Читать книгу Die Krieger des Horns - Eismond - Josefine Gottwald - Страница 12
VII
Robin
Оглавление„Piper? Bist du das?“, rufe ich in die Nacht hinein. Ein paar Schritte vor mir zeichnen sich die weißen Umrisse eines Pferdes ab wie ein Gespenst.
Bevor ich eine Antwort bekomme, bin ich schon zu ihnen gelaufen. Als Piper mich erkennt, klingt sie erleichtert. Sie bringt Luna zum Stehen und fällt beinahe aus dem Sattel.
Ich bin sofort neben ihr, um sie aufzufangen, aber sie hält sich in der Mähne ihres Pferdes fest und ich wahre den Abstand, auf den sie so viel Wert legt.
„Was ist denn los? Hast du einen Geist gesehen?“
Mit großen Augen blickt sie mich an und murmelt: „Du weißt gar nicht, wie nah du der Wahrheit damit bist!“
Weil ich aus dem, was sie sagt, nicht schlau werde, falle ich mit meiner eigenen Tür ins Haus und erkläre: „Ich muss dir etwas zeigen!“
„Muss das heute noch sein, Robin? Ich bin völlig fertig …“ Ich sehe sie noch immer fragend an, aber sie winkt ab. „Schon gut, eigentlich möchte ich gerade nicht darüber reden! Ich will mich am liebsten in meinem Zimmer einschließen und nicht mehr rauskommen!“ Finster setzt sie nach: „Wahrscheinlich wird Danny das die nächsten Wochen ohnehin zu verhindern wissen!“
„Also da kann ich dir nur recht geben“, sage ich so beiläufig, wie ich kann. „Ich war eben dort. Ich persönlich hab ihn selten so aufgebracht erlebt, ¡Madre mía!“
„Wie hat er dich empfangen?“
„Unterkühlt, wie immer. Die Schuldirektion hat heute bei deiner Mutter angerufen, um ihr mitzuteilen, dass du die letzte Stunde ausfallen lassen hast.“ Ich muss grinsen. „Er war scheinbar nicht besonders überrascht darüber und hat sich … na ja, sagen wir mal: dafür ausgesprochen, dich in einem Programm für emotional und sozial instabile Jugendliche anzumelden, am besten auf einer Privatschule.“
Sie stöhnt. „Nicht schon wieder die Predigt von der Privatschule! Irgendwann glaubt meine Mutter ihm diesen Schwachsinn noch, und das so kurz vor dem Abschluss! Also gut, du hast mich überzeugt, wohin gehen wir?“
„Wir fahren“, sage ich zufrieden. „Lass Luna hier, dann nehmen wir meinen Wagen.“
Sie nickt. „Ich bringe sie schnell auf die Koppel, dann laufe ich nicht Gefahr, im Stall jemandem zu begegnen.“
Wenige Minuten später lasse ich den Motor an. Das Scheinwerferlicht fällt auf Piper, die das Gatter der Weide schließt und dann neben mir ins Auto springt.
„Anschnallen!“, befehle ich und sie befolgt die Order gehorsam. „Also ich kann nicht behaupten, dass du schwer erziehbar bist!“, sage ich grinsend. Jetzt macht sie eine Grimasse. Dann werde ich wieder ernst. „Ich wusste gar nicht, dass du solche Probleme hast, Cariño.“ Sie sieht aus dem Fenster – obwohl sie unmöglich viel erkennen kann.
„Ich habe keine Probleme, ich bin wegen dir eher gegangen. Es war euer albernes Spiel, ich habe mir Sorgen gemacht.“
Während ich die Straße im Auge behalte, sehe ich immer wieder zu ihr rüber. Da ich weder ihre Bedenken zerstreuen, noch meine Dankbarkeit aussprechen kann, wechsele ich das Thema.
„Ich hab dich heute nach der Arbeit gesucht. Warum bist du nicht zum Abendessen geblieben?“ Ich sehe ihr an, dass sie nicht weiß, ob Oscar geblieben ist, aber sie fragt nicht nach ihm. „Es reicht, wenn ein Platz leer ist“, sage ich etwas leiser und sie blickt auf ihre Stiefel.
Irgendwann bemerkt sie, dass ich zurück zu unserer Ranch fahre, aber sie wartet geduldig auf meine Erklärung. Ich schweige mich eine ganze Weile dazu aus, bis ich den Wagen geparkt und den Motor abgestellt habe.
Als ich sie rauslasse, sage ich: „Hier entlang!“, aber sie runzelt noch immer die Stirn.
„Also ich weiß ehrlich nicht, was du mir auf dem Hof zeigen könntest, das nicht bis morgen Zeit hätte. Gibt es vielleicht noch einen neuen Stallburschen oder habt ihr ein neues Fohlen?“
Das sensible Thema überhöre ich diskret und schüttele den Kopf über ihre Gedanken.
„Ein neues Fohlen! Du kommst auf merkwürdige Ideen, Muñeca! Ein ziemlich eigenartiges Fohlen wäre das!“
Ich führe sie um die Scheune herum, in der wir das Heu lagern, zu dem alten, großen Tor, das wir sonst nur mit dem Traktor benutzen. Davor bleibe ich stehen. Ich denke darüber nach zu rauchen, aber ich verschiebe es auf später. Ich will Piper auf das vorbereiten, was sie erwartet, und sehe sie aufrichtig an.
„Ich habe auch ein kleines Problem, Querida. Na ja, eigentlich ist es sogar ziemlich groß. Und es macht Lärm und zerstört Dinge …“ Ich gönne mir den kleinen Triumph über ihre Verwirrung, aber meine Überraschung hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. „Ich bin heute beinahe verzweifelt!“, gestehe ich, aber sie hebt misstrauisch eine Braue. Ich erkläre schnell: „Du kannst es jetzt nicht hören, aber du wirst sehen …“
„Robin“, sagt sie ernst. „Hör auf, mit mir zu spielen! Was auch immer da drinnen ist, wird kaum dazu beitragen, die Tatsache zu verändern, dass du dich wie ein Idiot benommen hast!“
Ich schnappe nach Luft, aber ich verzichte auf die Bemerkung, dass ich mir diese Beleidigung nur gefallen lasse, weil sie das Mädchen meines Bruders ist. Stattdessen atme ich durch.
„Bueno, Linda, klären wir die Fronten. Ich entschuldige mich bei dir. ¡Perdona! ¡Perdóname mil veces!“
„Und wenn es zehntausendmal wäre!“ Wütend sieht sie mich an. Aber dann sagt sie: „Du bist mir keine Rechenschaft schuldig. Mach von mir aus, was du willst, wenn du mit den Konsequenzen leben kannst.“
Ich freue mich ein kleines bisschen, dass sie versucht, mich zu verstehen. Aber ich sehe auch ein, dass ich ihr mehr bieten muss.
„Also gut, es tut mir leid, wenn ich dich heute Morgen verletzt oder bloßgestellt habe! Perdona.“
„Es ist nicht deine Entschuldigung, die ich will, Robin. Auch wenn ich weiß, dass sie nicht leicht zu bekommen ist!“ Sie lächelt und ich ziehe eine Grimasse, weil sie mich ertappt hat. „Ich will, dass du zur Vernunft kommst!“
Ich verschränke die Hände vorm Körper und stelle fest, dass sie dasselbe tut.
„Niemand kann Andy ersetzen!“, sage ich ernst.
Ihre Züge werden finster, aber sie antwortet ruhig. „Das brauchst du mir nicht zu sagen.“
„Ich weiß, Piper. Perdon. Du weißt es am allerbesten!“
„Jetzt hör endlich auf damit, ich nehme dir dieses ewige Perdon nicht ab!“ Ich starre sie mit offenem Mund an. „Du glaubst, damit ist alles vergeben, aber ich sage dir mal was: Dir tut überhaupt nichts leid. Du würdest es jederzeit wieder genauso machen, weil du nicht wahrhaben willst, dass das Leben weitergeht, während wir vor Trauer erstarren. Du hast Angst, dass Andy aus unserer Erinnerung verschwindet, wenn dein Vater seine Arbeit wieder aufnimmt, wenn er sein Leben wieder aufnimmt, wenn wir unser Leben wieder aufnehmen. Du glaubst, wir könnten ihn vergessen, aber im Grunde zeigt doch dieses Wetteifern nur dein eigenes Geltungsbedürfnis. Du denkst, Oscar steht in Konkurrenz zu dir vor deinem Vater, und du willst alles tun, um ihn zu beeindrucken, um ihm zu zeigen, dass es dich noch gibt, und du glaubst, dass er dich nicht sieht …“
Die Tränen in ihren Augen schnüren mir die Kehle zu und nehmen mir den Wind aus den Segeln. Meine Wut ist wie fortgeblasen, als ich sehe, wie ihre Lippen zittern.
„Es stimmt nicht, dass mir nichts leid tut“, sage ich leise, aber sie hört nicht zu.
„Glaubst du tatsächlich, dass du uns allen noch etwas beweisen musst?“ Ich antworte nicht. „Oder ist es vielleicht nur, um deinem eigenen Ego zu zeigen, dass du unerreichbar bist?“ Jetzt will ich etwas entgegnen, aber sie lässt mich nicht zu Wort kommen. „Oscar steht doch auf verlorenem Posten“, sagt sie, als wäre ich der einzig Schuldige.
„Willst du dich jetzt also mit ihm anfreunden?“, frage ich düster.
„Ich habe kein Interesse, mich mit irgendjemandem anzufreunden!“, meint sie spitz, obwohl ich etwas ganz anderes meinte. „Aber ich finde, er hat unseren Respekt verdient.“ Ich sehe, dass sie nicht halb so entschlossen ist, wie sie vorgibt. Aber sie bleibt bei ihrer Entscheidung, ihn zu verteidigen, und schließlich gebe ich ihr recht.
„Das hat er“, sage ich und mache mir keine Mühe mehr, meine Anerkennung zu verbergen.
Sie sieht erstaunt aus, angesichts des frühen Sieges. Einen Moment ist sie sprachlos. Wahrscheinlich hat sie sich noch tausend Argumente für weitere Diskussionen zurechtgelegt, aber ich bin es müde, mit ihr zu streiten. Im Moment gibt es tatsächlich Wichtigeres.
Sie räuspert sich und fragt dann: „Wie lief denn der Ausritt heute Morgen?“
Zuerst zucke ich nur mit den Schultern, aber als ich sehe, dass ihr das als Antwort nicht genügt, stecke ich mir doch einen Zigarillo an. Im Grunde können wir die ganze Nacht lang reden, wir haben alle Zeit der Welt – solange wir nur hierbleiben. Ich blase das Streichholz aus.
„Du sollst nicht so viel rauchen!“, ermahnt sie mich, aber ich überhöre ihre Bemerkung. Wie jedes Mal. Sie schmunzelt.
„Ich muss das Bild, das du von mir hast, wieder ein bisschen geraderücken“, erkläre ich. „Ich habe ihn vielleicht herausgefordert, aber ich hätte ihn niemals ernsthaft gefährdet, wenn du das denkst. Falls etwas passiert wäre, hätte ich ihn die ganze Zeit über auffangen können – auch wenn ich mit Dragón beide Hände voll zu tun hatte.“
Piper versteht, was ich meine. „Du sprichst von deiner Gabe.“ Ich nicke. „Und, war es nötig?“
Ich blase langsam den Rauch aus und überlege, wie ich mich ausdrücke, um nicht zu beeindruckt zu klingen.
„Er sitzt im Sattel, als wäre er hineingeboren worden.“
Sie lächelt. „Genau wie du! Deine Vorführung heute mit Mariposa war fantastisch. Ich glaube, du hast die Herzen im Sturm genommen! Es kann keinen einzigen Menschen geben, der sich nach dieser Vorstellung nicht wünscht, dieses Pferd zu besitzen!“
„Und dabei war sie unser kleines Problemkind …“ Ich sehe sie freundlich an, um ihr das Kompliment zurückzugeben.
„Hat es Nicole gefallen?“, fragt sie.
„Nicole? Oh ja, ich glaube, ihr gefällt alles, was ich tue.“ Mein Blick ist vielsagend und sie dreht mit den Augen – zu viel Information! Ich muss grinsen, als ich ihre Verlegenheit bemerke.
„Es freut mich, dass du glücklich bist“, entgegnet sie eine Spur zu kühl. Aber dann entschuldigt sie sich: „Ich meine: Es ist wirklich schön, ich wollte nicht so bissig klingen …“
„Ist schon gut“, sage ich. „Sie schafft es tatsächlich, mich einen Moment die Wirklichkeit vergessen zu lassen.“ Meine Augen folgen dem Rauch, der sich langsam auflöst. „Doch wahrscheinlich sollte das nicht alles sein, was sie mir bedeutet.“
Sie seufzt angesichts dieser Offenheit. „Also ist es wieder nichts Ernstes?“
Ich zucke mit den Schultern. „No lo sé …“
Aus der Scheune ertönt ein schrilles Kreischen. Ich lasse den Zigarillo vor Schreck fast ins Stroh fallen, nur durch einen Reflex fange ich ihn in der Luft ab.
Pipers Augen werden weit.
„Ist das etwa –“ Mit einem Satz ist sie am Tor.
„Ich wollte es dir eigentlich schonend beibringen“, erkläre ich, während ich ihr helfe, den Riegel zu lösen. Das Tor bebt.
„Oh nein, Robin, was hast du getan?“ Piper steht da wie festgewachsen, als die Flügel sich öffnen. In der Scheune ist es genauso finster wie hier draußen, und so stiert sie einen Moment in die Dunkelheit. Ich halte den Atem an, doch dann ertönt der Schrei wieder. Er ist etwas leiser, eher eine Frage als ein Hilferuf. Er erkennt mich.
„Sag, dass das nicht wahr ist, Robin! Sag mir, dass es nicht Clip ist! Sag mir um Gottes willen, dass du keinen Drachen hierher gebracht hast!“ Piper starrt mich an, als hätte ich den Verstand verloren – und wahrscheinlich habe ich das auch.
„Ich kann es dir erklären“, sage ich nachdrücklich. Noch mehr Kritik von ihr vertrage ich heute wirklich nicht.
Aus der Schwärze taucht ein langer, gelblicher Hals auf. Ich könnte ihr sagen, dass er die Farbe von Ahornsirup bekommen hat, aber wahrscheinlich hat sie gerade nicht viel dafür übrig. Der Echsenkopf mit den großen schwarzen Augen, nach denen wir ihn benannt haben, senkt sich bis auf unsere Höhe, um uns zu mustern. Zur Begrüßung bläst der Drache mir warme Luft unter das Hemd und ins Haar. Er riecht an mir und reibt dann seinen Kopf an meiner Brust, sodass ich Mühe habe, mich auf den Beinen zu halten. Er quietscht jetzt leiser und viel zufriedener.
„Du hattest Angst, mein Junge, was? Ich habe dich lange alleine gelassen. Wahrscheinlich dachtest du, dass ich wieder fortgehe.“ Ich massiere die ledrige Haut hinter seinen Widderhörnern. „Wo hast du denn deinen Riemen gelassen?“
In einer Wandnische finde ich eine Taschenlampe und suche auf dem Boden nach dem Ledergürtel, den ich ihm provisorisch ums Maul gebunden habe, damit er sich nicht verrät. Jetzt, wo er ihn los ist, stürzt er sich auf das Heu, das ihn umgibt, und schlingt es gierig hinunter.
Piper steht noch immer da wie angewurzelt. „Ich kann das nicht glauben!“, sagt sie zu sich selbst. Aber als der erste Schock von ihr abgefallen ist, hält sie nichts mehr. Der Drache faucht zuerst ein bisschen, aber als er sie erkennt, lässt er sich auch von ihr streicheln. „Ich hab dich wirklich vermisst, weißt du das, kleiner Racker?“
Ich mache einen spöttischen Laut über ihre Wortwahl, aber ich freue mich, sie so zu sehen. Endlich wieder ein bisschen glücklich. Und sie sieht aus, als würde sie dasselbe von mir denken.
„Also damit warst du den halben Tag beschäftigt!“
Ich nicke. „Ich musste ihn aus dem Wolf Forest hierher holen, das war keine leichte Aufgabe. Es kam mir ganz gelegen, dass Oscar meine Arbeiten hier übernommen hat, ohne nachzufragen.“
„Bist du geflogen?“
Ich grinse sie an. Ich könnte mich täuschen, aber trotz allem, was wir erlebt haben, finde ich in ihren Augen noch immer einen Funken Abenteuerlust.
„Willst du vielleicht noch eine Runde drehen?“
„Oh nein!“ Sie hebt abwehrend die Hände. Aber dann überlegt sie. „Ein andermal möglicherweise. Ein Drache in der Scheune! Das ist eindeutig schon zu viel für heute, Robin!“
„Ich weiß. Mir eigentlich auch.“
„Aber wieso musstest du ihn herholen? Er war doch bei Annikki …“
„Sie konnte nicht mehr auf ihn aufpassen; wieso, hat sie mir nicht gesagt. Es musste sehr schnell gehen, sie schickte mir einen Boten.“ Piper sieht mich fragend an. „Einen ihrer pelzigen Freunde“, erkläre ich. „Er sagte mir nur, dass ich ihn holen soll.“
„Hm“, macht sie. „Und was jetzt?“
Ich zucke mit den Schultern. „Ich dachte, du würdest mir helfen, ich habe noch niemandem davon erzählt.“
Wir blicken beide auf Clip, der sich auf dem Boden zusammengerollt hat – so gut er das mit dem Volumen eines Kleinlasters eben kann. Sein Kopf liegt in meinem Schoß und ist so schwer wie ein Schaf, aber seine dunklen Augen himmeln mich durch halb geschlossene Lider an und sein Atem geht ruhig und gleichmäßig.
„Er ist groß geworden“, sagt Piper gedankenverloren, während sie noch immer seinen Hals streichelt.
„Er war schon immer groß!“, sage ich.
„Nicht, als er aus dem Ei kam!“
„Das stimmt. Manchmal frage ich mich, wie alles passiert wäre, wenn er mich damals nicht zuerst gesehen hätte.“
„Vielleicht hätte er dann Brendan gesehen!“ Wir lachen beide bei der Vorstellung.
„Vielleicht wäre dann alles ganz anders gekommen“, überlege ich, aber Piper lässt nicht zu, dass ich wieder in meinen Gedanken versinke.
„Wir müssen uns etwas einfallen lassen!“, sagt sie. „Im Moment habe ich noch keine Idee, aber möglicherweise finden wir ein etwas entlegeneres Versteck für ihn. Mag sein, dass Brendan etwas Gutes weiß.“
Ich nicke. „Wir sagen es ihnen morgen. Ich glaube, jetzt musst du wirklich nach Hause.“
Als ich aufstehe, lege ich den schweren Kopf des Drachen behutsam ab. Inzwischen schnarcht er zufrieden.
Piper scheint noch ein bisschen Zeit verlieren zu wollen und macht keine Anstalten, sich zu erheben. Während ich Clip wieder den Gürtel ums Maul wickele, frage ich sie: „Wo warst du eigentlich vorhin?“
„Bei Andy.“
Ich werde still. Ich hätte sie begleiten und meinem Bruder dieselbe Ehre erweisen müssen. Aber ich beschäftige mich mit so bedeutungslosen Dingen wie der Frage, wer Amerikas nächster Supercowboy wird. Sie kann mich kaum für mehr als oberflächlich halten.
Ich schließe das Tor langsam von innen und bedeute ihr, durch den Stall zurück auf den Hof zu gehen. Vorsichtig steigen wir eine Treppe hinunter, mein Licht springt über die leeren Boxen. Alle Pferde sind draußen.
Piper bummelt hinter mir und ich muss auf sie warten. Wahrscheinlich denkt sie jetzt wieder an Danny – und an ihre Mutter, die sie einmal mehr enttäuschen musste, und das meinetwegen!
„Kann ich nicht heute Nacht hierbleiben?“, fragt sie zögernd, aber ich schüttele den Kopf.
„Das fällt aus! Deine Mutter denkt doch sowieso schon, dass wir was miteinander haben! Ich will nicht, dass Nicole irgendwelche Gerüchte wittert!“
Sie dreht mit den Augen, aber ich gebiete ihr mit einem strengen Blick Einhalt.
„Robin, du bist mein Freund!“, bettelt sie. „Du bist verpflichtet, mir in Notsituationen zu helfen! Ich könnte in Andys Zimmer schlafen, das ist doch überhaupt nichts Seltsames, ich wohne schließlich schon fast hier!“
„Ruf Brendan an!“, sage ich ungerührt, auch wenn ich mir das Grinsen kaum verkneifen kann.
Sie tut beleidigt.
„Wenn ich mein Einhorn nicht dem Antichrist ausgesetzt hätte, würde ich das tatsächlich tun. Aber so muss ich wohl zurück in die Höhle des Löwen!“
„Ich bedaure zutiefst, der Anlass für euren Disput gewesen zu sein, Cosita, aber ich lasse mir keine Mitschuld geben! Das schlechte Gewissen musst du dir mit deinem Einhorn teilen, ich habe hier schon genug Probleme!“ Ich zwinkere ihr zu, auch wenn ich nicht sicher bin, dass sie es im Dunkeln sieht. Maulend folgt sie mir hinaus auf den Hof.
Als wir den Wagen erreichen, fällt ihr noch etwas ein und sie blickt zurück.
„Im Stall war kein Pferd mehr, oder? Wo ist Phoenix, hast du ihn mit auf die Koppeln gestellt?“
„Diesen verrückten Spinner? ¡Díos mío! Ich bin froh, dass Oscar ihn abends mit nach Hause nimmt! Ich glaube, er und Dragón würden sich gegenseitig umbringen!“
„Er nimmt ihn mit? Im Hänger?“
„Was dachtest du denn? Dass er bis Amarillo reitet?“
„Er wohnt in Amarillo? Warum nicht hier? Nein, natürlich dachte ich das nicht. Ach, vergiss es! Wahrscheinlich muss ich jetzt wirklich zurück, sonst schwänze ich morgen auch noch die erste Stunde!“
„Claro. Ich hab zwar keine Ahnung, wovon du redest, Chica, aber ich bringe dich nach Hause – steig ein!“