Читать книгу Geschichte vom Verlieren, Suchen, Finden - Anke Feuchter - Страница 18
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ОглавлениеDa sie immer noch kein Fahrrad hatte, fuhr Katrin auch an diesem Montag mit der Straßenbahn zur Arbeit. Heute war ihr die Zeit, die sie dabei für das Verfassen etlicher SMS-Entwürfe hatte, gerade aber lieb.
‚Hallo Matthieu‘, ‚lieber Matthieu‘, ‚Cher Matthieu, Guten Morgen!‘ ‚Na, wie geht’s?‘ oder, ‚Hallo aus Mannheim‘, ‚Hallo nach Paris‘… kaum getippt, und schon wieder gelöscht.
So ging es nicht.
Fantasielose Worte, die nichts in sich hatten vom trommelnden Herzen, den nassen Händen, dem kribbelnden Bauch. Worte, die nach Alltag klangen. Dem Leben vor diesem Abenteuer, in das Katrin hineingerutscht war. Weil man ihr das Fahrrad geklaut hatte.
‚Ich liebe Fahrraddiebe‘.
Das war die SMS, die Matthieu bekam. Ob er damit etwas anfangen konnte, wusste Katrin nicht. Sie hatten nicht darüber gesprochen, wieso sie am Freitag vor zehn Tagen an der Haltestelle gewesen war, vor der das Metroticket gelegen hatte.
Es fühlte sich besser an, scheinbaren Nonsens zu schreiben als einen Allerweltsgruß. Wenn Matthieu wissen wollte, wieso er eine kryptische SMS bekam, konnte er ja nachfragen.
Zufrieden lehnte sich Katrin im Sitz zurück und schaute in den grauen Himmel. Regentröpfchen liefen an der Scheibe hinab und formten Bächlein. Stets stieß ein neuer Tropfen zu einem der Rinnsale und ging darin auf. Das Wasserballett hatte Katrin schon als Kind gemocht und vom Rücksitz des Autos aus beobachtet.
Die Bahn hielt vor der Uni.
Katrin stieg aus und zog sich die Kapuze ihres Dufflecoats über den Kopf. Nässe, Kälte, wasserspritzende Autos, eilende Passanten. Auch Katrin überquerte den Ehrenhof im Laufschritt. In ihr aber war es hell, und sie fühlte sich, als tanzte sie. Selbst die flüchtige Begegnung mit Julia Gassner war ihr egal, „Hallo” und „Was für ein Wetter!” sprangen über ihre Lippen, sie winkte flüchtig und ging weiter, ohne auf eine Reaktion zu warten.
Ich bin frei, dachte sie.
Dass sie den Schlüssel des Büros zu Hause vergessen hatte, war ärgerlich, weil es ihrer arroganten Praktikantin einmal mehr einen Vorwand liefern würde, sie von oben herab zu behandeln. Katrin seufzte, setzte sich auf einen der Stühle im Flur und wartete auf Lisa. Im Büro klingelte das Telefon. Mehrere Male hintereinander. Wer wollte am Montagmorgen um kurz nach neun Uhr bereits so dringend etwas von ihr? Beunruhigt zog Katrin ihren Terminkalender – „Wie süß, ein richtiger Kalender!”, so O-Ton Lisa – aus der Tasche. Kein Eintrag. Glück gehabt.
Da kam auch Lisa. „Schlüssel vergessen?”, Spott getarnt in einer Pro-forma-Frage. Katrin nickte. Generation Y.
Auch Lisa würde irgendwann auf ihre große Klappe fallen – ein Gedanke, bei dem Katrin nicht umhinkonnte, eine gewisse Befriedigung zu empfinden. Erst einmal war es jedoch Katrin, die das Gefühl hatte, selbst eins auf die Nase zu bekommen. Der Anrufer war der persönliche Referent des Rektors gewesen, der erzürnt nachfragte, wo denn bitte Katrin bliebe. Eine chinesische Delegation war zu Gast und Katrin wurde zum Pressefrühstück erwartet. In Eile raffte sie Kamera, Block und Stift und rannte durch den Ostflügel ins Rektorat. Katrin atmete auf, als sie sich so unauffällig wie möglich ins Büro des Rektors schob. Alle standen noch, deutsche und chinesische Sprachfetzen verrieten, dass der offizielle Teil noch nicht begonnen hatte. Der Referent des Rektors warf ihr einen bitterbösen Blick zu und schüttelte den Kopf, wobei er auf seine Armbanduhr tippte. Katrin hob entschuldigend die Schultern und bedeutete, dass sie von dem Termin nichts gewusst hatte. Sie durchkämmte nach bestem Wissen ihr Gedächtnis: Wann war von der chinesischen Delegation die Rede gewesen? Bei welcher Besprechung war dieses verfluchte Frühstück angesetzt worden?
„Guten Morgen, Frau Kollegin, warum so nachdenklich?”
Mein Gott, nicht auch noch der, dachte Katrin, die allmählich ihre Hoffnung schwinden sah, das Glücksgefühl vom Morgen möge den Arbeitstag unbeschadet überstehen.
Tell me why I don’t like Mondays.
Es war der ihr mehr als nicht angenehme Redakteur der Rheinpfalz, der sie in breitester Mundart auf seine selbstzufriedene Art ansprach. Franz Marciano hielt sich für unwiderstehlich. Er hatte einen italienischen Vater, was ihn glauben machte, er sei ein genetisch programmierter Herzensbrecher. Katrin fand, er zeichne sich vielmehr durch den über Generationen vererbten Vornamen aus: Franz. Das ‚z‘ zog ihn zu Boden, machte ihn lehmig und schwer. Sehnsüchtig dachte Katrin an den schönen Namen Matthieu, an den Vogelflug der zweiten Silbe, der sich leicht in die Luft erhob und einen mitnahm in ein Reich der Träume.
Zum Glück begann der offizielle Teil, so dass Katrin einer Antwort enthoben war. Sie fühlte Erleichterung. Diese wurde abgelöst von: Desinteresse, Langeweile, kribbelnden Füßen, Lachreiz, dem Bedürfnis laut zu gähnen.
Später dann auch Hunger, denn vom angekündigten Frühstück war nichts zu sehen, nicht einmal eine Tasse Kaffee.
Es ging um die Partnerschaft zwischen den Universitäten Mannheims und der einer chinesischen Stadt, von welcher Katrin nie gehört hatte, und deren Namen sie nicht verstand. Für Mannheim sprachen der Rektor, der Dekan der BWL-Fakultät, verschiedene Professoren, Vertreter und Vertreterinnen der studentischen Organisationen. Anschließend die Vertreter der chinesischen Delegation, was wegen Übersetzungen mehrfach Zeit in Anspruch nahm. Allen, Deutschen wie Chinesen, war höfliches Lächeln ins Gesicht geklebt. Katrin tat, als mache sie Notizen. Als sie mehrere Male die Skala der Gefühle durchlaufen hatte, die das Zeremoniell in ihr auslöste, mündeten diese in komplette Leere.
„Was tue ich hier?”, notierte sie in großen Lettern quer über das wirre Gekritzel, das sie auf ihrem Block veranstaltet hatte.
Um 12.30 Uhr entließ der Rektor die sämtliche Medienvertreter. Katrin sprang auf und entkam, ehe Franz sie mit einer Aufforderung zum Mittagessen hätte behelligen können.
Sie rannte zum Büro zurück. Lisa war zum Glück noch da. Katrin warf alles auf den Schreibtisch und schnappte ihre Badetasche, die dort stets bereitstand. Dies war ein Notfall.
Sie musste ins Wasser.
Das Gleiten im Wasser, die regelmäßigen Bahnen: Katrin beruhigte sich. Das Gefühl der Sinnlosigkeit, das sie während der letzten Stunden immer fester in ihren Griff genommen hatte, ließ nach. Die Freude aber kam nicht wieder. Das Wasser in der Dusche war zu heiß, der Strahl zu stark, die Bürste nicht zu finden. Die Haartrockner außer Betrieb.
Dabei hatte der Tag so herrlich angefangen.
Katrin kämmte sich in der Toilette der Uni mit dem Reservekamm aus der Schreibtischschublade.
Vielleicht war Matthieu ein Strohfeuer. Vielleicht war er nur in ihr Leben geraten, damit sie merkte, was alles nicht stimmte.
„Ich glaube, dass das Leben für mich noch das ein oder andere Wunder bereithält.”
Das hatte Colette am Samstagmorgen gesagt.
Glaubte Katrin das auch für sich? Was war, wenn sie sich jedes Glück kaputtschlagen ließ, wie es an diesem Vormittag wieder einmal geschehen war? Was, wenn sie selbst die Saboteurin war, die sich immer wieder bewies, dass es für sie keinerlei wunderbaren Begebenheiten gab.
Katrin riss mit dem Kamm an ihren Haaren.
Der Nachmittag verging mit Routinetätigkeiten und Telefonaten.
Professor Steinberg wollte wissen, ob sie das Kolloquium bereits angekündigt hatte und bat darum, die Pressemitteilung vorher gegenlesen zu dürfen. Der Leiter der Studiobühne rief an und brüllte ins Telefon, sie solle ihm nicht noch einmal ihre unterbelichtete Praktikantin schicken. Katrins Laune hob sich schadenfreudig. Lisa hatte mit Theater nichts am Hut.
Zeit, diesen Arbeitstag zu beenden.
Es wurde dunkel und regnete noch immer. Vergeblich suchte Katrin nach einem Regenschirm. „Schließt du ab?”, bat sie Lisa. Wortlos nickte die.
„Danke. Bis morgen”, sagte Katrin und war schon fast im Flur, als Lisa ihr nachrief, sie solle nicht darauf zählen, dass sie noch einmal „diesen alten Narziss von der Unibühne” interviewen würde.
Das beleuchtete Schloss sah im spätherbstlichen Regendunkel erhaben aus. Der Verkehr rauschte vorbei, Scheinwerfer zeichneten Lichtkleckse in die Pfützen. Katrin wartete auf die Bahn.
Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie den ganzen Tag über nicht nachgesehen hatte, ob Matthieu auf ihre SMS vom Morgen reagiert hatte. Ihr Herz tat einen kleinen Sprung. Und wenn er sich gar nicht gemeldet hatte? Nervös kramte sie nach ihrem Handy.
Matthieu hatte ihr ein Foto geschickt. Ein Gemälde.
Un parc la nuit, ‚Ein Park bei Nacht‘, hieß es.
Da würde ich gern mit dir spazieren gehen. Dazu brauchst du kein Fahrrad, hatte er dazu geschrieben. In einer zweiten Nachricht fügte er hinzu, der Maler heiße József Rippl-Rónai und das Bild hänge im Musée d’Orsay. Eine dritte SMS war kurz.
‚Mein Skype-Pseudo ist matt75. – 20:30 Uhr?‘