Читать книгу Dann stirb doch selber - Dagmar Isabell Schmidbauer - Страница 8
6. Szene Magdalena
ОглавлениеHatte ich nicht! Obwohl ich mir diese Frage in den letzten Stunden immer wieder gestellt hatte. Nun saß ich am Esstisch, den Kopf in die Hände gestützt, starrte auf die Obstschale und dachte über Harrys letzte Fahrt nach. Hatte er mit ihr im Hof Halt gemacht oder war sie erst dort eingestiegen? Blond war eine Haarfarbe, die Millionen von Frauen trugen.
Am Morgen war Harry wie immer in sein helles Sakko geschlüpft und hatte sich noch einmal im Spiegel gemustert. Wie sehe ich aus, hatte er gefragt, und ich hatte ihm lachend bestätigt, dass ich keinen besser aussehenden Mann kennen würde.
„Auch nicht deinen Chef?“
„Auch den nicht.“ Es war rührend, wenn er den Eifersüchtigen spielte.
Mit dem silbernen Koffer war er davongefahren; wie immer, alles wie immer, und doch ... Ich nahm einen Apfel und warf ihn von einer Hand in die andere. Wie beim Tennis, von rechts nach links, von links nach rechts, von rechts nach links. Harry hatte am Wochenende an dem großen Tennisturnier in seinem Club teilnehmen wollen.
Das Klopfen an der Tür erschreckte mich. Der Apfel fiel aus meiner Hand, knallte mit einem satten Plopp auf den Boden und rollte weiter bis zum Kamin. Zweimal lang, zweimal kurz, Sylvias Zeichen. Mühsam erhob ich mich, seit Freitag fühlte ich mich nur noch müde und ausgelaugt. Hatte keine Kraft mehr, um irgendetwas sinnvoll anzupacken.
„Hast du deine Tabletten genommen?“ Es war tatsächlich Sylvia, und sie hatte noch nicht mal die Tür hinter sich zugemacht. Ich schüttelte den Kopf, sie verdrehte die Augen und zupfte nachdenklich an ihrem Hals. „Warum nicht?“, fragte sie schließlich.
„Sie machen mich matschig.“ Ich sah zu dem Apfel, der immer noch vor dem Kamin lag, „und sie nehmen mir die Möglichkeit, sinnvoll zu denken!“
„Es geht nicht immer alles logisch zu im Leben!“ Sylvia rieb sich die Arme, sie schien zu frieren. Ich hob den Apfel auf und legte ihn in die Obstschale zurück. Harry hatte sie gern gegessen, mir waren sie zu sauer.
„Warum hast du ihn hergebracht, er ist Urologe und hat überhaupt keine Ahnung!“
Sylvia setzte ihr Krankenschwesterlächeln auf.
„Was glaubst du wohl, was wir auf der Urologie so den ganzen Tag erleben? Da kommen nicht nur alte Herren, die Probleme beim Pinkeln haben, da geht es wirklich lebensnah zu, viel interessanter als auf der Gyn!“ Die alte Leier!
„Schon!“, antwortete ich vorsichtig, um mir nicht auch noch die neueste Geschichte irgendeines Sexbesessenen anhören zu müssen, der es mit dem Staubsauger versucht hat und sein bestes Stück anschließend wie Wackelpudding zum Verbinden bringen musste.
„Aber ich wollte auch keinen Gynäkologen! Ich wollte einen Menschen, der alles wieder ungeschehen macht!“
Sylvia ging zielstrebig ins Schlafzimmer. Verwundert schaute ich ihr nach. Die hellrote Radlerhose, die sie sich an diesem Tag auf die Hüften gezwängt hatte, saß ein wenig straffer als sonst, was natürlich auch an unserer Gemeinschafts-Waschmaschine liegen konnte, denn auch das T-Shirt hatte enorm an Farbe verloren und ließ nur noch schwer die einst bunten Blockstreifen erahnen. Ich sollte mit meiner Wäsche in nächster Zeit vorsichtiger umgehen, vielleicht war ja der Thermostat kaputt. Als sie zurück kam, hielt sie das kleine braune Glas mit den bunten Pillen in der Hand, die schon die letzte Nacht neben meinem Bett zugebracht hatten.
„Weißt du“, erklärte sie mir behutsam, „so auf die Schnelle ließ sich niemand finden, der über diese Fähigkeiten verfügt hätte, deshalb hielt ich es für das Beste, meinen Chef anzurufen! Der hatte sowieso Dienst und maulte nicht lange herum, weil er an einem Freitagabend noch mal seine Freizeit unterbrechen musste!“ Ich nickte. Das war ein Grund, das konnte ich einsehen!
„Na siehst du, so gefällst du mir schon besser! Und jetzt nimm bitte deine Tabletten, sie haben dir gestern geholfen und sie werden es auch jetzt tun!“ Wieder hielt sie mir eine Hand voll hin, und wieder schob ich sie weg.
„Nein, wirklich nicht, ich muss noch über einiges nachdenken!“
„Ach!“ Sylvia ließ ihre Hand sinken und sah mich erwartungsvoll an.
„Heute Morgen war eine Polizistin bei mir. Sie meinte, Harry sei von einem hergerichteten Auto von der Straße gedrängt worden. Ich kann das einfach nicht glauben, ich meine, es sah vielleicht so aus, aber das macht doch niemand!“
„Das hat sie mir auch erzählt. Und sie scheint auch noch ganz andere Sachen zu wissen!“
„Sie war bei dir?“
„Ja, und sie wollte wissen, ob Harry noch andere Frauen hatte.“ Sie strich sich die Haare hinter die Ohren und grinste ziemlich blöd.
Meine Kniekehle juckte. „Nein! Du hast Nein gesagt, stimmt’s? Was sollte Harry auch mit einer anderen Frau!“ rief ich aufgeregt und wartete auf ihre Zustimmung.
„Ja, weißt du ...“, druckste Sylvia verlegen herum.
„Sylvia!“ Meine Stimme wurde vor lauter Aufregung einige Oktaven höher, und das hörte sich sogar für meine eigenen Ohren nicht sehr angenehm an.
„Was soll das, du weißt so gut wie ich, dass Harry mir treu war, er hätte nie...“ Mir liefen die Tränen übers Gesicht, und ich fügte kleinlaut hinzu, „er hätte wirklich nie!“
Sylvia ließ mich gewähren, legte lediglich die Stirn in Falten und dachte wohl, dass ich von allein dahinter kommen musste.
„Nun mach schon!“ Sie hielt mir erneut das Glas vors Gesicht, das durch meinen Tränenschleier wie eine bunte Mischung aus Geleefrüchten aussah, und forderte mich mit einer Kopfbewegung zum Zugreifen auf.
„Nein!“, schrie ich. „Ich will jetzt sofort wissen, was du ihr gesagt hast!“
Sylvia ließ mich mit meinem Wutausbruch stehen; es hatte geklingelt.
„Gut, dass du kommst, wir brauchen dich dringend, ich glaube, es bahnt sich eine Katastrophe an!“
Sie hatten leise gesprochen, aber ich hatte es trotzdem verstanden. Mein Gehör war kriminalistisch absolut tauglich. Leider!
Sylvia ließ Julia den Vortritt, was durchaus verständlich war. Wie ein frischer Wind tänzelte sie in den Raum und nahm alles durch ihre Persönlichkeit ein. Sie trug einen tief ausgeschnittenen schwarzen Body und einen mit roten Rosen bedruckten Wickelrock, der sich bei jedem Schritt weit öffnete. Dunkle Locken legten sich um ihr süßes Gesicht. Ich stand immer noch da, unfähig mich zu rühren. Was sollte Harry mit einer anderen Frau, er hatte doch mich?
Als sich unsere Blicke trafen, schüttelte sie ungläubig den Kopf. „Hey, Kleines, was machst du für ein Gesicht, davon geht die Welt nicht unter. Einen Mann wie Harry hat man nun mal nicht für sich allein, der will bewundert werden!“
„Julia!“
„Ich weiß ja gar nicht, ob da was war, ich sah sie mal im Gang, komischerweise dachte ich, du wüsstest es. Ich hielt dich für tolerant.“
Ich hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und hoffte, es läge vielleicht daran, auf keinen Fall wollte ich als zickig gelten. Vorsichtig griff ich nach der Sessellehne. Dann wurde es dunkel, und bevor ich endgültig das Bewusstsein verlor, hörte ich noch Julia sagen: „Du hast ihn doch am besten gekannt!“