Читать книгу Entwicklungslinien des Dolmetschens im soziokulturellen Kontext - Группа авторов - Страница 7
3 Modellierung des sozialen Raums
ОглавлениеDolmetschen in einem nationalen gesellschaftlichen Umfeld wird im Fall von Lautsprachen oft mit den Begriffspaaren „Flucht“ und/oder „Migration“ in Verbindung gebracht, im Fall von Gebärdensprachen mit innergesellschaftlichen sprachlichen Minderheiten. In beiden Kontexten ist (erfolgreiche, transparente, faire) Kommunikation ein bestimmender Faktor für individuelle Bedürfnisse und Befindlichkeiten auf der Subjektebene ebenso wie für das soziale Miteinander in einem größeren gesellschaftlichen Rahmen. Sprachbarrieren ebenso wie divergierende Wissensbestände erschweren oder verhindern den Zugang zu Informationen und Anschlussmöglichkeiten. Dolmetscher:innen können in diesem Gefüge eine Schlüsselfunktion übernehmen, als gatekeeper fungieren, indem sie Türen zur Verständigung zwischen Menschen mit oft sehr unterschiedlichen lebensbiografischen und soziokulturellen Hintergründen öffnen. Der Objektbereich dieses Feldes, das, wie oben erwähnt, nach wie vor – und in jüngster Zeit wieder verstärkt – unter verschiedenen Benennungen beschrieben wird1, lässt sich wie folgt weiter bestimmen:
Dolmetschen in
einem bestimmten innergesellschaftlichen Umfeld (z.B. behördliche, medizinische, therapeutische Settings),
zwischen professionellen Bedarfsträger:innen und privaten Klient:innen,
häufig in dialogischen Situationen von unmittelbarer und zentraler Relevanz für die persönliche Befindlichkeit und die Bedürfnisse der Klient:innen,
in denen die unmittelbare Präsenz und Angreifbarkeit von Dolmetscher:innen stärker als in anderen, etwa monologisch geprägten Settings, sich auch auf das Handeln und Rollenverständnis der dolmetschenden Personen auswirken.
Vor diesem Hintergrund schreibt Prunč (2017:23) mit Bezugnahme auf das Begriffsinstrumentarium von Bourdieu dem Feld des Community InterpretingCommunity Interpreting im Gegensatz zum Konferenzdolmetschen, das meist mit einem höheren symbolischen Kapital ausgestattet ist, ein „niedriges bis negatives symbolisches Kapital“ zu, was sich v.a. daraus erklärt, dass die Klientel von Dolmetscher:innen in diesem Feld Randgruppen wie Flüchtlinge, Minderheiten und Migrant:innen oder „andere Verlierer der Globalisierung“ (ibid.) sind, die oft weder über entsprechendes ökonomisches Kapital, noch über soziale Handlungsressourcen (z.B. umfassende Einbindung in ein soziales Netzwerk und die damit einhergehende Anerkennung), noch über kulturelles Kapital (z.B. Bildungstitel) verfügen.
Mit Bezug auf die Dolmetscher:innen lässt sich diese Negativspirale in bestimmten Fällen auch auf diese selbst übertragen, zumal sie unter Umständen ebenso wenig über das nötig Sozial- oder Kulturkapital verfügen, etwa wenn das „Kommunikationsproblem“ durch die Bestellung von nicht ausgebildeten und für dieses Feld qualifizierten Dolmetscher:innen erfolgt. Hier handelt es sich um eine Vorgehensweise, die nach wie vor vielerorts gängig und in der weiterhin tradierten Annahme begründet ist, dass SprachkompetenzKompetenzenSprachkompetenz, die oft nur unzureichend gegeben ist, für derart „einfache“ Kommunikationssituationen ausreicht und dass derartige Situationen auch von Begleitpersonen oder zufällig Anwesenden gut bewältigt werden können. Für Dolmetscher:innen bieten derartige Handlungsgefüge daher oft wenig Handlungsspielraum: „Durch den Umgang mit diesen Randgruppen geraten die Dolmetscher selbst in den Bannkreis der Ohnmacht“ (Prunč 2017:25).
In diesem Band wird vor diesem Hintergrund der soziale RaumDolmetschenim soziokulturellen Kontext des Dolmetschens in derartigen nationalen innergesellschaftlichen Gefügen mit Fokus auf den DACH-Raum ausgeleuchtet. Erfasst werden dialogische gedolmetschte Interaktionen abseits des Konferenz- und Verhandlungsdolmetschens: Dolmetschen in verschiedenen gesellschaftlichen Kontaktsituationen, einschließlich des Gerichtsdolmetschens. Auch auf aktuelle technologische und gesellschaftliche Entwicklungen (Ferndolmetschen, Formen der barrierefreien Kommunikation) wird eingegangen.