Читать книгу Entwicklungslinien des Dolmetschens im soziokulturellen Kontext - Группа авторов - Страница 6
2 Tradition der Sprachmittlung
ОглавлениеDer subjektive Eindruck, der vor diesem Hintergrund entstehen könnte, wonach das Dolmetschen in einem innergesellschaftlichen Kontext im DACH-Raum erst in den letzten Jahren vermehrt notwendig geworden ist, trügt allerdings. Dieses spezifische Handlungsfeld von Dolmetscher:innen findet bereits seit mehr als 20 Jahren unter dem Stichwort Community Interpreting Community Interpretingoder anderen dafür gebräuchlichen Benennungen Eingang in die einschlägige (auch deutschsprachige) Literatur, anfangs eher in Form von Darstellungen subjektiven Charakters, später mit einer Entwicklung hin zu einer zunehmenden Verwissenschaftlichung des Themas (vgl. Grbić & Pöllabauer 2008).
Mit Bezug auf Deutschland thematisierten etwa bereits Mitte der 1980er-Jahre Rehbein (1985) „Verfahren der Sprachmittlung“ sowie Knapp (1986) und Knapp & Knapp-Potthoff (1985, 1986, 1987) verschiedene Aspekte der „Sprachmittlung“, die sie als „nicht professionelle, alltagspraktische Tätigkeit“ in „face-to-face-Interaktionen“ (Knapp & Knapp-Potthoff 1985:451) definierten und so vom (professionellen) „Dolmetschen“ abgrenzten.
Insgesamt ist die Literatur zur Thematik durch eine interdisziplinäre Perspektive gekennzeichnet. Frühe Publikationen, v.a. aus Deutschland und der Schweiz, gehen v.a. auf Autor:innen aus den Bereichen der Psychiatrie und Psychotherapie (Knoll & Roeder 1988, Leyer 1988, Haenel 1997, Westermeyer 1990, Grube 1993, Steiner 1997) bzw. der Medizin (Flubacher 1994, Eytan, Bischoff & Loutan 1999, Bischoff et al. 1999) zurück. Der allgemeine Paradigmenwechsel in der Dolmetschwissenschaft hin zu einer „sozialen Wende“ (Pöchhacker 2006) und einem intensivierten Blick auf dialogische bzw. „triadische“ (Wadensjö 1998, Mason 2001) Interaktionskonstellationen ab den 1990er-Jahren zeigt sich auch im DACH-Raum, wo ab 2000 ein Anstieg an Publikationen zum Thema zu beobachten war (Grbić & Pöllabauer 2008).
In der Schweiz befassten sich etwa Kälin (1986) und Monnier (1995) früh mit dem Dolmetschen im Asylverfahren. Vor dem Hintergrund der oben erwähnten Publikationen aus dem medizinischen und therapeutischen Bereich erwiesen sich hier v.a. die Universitätskliniken in Basel und Genf (HUG, Hôpitaux universitaires de Genève) als Zentren der Forschung zum Medizindolmetschen. Bereits 1999 wurde auch der Schweizer Berufsverband INTERPRET gegründet, der bis dato im DACH-Raum immer noch einzige spezifische Berufsverband für Dolmetschen in einem sozialen Kontext (siehe dazu auch Müller in diesem Band). Gar noch früher wurden erste Dolmetschdienste an Kliniken (1987 Basel, 1990 Bern) sowie von gemeinnützigen oder kirchlichen Organisationen eingerichtet (z.B. Hilfswerk der Evangelischen Kirche der Schweiz HEKS, Schweizer-Arbeiter-Hilfswerk SAH, Caritas, Rotes Kreuz) (vgl. Flubacher 2013:128, siehe dazu auch Grenko & Strebel in diesem Band). Maßgebend, auch für die Benennung dieses Feldes in der Schweiz (Interkulturelles Übersetzen bzw. Interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln), scheint ein Sammelband von Weiss & Stuker (1998) mit dem Titel Übersetzung und Interkulturelle Mediation.
In Deutschland leisteten ein Team von Forscher:innen am UKE Hamburg (Albrecht 1999, 2002) und das Ethnomedizinische Zentrum in Hamburg (Salman & Tuna 1997), das bereits 1989 gegründet wurde, Pionierarbeit. Ab Mitte der 1990er-Jahre war im Bereich Medizindolmetschen auch das Team des Sonderforschungsbereichs Mehrsprachigkeit der Universität Hamburg präsent (Bührig & Meyer 1998, Meyer 2000) (siehe dazu auch Meyer in diesem Band).
In Österreich war das Thema ab 1989 vor dem Hintergrund eines WHO-Projekts zur Gesundheitsversorgung von Migrant:innen präsent (Pöchhacker 1997a). Federführend in der Lancierung dieses Feldes sowohl in der Forschung als auch im Rahmen eines ersten Praxisprojekts (Pilotkurs Dolmetschen im Krankenhaus) war Franz Pöchhacker von der Universität Wien (Pöchhacker 1997b, 2000). Das Gerichtsdolmetschen wurde 2001 von Kadrić erstmals umfassend thematisiert. Ab 2000 wurde das Thema auch im Forschungsprofil des Instituts für Translationswissenschaft der Universität Graz verankert (Pöllabauer 2000, Pöllabauer & Prunč 2003, Pöllabauer 2005), wo seit 2001 niederschwellige Universitätslehrgänge zum Thema angeboten werden (Prunč 2012b) (siehe dazu auch Pöchhacker in diesem Band). Seit 2016 werden an der Universität Wien auch postgraduale Universitätslehrgänge, seit 2018 auch als Masterprogramme für Behörden- und Gerichtsdolmetschen (Postgraduate Center 2019) wie auch Lehrgänge für Schriftdolmetschen und Dolmetschen mit Neuen Medien angeboten.
Damit lässt sich feststellen, dass diese Domäne des Dolmetschens im deutschsprachigen Raum seit mehr als 30 Jahren von unterschiedlichen Interessensträger:innen (Praxis, Lehre, Forschung) und in unterschiedlichem Ausmaß wahrgenommen, lanciert und vorangetrieben wurde. Von einem anfangs stark vernachlässigten Bereich, mit suboptimalen Bedingungen und geprägt vom Nimbus der Minderwertigkeit, war in den letzten Jahren eine gewisse Konsolidierung zu erkennen, mit einem wachsenden Angebot an extrauniversitären Ausbildungs- und Qualifizierungsangeboten, einer stärkeren Einbindung auch in das curriculare Angebot an traditionellen Ausbildungseinrichtungen für Übersetzen und Dolmetschen, einer zunehmenden Akzeptanz derartiger „sozialer“ Themen in der Translationswissenschaft und einem gewissen Maß an Sensibilisierung für die Bedürfnisse von Dolmetscher:innen vonseiten der Bedarfsträger:innen und daran gekoppelt mehr Austausch und Synergien zwischen den verschiedenen Interessensgruppen. Und dennoch wird das Community Interpreting weiterhin auf dem C-Markt des Dolmetschens (Kutz 2010:82) angesiedelt und auch noch in jüngerer Zeit als wenig professionalisiert wahrgenommen (Neff 2015:220).
Derartige Negativbefunde ebenso wie persönliche Beobachtungen zu aktuellen Entwicklungen im Feld sind die Triebfedern für diese Publikation, die auf einer Makroebene Dimensionen der „Translationskultur“ (Prunč 1997 und später) in diesem Feld zu skizzieren und diese auf einer Mikroebene mithilfe professionssoziologischer Faktoren zu verorten sucht.
Bevor eine Darstellung des Konstrukts der Translationskultur und des professionssoziologischen Grundgerüsts, die die im Rahmen dieser Publikation vorgenommenen Darstellungen der Situation im DACH-Raum speisen, vorgenommen wird, scheint eine Modellierung des sozialen Raums, in dem derartige innergesellschaftliche Dolmetschhandlungen stattfinden, zweckmäßig.