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1 Umbruch der Arbeitswelt

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Im Zusammenhang mit Veränderung wird oft der Gemeinplatz der Globalisierung genannt, die durch wirtschaftliche, soziale und vor allem technologische Entwicklungen zu einem „Global Village“ geführt habe. Intensiver Kontakt und Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen und Sprachen mit einhergehender Hybridisierung, Homogenisierung und Monopolisierung führe zu einer Verdichtung von Raum und Zeit, von Globalisierungstheoretikern auch „compression of the world“ genannt (Robertson 1995:40). Im zweiten und dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kann teilweise eine gegenläufige Entwicklung bzw. eine Art Deglobalisierung beobachtet werden, die ausgelöst durch nationalistische und protektionistische Tendenzen ein Einbremsen und Verringern der globalen Verflechtung und Integration nach sich zieht.

Von GlobalisierungGlobalisierung und DeglobalisierungDeglobalisierung gleichermaßen betroffen ist vornehmlich die Translation, deren Hauptgegenstand Sprach- und Kulturmittlung zur Unterstützung von Kommunikation darstellt (vgl. Prunč 2012), und die dabei auch insbesondere den Veränderungen durch technologische Entwicklungen ausgesetzt ist. Datenflut, zeit- und ortsunabhängige Erreichbarkeit, weitgehende Automatisierung sind Folgen einer zunehmenden Digitalisierung von Umwelt und Arbeitswelt, denen das Individuum oft machtlos gegenübersteht.

Denn in der Praxis fühlen sich viele Menschen, unabhängig von ihrer Führungsstufe, ihrem Alter oder Geschlecht, übergeordneten Paradigmenveränderungen ausgesetzt, die sie als Einzelne nicht initiiert und, hätte man sie gefragt, vielleicht auch nicht gewollt hätten (Wörwag & Cloots 2018:6).

Ein unbestimmtes Unwohlsein und häufig auch die Furcht vor einem Verlust des Arbeitsplatzes kennzeichnen die Reaktion auf den Wandel, und dies trotz der Tatsache, dass empirische Studien das Gegenteil belegen: So spricht beispielsweise die Weltbank in einer Studie zur Veränderung der Arbeitswelt von einer weltweiten Zunahme der Arbeitsplätze: „Total labor force has been increasing across the globe“ (Weltbank 2019:7). Belegt wird dies anhand empirischer Statistiken, wonach sich die Arbeitsplätze weltweit im Zeitraum 1993 bis 2017 trotz DigitalisierungDigitalisierungArbeitsplatz beinahe verdoppelt haben.

Untersuchungen zur Lage im Bereich der Sprachmittlung bestätigen diesen Trend: Eine etwas ältere Studie der Generaldirektion Übersetzen der Europäischen Kommission sah für diese Branche bereits 2009 ein Mindestwachstum von 10 % pro Jahr voraus: „Annual compounded growth rate was estimated at 10 % minimum over the next few years“ (EU 2009:iv), wodurch die Sprachmittlung eine der höchsten Wachstumsraten aufweisen konnte: „Research shows that the language industry has the highest growth rate of all European industries in Europe“ (EU 2009:iv). Rückblickend konnte den statistischen Erhebungen zufolge ein stetiger Anstieg der in diesem Bereich arbeitenden Personen in den Jahren 2003–2008 verzeichnet werden. Dieser positive Trend wird durch neuere Untersuchungen bestätigt: Gemäß der jährlichen Studie des Marktforschungsunternehmens Common Sense Advisory (CSA 2018) zu SprachdienstleistungenTranslationals Sprachdienstleistung („market for outsourced language services and technology“) wuchs dieser Bereich in den letzten Jahren kontinuierlich auf 46,52 Mrd. Dollar weltweit im Jahr 2018, für das Jahr 2021 wird gar ein globales Volumen von 56,18 Mrd. Dollar vorausgesehen (CSA 2018). Für den regionalen Markt der USA sieht das United States Bureau of Labor Statistics sogar einen Anstieg der Nachfrage nach Dolmetscher:innen und Übersetzer:innen von 29 % bis zum Jahr 2024 voraus (Toolbox 2019).

Angesichts dieser Zahlen steht fest, dass Sprachmittlung ein Beruf mit guten Zukunftsaussichten bleibt. Es gibt zwar eine erhöhte Nachfrage und mehr Arbeit, doch unterliegt diese großen Veränderungen. Die Wirtschaftsdaten belegen etwa eine erhöhte Konzentration des Marktes: Der Anteil kleiner Sprachmittlungsunternehmen mit einem Umsatz unter 250000 € fiel von 34 % im Jahr 2018 auf 25 % im Jahr 2019 (ELIA 2019:5), wobei 2019 nur mehr 56 % aller Sprachdienstleister:innen gegenüber noch 60 % im Jahr 2018 weniger als 10 Angestellte aufwiesen. Hierbei treten aber starke geografische Unterschiede auf, so dass der Anteil kleiner Unternehmen in Westeuropa nur 13 % beträgt, während in Nord-, Süd- und Osteuropa diese Zahl bis zu 40 % ausmacht. Zugleich stieg der Anteil großer Unternehmen mit einem Umsatz über 1 Mio. € von 30 % auf 43 % an (ELIA 2019:5).

Andere Kennzahlen der Sprachmittlungsbranche bleiben hingegen unverändert: Zu beobachten ist nach wie vor ein starker Gender-Gap: Bei einem insgesamt sehr hohen Frauenanteil ist dieser in Übersetzungsabteilungen, Ausbildungsinstitutionen und Einzelunternehmen übermäßig hoch, in größeren Unternehmen mit mehreren Angestellten aber einigermaßen ausgeglichen. Bestätigt wird dies durch die statistische Einkommensverteilung: Je höher das individuelle Einkommen, desto geringer der Frauenanteil (ELIA 2019:4). Aus derselben Studie geht hervor, dass Unternehmen einen erheblichen Ausbau der Bereiche Maschinelles Übersetzen, Projektablaufautomatisierung und Telearbeit planen (ELIA 2019:10) und dafür auch entsprechende Investitionen vorsehen (ELIA 2019:21). Insgesamt bleibt eine positive Erwartungshaltung: „Investment sentiment remains convincingly positive throughout Europe and other indicators such as hiring expectations also point to strong confidence in the industry“ (ELIA 2019:39).

Wirtschaftszahlen und individuelle Befindlichkeit divergieren jedoch häufig: Trotz allgemein guter Aussichten können Wandel und notwendige Anpassung beim Einzelnen zu Entfremdung und Furcht führen und den Beruf obsolet erscheinen lassen. Nach Karl Marx (1844/2017) hat Entfremdung vier Ursachen: EntfremdungDigitalisierungEntfremdung vom Produkt, Entfremdung von der eigenen Tätigkeit, Entfremdung von anderen Menschen, Entfremdung vom menschlichen Gattungswesen; alles Themen, die durch die digitale Veränderung neue Aktualität erlangen.

Entwicklungslinien des Dolmetschens im soziokulturellen Kontext

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