Читать книгу Die Krieger des Horns - Eismond - Josefine Gottwald - Страница 10
V
Brendan
ОглавлениеAls wir eine halbe Stunde später die Koppeln abreiten, redet Dina noch immer von Oscar. Sie hat ihn tatsächlich gefragt, ob er Lust hat, mit uns auszureiten, aber natürlich hatte er andere Verpflichtungen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Robin sich einiges einfallen lässt, um ihn zu beschäftigen. Bei dem Gedanken tut mir der Fremde fast leid, auch wenn ich aus seinem Verhalten noch immer nicht schlau werde.
„Er hat's dir ganz schön gegeben mit Phoenix, was?“, neckt mich Dina, aber ich ziehe nur eine Grimasse. Ich wollte sehen, wie er auf den mythologischen Bezug reagiert und was er darüber weiß. Es gibt genug Leute, die überhaupt keine Ahnung haben, was ein Phoenix ist – vielleicht gehört er dazu, aber irgendwie nehme ich ihm das nicht ab.
„Du hast natürlich schon einen Narren an ihm gefressen!“, werfe ich ihr vor. „Haben es dir auch seine schönen Augen angetan?“ Ich drehe mich im Sattel zu ihr um und blinzele ein paarmal. Sie versucht, nach mir zu schlagen, aber sie ist zu weit weg.
„Haha! Was weißt du denn darüber! Aber in diesem Punkt hatte Piper tatsächlich recht: Er hat schöne Augen! Sehr geheimnisvoll irgendwie, tiefgründig …“ Dina grinst verträumt. Doch anstatt sie zu bestätigen, ignoriert Piper ihre Bemerkung und trabt an. Sie reitet eines ihrer Trainingspferde, während wir unsere Einhörner von der abgelegenen Weide geholt haben. Justo folgt ihr, ohne dass ich etwas sagen muss.
Dina stöhnt über die Anstrengung in der sengenden Hitze und wir schweigen eine Weile. Piper konzentriert sich auf ihr Pferd und ich hänge meinen Gedanken nach. Zu zweit sind wir schon oft ausgeritten, ohne ein Wort zu wechseln. Wir verstehen uns auch so.
Nur Dina hält es nicht aus und beschwert sich: „Piper Hilton, jetzt bleib endlich stehen!“ Sie treibt ihr Einhorn Fortuna an Pipers Mustang vorbei und drängt sie von ihrem Pfad ab. Piper muss ausweichen und Dina nutzt den Moment, um aus dem Sattel zu springen und ihr in die Zügel zu greifen. Schwer atmend stemmt sie die Beine in den Boden. „Keinen Schritt mehr! Kann es sein, dass du vor uns davonläufst?“, fragt sie, aber ihr Blick wirft ihr noch viel mehr vor: Kann es sein, dass du vor deinem Leben davonläufst?
Piper bleibt stur. „Merkst du eigentlich, dass wir ständig nur über Männer reden?“
„Merkst du eigentlich, dass die Männer ständig nur über Pferde reden?“, kontert Dina. „Ich komme mir manchmal vor wie in einer Soap – Idyllisches Landleben, oder so! Ich frage mich: Soll das ewig so weitergehen?“
„Was meinst du damit?“, fragt Piper und zerrt an ihren Zügeln, aber Dina gibt sie nicht frei.
„Wir versuchen, so zu tun, als wären wir ganz normale Teenager, als hätten wir keine Vergangenheit, in der wir nur zwei Zoll davon entfernt waren, das Zeitliche zu segnen, für eine Aufgabe, die einer höheren Macht dienen soll. Als wären wir nicht tausend Meilen gereist, durch Dschungel und Einöde, über Berge und Meere, um gegen eine magische Barriere anzukämpfen, gegen Dämonen und eine Horde Vampire, die die Einhörner vernichten wollte! Du glaubst vielleicht, du kannst vergessen, was war, und leugnen, wer du bist, aber das funktioniert nicht! Wir haben Wichtigeres zu tun, als Zäune zu kontrollieren! Wir sollten unsere Waffenübungen wieder aufnehmen und uns bereit halten. Schließlich weiß niemand, wann der nächste Schlag kommt!“
Ich sage nichts, aber insgeheim gebe ich ihr recht. Ich habe auch schon oft daran gedacht, aber wahrscheinlich war ich froh, den Gedanken verdrängen zu können.
Piper schnappt nach Luft. „Und das ist meine Schuld?“
Dina zügelt sich einen Moment, um zu überlegen, wie sie es am besten formuliert. Ich danke ihr innerlich dafür, dass sie nicht einfach herausschreit, was sie denkt, wie sie es so oft tut. Dieses Thema ist einfach zu sensibel.
„Piper“, sagt sie etwas sanfter. „Ich will nicht, dass du mich für kaltherzig hältst. Und es liegt mir fern zu behaupten, ich könnte nachempfinden, was du durchgemacht hast. Aber wir haben lange Rücksicht genommen.“
„Ein Jahr“, sagt Piper tonlos, „nächste Woche ist es ein Jahr, dass Andy fort ist.“
„Ein Jahr schon!“ Dina seufzt.
Sie meint den Tag, an dem wir verschwunden sind, und der genau derselbe ist, an dem wir zurückkehrten. Dank meiner Gabe konnte ich die Zeit in unserer Welt einfrieren, sodass niemand uns vermisste, während wir uns durch die Ewigen Welten kämpften. An unsere Heimkehr erinnere ich mich kaum, weil ich halb bewusstlos auf meinem Einhorn lag, so erschöpft war ich von der Aufrechterhaltung der Weltenstarre in unserer Dimension.
„Wir sind es den Einhörnern schuldig, Piper“, fährt Dina fort. „Destino darf nicht umsonst gestorben sein!“ Und Andy, denken wir alle, aber niemand spricht es aus.
Piper ist blass um die Nase, aber sie widerspricht nicht.
„Vielleicht bringt es dich auch auf andere Gedanken, wieder etwas zu tun“, sagt Dina versöhnlich. „Wirst du es dir überlegen?“
Piper stöhnt. „Irgendwie vermisse ich die Ausritte mit Robin! Die waren wesentlich stressfreier!“
Dina schnaubt. „Ja, weil ihr euch beieinander ausheulen und euer Leid klagen konntet! Ein toller Freund ist das, der einen so aufbaut!“ Piper setzt zu einer Entgegnung an, aber Dinas Blick wird weich. „Wenn ich dir noch einmal was über Männer sagen darf: Versuch, mit ihm zu reden! Auf dich wird er hören.“
Piper senkt die Schultern und blickt zu Boden. Sie sieht erst ihre Freundin an und dann mich. „Es tut mir leid, wenn ich heute ein bisschen überreagiert habe“, gibt sie zu. „Ich kann nicht glauben, dass es schon ein Jahr her sein soll. Ich denke immer noch jeden Tag darüber nach, wisst ihr? Heute vor einem Jahr haben wir uns zusammen auf die Suche nach Annikki gemacht.“ Sie versucht, ihren Schmerz hinunterzuschlucken, aber dann überschlägt sich ihre Stimme und ihre Augen werden feucht. „Wir wussten überhaupt nicht, worauf wir uns einlassen. Wer konnte denn ahnen, dass er nie mehr zurückkehrt!“
Eine Weile sehen wir sie nur an, ich beiße mir auf die Lippe, Justo wiehert laut. Piper trocknet ihre Augen und sagt zu ihm: „Ist ja gut, Süßer!“ Dann erklärt sie noch einmal: „Jedenfalls tut es mir leid, ich weiß, dass ihr nichts dafür könnt.“
Dina nickt. „Hey, das ist doch kein Problem.“
„Wir können es dir kaum verdenken“, sage ich. „Niemand von uns kann nachfühlen, was in dir vorgeht.“ Sie sieht mich dankbar an.
Plötzlich nehme ich in ihrem Rücken eine Bewegung wahr. Ein Schatten verschwindet zwischen den Bäumen am Waldrand.
Dina hat es auch gesehen. „Brendan!“, ruft sie, aber ich habe schon verstanden. Ich brauche ein paar Sekunden, um die Zeit einzufrieren. Von dem Schatten sehe ich nichts mehr, aber ich erlöse Piper und Dina aus ihrer Starre, um der Sache auf den Grund zu gehen.
„Hast du gesehen, was das war?“, fragt Dina und führt Fortuna in die Richtung.
Ich schüttele den Kopf. „Vielleicht gar nichts, nur ein Hirsch …“
„Oder ein Werwolf …“, überlegt sie.
Automatisch wandert mein Blick zur sinkenden Sonne. „Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen …“
„Ich habe gar nicht bemerkt, dass wir uns so weit von der Ranch entfernt haben!“, sagt Piper, während sie mir folgt und argwöhnisch den Wald beobachtet.
„Du bist doch so entschlossen vorausgeritten!“, meint Dina.
Damit sie nicht wieder in Streit ausbrechen, ziehe ich ihre Aufmerksamkeit auf mich: „Dort ist die Stelle, hinter dem Ocotillo-Strauch!“
„Was, das tote Gestrüpp hat einen Namen?“, fragt Dina. „Sieht aus wie eine Sammlung alter Wanderstöcke!“
„Du musst warten, bis er blüht!“, erkläre ich, aber sie sieht mich an, als hätte ich behauptet, Wasser würde nach oben fließen.
„Na, hier ist jedenfalls niemand!“, meint sie.
Piper legt die Zügel ihres Mustangs auf den Boden und sucht unter dem Busch nach Spuren.
„Wie Wolfstatzen sieht das nicht aus“, murmelt sie, „eher wie Hufabdrücke, würde ich sagen.“
„Tatsächlich?“, frage ich und dränge mich an Dina vorbei. „Hm, seltsam. Ein Pferd ohne Eisen.“
„Was ist daran seltsam?“, will Dina wissen. „Hier gibt es doch Wildpferde, oder nicht?“
„Am Wolf Forest?“ Piper schüttelt den Kopf.
„Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass uns ein Wildpferd heimlich beobachtet und dann so plötzlich verschwindet“, sage ich.
Ratlos blicken wir uns an. Irgendwann entscheiden wir uns für den Rückweg und ich lasse der Zeit wieder ihren Lauf.
Als wir aufsteigen, ergreift Piper noch einmal das Wort. „Wenn wir tatsächlich wieder mit den Übungen anfangen …“ Dina sieht sie erwartungsvoll an. „Was ist dann mit Oscar? Er könnte es bemerken …“
Dina bläst genervt die Luft aus. „Ach, was bedeutet es schon, was Oscar denkt? Er ist ein Pferdeausbilder, der sich nicht entscheiden kann, ob er aus Montana, Minnesota oder sonstwo herkommt! Außerdem sind die Einhörner vor ihm sicher!“ Wir blicken sie fragend an, aber sie zwinkert nur. „Vertraut mir!“