Читать книгу Dann stirb doch selber - Dagmar Isabell Schmidbauer - Страница 17

15. Szene Magdalena

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Gegen Mittag trieb es mich in die Kaffeeküche, mein Körper verlangte Koffein und Glucose. An dem Tisch mit der geblümten Wachstuchdecke saß Jutta und beugte sich konzentriert über ein Blatt Papier, auf dem ein Kreis mit vielen Unterteilungen aufgemalt war. In der rechten Hand hielt sie einen geschliffenen Kristall, der an einer dünnen Kette hing. Vorsichtig schlich ich mich hinter ihrem Rücken vorbei.

„Welche Bachblüten wirken sich auf meine derzeitige Verfassung besonders positiv aus?“, fragte sie mit monotoner Stimme.

„Keine Ahnung“, antwortete ich, weil ich eigentlich nur Sumpfdotterblumen kannte.

„Welche Bachblüten ...“, fing sie erneut an, und endlich kapierte ich, dass sie gar nicht mit mir sprach, sondern mit dem Papier vor ihr auf dem Tisch und dem darüber hin und her pendelnden Kristall. Da sie so sehr in diese Aufgabe vertieft war, beschloss ich, mir schnell meinen Kaffee und ein paar Kekse zu nehmen und mich dann möglichst unbemerkt aus dem Staub zu machen. Doch daraus wurde nichts! Genau in dem Moment blickte sie auf, schob das Blatt beiseite und sah mich über den Rand ihrer Brille aufmerksam an. „Du siehst schlecht aus.“

„Danke“, antwortete ich schwach. „Was hast du erwartet?“

„Ich will dich nicht kränken, ich will dir helfen“, beharrte sie und stand auf.

„Magdalena, du musst was für dich tun!“ Sie nahm mir meine Tasse aus der Hand, stellte sie auf das Tischchen neben ihre Blätter und ergriff erneut meine Hände, um sie zu drücken. Das war zuviel, ohne Vorwarnung liefen mir Tränen über mein mühsam geschminktes Gesicht und richteten ziemliche Schäden an.

„Ja, so ist es gut“, lobte Jutta, „du musst deine Trauer annehmen und darfst sie auf keinen Fall unterdrücken.“

„Ach Jutta, was redest du da, ich kann doch nicht heulend hier herumlaufen, was sollen denn die Kunden von mir denken.“

„Was interessieren dich die Kunden, die haben ja schließlich keinen geliebten Menschen verloren!“

Ich machte mich erneut los, griff nach meiner Tasse und trank eine tiefen Schluck. Jutta drückte mich auf den Stuhl, auf dem sie selbst eben noch gesessen hatte, und hielt mir ein Buch vor die Nase.

„Hier!“

Mit dem Unterbewusstsein die eigene Welt verändern.

„Das ist es, was du jetzt brauchst! Damit kannst du es schaffen!“

„Mit dem Unterbewusstsein?“

„Ja! Du musst es dir so lange einreden, bis es dir besser geht!“

Ich sah sie mehr als skeptisch an.

„Hast du noch nie den Satz gehört: Du redest dir das alles doch nur ein?“

Ich nickte.

„Genau das musst du machen. Rede dir morgens und abends immer wieder ein, dass es dir bald besser geht. Glaub an dich, und Harry wird stolz auf dich sein.“

Dankend nahm ich Buch und Ratschlag entgegen und legte es später in meine Schublade, um es zu vergessen. Was wusste Jutta schon von meinem Schmerz und wie ich damit umgehen musste? Einreden! Ausreden! Harry war tot und ließ sich auch nicht wieder lebendig reden.

Dann stirb doch selber

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