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4. Szene Klara

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Die Zielstrebigkeit, mit der sie versucht haben, ihre Karriere zu zerstören, grenzte beinahe schon ans Selbstmörderische! Mit diesen Worten wurde ich unehrenhaft von München nach Passau versetzt. Natürlich stand es so nicht in meinen Akten, aber ein Brandmal hatte ich trotzdem. Entsorgt ins Grenzgebiet! Menschlich noch immer schwer enttäuscht, schob ich die Papiere auf meinem Schreibtisch zusammen.

Leicht war es mir nicht gefallen, München zu verlassen, doch dann kam mir eine andere Katastrophe zu Hilfe. Passau wurde vom Frühjahrshochwasser heimgesucht. Leise konnte ich mein Zimmer beziehen, dankbar dafür, dass mich kaum einer zur Kenntnis nahm und ich in Ruhe meine Wunden lecken durfte.

Inzwischen hatte ich das alte Polizeipräsidium in der Ludwigstraße lieben gelernt. Alte Häuser hatten für mich schon immer etwas ganz Besonderes. Ich mochte das Knarzen der Dielenbretter und die leicht zugigen Fenster. Die hohen Räume gaben mir ein Gefühl von Freiheit; Erker und Rundbögen sprachen für Phantasie. Der übervolle Schreibtisch war eine Herausforderung, der ich mich gewachsen fühlte und schnell nachkam. Das einzige, was mich manchmal traurig stimmte, war die heruntergekommene Pension, in der ich schlief. Die Hoffnung, irgendwann einmal wieder in meiner schönen Wohnung in München zu leben, hatte ich noch nicht völlig abgeschrieben, obwohl doch eigentlich alles dagegen sprach.

Obermüller schlurfte über den Gang, riss mich aus meinem Selbstmitleid und zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht. Er war ein hinreißender Kollege, wenn er auch manchmal nicht gleich verstand, worum es eigentlich ging. Bei einer ausgiebigen Streckübung beschloss ich, mir noch einen letzten Kaffee und damit etwas Abwechslung zu gönnen.

Ich steckte eine Münze in den Automaten im Erdgeschoss und sah zu, wie der Kaffee in meinen Becher tröpfelte. Obermüller stand mit dem Kollegen Wegerbauer an einem der kleinen Bistro-Tischchen und hatte mir seinen Rücken zugewandt. Zwischen ihnen qualmte eine Zigarette im Aschenbecher. Seit ich München verlassen hatte, versuchte ich, sozusagen als selbst auferlegte Strafe, mir das Rauchen abzugewöhnen. Mal hatte ich mehr, mal weniger Erfolg.

„Ich kann’s immer noch nicht fassen, der hat den einfach an den Pfeiler klatschen lassen!“ Obermüllers Körper wurde von einem Schauer geschüttelt. Vorsichtig nippte ich an meinem Kaffee. Der Automat hatte es mal wieder zu gut mit mir gemeint.

Wegerbauer war ganz auf seinen Kollegen fixiert. „Eigentlich müssten wir noch einmal zu der Freundin, ich hab richtig Angst, die war ja so was von fertig. Wenn ich an ihren Schrei denke, kriege ich eine Gänsehaut!“

Obermüller nickte. Er war schon ewig hier, wie er mir kürzlich bei einem Bier im Hemingway´s erzählt hatte. Als geographische Einführung hatte er mich an alle wichtigen Punkte der Stadt geführt und versucht, mich unter den Tisch zu trinken. Aber so leicht, wie sich das manche Männer vorstellen, ist es bei mir nicht.

„Ich weiß nicht, was ich täte, wenn einer meine Frau so an einen Betonpfeiler drücken würde.“

Mit einem schmalen Plastiklöffel rührte ich den Zucker um, trank erneut und musste husten.

„Ah, Kollegin Eibel!“, begrüßte mich Obermüller und schenkte mir ein gefälliges Grinsen. Dabei könnte ich schwören, dass nichts zwischen uns passiert war.

„Frau Fertigmann!“, ergänzte Wegerbauer und nickte mir zu. Für Doppelnamen hatten die beiden ebenso wenig übrig wie für Gesetzesbrecher. Obermüller war bekannt dafür, dass er nach einer Schlägerei auch schon mal zwei auf einen Streich zur Vernehmung brachte. Fein ging er dabei nicht vor, aber das verdienten sie seiner Meinung nach auch nicht. Ich konnte mir also gut vorstellen, was er wohl mit dem Autofahrer machen würde.

„Guten Abend Kollegen, gibt’s Probleme?“

Obermüller reckte sich. „Nun ja, eigentlich nicht, aber wir überlegen gerade, ob unser Fall nicht viel besser in den Händen einer Frau aufgehoben wäre!“

Er warf Wegerbauer einen beschwichtigenden Blick zu. In die Hände einer Frau gehörten eigentlich nur schmutzige Kaffeetassen, Schreibarbeiten und ein unbefriedigter Willi, aber das meinte er sicher nicht. Abwartend schaute ich ihn an. Der Kaffeeduft reizte mich. Langsam trank ich noch einen Schluck und hakte mich dann mit meinem freien Arm bei Obermüller unter. Er hatte einen Körper wie ein Kleiderschrank, bestimmt würde sich, wenn er dabei war, keiner trauen, seiner Frau auch nur ins Gesicht zu husten.

„Na, dann schildert mir mal die Fakten!“, forderte ich, während wir in sein Zimmer zurückschlenderten.

Wegerbauer schlüpfte vor uns hinein und suchte auf seinem Schreibtisch herum. „Der Unfall passierte gestern Abend gegen 21 Uhr auf der Straße von Passau nach Regen. In Höhe Patriching fuhr ein blauer Van gegen einen Betonpfeiler. Die Kühlerhaube wurde völlig eingedrückt, der Fahrer muss sofort tot gewesen sein. Wir haben einen Zeugen, der aussagte, dass ein grüner Sportwagen direkt hinter dem Verunglückten herfuhr und ihn kurz vor dem Pfeiler von der Straße abgedrängt hat.“

Wegerbauer sah Obermüller erwartungsvoll an. Der nahm ihm das Blatt aus der Hand und fasste weiter für mich zusammen.

„Es gibt keine Hinweise, dass etwas gestohlen wurde, und der Zeuge schien mir auch nicht wirklich glaubwürdig. Er sagte, er hätte es ja nur von hinten gesehen, aber da sei der Sportwagen wirklich geil hergerichtet gewesen.“ Obermüller sah auf das Blatt mit der Zeugenaussage: „...ausladende Kotflügelverbreiterungen, einen großen Heckflügel, Heckenschürze mit weiß laudierten Alugittern und einem Doppelrohrauspuff. Das Nummernschild hat er sich leider nicht gemerkt!“

Ich hatte schon davon gehört, konnte es aber nicht verstehen. Ausgerechnet im ländlichen Bereich, wo so viele Bodenunebenheiten sind, motzen sich die Kerle ihre Autos auf. Sie investierten ihre ganze Kohle in die Schlitten und würden nie auf die Idee kommen, sie freiwillig zu demolieren.

Ich nahm das Blatt und las alles noch einmal selbst durch. Der Zeuge gab an, dass der Wagen richtig brutal von der Straße abgedrängt worden sei, er hielt es für Vorsatz. Warum sollte das jemand tun, noch dazu auf einer so befahrenen Straße, er musste doch davon ausgehen, gesehen zu werden? Ich legte das Blatt zurück.

„Was habt ihr bis jetzt unternommen?“

„Die Leiche ist bei der Obduktion, das Auto bei der Spurensicherung, und die vage Beschreibung ging als Fahndung raus!“

„Auf jeden Fall sollten wir mit der Freundin reden. Wenn es aus Rache geschah, dann hat sie das Auto ja vielleicht schon mal irgendwo gesehen!“

Obermüller sah mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle. „Aus Rache, wie kommst du denn darauf?“

„Ein anderes Motiv für eine solche Tat fällt mir momentan leider nicht ein.“

„Aus Rache!“, wiederholte Wegerbauer ungläubig und sah Obermüller an. „Natürlich, sie hat recht!“

Dann stirb doch selber

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