Читать книгу Monsieur Violet's Reisen und Abenteuer in Californien, Sonora und dem Westen von Texas - Фредерик Марриет - Страница 8
Fünftes Kapitel.
ОглавлениеSobald Alles vorbereitet war, erhielt ich meine schliesslichen Weisungen, nebst Briefen an den Gouverneur von Monterey, denen noch ein schwerer Beutel von Dublonen für meine Ausgaben beigefügt war. Ich verabschiedete mich von dem Fürsten und meinem Vater, schiffte mich mit sechs wohlbewaffneten Indianern und dem Padre Marini in einem langen Kanoe auf der Buona-Ventura ein, wurde von der Strömung fortgetragen und verlor bald unsere einsame Ansiedelung aus dem Gesichte.
Wir mussten dem Strome folgen bis zu den südlichen Seen der Buona Ventura, wo wir unsere Indianer entliessen und uns einigen Halbzucht-Wachinangoes anschlossen, welche in den Prairieen Mustangs, oder wilde Pferde, gefangen hatten und nun mit denselben nach Monterey zürückkehrten.
Der Ausflug war wunderschön. Der Frühling hatte eben begonnen und beide Flussufer waren mit Immergrün bekleidet; das Gras wuchs üppig und in allen Richtungen sahen wir ungeheure Heerden von Büffeln und wilden Pferden weiden. Bisweilen galoppirte ein edler Hengst mit fliegender Mähne und wehendem Schweife bis an’s Wasser herunter und sah uns nach, als sey er neugierig, unsere Absichten zu erfahren; hatte er uns dann zur Genüge beaugenscheinigt, so kehrte er langsam wieder zurück, aber dennoch von Zeit zu Zeit nach uns hinsehend, wie wenn er doch noch nicht ganz überzeugt wäre, ob uns zu trauen sey.
In der dritten Nacht lagerten wir an dem Fusse eines Obelisken in der Mitte einiger edlen Ruinen. Sie waren für die Shoshonen ein geheiligter Ort. Ihre Traditionen erzählten ihnen von einer andern Raçe, welche früher hier gelebt hatte, von ihnen aber nach dem Süden getrieben worden war. Dieses letztere Ereigniss muss schon vor Jahrhunderten stattgefunden haben, denn die Hand der Zeit, so mild in diesem Klima, und die Hand des Menschen, wie wenig sie auch hier nach Beute begierig ist, hatte diese Stadt schwer heimgesucht.
Wir verweilten noch am folgenden Tage an der Stelle, da Padre Marini nach Schnitzwerk oder Hieroglyphen spähen wollte, aus denen er Folgerungen ziehen könnte; aber unsere Bemühungen waren vergeblich und wir konnten nicht länger zögern, da wir fürchteten, die Pferdejäger würden vor unserer Ankunft ihr Lager aufbrechen. Wir nahmen daher unsere Reise wieder auf, und unterwegs erging ich mich mit dem heiligen Vater in langen Gesprächen über den hohen Grad von Civilisation, der unter der verloren gegangenen Raçe geherrscht haben musste, da sie so schöne Gebäude zu errichten im Stande war.
In weiteren vier Tagen gelangten wir an das südliche Ufer des St. Jago-Sees. Wir kamen noch in guter Zeit an, entliessen unsere Indianer und setzten, nachdem wir zwei vortreffliche Maulthiere gekauft hatten, unsere Reise in Gesellschaft der Pferdejäger fort, mitten unter Hunderten ihrer Gefangenen, welche laut ihre Bestimmung beklagten und ihre Entrüstung über die Ungerechtigkeit des ganzen gegen sie geübten Verfahrens dadurch ausdrückten, dass sie von hinten und von vorn nach Allem schlugen, was in das Bereich ihrer Hufe kam. Aber trotz diesem sehr unmanierlichen Benehmen unserer Arrestanten langten wir doch am sechsten Abend zu Monterey an.
Der Leser wird im Verlaufe entdecken, dass meine Abenteuer mit dieser Reise nach Monterey ihren Anfang nahmen; ich will ihn daher nur noch erinnern, dass ich um diese Zeit mein achtzehntes Jahr noch nicht erreicht hatte. Ich konnte mich noch des civilsirten Zustandes erinnern, unter dem ich vor meiner Ankunft unter den Indianern geweilt hatte, und da wir auch in der Ansiedelung keiner Gemächlichkeit und Bequemlichkeit entbehrten, so schwebte mir auch noch dunkel vor, was in Italien und anderswo vorgegangen war. Aber ich war ein Indianer geworden und blickte bis zu der Zeit, in welcher mir diese Reise aufgetragen wurde, auf die Schauplätze meiner Jugend nur mit Verachtung zurück.
Dass dieses Gefühl durch den Gedanken, ich werde wohl nie wieder zu denselben zurückkehren, bedeutend genährt wurde, ist mehr als wahrscheinlich; denn von dem Augenblick an, als ich gehört hatte, dass ich nach Monterey gehen sollte, klopfte mein Herz ungestüm und mein Puls verdoppelte seine Schläge. Ich weiss kaum, was ich mir eigentlich dabei vorstellte; soviel ist jedoch gewiss, dass ich mir die Idee von einem irdischen Paradies gebildet hatte.
Nun, wenn auch nicht gerade ein Paradies, so ist Monterey doch gewiss ein sehr angenehmer Ort. Ja sogar jetzt noch gewinnt er in meiner Erinnerung eine Art seltsamen Zaubers, obgleich ich seitdem nüchterner und, wie ich glaube, auch ein wenig weiser geworden bin. Es unterliegt keinem Zweifel, dass ein gewisser Nimbus von Glück sich über diese kleine Stadt verbreitet. Jedermann fühlt sich wohl, Alles singt und lächelt, und jede Stunde ist dem Vergnügen oder der Ruhe geweiht.
Da sieht man nichts von schmutzigen Strassen und einem holperigten Pflaster — keine Fabriken mit ihrem ewigen Rauch — keine Polizeidiener, die sich wie eben so viele Kreuzbuben ausnehmen — keine Cabs oder Omnibus, welche rechts und links den Koth um sich spritzen — vor Allem aber nichts von jenen pünktlichen Geschäftsmännern, die ihren Bestellungen nacheilen, wie Dampfmaschinen pustend, Jedermann mit ihren Ellenbogen imkommodirend und die Apfelstände umwerfend. Nein, von alle dem trifft man nichts zu Monterey.
Man hat dort eine endlos tiefe Bay von schönstem Blau, deren Ufer mit hohen, prachtvollen Bäumen bewachsen sind. Ein Prairierasen breitet sich wie ein Teppich aus, dessen Dessin aus allerliebsten wilden Blumen besteht. Darauf befinden sich Hunderte von Hütten, von den Ranken des Weinstocks überwachsen. Im Mittelpunkte steht das Präsidio oder Gouvernementgebäude, auf der einen Seite ein anmuthiger Kirchthurm, auf der andern die starken Mauern eines Klosters. Ueber das Ganze breitet sich ein Himmel vom tiefsten Kobaltblau, einen angenehmen Gegensatz bildend gegen das dunkle Grün der hohen Fichten und die unbestimmten, nicht zu schildernden Tinten an dem Horizont der Prairieen im Westen.
Selbst die Hunde sind zu Monterey höflich, und die Pferde, welche allenthalben umherweiden, laufen auf den Reisenden zu, als wollten sie seine Ankunft bewillkommnen. Der Grund davon liegt jedoch in dem Umstande, dass man in jener Gegend einen Beutel Salz am Sattelknopf mitzuführen pflegt, an dem die Thiere ihre Nasen reiben, und es ist klar, dass sie kommen, um sich etwas von dem Inhalte des gedachten Beutels zu erbetteln, von dem sie sehr grosse Liebhaber sind. Mit Menschen und Thieren steht man schnell auf einem vertraulichen Fusse; auch die dort wohnenden Engländer sind, was doch gewiss viel heissen will, zufrieden und sogar die Amerikaner — eine noch wunderbarere Erscheinung — beinahe ehrlich. Welch’ eiu herrliches Klima muss nicht dieses Monterey seyn!
Die dort herrschende Gastfreundschaft ist unbegränzt. „Die heilige Jungfrau segne Dich,“ sagte ein alter Mann zu uns, als wir anlangten; „weile hier und beehre mein Dach.“ Ein Anderer eilte herzu und drückte uns mit vor Wohlwollen funkelnden Augen die Hände. Ein Dritter nahm unsere Maulesel beim Zügel und führte uns nach seiner Thüre, aus der ein halb Dutzend hübscher Mädchen mit blitzenden, dunkeln Augen und langen dünnen Fingern herauskamen, um uns die Sporen und Moccassins abzunehmen.
Königin der Städte in Californien! Schon in deinem Namen liegt Poesie für mich, und so muss es Allen ergehen, welche Ehrlichkeit, Bonhommie, Einfachheit und das dolce far niente lieben.
Ungeachtet der vielen dringenden Einladungen, die wir erhielten, begab sich Padre Marini nach dem Kloster, während ich bei dem alten Gouverneur mein Quartier nahm.
Alles war mir neu und entzückend; denn ich zählte noch nicht achtzehn Jahre, und in diesem Lebensalter hat man seltsame Träume und Vorstellungen von schlanken Taillen und hübschen, schalkhaft lächelnden Gesichtern. Mein Geist war hin und wieder zurückgekehrt zu den Auftritten der Vergangenheit, als ich noch eine Mutter und eine Schwester hatte. Dann seufzte ich nach einer Gespielin, mit der ich tanzen und walzen konnte auf dem Rasen, während unser grauhaariger Diener auf seiner Violine einige veraltete en avant deux spielte.
Jetzt hatte ich Alles dies gefunden, und es war eine fröhliche Zeit. Allerdings half der Beutel mit Dublonen wunderbar mit. Eine Woche nach meiner Ankunft hatte ich mir einen prächtigen, mit Silber ausgelegten Sattel, statt meiner Tuchbeinbekleidung Sammthosen, einen Federhut, glänzende Schuhe, einen rothen Sammtgürtel und den grossen Kapuzenmantel angeschafft, der bisweilen für Sommer und Winter, für Tag und Nacht das einzige Gewand eines west-mexikanischen Grand ausmacht. Ich sage, es war eine fröhliche Zeit, und ich wusste mich trefflich darein zu schicken.
Ich tanzte, sang und machte den Hof. Mein alter Reisegefährte, der Missionär, machte mir zwar Vorstellungen, aber die Mädchen lachten über ihn, und ich setzte ihm klärlich aus einander, dass er Unrecht habe. Wenn meine englischen Leser nur wüssten, welch’ ein süsses, allerliebstes kleines Ding ein Mädchen in Monterey ist, so würden Alle ihre Bündel schnüren, nach Californien gehen und dort heirathen. Und doch wäre es Schade, denn mit ihren falschen Begriffen von Camfort, mit ihrer Vorliebe für Kohlenfeuer und ungare Beefsteaks, zugleich mit ihren finsteren Ansichten von Schicklichkeit, würden sie den Ort bald verderben und ihn so steif und düster machen, als nur ein sektirerisches Dorf in den vereinigten Staaten seyn kann, das neben seinen neun Banken, seinen achtzehn Kapellen und seiner einzigen ABC-Schule ein so ungeheures, steinernes Gefängniss hat, dass es die ganze Einwohnerschaft beherbergen könnte.
Der Gouverneur war der General Morreno, ein alter Soldat von ächt castilischem Stamme — stolz auf sein Blut, auf seine Töchter, auf sich selbst, auf seine Würden, kurz auf Alles, aber demungeachtet voll Wohlwollen und Gastfreundlichkeit. Sein Haus stand Allen offen (das heisst, so fern sie sich weissen Blutes rühmen konnten) und die Zeit entschwand mir wie ein ununterbrochener Festtag, indem ein Vergnügen dem anderen folgte — die Musik dem Tanze und das Augenspiel dem Kusse, ebenso wie die Limonade dem Wein oder die Crêmes den Trauben und Pfirsichen. Unglücklicherweise hat aber die Natur in unserer Bildung einen Missgriff begangen, und leider muss der Mensch nach dem Vergnügen eben so gut ausruhen, als nach der Arbeit. Das ist recht Schade, denn das Leben ist kurz, und durch den Schlaf wird so viele Zeit verloren; so dachte ich wenigstens, als ich achtzehn Jahre alt war.
Monterey ist eine sehr alte Stadt und wurde im siebenzehnten Jahrhuudert von einigen portugiesischen Jesuiten gegründet, welche hier einen Missionsposten anlegten. Den Jesuiten folgten die Franziskaner, gute, milde, träge und freundliche Leute, die den Scherz liebten, ohne der Sittlichkeit nahe zu treten, gegen Laster und Liebe donnerten, aber doch völlige Absolution ertheilten und leichte Bussen auflegten. Diese Mönche wurden von der mexikanischen Regierung verjagt, weil sie ihren Reichthum zu besitzen wünschte. Es war ein Unglück für Monterey, denn statt der gütigen, gastfreundlichen und edelmüthigen Ordensgeistlichen erschienen Agenten und Beamte der Regierung aus dem Innern, welche durch nichts an ihren neuen Aufenthalt geknüpft waren und sich wenig um das Glück der Bewohner kümmerten. Die Folge davon ist, dass die Californier dieser Bedrücker herzlich müde sind; sie haben einen natürlichen Widerwillen gegen Zollbeamte und können sich namentlich nicht mit dem Gedanken versöhnen, zu Führung der mexikanischen Könige, die für sie kein Interrsse haben, ihre Dollars herzugeben. Eines Morgens — es wäre ihnen beinahe schon einmal gelungen — werden sie die mexikanische Flagge von dem Präsidio herunternehmen, Kommissarien und Zollbeamte fortjagen, sich von Mexiko unabhängig erklären und ihre Hafen allen Nationen öffnen.
Monterey enthält ungefähr dreitausend Seelen, einschliesslich der Halbzucht und der Indianer, welche sich in den verschiedenen Wohnungen als Dienstboten gebrauchen lassen. Die Einwohner sind reich, und da sie keine Gelegenheit haben, ihr Geld nach Weise der östlichen Städte zu verschleudern — denn ihre Vergnügungen kosten sie nichts — so halten sie viel auf Ausschmückung ihrer selbst, ihrer Pferde und Sättel, und verwenden darauf soviel, als sie zu erschwingen vermögen. Ein Sattel im Preise von hundert Pfunden ist unter den reicheren jungen Leuten, die auf ihre Rosse und deren Geschirr stolz sind, etwas sehr Gewöhnliches.
Das weibliche Geschlecht kleidet sich reich und mit bewunderungswürdigem Geschmack. Die Mädchen tragen weisse Atlaskleider und lassen ihr langes, schwarzes Haar über die Schultern niederfallen. Zu Hause ist ihre Stirne mit reichem Juwelenschmuck geziert, wenn sie aber ausgehen, bedecken sie ihr Gesicht mit einem langen, weissen Schleier, durch den ihre Augen wie Diamanten funkeln.
Die verheiratheten Frauen ziehen eine bunte Tracht vor und befestigen ihr Haar vermittelst eines grossen Kammes dicht am Kopfe. Sie besitzen auch noch eine andere bezaubernde Eigenthümlichkeit, welche sie jedoch mit den Männern gemein haben — ich meine eine schöne Stimme, weich und tremulirend bei den Weibern, reich, kräftig und majestätisch aber bei ihren Herren. Ein amerikanischer Reisender sagt irgendwo: „Ein gemeiner Ochsentreiber zu Pferd, der einen Auftrag übernimmt, scheint wie ein Gesandter in einer Audienz zu sprechen. Die Californier sind in der That ein Volk, auf denen ein schwerer Fluch lastet; sie haben Alles verloren, nur nicht ihren Stolz, ihre Sitten und ihre Stimme.
In Monterey folgt eine Belustigung der andern, und zwischen Hahnenkämpfen, Wettrennen, Fandangos, Jagen, Fischen, Rudern und so weiter entschwindet die Zeit. Das Klima ist merkwürdig gesund; Epidemien hat es nie gegeben und man weiss überhaupt kaum, was Krankheit ist. Kein Zahnweh, kein sonstiges Leiden, kein Spleen; die Leute sterben an Zufälligkeiten oder an Altersschwäche. In der That geht zu Monterey ein eigenthümliches Sprüchwort: „El que quiere morir, que se vaya del pueblo“ — das heisst: „wer zu sterben wünscht, muss die Stadt verlassen.“
Während meines dortigen Aufenthalts hatte ich ein ziemlich gefährliches Abenteuer zu bestehen. Die Bay ist eine der schönsten von der Welt, ungefähr vierundzwanzig Meilen lang und achtzehn breit, und ich hatte mich mit einigen meiner Freunde einer grossen Partie angeschlossen, welche an der Mündung derselben fischen wollte. Der Missionär Padre Marini, der sich nicht ganz wohl fühlte, meinte, die Seeluft könnte ihn wohl bekommen, und schloss sich deshalb unserer Gesellschaft an. Wir hatten viele Boote; das, in welchem der Padre und ich Platz gefunden hatten, war ein hübsch geformtes, kleines Ding, welches zu einem amerikanischen Schiffe gehörte. Es wurde mit zwei Rudern in Bewegung gesetzt und hatte einen kleinen Mast nebst Segel.
Unser Fischen nahm einen guten Fortgang; wir waren Alle sehr vergnügt und gingen an’s Land, um etliche unserer Opfer zum Nachmittagsmahl zu braten. Im Laufe des Gesprächs kam Jemand auf einige alte Ruinen zu reden, die sich fünfzehn Meilen nördlich an der Mündung eines kleinen Flüsschens befänden. Der Missionär war begierig, Einsicht davon zu nehmen, und wir beschlossen, unsere Begleiter nach Monterey zurückkehren zu lassen, während wir Beide an Ort und Stelle übernachten wollten, um am andern Morgen einen Ausflug nach den Ruinen zu machen. Wir erhielten von einem andern Boot einen grossen steinernen Wasserkrug, zwei Decken und eine Doppelflinte. Sobald sich unsere Begleiter entfernt hatten, ruderten wir nach der Nordspitze der Bay, wählten uns ein passendes Nachtquartier, bauten, uns mit den Rudern, dem Mast und dem Segel eine Art Obdach, zündeten ein Feuer an und machten’s uns bequem. Es war einer jener schönen, milden Abende, die man nur in der Bay von Monterey findet; der sanfte, duftige Wind säuselte leise durch die Blätter, und mit dem Eintritte der Nacht, als der silberne Mond mit Myriaden Sternen über uns blinkte, kam der Missionär, nachdem er die Scene in langem Schweigen betrachtet hatte, auf die Vergangenheit und andere Klimas zu sprechen.
Er erzählte von Hurdwar, einem fernen Missionsposten im Norden von Indien, dicht an den Himalayas. Die Hindus nennen den Ort „Stadt der tausend Paläste“ und sagen, sie sey von den Genien an derselben Stelle erbaut worden, wo Vishnu nach einer seiner geheimnissvollen Verwandlungen, in welcher er Siva oder Sahavedra, den Geist des Bösen, besiegte, mehrere Wochen ausgeruht habe. Obgleich weniger bekannt, ist Hurdwar doch ein weit heiligerer Ort als Benares. Einmal im Jahre kommen hier Leute aus allen Gegenden zusammen, um mehrere Tage lang in den reinigenden Fluthen des Ganges ihre Waschungen vorzunehmen. In dieser edlen Stadt wird auch eine der grössten indischen Messen — vielleicht die grösste in der ganzen Welt — abgehalten, und da diese in denselben Monat fällt, in welchem die andächtigen Hindus ihre Wallfahrten vornehmen, so stellen sich auch zahlreiche Karavanen aus Persien, Arabien, Kaschmir und Lahore ein, um längs der Ufer des Flusses ihre Bazars zu errichten, die eine viele Meilen lange Strasse bilden. Die Menschenmasse, die sich zu solchen Zeiten zusammenfindet, soll mehr als eine Million Köpfe betragen.
Der Padre Marini hatte dort mehrere Jahre ganz allein als Missionär gewirkt. Seine bekehrte Heerde war freilich nur klein, und er hatte wenig zu thun; aber doch konnte sein Geist nicht durch das Studium all’ der ihn umgebenden Wunder gefesselt werden. Sein Herz war traurig, denn ein jahrelanger Kummer lastete schwer auf ihm und er fühlte sich elend. Ehe er sich der Abgeschiedenheit des mönchischen Lebens hingab, verbrachte er seine Zeit in der Gesellschaft eines jüngern Bruders, den er sehr liebte. Der junge Mann, welcher Medicin studirte, besass schöne Anlagen und verband mit denselben einen Fleiss, der ihn in seinem Berufe vorwärts zu bringen versprach. Als Marini in’s Kloster ging, begab sich sein Bruder nach der Türkei, wo Aerzte stets eine gute Aufnahme zu finden hoffen dürfen, und liess lange nichts von sich hören. Der Mönch war eben im Begriffe, nach einem fernen Missionsposten abzugehen, als er endlich die Kunde erhielt, welche so zerstörend auf seinen Seelenfrieden wirkte.
Sein Bruder war nämlich von Konstantinopel aus nach Persien gegangen, wo er in sehr angenehmen Verhältnissen lebte; der Ehrgeiz hatte ihn jedoch veranlasst, den Glauben seiner Väter abzuschwören und ein Anhänger Mohameds zu werden. Das war eine sehr traurige Nachricht, über welche der Mönch viele Thränen vergoss. Im ersten Jahre seines Aufenthalts zu Hurdwar traf er mit einem jüdischen Kaufmann zusammen, der eine persische Karavane begleitet hatte. Dieser Mann kannte seinen abtrünnigen Bruder, und theilte dem Padre mit, derselbe sey in Ungnade gefallen und führe nun zur Strafe für seine Apostasie ein Leben voll Elend und Entbehrungen.
Der Mönch schickte nun innige und glühende Gebete zum Himmel, flehte um Vergebung für seinen Bruder und opferte für dessen Seelenheil seine Bussübungen auf. Der arme Mann! er dachte, wenn er ihn nur sehen und sprechen könnte, so würde es ihm gelingen, ihn in den Schooss der Kirche zurückzuführen; aber ach! sein Beruf fesselte ihn an Hurdwar, das er nicht verlassen durfte. Eines Tages — es war zur Zeit der Messe — wandelte er fern von dem Flusse hin, um die Verblendung des Heidenthums nicht ansehen zu müssen, und sein Geist war im Gebete vertieft. Da schlugen mit einemmale ungewöhnliche Tone an seine Ohr — wohlbekannte Töne, die ihn an seine Heimath, an das schöne Italien erinnerten. Sie kamen aus einer kleinen Hütte, die nur zehn Schritte von ihm entlegen war. Die Scenen vergangener Tage tauchten in seiner Erinnerung auf, und sein Herz fing an ungestüm zu pochen. Der Mönch erkannte eine Barcarole, die er oft in jüngeren Tagen gesungen hatte; aber obgleich die Weise lebhaft war, klang doch die Stimme traurig und wehmüthig. Er trat leise näher und stellte sich an den Eingang der Hütte. Der Fremde fuhr zusammen und erhob sich! Die Trennung hatte lange gewährt; aber weder die gefurchten Wangen und das blasse Antlitz des Einen, noch der Turban des Andern konnte sie täuschen — die beiden Brüder sanken sich in die Arme.
Bei ihrer Rückkehr zählte die persische Karavane einen Treiber weniger, denn der Renegat lag auf seinem Sterbebette in der bescheidenen Wohnung seines Bruders. Abermals ein Christ und auf’s Neue versöhnt mit seinem Gotte, harrte er ruhig der Abberufung nach einer besseren Welt. Während einer zweiwöchigen Krankheit bereute er seine Verirrung und flehte um Erbarmen. Nach seinem Tode begrub der Mönch in derselben kleinen Schasminlaube, wo er den Muselmann gefunden hatte, den zum Christenthum zurückgekehrten Bruder, setzte ein Kreuz auf sein Grab und trauerte lange um ihn; aber eine schwere Last war von seiner Brust genommen und seit der Zeit hatte er sich wieder glücklich gefühlt, denn jetzt bedrückte nichts mehr seinen Geist, was ihn in der Ausübung seines heiligen Dienstes hätte hindern können.
Nachdem mir der Padre Marini diesen Abschnitt aus seiner Lebensgeschichte erzählt hatte, wünschte er mir gute Nacht und wir schickten uns zur Ruhe an. Ich ging nach dem Boote, in welchem ich mich ausstreckte, das Gesicht dem funkelnden Gewölbe über mir zugekehrt, und stellte Betrachtungen über die Erzählung des Mönchs an, bis ich endlich einschlief.