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VI
Piper

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Den restlichen Tag gehe ich der Begegnung mit Robin aus dem Weg. Ich wüsste gern, ob sich die Situation inzwischen gebessert hat, aber ich habe keine Ahnung, was ich zu ihm sagen soll und glaube auch nicht, dass er Lust hat, mit mir zu reden. Auch mit Oscar wechsle ich kaum ein Wort, obwohl ich ihm häufig begegne. Ich stelle fest, dass es gut ist, sich an ihn zu halten, wenn man Robin meiden will, aber auf seine Fragen antworte ich nur einsilbig, und er gibt schnell auf, sich mit mir zu unterhalten, während ich ganz in meiner Arbeit auf dem Hof und mit den Pferden versinke.

Ich fege gerade den Stall aus, während Oscar die Boxen säubert, als Señor Davis uns fragt, ob wir zum Abendessen bleiben wollen – als kleine offizielle Begrüßung sozusagen.

Ich lehne dankend ab und mein Chef gibt vor, es zu verstehen, aber wahrscheinlich glaubt er, dass ich sauer bin wegen der Pläne, die er ohne unser Wissen gemacht hat. Normalerweise hätte ich auch zu Robin gehalten, wenn er nicht dieses kindische Gehabe an den Tag gelegt hätte.

Ich würde Oscar gern empfehlen, das Angebot ebenfalls abzuschlagen, aber ich habe keine Gelegenheit und eigentlich steht es mir auch nicht zu. Im Grunde kann es mir ja egal sein; sollen sie sich von mir aus wie tollwütige Hunde anfallen; ich habe Wichtigeres zu tun, als mich um ihre Spielchen zu kümmern.

Es ist schon spät, als ich Luna von ihrer Weide hole und mich auf den Heimweg mache. Ich reite auf die Felder hinaus, während die Sonne hinter dem Horizont versinkt und Coastville in Dunkelheit zurücklässt. Mein Weg führt mich ein Stück parallel zur Stadt und mein Blick wandert über die Hügel, hinter denen der Friedhof liegt, nicht weit von Dannys Ranch entfernt. Kurz entschlossen wende ich Luna und galoppiere hinüber zur Cemetery Road.

Am Ende der Straße stehen nur noch wenige Einfamilienhäuser und der Asphalt unter Lunas Hufen wird zu weichem Lehmboden, als ich die Kirche sehe. Sie heißt Maria de Guadelupe und stammt aus der Zeit, als Texas noch zu Mexiko gehörte. Das Friedhofstor ist offen und ich binde Luna an den Eisenstäben fest, auch wenn das eigentlich nicht nötig wäre.

Bleib nicht so lang, bittet sie und bläht die Nüstern, ich wittere die Nacht. Zur Antwort lege ich eine Hand auf ihre Stirn und sie senkt den Kopf. Grüß ihn von mir, sagt sie, er fehlt mir auch!

Diesen Weg könnte ich blind finden, über hundertmal bin ich ihn gegangen. Ich lenke meine Schritte schnell abseits der Hauptwege, vorbei an vielen schönen Steinen, Engeln, Kreuzen. Mir fallen frische Blumen auf, an einem Grab, das noch keinen Stein trägt, weil der Boden sich erst setzen muss. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass in dieser Stadt nicht noch eine Mutter ihr Kind beerdigen musste. Und wie schon oft denke ich, dass Dina recht hat, dass nicht alles umsonst gewesen sein darf. Meine Freundin Gillian, das Baby von Celeste Davis, Robins Einhorn Destino – und dann Andy. Es muss endlich aufhören. Wir wissen nicht, wo die Hexen, die Wölfe oder die Vampire jetzt sind und was sie planen. Vielleicht kommen sie morgen und wollen Luna töten, vielleicht warten sie schon draußen vor dem Tor. Ein Schauer kriecht mir über den Rücken.

Ich blicke zurück zur Straße und höre den Schrei eines Käuzchens aus dem Baum über mir. Blödsinn, denke ich dann, sie waren ein Jahr nicht hier, warum sollten sie jetzt kommen? Nun erst wird mir wirklich bewusst, dass ich mich im Dunkeln auf einem Friedhof herumtreibe, aber seltsamerweise fühle ich keine Angst. Ich gehe zu Andy.

Innerlich bin ich längst zu der Einsicht gelangt, dass ich meine Identität nicht leugnen darf – und es liegt mir nichts ferner als meinem Einhorn meinen Schutz zu verwehren – aber ich weigere mich mit allem, was ich habe, noch jemanden zu verlieren, der mir nahe steht.

Nur ein einfacher Stein verweist auf Andys letzte Ruhestätte. Sein voller Name steht darauf und der Tag, an dem wir in die Ewigen Welten aufbrachen. Daneben ist eine kleine Tafel in den Boden eingelassen, zur Erinnerung an seine neugeborene Schwester, nach der ich mein Einhorn benannt habe.

Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als hier auch noch einen Stein für Robin zu sehen. Oder für Dina oder Brendan. Noch ein Einhorn zu verlieren oder noch mehr Opfer der Vampire oder der Hexen sehen zu müssen. Um das zu verhindern, würde ich tatsächlich noch einmal durch lebende Sümpfe gehen und mich ins Verlies werfen lassen. Und wahrscheinlich würde ich mich noch weit Größerem stellen als Drachenkriegern oder einem Seeungeheuer. Ich seufze. Warum muss eigentlich gerade ich solche Entscheidungen treffen?

Ich entzünde das Grablicht, das Andys Geist leiten und ihn zu mir führen soll. Damit knie ich mich ins Gras und bemühe mich, meine wirren Gedanken abzustellen, Ruhe zu finden, zu ihm zu finden.

Ich denke an Andy. Wie es war, als wir uns das erste Mal sahen, als wir uns das erste Mal küssten. Momente, die nur uns gehörten. Wir haben tatsächlich unsere Namen in den dämlichen alten Baum gekratzt. Sie werden dort für immer stehen. Piper und Andy – für immer.

Ich sehe sein verschmitztes Lächeln, seine fröhlichen Augen, wenn er mir eine Freude machen wollte. Seinen furchtlosen Blick, der immer genau wusste, was er wollte. Seine aufrechte Haltung im Sattel von Dragón. Aber auch das Blut, das über seine Brust lief, als er gehen musste. Und das erste Mal wirkliche Angst in seinen Augen.

Ich empfange die Tränen mit so viel Fassung, wie ich aufbringen kann. Aber irgendwann schluchze ich. Er ist für immer fort, sagt eine Stimme in meinem Kopf – für immer.

Und dann spricht sie tatsächlich, wie aus dem völligen Nichts.

„Ich würde nicht sagen, dass er fort ist …“

Als ich den Tonfall erkenne, erstarre ich. Einen Moment ist die Verwirrung stärker als die Furcht, weil irgendetwas Fremdes in der Stimme liegt. Etwas viel zu Sanftes. Aber es ist auch lange her.

„Joice!“, flüstere ich, zwischen fast geschlossenen Lippen.

Der Vampir macht einen Schritt aus der Dunkelheit und steht neben mir. Ich wage noch immer nicht, aufzublicken, und fühle mich wie gelähmt. Wahrscheinlich erwarte ich seine finsteren Begleiter. Gillian, seine Gefährtin. Und den Tod.

„Wo bleibt dein Sarkasmus?“, frage ich leise, aber entschlossen, nicht kampflos aufzugeben. Ich wische meine Tränen fort. Dann konzentriere ich mich auf mein Verschwinden und Stück für Stück werde ich unsichtbar.

„Nein, bleib!“, sagt er schnell. Und wieder lässt mich etwas innehalten. Irgendetwas ist anders. Er ist noch immer mein Feind, oder nicht? Aber ich bleibe, nur um zu sehen, was er mir zu sagen hat.

Ich höre ein leises Seufzen. Dann geschieht etwas Unerwartetes. In einer geschmeidigen Bewegung, wie eine Katze, sinkt er neben mir auf die Knie und blickt mir in die Augen. Mir bleibt vor Überraschung der Mund offen stehen und ich starre ihn nur an.

„Fühlst du, dass er hier ist?“, fragt er und sieht mich dabei so ernst an, dass ich einen Moment nachdenken muss, was er gefragt hat, weil sein Blick mich gefangen hält.

„Dass er … hier ist?“ Mein Mund ist trocken. „Du meinst, sein Geist?“ Er nickt, langsam und nur einmal. „Und du … spürst das?“, frage ich.

Das wäre beinahe ein Grund, ein Vampir zu werden, denke ich. Jetzt endlich lasse ich die Fragen zu. Sie strömen nur so durch meine Gedanken und ich brauche sie gar nicht auszusprechen, da hat er sie schon verstanden.

Als erstes sehe ich mich nach Luna um.

„Dem Einhorn geschieht nichts“, sagt er.

„Gillian?“, frage ich dann, aber er schüttelt den Kopf. Sie ist nicht hier.

Ich atme aus. Dann greife ich meine Frage wieder auf. „Kannst du … ihn hören oder mit ihm sprechen?“

„Nein. Aber ich kann dir zeigen, wie du es tun kannst. Wie du ihn sogar sehen kannst.“

Mein Atem geht schneller. „Wie?“, frage ich, ohne nachzudenken.

„Was weißt du über Beschwörungen?“

Ich erinnere mich an das Ritual, mit dem die Vampire den Feuerdämon Avazaro zum Leben erwecken wollten. An die schrecklichen Worte und Gesänge, mit denen sie die Kirche erfüllten. Und das Baby, das sie dafür opferten, Robins und Andys kleine Schwester. Ein Frösteln durchfährt mich, als ob eine eisige Hand nach mir greift.

„Das ist schwarze Magie“, sage ich leise.

Joice weicht meinem Blick nicht aus. „Ich habe nicht gesagt, dass es einfach oder angenehm wäre. Aber es ist möglich.“

Ich überlege fieberhaft. Ist es das wert? Ist es ein Leben wert, ganz gleich welches? Und wäre es dann nur für einen kurzen Moment? Was würde Andy mir sagen, wenn er mir begegnen könnte? Dass er mich noch immer liebt? Ist es das, wonach ich mich sehne? Nein, entscheide ich, das weiß ich längst.

Eindringlich fährt er fort: „Wenn es für dich – zumindest im Moment – nicht infrage kommt, bleibt dir nur die Möglichkeit, die du jetzt schon hast. Du kannst ihn rufen, um mit ihm zu sprechen.“ Er deutet ein Nicken in Richtung des Grabes an. „Es ist egal, ob du es bei Nacht tust oder am Tag. Zünde das Licht an und er wird dich finden. Wo auch immer du bist.“

Als Joice das sagt, bin ich erneut den Tränen nahe. Ein innerer Drang würde mich am liebsten sofort gegen seine Schulter sinken lassen, so schwach und verzweifelt komme ich mir vor. Aber ich vergrabe mein Gesicht nur in den Händen.

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich genau, was Andy zu mir sagen würde. Weine nicht, mein Engel. Ich kann es nicht sehen, wenn du weinst. Ich presse die Lippen aufeinander.

„Wenn ich ihn rufen würde … Könnte er … könnte er mich berühren?“

Der Vampir schüttelt den Kopf. „Um ihn von den Toten zu erwecken, bräuchte es etwas mehr als ein bisschen Blut. Du hast es bei dem Ritual für den Dämon gesehen – verzeih den Vergleich.“

Er bittet mich um Verzeihung? Gleichzeitig stört mich die Art, wie er über den Tod eines unschuldigen Kindes spricht. Ein bisschen Blut, nichts weiter ist das Baby für ihn gewesen.

„Ich kann dich nicht oft genug bitten“, sagt er und ich sehe ihn lange an, um zu entscheiden, ob er es ehrlich meint. „Es ist meine Schuld, dass Andy dort war, in Lamia und auf dieser Treppe. Und mir galt auch der Schuss, ich verdanke ihm mein Leben. Ich hatte wohl gehofft, es ihm vergelten zu können, indem ich dir helfe.“

Ich schlucke und denke noch einmal an das Ritual. „Danke“, sage ich dann und senke den Blick.

„Irgendwann solltest du darüber nachdenken, ihn gehen zu lassen“, sagt er beiläufig.

Ein Anflug von Wut überkommt mich, aber ich kämpfe ihn schnell nieder. Ich würde Andy niemals mit Gewalt festhalten, wenn er sich Freiheit wünschen würde. Weine nicht, mein Engel. Es werden wieder schöne Tage kommen!

„Ihn gehen lassen“, murmele ich. „Dir fällt es leicht, das zu verlangen, deine Freundin ist unsterblich!“ Er hält es wohl für besser, sich dazu nicht zu äußern. „Bist du hierhergekommen, um mit mir zu reden?“, frage ich.

„Ich wusste nicht, dass du hier sein würdest, du warst es nie um diese Zeit.“

Das stimmt. „Also … kommst du öfter hierher?“ Er antwortet nicht. „Und wo ist Gillian?“ Ich will meine Furcht, sie könnte mir jeden Moment in den Rücken fallen, nicht zugeben, also ringe ich mir ab, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

„Du willst wissen, wie es ihr geht?“ Der Vampir lacht trocken. „Wahrscheinlich kniet sie im Blut eines Opfers, das sie sich von der Straße geholt hat, und schwelgt in höchsten Lustgefühlen!“

Schaudernd werfe ich einen Blick in Richtung der Häuser, ich kann nicht anders.

„Sie wird nicht kommen“, sagt er.

„Und was ist mit dir, hast du schon …?“

Ein Lächeln stiehlt sich in seine Züge, aber für meinen Geschmack ist es eine Spur zu teuflisch. „Ich könnte sonst nicht so neben dir sitzen.“

Warum nicht?, denke ich. Weil er gezwungen wäre, über mich herzufallen, mich zu töten und mein Blut zu trinken? Er weiß noch immer genau, wie er mir Angst machen kann.

Wie um meine Gedanken zu zerstreuen, erhebt er sich lässig und streicht sich den Staub von den Knien.

Jetzt erst sehe ich die Blume in seiner Hand. Eine weiße Lilie, wenn ich die Floristik-Vorträge meiner Mutter richtig behalten habe.

„Hier, das gefällt euch doch!“, sagt er gleichgültig. „Vergänglichkeit! Ich spüre sie schon in meiner Hand verwelken!“ Er wirft sie auf das Grab.

Ja, so kenne ich dich, Joice, denke ich spöttisch. Aber gleichzeitig berührt es mich, dass er Andy diese Ehre erweisen will. Genauso muss es sich für ihn angefühlt haben, als Andy unter unseren Händen starb, obwohl Joice ihm die Unsterblichkeit angeboten hatte. Eine völlige Hilflosigkeit, genau wie für mich.

„Ist das Trauer, die aus dir spricht?“ Ich beiße mir auf die Zunge, als ich die Worte schon gesagt habe. Das war mutig. Eine Anspielung auf seine Empfindungen könnte unvorsichtig genug sein, mich das Leben zu kosten. Es ist leicht, ihn herauszufordern, selbst wenn er bereit ist, mir jetzt seine Schuld einzugestehen.

Joice antwortet kühl: „Du solltest wissen, dass ich zu einer solchen Regung nicht fähig bin.“

Ich überlege noch, ob es klüger wäre, nichts zu erwidern, als ich mein Einhorn wiehern höre. Ich stehe auf, um zu gehen, zuerst ohne Hast, doch dann erschallt von der Straße her Hufgetrappel, und Angst ergreift mich. Mein Einhorn wiehert noch einmal und das fremde Pferd kommt näher.

„Er kommt wegen mir“, sagt Joice, wie um mich zu beruhigen. Gleichzeitig scheint seine Haltung angespannter – bereit zur Flucht.

Als ich einen Moment meine Erinnerungen an die Vampire durchsuche, glaube ich zu wissen, von wem er spricht, und richte plötzlich meine ganze Wut gegen unseren einstigen Verbündeten. Nicht Joice ist es, der die Schuld an Andys Tod auf sich geladen hat, es ist der finstere Reiter. Der, der die Armbrust führte.

„Das Phantom?“, frage ich, und meine Stimme ist eisig.

Er nickt. „Ich nenne ihn den Jäger.“

„Er jagt dich also noch immer.“

„Er wird es tun, bis er mich getötet hat oder selbst bei dem Versuch ums Leben kommt. Er gehört nicht zu den Menschen, die aufgeben.“

Den leisen Vorwurf in seiner Stimme bilde ich mir wohl ein, was könnte ihm schon an meinem Schicksal liegen? Ich weiß nicht, was ich entgegnen soll, wünsche ich ihm, dass er fliehen kann? Ich müsste wissen, dass der schwarze Reiter auf unserer Seite kämpft – zumindest tat er das so lange, bis sein Pfeil sein Ziel verfehlte. Und nun finde ich kein Gefühl mehr für ihn außer Hass.

„Vielleicht sollte ich auf ihn warten“, sage ich ironisch. „Ich hätte Lust, mit ihm auch eine Runde zu plaudern!“

Wieder lacht der Vampir trocken. „Du solltest verschwinden. Aber bevor du das tust, sage ich dir noch etwas: Deinen neuen Freund auf dem Hof, schau ihn dir genau an!“

Ich runzele die Stirn. „Wir haben kaum ein Wort gewechselt …“

Ohne noch etwas zu entgegnen, wendet er sich ab und schreitet in die Dunkelheit. Im Gehen sagt er: „Lass es mich wissen, wenn du es dir anders überlegst!“ Und amüsiert fügt er hinzu: „Oder wenn du sonst irgendwie Sehnsucht verspürst.“

„Todessehnsucht?“, rufe ich ihm nach. Durch den größeren Abstand bin ich mutiger geworden. Irgendetwas sagt mir, dass ich vor ihm nichts zu befürchten habe.

„Vielleicht Sehnsucht nach meinen Geschichten?“, antwortet er schon aus weiter Ferne.

Jetzt muss ich tatsächlich lächeln. „Und was tue ich dann?“

Seine Stimme wird leiser, fast glaube ich, dass ich sie nur in meinem Kopf höre. „Auch ich werde dich finden. Wo immer du bist.“

Ich blicke noch einmal zurück auf das Grab. Als ich die Kerze ausblase, verabschiede ich mich im Stillen. Ich werde bald wieder kommen, aber nicht mehr im Dunkeln.

Zwischen den gespenstischen Wacholderbüschen hindurch eile ich zurück zu meinem Einhorn. Der Reiter und sein Nachtpferd müssen nun schon sehr nahe sein, der Hufschlag auf dem weichen Boden ist gedämpft. Als ich Luna erreiche, wiehert sie nicht mehr.

„Lass uns abhauen!“, flüstere ich, und sie schnaubt zustimmend. Ich wende sie, um aufzusteigen und erkenne am Ende der Straße die dunkle Gestalt. Mit wehendem Umhang galoppiert der Reiter den Weg hinauf, direkt auf uns zu. Als ich sehe, wie schnell sie sind, komme ich mir wie gelähmt vor. Luna stößt mich mit der Nase an, um mich aus meiner Starre zu reißen. Aber ich schaffe es nicht rechtzeitig. Einen Fuß im Bügel, spüre ich einen eisigen Hauch, und das schwarze Streitross sprengt an uns vorbei, ohne langsamer zu werden. Vor Schreck weiche ich aus und falle gegen Luna. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Armbrust, unter dem Cape blitzt ein versilbertes Schwert. Im nächsten Moment sind sie vorüber und jagen weiter den Hügel hinauf, an der Friedhofsmauer entlang. Dann schluckt sie die Schwärze.

Ich stehe mit wackeligen Knien an mein Einhorn gelehnt, die Hände in die Zügel gekrallt, und wage nicht zu atmen. Mit weiten Augen starre ich in die Finsternis und versuche dort, wo sie verschwunden sind, eine Bewegung oder ein Geräusch auszumachen. Der Reiter muss genau gewusst haben, wohin der Vampir flüchten würde.

Nach einer Weile schnaubt meine Stute und entwarnt mich, auch wenn sie noch immer nervös mit dem Schweif schlägt. Ich beginne, in einer mechanischen Bewegung ihren Hals zu streicheln, um mich selbst zu beruhigen. Jenseits der Mauer schlägt die Turmuhr und das erlöst mich endlich von dem Bann, der mich zwingt, in die Dunkelheit zu stieren.

Wie hypnotisiert steige ich in den Sattel und nehme die Zügel auf. Luna setzt sich sofort in Trab und läuft automatisch in Richtung der Shore Ranch. Als ich ihren klaren Hufschlag höre und die Bewegung unter mir fühle, beruhigt sich mein Puls allmählich. Bereitwillig schwöre ich mir, bei Dunkelheit überhaupt nicht mehr rauszugehen.

Nachdem ich den Schock überwunden habe, ist mein Kopf erneut voller Fragen. Ich hätte nicht gedacht, dem Phantom noch einmal zu begegnen. Wahrscheinlich bin ich davon ausgegangen, dass diese Gestalt einen weiten Bogen um uns machen würde – nachdem ihr dieser Fehler unterlaufen ist! Aber ich hatte auch nicht geglaubt, Joice noch einmal wieder zu sehen, oder eigentlich hatte ich es sogar gehofft. Doch die dunkle Ahnung, die sein Auftauchen eigentlich begleiten sollte, jagt mir keine Angst ein. Oder ich fühle sie nur nicht, weil sie im Strom der Empfindungen untergeht, die das Phantom, oder der Jäger, bei mir auslöst. Immer wieder sage ich mir, dass er dasselbe Ziel hat wie wir, dass die Vampire unsere Feinde sind. Aber ich kann die anklagende Stimme nicht verdrängen, die mir einflüstert, dass er die Schuld an meinem Unglück trägt. Dasselbe könnte ich aber auch Joice vorwerfen. Er war das eigentliche Ziel des Jägers. Er hätte getroffen werden sollen, nicht Andy!

Der Hass in mir ist nicht so beherrschend, wie ich erwartet hatte. Vielmehr wird er von einer riesigen Verwirrung verdrängt. Mir kommen wieder die Worte des Vampirs in den Sinn – was sagte er über Oscar? Aber ich weigere mich, die Frage, die sie aufwerfen, mit dem Nächstliegenden zu beantworten. Nichts davon ist logisch, alles widerspricht sich selbst und ich wage es nicht, den Gedanken zu Ende zu führen. Warum nur wieder dieses Rätsel? Ich ärgere mich bei dem Gedanken, dass der Vampir jetzt weit weg und in Sicherheit ist und über mich lacht, während er Gillian erzählt, wie er mich zum Narren gehalten hat.

Das erste Mal bin ich erleichtert, als ich die Lichter von Dannys Ranch erkenne. Der Feldweg, der bis zum Hof führt, ist ansteigend und sehr lang und ich treibe Luna noch einmal zur Eile an. Ich kann es kaum erwarten, die Dunkelheit hinter mir zu lassen.

Achtung!, sagt mein Einhorn in meinem Kopf. Lunas Sinne sind feiner als meine und ich bemühe mich, ihrem Blick zu folgen. Gleichzeitig befällt mich wieder die Aufregung und mein Puls geht schneller. Auf dem Weg, der von der Ranch fortführt, kommt mir eine einsame Gestalt entgegen.

Die Krieger des Horns - Eismond

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