Читать книгу Dann stirb doch selber - Dagmar Isabell Schmidbauer - Страница 13

11. Szene Magdalena

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Eine Viertelstunde später stand ich in Sylvias Küche und schaute vom Tisch aus zu, wie sie einen Klumpen Teig mit beiden Händen auf die Arbeitsfläche knallen ließ.

„Sie macht Apfelstrudel!“, erklärte ihre Tochter Anna, die mir die Tür geöffnet hatte. Vom Backen hatte ich eben soviel Ahnung wie vom Kochen. Sylvia griff in die aufgerissene Mehltüte, bestäubte ihre Hände und nebenbei auch ihr T-Shirt, dann hob sie den Teig hoch, um ihn erneut auf die Platte zu schmettern. Anna setzte sich an den Tisch und begann mit einem Küchenmesser Äpfel klein zu schneiden. Sie war erst vor drei Wochen sechs geworden und für ihr Alter ausgesprochen geschickt.

„Ist es schlimm?“ Anna schaute mich abwartend an.

„Was?“, fragte ich zurück und sah zu, wie sie mit ihren kleinen Fingerchen den Apfel auf einem Brettchen gewissenhaft klein schnitt.

„Mit Mama!“ Ich warf einen Blick ins Zimmer, konnte aber keine besonderen Anzeichen für eine Verstimmung feststellen. Der große Wohnraum war im Grundriss dem unseren sehr ähnlich, allerdings wies er weniger Luxus auf. Statt eines Kamins hatte Sylvia einfache Kiefernholzregale als optische Trennwände aufgestellt. Dahinter stand ihr Bett. Das einzige abgeschlossene Zimmer gehörte Anna. Überall herrschte Chaos, doch das war hier immer so, ich hatte es nie anders erlebt.

Ich schüttelte den Kopf. „Wie kommst du darauf?“

„Mama sagt, Harrys Seele ist jetzt ein Schmetterling. Glaubst du das auch?“

Unentschlossen hob ich die Schultern. „Ja, es könnte sein!“ Harry hätte diese Erklärung sicher gut gefallen. Er glaubte nicht an die Inszenierung, die die heilige katholische Kirche für uns Sünder nach unserem Tod bereit hielt; er war ein Romantiker.

Sylvia begann den Teig geschickt mit ihren Händen auf der Arbeitsfläche auszuziehen. Ich stand auf und sah ihr über die Schulter hinweg zu. Der Strudelteig wurde dünner und dünner, ließ sich in alle Richtungen ziehen, so wie ich, nur dass er sich nicht beklagte, nicht weinte und niemandem eine Szene machte. Und plötzlich fiel mir wieder ein, warum ich herübergekommen war.

„Eigentlich wollte ich dir sagen, dass Harry euch auf den Arm genommen hat!“, erklärte ich hinter ihrem Rücken. „Ich verstehe ja euer Misstrauen, aber er hatte wirklich immer nur mich!“

Sylvia zog weiter und weiter, schien mich gar nicht zu hören, und plötzlich klaffte in der Mitte ein großer Riss.

„Was bist du doch naiv!“, nuschelte sie vor sich hin und versuchte das Loch zu stopfen.

„Wie meinst du das?“

„Ach vergiss es!“ Sie ließ von ihrem Teig ab und fischte aus dem Küchenschrank ein kleines Gläschen mit eben jenen Pillchen, die sie mir erst kürzlich so dringend ans Herz gelegt hatte. Mechanisch steckte sie zwei davon in den Mund und schluckte sie runter. Warum sie das tat, war mir völlig unklar, aber an Sylvia war manches unklar. Obwohl sie ihren burschikosen Typ noch kräftig mit einem kinnlangen Haarschnitt und einfacher Kleidung unterstrich, gab es immer wieder Anzeichen von rauschenden Nächten mit geheimnisvollen Liebhabern. Erst kürzlich hatte ein Blumenbote bei mir geklingelt und einen riesigen Strauß roter Rosen für Sylvia deponiert. Als ich ihn ihr später vorbeibrachte, konnte sie ihre Verlegenheit nur schwer verbergen, was eigentlich gar nicht zu ihr passte.

„Kommt Harry jetzt nie mehr wieder?“, fragte Anna vom Tisch aus. Sie hatte uns die ganze Zeit beobachtet. Ich zog mir einen Stuhl heran und setzte mich neben sie. Anna hatte Harry sehr gern gehabt, und seit er ihr das Fahrrad geschenkt hatte, liebte sie ihn geradezu abgöttisch.

Er wollte so gern ein eigenes Kind haben und bei ihm alles besser machen. Nun, das wollte ich auch, aber erst, wenn wir es uns auch wirklich leisten konnten und nicht mehr auf meinen Verdienst angewiesen waren. Anna schaute mich in echter Verzweiflung an.

„Nein“, sagte ich, weil ich es nicht gut fand, wenn man kleine Kinder anlog, und außerdem hätte sie es früher oder später ja auch selbst herausgefunden. „Aber ich glaube, da, wo er jetzt ist, geht es ihm sehr gut.“

„In echt, oder sagst du das nur?“

Mir standen die Tränen in den Augen, nur mit viel Mühe konnte ich sie zurückhalten. Schließlich nickte ich heftig: „In echt, Anna!“

Dann stirb doch selber

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