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X.

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Vor dem Stationsgebäude in Wirballen hält der Wagen des Hofgutes Falkenstein. Melanie hat telegraphisch ihre ungefähre Ankunft gemeldet. Aber nur ihre ungefähre, kein Mensch weiß, wie heute die Züge verkehren, da Armeekorps um Armeekorps an die russische Grenze geworfen wird. Daher wartet der Wagen schon über drei Stunden.

Christian, des Barons alter Kutscher, der Melanie schon als Kind auf seinen Armen gehalten hat, hockt in der Kneipe. Die Pferde hat er jetzt endlich ausgespannt und in den Stall des Wirtshauses eingestellt. Die Biester können es doch nicht stundenlang in der Sonne aushalten, denn von Schatten ist hier an dem Stationsgebäude von Wirballen weit und breit nicht die Rede.

In der Kneipe fließt der Fusel in Strömen, Winters und Sommers, im Krieg wie im Frieden, denn der Baron brennt Korn. Sie alle brennen Korn, die Herren Junker, in der ganzen Gegend und die müssen ihr Absatzgebiet haben. Sonst mucken sie in Berlin auf im Reichstag und bewilligen die Wehrbeiträge nicht. Sie sind die Stützen der konservativen Partei und mithin die des Thrones. Die um Wirballen und um Königsberg, um Danzig und Thorn, um Stettin und Stargard und weiter und weiter bis tief hinein ins Polnische, und weil die ihr Absatzgebiet haben müssen, fließt hier der Fusel in Strömen.

Christian haut mit der schwieligen Hand auf den Tisch.

Der Wirt bringt ihm ein neues Kännchen.

Die Bauern aus der Umgegend, die hier in der Kneipe Politik treiben, schauen auf.

Christian vom Hofgut Falkenstein ist für sie eine Respektsperson, denn sein alter Baron ist hochangesehen, in der ganzen Gegend, seitdem er den reichen Major von Berkersburg zum Schwiegersohn hat. Das weiß doch hier jedes Kind, dass der Major über Millionen verfügt! Flutsch, flutsch, flutsch, haste nich gesehn! über Millionen!

In der Ofenecke der Kneipe hockt ein ganz Alter mit zahnlosem Munde. Aber auch er sorgt noch für die Einnahmen des Herrn von Falkenstein.

Er ist an die achtzig und hat als Kind von seinem Vater noch die krausen und wirren Erzählungen gehört, wie Napoleon mit der großen Armee den Rückzug von den Schneefeldern Russlands durch Ostpreußen antreten musste. Heute ist er wieder eine interessante Persönlichkeit in der Kneipe. Alle hören ihm gern zu, auch der vornehme Christian des Herrn Baron von Falkenstein lauscht.

Mit dem Russland, so sagt der Alte jetzt, das ist eine komplizierte Sache, Kinder!

Gebrauche doch nicht immer Fremdwörter, Peter, meint da der Christian.

Er lehnt sich vornehm in eine Ecke und schmaucht eine dicke Zigarre, die er seinem Baron gemaust hat, und vollendet: Du musst doch bedenken, Peter, dass die Andern Fremdwörter nicht kapieren können.

Mein Pater hat auch immer so gesagt, Herr Christian, und mein Vater, der musste das wissen, der ist noch dabei gewesen und der sagte immer, mit dem Russland ist das eine ganz komplizierte Sache! Er hat doch die Kerls gesehen, Bayern sind es gewesen und Preußen, die der Napoleon anno zwölf mit ins Russland geschleppt hat. Die sind in das Feuer gekrochen und lebendigen Leibes verbrannt, lebendigen Leibes, versichere ich Euch, so hat mein Vater selig gesagt. So haben sie gefroren und haben gar nicht mehr gewusst, was ein Feuer war!

Was du nicht sagst, Peter!

So war es, wahr und wahrhaftig! Eine ganz komplizierte Geschichte, hat mein Vater selig gesagt. Ihr müsst nämlich wissen, Russland ist hundertmal so groß wie Preußen, allein das europäische Russland, das asiatische hat nämlich noch kein Mensch gemessen. Und wenn der Dezember kommt, dann ist das ganze Russland nur Eis und Schnee. Und Wölfe gibt es da drinnen, ganze Rudel Wölfe, die haben anno zwölf die Maroden und Verwundeten, denen die Kosaken das Leben ließen, mit Rumpf und Stiel aufgefressen. Darum sage ich noch einmal mit meinem Pater selig, mit Russland ist das eine ganz komplizierte Sache!

Christian kratzt sich hinter den Ohren. Dann legt er den Finger an die Stumpfnase, die schon einen ganz slawischen Typ zeigt, und erwidert:

Nu’ hör mich mal an, Peter! Ich habe zwar keinen Vater gehabt, der anno zwölf noch miterlebt hat, aber, aber, ein wenig anders stelle ich mir die Sache heutzutage denn doch vor.

Sie ist kompliziert, beharrt Peter, Verlass dich auf meinen Vater selig, der hat immer zu mir gesagt: Junge, die Sache mit Russland ist ganz kompliziert. Die ist ganz anders, als sich das die gelehrten Herren und die vom Großen Generalstab in Berlin gemeinhin vorstellen. Glaube mir, Christian, dem sein Vater anno zwölf noch miterlebt hat!

Willst du mich nicht auch mal zu Worte kommen lassen, fragt jetzt Christian in gereiztem Tone.

Peter schweigt und sieht den Kutscher des Herrn Baron ganz mitleidig und von oben herab, aber doch erwartungsvoll, an.

Also erstens, beginnt der, erstens schreiben wir nich mehr anno zwölf, sondern neunzehnhundertvierzehn. Das will besagen, Peter, dass wir neunzehnhundertvierzehn über ganz andere technische Mittel verfügen, als Napoleon anno zwölf.

Das mag schon stimmen, meint der Peter.

Und dann . . .

Und dann, fragt der Peter gespannt.

Alle Bauern am Tische recken die Hälse, auch der Wirt in seiner Zipfelmütze kommt hinter dem Schanktisch hervor, krault sich auf dem Kopfe und verschlingt voll Neugier jedes Wort des herrschaftlichen Kutschers von Falkenstein, der immer noch auf Frau von Berkerburgs Zug wartet.

Und dann, fährt Christian fort, haben wir Sommer und nicht Winter. Das ist nämlich die Hauptsache und das ist der große Schiedunter!

Aber der Winter kommt, er kommt früh in Russland, beharrt der Peter.

Da lacht Christian aus vollem Halse.

Was meinste wohl, Peter, wo unsere Jungens sind, wenn der Winter kommt, he? Was meinste, was mein Baron gesagt hat, wo unsere Jungens aus Allenstein und Gumbinnen sind, wenn der Winter kommt, he?

Na, wo sind sie denn? fragt der Peter.

In Petersburg sind se, aller Freund, auf der Newa fahren sie dann zu ihrem Vergnügen Schlitten und die Herren vom Großen Generalstab sitzen im Winterpalais und diktieren den Frieden. Das hat mein Baron gestern Abend gesagt. Und mein Baron, der weiß das ganz genau, denn der hat einen Freund im Kriegsministerium in Berlin, wo der Eroberungsplan von ganz Russland fix und fertig daliegt.

Die Bauern sperren Mund und Nase auf.

Dein Baron hat einen Freund im Kriegsministerium in Berlin, Christian, rufen sie jetzt alle wie aus einem Halse und starren den herrschaftlichen Kutscher wie die Erscheinung aus einer höheren Welt an. Christian fühlt sich geschmeichelt. Deshalb sagt er noch einmal: Jawohl, und ob mein Baron einen Freund im Kriegsministerium in Berlin hat, zweie hat er, sag’ ich Euch! Und das geht genauso wie anno siebzig, Weißenburg, Wörth, Saint Privat, Gravelotte, Sedang, Paris, haste nich gesehn? So sagt mein Baron, und der weiß es, der ist anno siebzig selbst mit dabei gewesen, so gut wie dein Vater selig anno zwölf.

Aber Peter beharrt bei seiner Meinung.

Es ist und bleibt mit Russland eine komplizierte Sache!

Das lass‘ ich mir so leicht nicht ausreden, Christian, sagt er noch einmal . . .

Christian ereifert sich über diesen geradezu renitenten Widersacher. Freilich ist er bald achtzig und da hat der wohl seinen Verstand nicht mehr ganz richtig beieinander. Wenn Christian das nicht annehmen musste, dann würde er dem Alten noch ganz anders kommen. Aber so zuckt er über die komplizierte Sache, die das mit Russland sein soll, verächtlich die Schultern und so sagt er so ganz beiläufig und von oben herab: Erstens haben wir die österreichische Armee, mein Lieber, die den ersten Ansturm aufhalten wird, und dann! Wir haben die besten Eisenbahnen, wir haben Zeppeline . . .

Das sind die Dinger, die in die Luft fliegen sollen, fragt jetzt der Alte und lächelt ungläubig, als ob ihm einer einen Bären aufbinden wolle.

Christian wird wirklich wütend. Er schlägt mit der Hand auf den Tisch, dass die Schnapsgläser und die Kännchen aneinander klirren und sagt:

Jawohl, das sind die Dinger, die in der Luft herumfliegen und nicht nur sollen, Peter, und mit denen man eine ganze Armee über das Meer und nach London bringen kann!

Was de nicht sagst, Christian, eine ganze Armee?

Wahr und wahrhaftig, Peter, eine ganze Armee . . .

Aber man braucht ziemlich viele Zeppeline dazu, fügt er doch etwas kleinlaut bei.

Peter scheint überzeugt. Wenn das freilich der Fall ist, dann könnte man ja auch über die Schneefelder und die gefrorene Newa nach Petersburg fliegen, antwortete er jetzt.

Aber ganz natürlich können wir das, Peter!

Christian wirft sich in die Brust. Er gibt dem Wort wir eine ganz stolze Betonung und vollendet:

Das ist eben anno neunzehnhundertvierzehn eine ganz andere Chose, wie man sich in Paris auszudrücken pflegt, als anno achtzehnhundertzwölf.

Da tritt der Wirt an den Tisch und sagt:

Ich glaube, der Zug hat von der letzten Station gemeldet, Herr Christian.

Christian erhebt sich. Noch einmal wendet er sich an Peter, den Wirt und die Tafelrunde und wiederholt aus innerster Überzeugung: Merkt es Euch also, Kinder, es ist eben eine ganz andere Chose anno neunzehnhundertvierzehn als anno achtzehnhundertzwölf. ·

Aber der Achtzigjährige scheint das noch nicht einsehen zu wollen. Er klopft seine während der Unterhaltung kalt gewordene Pfeife aus und beharrt:

Es ist eine komplizierte Sache mit dem Russland, hat mein Vater selig immer gesagt und ich bleibe dabei!

Christian würdigt ihn keines weiteren Wortes mehr und entfernt sich. Er geht in den Stall, die Pferde zu holen. Bis der Zug die Strecke von der letzten Station nach Wirballen zurückgelegt hat, ist noch reichlich Zeit zu dem Geschäfte. Es sind zwei herrliche dunkelbraune Trakehner, die er vor den Wagen führt. Sie sind ein Geschenk des Majors und obwohl man alle Pferde in der ganzen Umgebung bei der Mobilisation requirierte, hat man dem Baron die seinen gelassen. Sie sind für schwere Fuhrwerke zu leicht befunden worden und als Reittiere waren sie zu feurig!

Kaum ist Christian mit dem Einspannen fertig, da fährt der Zug auch schon ein.

Den Zylinder, den das freiherrliche Wappen schmückt, in der Hand, steht er jetzt auf dem Bahnsteig und erwartet die gnädige Frau. Das gnädige Fräulein, wie sie immer noch in seinem Kopfe heißt, die Baroness von Falkenstein!

Endlich entdeckt er sie.

Melanie trägt ein verwelktes Rosenbukett in der Hand.

Er fragt nach dem Gepäck, nachdem er die Gnädige ehrerbietig begrüßt und die ihm zerstreut die Hand gereicht hat. Kommt alles nach durch den Spediteur, Christian, sagt Melanie. Wir wollen gleich fahren, fahren Sie zu, die lange Reise hat mich entsetzlich angegriffen.

Wird der Herr Baron sich freuen?

Wie geht es denn dem Herrn Baron?

Melanie hat im Fond des Wagens Platz genommen und Christian klettert auf den Kutschbock.

Immer das Gleiche, gnädige Frau, bei gutem Wetter im Sommer ist es ja besser, aber in der letzten Woche, als wir Regenwetter hatten, da kann der Würz Ihnen ein Liedchen singen!

Christian schnalzt mit der Zunge und die Trakehner setzen sich in Trab.

Falkenstein und die Zukunft, die ihr während dieses Krieges winkt, steigen vor Melanies Phantasie empor. Der launische Vater mit seinen ewigen Schmerzen und der alte Diener Würz, der sich wie eine Mutter um ihn sorgt!

Aber sie ist so müde.

Die Bilder versinken. Sie hat gar keine Kraft mehr zu denken. Deshalb lehnt sie sich in die Polster des Wagens zurück und träumt auf der Fahrt, die sie, vor ein paar Wochen noch so ganz unerwartet, nach Falkenstein in ihre alte Heimat und zu ihrem Vater bringt.

Inferno

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