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Einleitung zu diesem Buch
ОглавлениеDas vorliegende Buch: Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart. Band II: Amerika, Indien, Afrika, setzt das matriarchale Paradigma und damit die Matriarchatstheorie fort. In der philosophischen und methodologischen Einleitung von Band I, die auch für diesen zweiten Band gilt, habe ich die Schritte des matriarchalen Paradigmas genannt, die mit diesen beiden Bänden verwirklicht werden. Denn die ethnologischen Analysen, in denen konkrete, heute noch lebendige matriarchale Gesellschaften vorgestellt werden, sind der systematische Ort, um aus ihrer Fülle die vollständige strukturelle Definition von »Matriarchat« zu entwickeln. Diese fehlt sonst überall in der traditionellen Matriarchatsforschung, was Tür und Tor für Vorurteile geöffnet hat, und genau darin unterscheidet sich die moderne Matriarchatsforschung von der älteren. Diese Definition ist das Ergebnis meiner Forschung zu den lebenden matriarchalen Gesellschaften und wurde ihr nicht vorausgesetzt. Denn die Definition wird induktiv und sukzessive aus meinen Analysen gewonnen, ein Vorgang, der für jede Leserin und jeden Leser nachvollziehbar ist. Das wurde bereits in Band I hinsichtlich der Völker in Ostasien, Indonesien und dem Pazifischen Raum begonnen und wird in diesem Band II für die Kontinente Amerika, Afrika und den indischen Subkontinent fortgesetzt. Durch die Zusammenfassungen eines jeden Kapitels werden nicht nur die Grundprinzipien matriarchaler Gesellschaften sichtbar gemacht, sondern auch der Reichtum an Lebensweisen, den sie umfassen.
Ebenso führe ich die Hypothesen über Wanderungen und Ausbreitung von matriarchalen Gesellschaften in diesen Weltgegenden fort, um weiträumige kulturelle Zusammenhänge sichtbar zu machen, die es einst gegeben hat. Das verhindert, dass die dargestellten einzelnen Gesellschaften als isolierte Inseln wahrgenommen werden, wie es in der heutigen Ethnologie meist üblich ist. Das macht es nötig, auch die kulturgeschichtliche Perspektive einfließen zu lassen, doch ich bin mir dessen bewusst, dass sie hier noch rudimentär bleibt. Es ist der Weiterentwicklung meines Werkes vorbehalten, sie auszuführen und aus den entsprechenden wissenschaftlichen Fachgebieten gründlich zu belegen.
Außerdem möchte ich noch einmal daran erinnern, wenn ich von »Gegenwart« spreche, dass darunter nicht nur das unmittelbare Hier und Heute verstanden wird, sondern der Zeitraum der ethnologischen Berichterstattung über solche Gesellschaften, der bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Obwohl alle diese Berichte von patriarchal geprägten Wissenschaftlern westlicher oder östlicher Herkunft ideologische Verzerrungen aufweisen, sind sie doch Augenzeugenberichte. Das meine ich mit »gegenwärtig«, denn mit Augenzeugenberichten begann die Phase der empirischen Ethnologie.
Der thematische Schwerpunkt in Band I lag auf der Analyse der inneren Strukturen matriarchaler Gesellschaften, den Mikrostrukturen, das heißt, den Regeln und Bräuchen, welche die Sozialordnung und die Gemeinschaften konstituieren, ebenso ihre Ökonomie, Politik und Religion. Die Ergebnisse fasse ich hier nochmals stichwortartig zusammen.
Die ökonomischen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Subsistenzwirtschaft, die meistens, aber nicht immer auf Garten- und Ackerbau beruht; Land und Häuser sind Eigentum des Clans, Privatbesitz ist unbekannt; die Frauen sind die Hüterinnen der wesentlichen Lebensgüter: Felder, Häuser, Nahrungsmittel, und verteilen sie gerecht (Verteilungsmacht statt Besitz). Durch lebhaften Kreislauf der Güter bei Festen in der Gemeinschaft wird ein ständiger Ausgleich bezüglich des Reichtums hergestellt. Ich nenne sie deshalb auf der ökonomischen Ebene Ausgleichsgesellschaften.
Die sozialen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Bildung von Clans, die durch Matrilinearität (Mutterlinie) und Matrilokalität (Wohnsitz bei der Mutter) zusammengehalten werden; Wechselheirat zwischen je zwei Sippen mit »Besuchsehe« aufseiten der Gatten oder anderen offenen Eheformen; sexuelle Freiheit für beide Geschlechter; »soziale Vaterschaft« des Mannes, die sich auf seine Schwesterkinder bezieht, denn biologische Vaterschaft ist unbekannt oder unbedeutend; das Heiratssystem dient der verwandtschaftlichen Vernetzung der ganzen Gesellschaft. Ich nenne sie deshalb auf der sozialen Ebene nicht-hierarchische, horizontale Verwandtschaftsgesellschaften.
Sehr wichtig ist dabei, die große Bedeutung der Matrilinearität als Grundregel zur Bildung dieser Verwandtschaftsgesellschaften zu erkennen. Sie ist deshalb weitaus mehr als die meist zitierte »Benennung von Verwandtschaft und Vererbung in der Mutterlinie«, denn sie ist das gesellschaftsformende Prinzip. Wenn die Verteilungsmacht der Frauen über die Lebensgüter hinzukommt, also ihre starke Stellung in der Ökonomie, handelt es sich nicht mehr um »nur matrilineare« Gesellschaften, sondern um matriarchale. Diese Unterscheidung zwischen matrilinearen und matriarchalen Gesellschaften wird in der Ethnologie nicht gemacht, was der Anlass für viel Verwirrung ist.
Die politischen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Entscheidungsfindung nach dem Konsensprinzip auf allen Ebenen: im Rat des Clanhauses, im Rat des Dorfes oder der Stadt (lokal), im Rat des ganzen Volkes (regional); Männer als Delegierte der Clans für die umfassenderen Ratsversammlungen; sie sind jedoch nur Kommunikations- und keine Entscheidungsträger; Abwesenheit von Herrschaftsmustern und Klassen. Ich nenne sie deshalb auf der politischen Ebene egalitäre Konsens-Gesellschaften.
Die religiös-kulturellen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Verehrung der Ahninnen und Ahnen als dem anderen Teil des Clans; sehr konkreter Wiedergeburtsglauben, nach dem jeder Mensch im selben Clan wiedergeboren wird; Heiligung der Erde und des Kosmos als Schöpfergöttinnen; Göttlichkeit der ganzen Welt; es gibt kein dualistisches Weltbild und keine dualistische Moral; alles im Leben ist Teil des symbolischen und rituellen Systems. Ich nenne sie deshalb sakrale Gesellschaften als Kulturen der Göttin.
In vorliegenden Band II richtet sich der Fokus nun auf die Makrostrukturen matriarchaler Gesellschaften, das heißt, auf Institutionen, die über die Sippenordnung hinausgehen und auf das gesellschaftliche Gefüge insgesamt verweisen. Es werden auch Gefüge von mehreren matriarchalen Völkern untereinander dargestellt. Diese Großformen politischer Organisation können sehr verschiedene Strukturen haben. Man kann dabei erkennen, dass matriarchale Gesellschaften mit ihrer ganz eigenen Politik »Staaten« bilden – wenn man das überhaupt so nennen kann. Ich gebrauche diesen Begriff nicht, denn unter »Staat« wird von Beginn der Geschichtsschreibung an bis heute eine Struktur von hierarchisch organisierter Herrschaft verstanden, das heißt, eine patriarchale Gesellschaftsform. In diesem Sinne haben matriarchale Gesellschaften keine »Staaten«, obwohl sie Großformen bilden können. Diese Großformen sind staats- und herrschaftsfrei.
Das heißt, matriarchale Gesellschaften sind keineswegs zu klein oder zu »primitiv«, um große Gebilde aus mehreren Völkern politisch hervorzubringen. Das können sie durchaus und haben es in ihrer Geschichte oft getan. Das Erstaunliche an diesen Großformen ist, dass sie nicht wie bei patriarchalen Gesellschaften durch hierarchischen Druck von oben zusammengehalten werden, sondern dass auch diese komplexen Strukturen auf dem Boden von Egalität und Konsens aller Mitglieder gebildet werden. Das setzt eine hohe Kunst politischer Integration voraus, die wir bei ihnen beobachten können. Gleichzeitig geschieht es durch eine grundsätzlich friedfertige Politik, mit der sie solche Großformen stiften, nicht durch flächendeckende Eroberung, wie bei der Entstehung von patriarchalen Staaten und Reichen üblich.
Die Kontinente Westasien und Europa kommen in diesen beiden Bänden nicht vor, weil sie keine gegenwärtigen, indigenen matriarchalen Gesellschaften mehr besitzen. Das heißt aber nicht, dass ihre Gesellschaften keine restlichen matriarchalen Elemente mehr haben können. Doch ich konzentrierte mich bei meiner Forschung auf jene Gesellschaften, die noch vollständige oder nahezu vollständige matriarchale Muster aufweisen. Würde ich in allen Kontinenten jene Gesellschaften hinzunehmen, die heute noch mehr oder weniger restliche matriarchale Elemente haben, so ginge ihre Zahl in die Hunderte, eine Aufgabe, die hier nicht das Thema ist. Vollständige matriarchale Gesellschaften hat es jedoch für einen langen Zeitraum in der Geschichte Westasien und Europas gegeben. Das habe ich in Band III dieser Reihe dargestellt: »Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats. Westasien und Europa« (2019).
Zum Schluss möchte ich meinen Wunsch aussprechen, dass die hier begonnene Forschung viele aufgeschlossene Menschen in patriarchalen Gesellschaften erreichen möge. Denn sie kann Frauen in ihrem feministischen Kampf unterstützen, indem sie eine andere, bessere Gesellschaftsform kennen lernen, die zutiefst mit ihnen zu tun hat. In derselben Weise kann sie Männer in alternativen Bewegungen unterstützen, weil sie einen anderen männlichen Typ präsentiert und zeigt, dass Gewalt und Krieg der Menschheit nicht angeboren sind. Es gibt eine Alternative zu patriarchalen Rollenbildern und zur patriarchalen Gesellschaftsform. Diese ist keine abstrakte Utopie, weil sie Jahrtausende lang friedfertig existierte. Sie ist ein Erbe der ganzen Menschheit.
Ebenso ist es mein Wunsch, dass diese Forschung zu den Menschen in indigenen matriarchalen Gesellschaften zurückkehrt, damit ihnen zunehmend bewusst wird, dass sie dieses wertvolle Erbe noch besitzen und dass es eine weltweite Geschichte hat. Damit verknüpft sich meine Hoffnung, dass diese Erkenntnisse sie in ihrem politischen Kampf um ihre kulturelle Identität und Selbstbestimmung stärken mögen.
Auf dem Weghof, März 2021