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Große Freiheit mit zwölf Jahren
ОглавлениеBei Kriegsende 1945 war ich zwölf Jahre alt und brauchte ein Jahr lang nicht zur Schule zu gehen! Fernsehen oder Computerspiele gab es damals noch nicht, nur endlose Wälder, Wiesen und Feldfluren um mein Elternhaus in Ezelheim in Mittelfranken. Es war Frühling. Mein Bruder Martin und ich kundschafteten Vogelnester aus – etwa von Habicht und Krähe, Rotkehlchen und Rebhuhn. Am Ende der Brutzeit besaßen wir eine stattliche Eiersammlung von über 50 Vogelarten. Unvergessen sind mir unsere riskanten Klettertouren in die Gipfel alter Eichen, wo Mäusebussard und Gabelweihe, der Rote Milan, brüteten.
Als Jäger aus der Gefangenschaft heimkehrten, mussten sie ihre Gewehre abliefern und es gab jahrelang keine Jagd. So wurden Rehe und Wildschweine fast zahm. Ich sehe sie noch vor mir, am helllichten Nachmittag: Rotten feister Schweine, denen wir im Wald nachgespürt hatten. Zehn Meter vor uns erhoben sie sich grunzend von ihren Lagern auf und suchten eher beleidigt als ängstlich das Weite. Tagtäglich waren wir unterwegs. Nur das Unkrauthacken in den Kartoffel- und Rübenfeldern, das Zusammenrechen von Gras und Heu oder im Herbst die Kartoffel- und Rübenernte hielten uns von unseren Entdeckungstouren ab. Beim Kühe hüten dagegen blieb genug Zeit, den Forellen, Weißfischen und Krebsen im Bach nachzustellen.
Im Frühjahr 1946 war es dann zwar mit der großen Freiheit zu Ende. Wir mussten zurück auf die Schulbank. Aber die kleine Freiheit blieb. Die Rückfahrt mit dem Fahrrad aus der zwölf Kilometer entfernten Oberschule in Scheinfeld zog sich manchmal bis vier Uhr nachmittags hin. Schließlich wollten wir wissen, ob die jungen Waldohreulen schon ausgeflogen, die Walderdbeeren schon reif waren oder die Bekassinen noch in den Sumpfwiesen hockten. In mir wuchs in dieser Zeit nicht nur die Liebe zur Natur, sondern ganz besonders zum Wald. Das war auch der Grund, weshalb ich Forstwirtschaft studierte und Förster werden wollte. Dieses enge Band, das mich seit meiner Jugendzeit mit der Natur verbindet, hält bis heute. Und ich bin mir sicher: Das eine schulfreie Jahr hat mich mehr geprägt als zwölf Jahre Schule!