Читать книгу Die Krieger des Horns - Eismond - Josefine Gottwald - Страница 14
IX
Piper
ОглавлениеMeine Begegnung mit Danny ist ernüchternd. Ohne mich um eine Erklärung zu bitten, erteilt er mir zwei Wochen Hausarrest, in denen ich lernen soll, mich auf die Schule zu konzentrieren – und meine Mutter gibt dazu ihr stilles Einverständnis. Ich habe nicht mehr die Ausdauer, ihm zu widersprechen, und lasse ihn einfach im Flur stehen. Dass er mir aufgrund meiner Frechheit nicht wutentbrannt auf mein Zimmer folgt, verdanke ich wahrscheinlich Moms guter Zurede.
Anstatt mich über ihn oder seine Strafe zu ärgern, kreisen meine Gedanken den Rest der Nacht um den Drachen Clip, Joice und den schwarzen Reiter. Beim Versuch, die Ereignisse des Tages in eine sinnvolle Konstellation zu bringen, schlafe ich irgendwann ein.
Am nächsten Morgen ist mir mein Hausarrest völlig egal. Ich verlasse den Hof noch früher als sonst, um meiner Mutter nicht zu begegnen, und reite sofort zur Ranch rüber. Am liebsten wäre ich den ganzen Tag gar nicht aus meinem Bett gekommen, aber irgendwann muss ich schließlich wieder zur Schule gehen, außerdem ist es eine Gelegenheit mehr, Danny zu demonstrieren, wie wenig mir seine Meinung bedeutet.
Auf dem Weg denke ich daran, dass er meine künftigen Fluchtversuche vereiteln könnte, indem er mein Sattelzeug manipuliert oder verschwinden lässt oder sich an meinem Einhorn vergreift. Aber Luna beruhigt mich mit einem Schnauben und versichert mir, dass er es nicht wagen wird.
„Ich wusste, dass ein kleiner Rebell in dir steckt!“, sage ich grinsend und habe seltsamerweise überhaupt kein schlechtes Gewissen. Es gibt so viel Wichtigeres in dieser Welt als Hausarrest. Vielleicht wäre ich nicht so mutig gewesen, wenn nicht die Gefahr bestanden hätte, dass ein Drache die Davis Ranch niederbrennt – und sei es, indem er aus Versehen hustet. Oder wenn der Vampir nicht aufgetaucht wäre. Oder wenn ich das Phantom nie mehr wiedergesehen hätte. Ich könnte mich wahrscheinlich glücklich schätzen, wenn Hausarrest mein größtes Problem wäre. Wenn ich ehrlich bin, ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Einmal mehr fehlt mir Andy, seine Schulter zum Anlehnen, seine aufbauenden Worte, seine Stimme, seine Küsse.
Ich versuche, mich auf den Weg zu konzentrieren. Er kommt mir kürzer vor als sonst, aber das kann daran liegen, dass ich Luna energisch vorwärtstreibe. Sie hat es eigentlich nicht verdient, so gehetzt zu werden, aber ich komme mir vor, als ob ich fliehen müsste. Ich entschuldige mich bei ihr und lasse sie auf der etwas abgelegenen Weide bei den anderen Einhörnern.
Dann mache ich mich auf die Suche nach Robin, um ihn nach Clip zu fragen. Er begrüßt mich mit einem Grinsen, das mir etwas Ruhe zurückgibt.
„Hat er dich also doch gehen lassen?“, fragt er. „Ich war überzeugt, ich müsste erst mein Schwert ziehen und dich von schmiedeeisernen Ketten befreien!“
„Sagen wir, ich konnte sie selbst sprengen!“, antworte ich.
Er pfeift. „Corazón, ich erkenne dich nicht wieder!“ Ich bin mir nicht sicher, ob er es mit Bewunderung oder Sorge sagt, vielleicht, weil er selbst nicht weiß, was überwiegt.
„Lass uns anfangen!“, sage ich, aber da wird sein Blick finster.
„Oscar ist heute noch nicht aufgetaucht. Ich weiß nicht, was der sich denkt, heute sollten die Fohlen ihre Brandzeichen bekommen. Ich brauche Stunden, wenn ich sie allein von den Stuten trennen muss, und Clip wartet auf sein Frühstück!“ Er setzt sein charmantestes Lächeln auf. „Kannst du mir vielleicht helfen, Querida?“
Ich verschiebe das Training mit meinen Pferden auf später und gehe mit ihm zu den Paddocks. Er hat das Brenneisen schon an der Wand stehen und wirft mir ein Lasso zu.
„Es wird schwierig für uns beide allein werden, du wirst die Pferde wahrscheinlich schlecht halten können – und ich glaube nicht, dass du das Eisen nehmen willst, oder?“ Er grinst frech und ich lehne dankend ab.
Wir beschließen, zunächst die Fohlen von der Herde getrennt einzupferchen und versuchen, sie einzeln herauszufangen. Es ist keine leichte Arbeit, weil sie ihren Müttern kaum von der Seite weichen und die Stuten nervös von einer Ecke in die andere traben. Nach ein paar Runden muss ich erst mal zu Atem kommen und mache eine Pause.
„Wie hast du das eigentlich vorher gemacht?“, frage ich. „Also ich meine, als Oscar noch nicht da war …“ Ich lehne mich an den Holzzaun und suche am Boden nach meiner Wasserflasche.
Robin setzt seinen Hut ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Mit meinem Vater“, sagt er. „Aber er sieht es nicht ein, mir zur Hand zu gehen, jetzt, wo er jemanden dafür angestellt hat. Er kümmert sich fast nur noch um die Abfertigung der Kunden und Reitschüler.“
Ich trinke in großen Schlucken und nicke dabei, ohne abzusetzen. Ich will ihn nach dem Drachen fragen, aber aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sein Gesicht versteinert. Er deutet über meine Schulter hinweg und mich befällt eine böse Ahnung, was mich erwartet. Bevor ich mich durchgerungen habe, nachzusehen, höre ich Danny über den ganzen Hof brüllen.
„Das ist das letzte Mal, dass du deinen Willen durchgesetzt hast, junges Fräulein! Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du um eine Privatschule betteln!“ Er wirft die Autotür zu und kommt mit schnellen Schritten auf mich zu. Meine Mutter redet auf ihn ein, aber sie ist viel langsamer und schafft es nicht, ihn einzuholen. Bis er in meiner Nähe ist, beschimpft er mich viermal und Robin gleich mit. Ich weiche instinktiv ein Stück zurück und suche nach einer Fluchtmöglichkeit – hinter mir sind die Pferde, vor mir der Zaun. Ich kann mich unsichtbar machen, sage ich mir; ich will mein Geheimnis eigentlich nicht verraten, aber wenn ich muss, werde ich verschwinden.
„Habe ich mich vielleicht undeutlich ausgedrückt oder ist deine Auffassungsgabe zu beschränkt, um mich zu verstehen?“ Er macht sich nicht die Mühe, das Tor zu öffnen, sondern springt direkt über den Zaun. Das verschafft ihm wieder etwas Vorsprung vor meiner Mom. Als ich ihm nicht antworte, wird er noch lauter.
„Ist dir eigentlich klar, dass du alles, was wir für dich tun, mit Füßen trittst? Bedeutet dir deine Mutter vielleicht so wenig, dass es dir scheißegal ist, was sie sagt? Du musst doch selten dämlich sein, wenn du noch eine Strafe riskierst, um hierher zu kommen!“
Er spuckt das Wort aus wie Gift und tritt mit dem Fuß in den Sand, dass er mir beinahe in die Augen fliegt.
„Es reicht!“, sagt Robin und baut sich schützend vor mir auf. Aber Danny schafft es, sich an ihm vorbeizudrängen. Jetzt ist nichts mehr zwischen uns. Ich zwinge mich, ihm in die Augen zu sehen, mit allem Stolz, den ich aufbringen kann. Er schlägt mich tatsächlich mit der flachen Hand ins Gesicht. Während ich ihn entsetzt anstarre, packt er mein Handgelenk und dreht es mir grob auf den Rücken. Dann stößt er mich vorwärts, während er mich noch immer anschreit. Ich winde mich aus seinem Griff, stolpere ein paar Schritte und blicke mich panisch um.
Aus dem Augenwinkel sehe ich Oscars silbernen Jeep vorfahren; Señor Davis kommt aus dem Haus und ruft etwas. Auch die Stimme meiner Mutter kann ich hören, aber sie klingt weit weg. In meinen Ohren rauscht mein eigenes Blut vor Panik, die seine Berührung auslöst. Ich muss verschwinden, denke ich, ich muss weg! Sofort!
Plötzlich wird Danny mit Wucht von mir fortgerissen. Er geht zu Boden, ich bin frei. Ich kämpfe um mein Gleichgewicht und fange mich nach ein paar wackeligen Schritten.
Robin fragt mich, ob alles okay ist. Danny liegt im Sand, und Blut läuft ihm aus Mund und Nase. Jetzt ist meine Mutter bei ihm, ich komme mir immer noch vor wie in einem schlechten Film.
Robin belegt Danny mit den schlimmsten Flüchen, während meine Mutter ihm aufhilft und sich an ihn klammert, als er nochmal auf uns losgehen will. Auch Danny hat seine Sprache wiedergefunden und beschimpft Robin als Ausländer und droht, ihn zu verklagen. Meine Mutter bringt ihn zurück zum Wagen und widmet mir noch einen letzten besorgten Blick. Einen Moment später sind sie verschwunden, aber Robin läuft ihnen bis zum Tor hinterher und macht deutlich, dass er sie nie wieder hier sehen will.
Ich blicke in schockierte Gesichter. Celeste Davis und ihre Schwester stehen in der Tür, die Hände an die Lippen gepresst. Maya versteckt sich wimmernd hinter ihrer Mutter, Jeremy Davis starrt seinen Sohn an, unfähig, ihn für sein Verhalten zu maßregeln. Direkt neben mir, auf der anderen Seite des Zauns, steht Oscar. Auch sein Blick ist fassungslos, aber er richtet sich nicht auf mein Gesicht, sondern auf meine Füße. Als ich ihm folge, um zu sehen, was er anstarrt, bemerke ich erschrocken, dass ich zur Hälfte unsichtbar geworden bin; erst langsam materialisiere ich mich wieder.
Robin ist sofort bei mir, auch er springt über den Zaun, als er zurückkehrt, und schirmt mich von den anderen ab. Er versichert mir, dass sie nicht wiederkommen werden, dann beruhigt er mich mit ein paar liebevollen spanischen Worten, reicht mir etwas zu trinken und hebt meinen Hut auf, der in den Sand gefallen ist. Während er den Staub abklopft, fragt er in einer umständlichen Art, ob ich mit zu Clip kommen will, aber ich schüttele den Kopf.
„Ich glaube, ich muss einen Moment allein sein“, antworte ich und nehme meinen Hut dankend wieder entgegen. „Vielleicht komme ich später noch zu ihm, sagst du ihm das?“ Ich schaffe es nicht zu lächeln, und Robin nickt schweigend. In seinem Blick liegt so viel Sorge, dass es mir schwer fällt, ihn zu enttäuschen, aber ich fühle, dass ich zu Luna muss. Vielleicht finde ich in ihrer Nähe wieder einen klaren Gedanken.
Robin geht und würdigt Oscar keines Blickes. Auch ich sehe niemandem ins Gesicht und folge langsam dem Weg zur Einhornweide. Der Hof bleibt hinter mir zurück, zusammen mit den Ereignissen dieses jungen Tages. Ich kann noch immer nicht glauben, was passiert ist. Ich konzentriere mich auf die wenigen Sonnenstrahlen, die meinen Rücken wärmen, auf das Geräusch, das das trockene Gras unter meinen Stiefeln macht, auf das näherkommende Schnauben der Pferde. Ich laufe an ein paar Bäumen vorbei und an einer stacheligen Hecke, die die Koppel einrahmt, die in einer Senke versteckt liegt.
In meinen Gedanken rufe ich nach Luna und sie antwortet mir, noch bevor ich sie sehen kann. Als ich das Tor hinter mir schließe, kommt sie auf mich zu, und auch in ihren Augen glaube ich Sorge zu erkennen.
Was ist geschehen? Deine Wange ist rot!
Ich lege eine Hand auf die Stelle, wo Danny mir die Ohrfeige erteilt hat. Sie fühlt sich heiß und geschwollen an. Ich erzähle ihr die Geschichte mit den spärlichen Bildern, die meine Erinnerung zustande bringt.
Ärgere dich nicht, sagt sie, am Ende widerfährt allen Gerechtigkeit.
Ich sehe sie nachdenklich an. „Woher nimmst du nur immer diese weisen Worte?“
Sie blickt freundlich zurück. Dann wiehert sie leise und schaut an mir vorbei.
Hinter mir höre ich langsame Schritte im Gras. Wahrscheinlich ist es Robin, denke ich, aber als ich mich umdrehe, sehe ich in das Gesicht von Oscar. Im ersten Moment erschrecke ich, weil ich ihm den Weg zur Weide gezeigt habe, aber dann sage ich mir, dass er ihn wahrscheinlich ohnehin längst kennt, schließlich arbeitet er hier.
„Hey“, sagt er. Ich antworte nicht. Ich suche nach einer Erklärung dafür, weshalb er meine Beine nicht mehr sehen konnte, falls er danach fragt. Dann beschließe ich, dass es das Beste ist, alles abzustreiten. Aber er fragt nicht.
„Das tut mir leid“, sagt er und legt den Finger auf seine Wange, um mir zu zeigen, was er meint. „Tut es noch weh?“
Ich zucke mit den Schultern. „Ich hatte schon schlimmere Verletzungen.“
„Nun, dann bist du besser davongekommen als er!“ Oscar lächelt und mir wird einen Moment seltsam warm dabei. „Er war nicht dein Vater, oder?“
Ich schnaube. „Das hätte er wohl gerne! Aber mein Vater war auch nicht besser. Wahrscheinlich hatte ich gehofft, ewig mit meiner Mutter allein leben zu können …“
Er weiß nicht, was er dazu sagen soll. Irgendwie fühle ich mich an meine erste Begegnung mit Andy erinnert. Ich nerve ihn mit Problemen, die ihn sicher überhaupt nicht interessieren. Dann antwortet er doch etwas.
„Weißt du, meinen Vater habe ich eigentlich nie kennengelernt.“ Jetzt weiß ich nicht, was ich sagen soll. „Ich hab keine Ahnung, was schlimmer ist“, meint er, „so einen Vater zu haben oder gar keinen.“ Er macht eine Pause. „Es steht mir zwar nicht zu, darüber zu urteilen, aber ich glaube, zumindest deine Mutter war auf deiner Seite.“
Wieder kann ich mich nur abfällig äußern. „Ich glaube, sie ist intelligent genug, um zu merken, dass die Arbeit hier das Einzige ist, was mich am Leben hält.“ Und meine Freunde, füge ich in Gedanken hinzu, die Krieger, die Pferde und die Einhörner – drei Gründe, zu überleben, drei Dinge, die mich brauchen. Ich muss mich immer wieder selbst daran erinnern.
„Aber du hast Glück“, sagt er, „du hast einen tollen Freund. Er muss dich sehr lieben.“
„Er ist nicht mein Freund“, antworte ich. „Mein Freund ist tot.“
Eine Weile sagt er nichts. Irgendwann meint er: „Ich verstehe das besser, als du vielleicht denkst. Ich habe sehr viele Menschen verloren. Aber jetzt begreife ich, weshalb hier alle so seltsam sind. Ich dachte schon, deine Freunde können mich nicht leiden.“
„Vielleicht ist das auch so“, sage ich verärgert, weil er es wagt, Andy mit irgendjemandem zu vergleichen.
Er atmet aus. „Eigentlich wollte ich mit dir über etwas ganz anderes reden …“
Ich blicke eine Weile auf das trockene Gras.
„Es tut mir leid“, sage ich dann versöhnlich. „Du kannst natürlich nichts dafür.“
„Es ist noch nicht lange her, was?“
„Ich möchte eigentlich nicht darüber sprechen.“
„Kein Problem.“ Ich muss an Robin denken. Er hätte dasselbe gesagt. „Vielleicht kannst du mir dann etwas anderes erklären?“
Ich sehe ihn fragend an. Er zeigt mir seine Hand und erst jetzt fällt mir auf, dass sie von den Fingerspitzen bis zum Ellbogen bandagiert ist.
„Hast du dich auch geprügelt?“, frage ich mit einem schiefen Grinsen.
„Nein.“ Er lächelt zurück. Aber dann wird er wieder ernst. „Das war der Drache.“
Entgeistert blicke ich ihn an. „Du warst bei dem Drachen?“ Ich bin so schockiert, dass ich mich gar nicht erst bemühe, eine Ausrede zu finden. Es verwirrt mich, dass er keine Sekunde lang an seinem Verstand zweifelt. Ich weiß noch, wie lange ich gebraucht habe, um Clips Existenz zu begreifen.
Noch einmal blicke ich auf den Verband.
„Das war Clip?“, frage ich dann. „Was hat er getan?“
Oscar nickt. „Er war erschrocken. Natürlich hat er sein Revier verteidigt … Wie nennt ihr ihn?“
„Sein Name ist Eclipse, wegen seiner dunklen Augen.“ Automatisch sehe ich in seine, aber ich senke schnell den Blick.
„Nun, darauf konnte ich leider nicht achten.“ Ich höre, dass er lächelt, und sehe wieder auf. „Und woher habt ihr ihn?“
Ich seufze. „Ich weiß nicht, ob ich mit dir darüber reden sollte.“ Ich denke an Joice' Warnung vor ihm. Ein innerer Drang treibt mich dazu, mich zurückzuziehen, aber als ich das offene Interesse in Oscars Gesicht sehe, beschließe ich, ganz ehrlich zu sein. Ich kann einfach nichts Verdächtiges an ihm finden. Er ist nur der nette Junge von nebenan; der mit den freundlichen Augen, dem wilden Pferd und dem tollen Auto, der reiten kann wie ein Halbgott und der ausgerechnet mich angesprochen hat. Und er scheint genau zu wissen, wovon er redet. Warum sollte ich ihm nicht antworten?
„Also schön. Eine gute Freundin hat ihn uns gegeben, ein Waldgeist.“
„Annikki.“
Als er das sagt, klappt mein Unterkiefer herunter. „Woher weißt du …“
„Sie ist auch meine gute Freundin. Sie hat mir den Auftrag erteilt, euch zu suchen. Na ja, ich habe eine ganze Weile gebraucht …“
In meinem Kopf ordnen sich die Gedanken neu. Jetzt verstehe ich die Worte des Vampirs überhaupt nicht mehr.
„Annikki hat dich geschickt?“, frage ich, um ganz sicher zu gehen, dass ich ihn richtig verstanden habe. „Und wer bist du?“
Jetzt scheint er sich etwas unwohl zu fühlen. „Das ist ein wenig komplizierter. Wir sind uns schon ein paarmal begegnet. Du warst doch auf dem Friedhof gestern Abend, nicht wahr? War es wegen deinem Freund?“
„Ich … woher weißt du das?“
Meine Gedanken suchen nach vernünftigen Erklärungen, aber er nimmt sie mir ab.
„Ich war auch dort.“
„Du?“ Plötzlich überläuft mich ein eisiger Schauer. Ich denke einen Augenblick an Phoenix. „Also warst du der … du bist …“ Mit großen Augen starre ich ihn an. Dann flüstere ich: „Du hast Andy getötet!“
Seine Miene gefriert. „Was?“ Einen Moment starrt er mich mit offenem Mund an. Dann sinkt er vor mir auf die Knie. „Bitte sag mir, dass das nicht stimmt! Bitte sag mir, dass er es überlebt hat!“
„Überlebt?“ Meine Stimme überschlägt sich. „Der Pfeil hat ihn direkt in die Lunge getroffen – wie sollte er das überleben! Du hast auf ihn geschossen!“
„Ich habe ihn nicht gesehen!“
„Du weißt überhaupt nicht, was du mir angetan hast!“
„Piper …“
„Du bist sein Mörder!“
„Ich habe auf den Vampir gezielt. Es war ein todsicherer Schuss. Er muss in die Linie geraten sein, ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich wollte doch nicht ihn treffen, das musst du mir glauben!“
Als ich höre, was er sagt, verliere ich den Boden unter den Füßen. Seine Umrisse verschwimmen vor meinen Augen. Dann sehe ich gar nichts mehr. Ein todsicherer Schuss.
Ich falle ins Gras.