Читать книгу Behauptung statt Wahrheit - Erwin Leonhardi - Страница 9
Kommunikation
ОглавлениеEs ist eine Binsenweisheit, dass unsere Welt freier von Hass, Unterdrückung, Ausbeutung und Übervorteilung wäre, wenn die gesamte Menschheit einfach nur besser und ehrlicher kommunizieren würde. Aber die Menschheit hat zum versteckten Transport von Informationen die verklausulierte Sprache der Diplomatie erfunden. Damit hat die Kommunikation ihre Tücken erhalten.
Es gehören immer mindestens zwei dazu, nämlich ein Sender und ein Empfänger. Sender sind die Autoren und Redner, Empfänger die Leser und Zuhörer.
In jede Aussage legt ein Sender Inhalte, die seiner gewachsenen individuellen Denkwelt entspringen. Eine alternative Welt hat er nicht. Er will etwas darlegen, was andere in seinem Sinne verstehen sollen.
Der Informationsempfänger ordnet das Empfangene logischerweise mit der Begrifflichkeit in seiner gewachsenen individuellen Denkwelt ein. Anders geht es nicht. Beim Empfänger muss zusätzlich vorausgesetzt werden, dass er keine ideologisch implantierten Gewissensbisse dahingehend hat, ob er überhaupt die Information empfangen darf. Wer sich dabei unwohl fühlt, hat bereits ein ernstes Problem.
Sind die inhaltlichen Besetzungen von Begriffen bei Sender und Empfänger verschieden, können sie nicht sicher kommunizieren. Das bezieht sich nur auf abstrakte und interpretierbare Informationen, für Fakten gilt das nicht.
Aus der Intention des Sendenden und dem ideologischen Kontext des Empfangenden folgt eine einfache Diagnose: Sender und Empfänger können sich bei unterschiedlichen Auffassungen nicht verstehen, denn für beide sind die Bedeutungen von gleichen Begriffen unterschiedlich besetzt. Gleiche Syntax, unterschiedliche Semantik. Sind die Denkwelten nicht kompatibel, gibt es keine Verständigung.
Eine Chance zur besseren Verständigung läge darin, wertungsfreie Diskussionen zur Annäherung der jeweiligen Begriffsverständnisse zu führen. Aber das ist mühsam und bedeutet Kampf. Es ändert wohl kaum jemand ohne triftigen Grund seine Begriffswelt.
Nichts ist so stabil wie die innere Wahrheit, auch dann, wenn sie objektiv falsch und nicht nachprüfbar ist. Nicht nachprüfbare innere Wahrheit heißt Glaube. Glaube ist berechtigt, wenn er als solcher gekennzeichnet wird. Jeder darf glauben, was er will. Aber wenn Glaube beginnt, Wissen zu verneinen, verkommt er zu einer destruktiven Ideologie.
Diskussionen unter Andersdenkenden sind bestenfalls interessant, aber - wie oben begründet - meistens ergebnislos und daher nutzlos. Am Ende eines solchen Argumentationsaustauschs gehen die Kontrahenten auseinander, und jeder hat sich die Stellen gemerkt, an denen die eigene Einstellung eine bessere argumentative Untermauerung gebrauchen kann. Mehr nicht.
Unter Gleichdenkenden verstärkt sich die Identifikation mit ihren Wertesystemen bis hin zu Rausch. So entsteht zunächst Fanatismus und später Radikalismus. Das zeigen ausartende politisch motivierte Demos ebenso wie zügellose Fans von Fußballvereinen. Betonköpfe gehen für die Richtigkeit ihrer Überzeugung bis zum persönlichen Angriff und bis zur öffentlichen Verunglimpfung, früher bis zur grausamen Hinrichtung. Vertreter gleicher Ansichten bilden verschworene Gemeinschaften, und sie halten dies für gut.
Allerdings werden Sachverhalte nicht wahrer durch Abstimmung oder Zustimmung Gleichgesinnter. Auch Rituale zur festeren inneren Bindung der Gleichgesinnten oder Tötung Andersdenkender erhöhen nicht den Wahrheitsgehalt der eigenen Ideologie.
Sind Denkwelten erst einmal etabliert, sinkt interessanterweise meistens die Toleranz anderen gegenüber drastisch. Paradoxerweise gilt dies sogar dann, wenn Toleranz eine erklärte Eigenschaft der Ideologie ist. Intolerante Haltung wird aber über kurz oder lang für jede Ideologie gefährlich, denn sie führt zur Verkrustung und Verarmung des eigenen Gedankengutes und letztlich zur Institutionalisierung von Unsinnigkeiten. Die Anhängerschaft realisiert dies eher als die Chef-Ideologen und antwortet zunächst mit innerer Ablehnung, dann mit Abspaltung oder Flügelbildung und später mit totaler Abkehrung. So jedenfalls haben bisher alle Ideologien geendet, seien sie weltlichen oder geistlichen Ursprungs. Sie eliminieren sich über Zeit selbst. Wer Augen hat, zu sehen, kann das an zeitgenössischen Abläufen beobachten.
Manchmal gibt es auf Fragen mehrere mögliche Antworten. Das ist besonders dann so, wenn man wertfrei denken will. Es gibt keinen Zwang, der besagt, dass es immer nur eine Möglichkeit gibt. Mehrere Wahrheiten gibt es nicht, aber mehrere Fakten zu einer Sache, die manchmal verschiedene Schlüsse zulassen, gibt es durchaus.
Im Zweifelsfall bietet Ockhams Rasiermesser, eine einfache Einschätzungsweise. Begründer dieser auch Sparsamkeitsprinzip genannten Methode war Wilhelm von Ockham (1288 - 1348). Sie geht auf die Scholastik zurück und besagt, dass wahrscheinlich diejenige Aussage richtig ist, die mit der geringsten Anzahl an Hypothesen und ohne Widerspruch zu Bekanntem auskommt. Sie stellt somit die einfachste Theorie dar. Das ist zwar keine Garantie für Richtigkeit, erweist sich im Nachhinein aber fast immer als zutreffend. Das Rasiermesser steht metaphorisch für das Wegschneiden unpassender Erklärungsansätze.
Meist sind die wirklichen Antworten auf alle möglichen Fragen einfach. Fragen zu stellen ist legitim. Die richtigen Fragen zu stellen ist eine Kunst, und ebenso kunstvoll ist es, aus den Antworten den objektiven Gehalt heraus zu schälen.
Wenn man sich tief in dieses Muster begibt, werden viele Ungereimtheiten klar, allerdings wird auch manche vorherige Klarheit nebulös. Eines passiert mit Sicherheit: Man wird frei. Und weil man frei wird, entsteht Unbeschwertheit, alles wird leicht, das Unabdingbare wird erträglich, man findet die innere Ruhe.
Das sehen viele Freidenker als die größte erreichbare innere Stärke an. Ideologen sehen das völlig anders.