es noch zu früh, und fragt sich die ganze Zeit, ob man nicht was Vernünftigeres tun könnte.«

»Sie sprechen mir aus der Seele«, versetzte sie schnell. Wie alt mochte er sein? Keine Ahnung, und wunderschön, dass es gar keine Rolle spielte. Ein Mann, mit dem man sich unterhalten konnte und der nicht im Traum daran dachte, auf den freien Hocker neben ihr zu rücken. Das Glas war schon wieder leer.

»Die haben hier ein tolles Getränk«, sagte der Mann nun.

»Wirklich? Wie heißt das?«

»Kaffee.«

»Igittigitt.«

»Doch, schmeckt fast noch besser als das, was Sie da eben getrunken haben. Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?«

»Es ist mir eine Ehre.«

Er hatte sie vor dem Absturz gerettet, und als sie später würdevoll aufstand und sich verabschiedete, blieb er ganz ernst.

Als sie am nächsten Morgen die Treppe herunterkam, stockte sie. Rogge saß in der Halle, las Zeitung und hatte sie natürlich sofort gesehen.

»Guten Morgen, Frau Tepper. Wie geht's Ihnen?«

Sie spürte, wie ihr eine leichte Röte ins Gesicht stieg: »Danke, gut.«

»Fein, das freut mich.«

Sie holte tief Luft: »Ich muss mich noch bei Ihnen bedanken.«

»Wofür?«

»Wenn Sie mir den Kaffee nicht spendiert hätten ...«

»Ach, dann hätten Sie jetzt einen kleinen Brummschädel, aber die Welt wäre nicht untergegangen.«

»Wahrscheinlich«, erwiderte sie düster.

»Vielleicht sehen wir uns heute Abend wieder.«

Das musste sie Brigitte unbedingt erzählen. Ausgerechnet ein Kriminalpolizist!

Donnerstag, 28. September

Pelzer gab Rogge den Dienstausweis zurück und betrachtete ihn aus schmalen Augen: »Sie sind nicht von hier.«

Gegen Makler hatte Rogge etwas und am liebsten hätte er den Mittfünfziger grob angetönt, aber nach einer schnellen Musterung verzichtete er darauf; der Knabe sah nicht so aus, als ließe er sich einschüchtern.

»Nein. Wir suchen Hans Zinneck, er wird dringend als Zeuge benötigt. Als Entlastungszeuge, den die Verteidigung zu spät benannt hat, nun drängt die Zeit.«

»Und warum ist der Verteidiger nicht unterwegs?«

»Der denkt nicht dran, der erklärt dem Vorsitzenden lieber, die Kripo habe schlampig gegen seinen Mandanten ermittelt, nicht einmal die von der Verteidigung benannten Entlastungszeugen herbeigeschafft.«

»Der Trick ist nicht neu, aber immer wieder gut«, brummte Pelzer zustimmend. Auf seinem Schreibtisch hatte eine Hängemappe gelegen. Pelzer setzte eine Lesebrille auf und blätterte in der Akte.

»Tja, ich weiß nicht, ob es Ihnen hilft, Herr Rogge. Herr Zinneck war Anfang Mai vorigen Jahres hier. Ziemlich aufgelöst, seine Firma hatte ihn für sechs Monate nach Kassel versetzt und er suchte dringend etwas, eine Wohnung oder ein Haus, am liebsten möbliert.«

»Nur für sechs Monate?«;

»Ja, so hat er gesagt. Eigentlich sollte ich das Haus verkaufen, aber die Eigentümerin, eine alte Dame, hatte etwas unrealistische Preisvorstellungen, na schön, sie war mit sechs Monaten Vermietung einverstanden. Aber die Miete im Voraus.« Er schnaubte grimmig. »Am liebsten bar.«

»Das gibt’s noch?«

»In meinem Gewerbe gibt’s noch ganz andere Dinge, Herr Rogge. Zinneck ist losgezogen, um Geld zu holen, und dann hat er der alten Dame 24.000 Mark auf den Tisch gezählt.«

»Sie verabscheut wohl das Finanzamt?«

»Ich vermute, ja. Für mich war der Fall damit erst einmal abgeschlossen. Bis zum - Moment, November. Da hatte ich einen Kaufinteressenten an Land gezogen, und als ich einen Besichtigungstermin vereinbaren wollte, ging niemand mehr ans Telefon. Schließlich bin ich hingefahren. Das Haus stand leer und verlassen und die Nachbarn behaupteten, die Zinnecks seien schon Ende September fortgezogen.«

»Ohne Piep und Kommentar?«

»Ohne. Weg, einfach abgedampft.«

»Haben Sie die Polizei verständigt?«

»Nein. Warum auch? Der Eigentümerin und mir war kein Schaden entstanden. - Schön und gut, die Schlösser mussten ausgewechselt werden aber wenn jemand das Weite suchen will - ich beziehe kein Gehalt vom Einwohnermeldeamt.«

»Woher dieser Zinneck kam, wissen Sie nicht?«

»Nein. Er sagte damals, er wohne in München, auch möbliert, seine Firma neige zu sehr spontanen Entschlüssen.« Weil Rogge eine Grimasse schnitt, fügte der Makler trocken hinzu: »Und die Firma hat er auch nicht genannt.«

»Na dann vielen Dank, Herr Pelzer.«

Auf dem Einwohnermeldeamt füllte Rogge Vordrucke aus, gab als Grund an: Geschiedener Schwager, besorgte sich Gebührenmarken und erfuhr, was er schon vermutet hatte. Hans und Charlotte Zinneck hatten sich nicht an- oder abgemeldet. Aus dem Nichts aufgetaucht, ins Nichts verschwunden. Bis sie allein als Inge Weber wieder die Bühne betrat.

Zumindest hatte Rogge ordentlich eingekauft.

Im Hotel ließ man ihn ziehen, nicht gerade begeistert, aber offenbar lief das Geschäft gut, man würde sein Zimmer noch vermieten können.

Frau Staatsanwältin gab ihm das Briefchen zurück und musterte ihn ironisch: »Der einsame Wolf zieht allein durch die feindliche Steppe?«

»Du solltest weniger Hesse und mehr Savidny lesen.«

»Dazu komme ich gar nicht. Aber ich hätte ein Viertelstündchen Zeit für eine interessante, spannende Geschichte aus dem prallen Leben.«

»Tut mir Leid, die Viertelstunde musst du meditieren.«

»Schon verstanden.« Sie war nicht beleidigt, eher besorgt: »Du bist in eine große Sache gestolpert?«

»Groß - ja. Aber nicht gestolpert, sondern geschickt worden, wie ich fürchte. Und das gefällt mir nicht.«

»Mir auch nicht«, erwiderte sie trocken, drehte ihn an den Schultern herum und schob ihn zur Tür: »Pass auf dich auf!«

Extra Krimi Paket Sommer 2021

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