Читать книгу Die Krieger des Horns - Eismond - Josefine Gottwald - Страница 16
XI
Piper
ОглавлениеAls ich die Augen das erste Mal öffne, sehe ich ein Bild von mir selbst. Ich sitze in Lunas Sattel und umklammere einen Pokal für den besten Nachwuchs-Trailritt im Amarillo Rodeo. Stolz grinse ich in die Kamera – natürlich hat Andy das Foto gemacht. Und er hat es neben sein Bett gestellt, damit ich immer bei ihm bin. Mir fällt auf, wie lange ich nicht mehr in seinem Zimmer war. Wahrscheinlich hätte ich von mir erwartet, sofort in Tränen auszubrechen, aber seltsamerweise befällt mich eine unendliche Ruhe. Es ist, als würde ich seine Anwesenheit spüren, als würde er direkt neben mir sitzen. Ich atme tief durch und schließe die Augen wieder; ich genieße den Moment.
„Er hatte einen herrlichen Blick von hier“, sagt meine Mutter.
Erschrocken fahre ich hoch. Julia steht am Giebelfenster und deutet nach draußen.
„All die schönen Pferde da unten! Es ist eine richtige Herde, die sie haben, was?“ Sie lächelt.
Natürlich ist es eine Herde, denke ich, aber ich erwidere nichts.
„Ich habe dich vom Unterricht abgemeldet“, erklärt sie. Automatisch schaue ich auf die Uhr. „Celeste rief mich an, um mir zu sagen, dass du bei der Arbeit bewusstlos geworden bist. Da habe ich gleich den Arzt gerufen.“
„Und, was sagt er?“, frage ich gleichgültig. „Dass ich eine emotionale Störung habe und auf eine Sonderschule muss?“
Sie sieht mich traurig an. „Er sagt, dass du im Grunde gesund bist und dass du dich nicht überarbeitet hast. Dieser Schwächeanfall ist wohl eher … seelischer Natur.“ Sie macht eine Pause und sieht mich noch immer an. Ich weiche ihr aus und blicke aus dem Fenster.
Dann deutet sie auf das Bett. „Darf ich mich zu dir setzen?“, fragt sie versöhnlich.
Ich zucke mit den Schultern. „Warum nicht.“
„Ich weiß, Danny und du, ihr habt ein paar Probleme miteinander, ihr hattet keinen guten Start. Aber ich möchte jetzt nicht mit dir über Danny reden.“
„Ich möchte auch nicht über Danny reden“, sage ich frostig, aber sie geht nicht darauf ein.
„Ich möchte über dich reden. Über dich und Andy, wenn du willst. Oder über dich und Robin.“
Ich hole tief Luft. „Mom!“
„Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin ihm nicht böse. Und Danny – na ja, er wird es überleben, denke ich.“ Sie grinst schief. „Ich finde es wunderschön, dass du wieder jemanden gefunden hast, dem du so wichtig bist!“ Dem kann ich kaum widersprechen und so lasse ich sie fortfahren. „Er ergreift Partei für dich, das ist eigentlich sehr anständig von ihm.“
„Es freut mich, dass du das so siehst“, sage ich spöttisch, als ich mir vorstelle, wie er Danny einen Kinnhaken verpasst hat. „Aber das ist alles völlig anders, als du glaubst.“
Sie seufzt. „Natürlich war es nicht okay, dass er Danny verprügelt hat, aber ich glaube, das hat er vielleicht auch selbst provoziert. Vermutlich gab es keine andere Lösung, sie haben beide so ein lebhaftes Temperament!“ Sie lacht und ich blicke sie entsetzt an. „Männer, was? Deswegen lieben wir sie!“
„Mom, so ist es nicht“, sage ich sachlich. „Du denkst doch nicht im Ernst, dass ich mit ihm etwas anfangen würde!“
„Na ja, er sieht schon gut aus, nicht wahr? Und er hat Feuer!“ Sie zwinkert mir zu.
„Mom!“
Sie hebt abwehrend die Hände. „Ich meine ja nur. Vielleicht ist das genau das, was du brauchst, ein bisschen Leidenschaft in deinem Leben …“
„Mom! Er hat eine Freundin!“
„Er hat – was? Oh mein Gott, Piper!“ Sie ergreift meine Hand.
„Ach, Mom!“ Energisch schiebe ich sie fort. „Wir sind gute Freunde – in Ordnung?“, sage ich mit Nachdruck und blicke sie verärgert an.
„Ach so“, sagt sie kleinlaut, aber ich sehe, wie es in ihrem Kopf arbeitet. Womöglich fragt sie sich, warum ich meine Gefühle nicht zugeben will, oder etwas in der Art. Genervt drehe ich mich auf die Seite.
Aber es dauert nicht lange, bis sie den nächsten Versuch unternimmt.
„Was ist mit dem Jungen, der dich gefunden hat, ist der neu hier? Ich kenne ihn gar nicht, wie heißt er?“
„Was spielt das für eine Rolle?“, brumme ich in mein Kissen.
Sie seufzt noch einmal. „Piper, du machst es mir wirklich nicht leicht. Aber es ist ja auch egal, was ich eigentlich sagen wollte, ist: Lass uns doch mal etwas Schönes machen, nur wir beide – ein Mädels-Abend!“ Ich rolle mit den Augen, aber sie sieht es nicht. „Wir gehen ein bisschen bummeln und danach ins Kino, vielleicht läuft ein Film mit Johnny Depp – den magst du doch, oder?“
„Wer mag ihn nicht“, murmele ich abwesend.
„Karen hat erzählt, in Amarillo hat ein neues kleines Diner eröffnet, vielleicht könnten wir da etwas essen gehen …“ Sie fährt fort, mir ihre Vorstellung von einem perfekten Mutter-Tochter-Tag zu beschreiben, aber je mehr sie redet, desto mehr schweifen meine Gedanken ab.
Irgendwann sieht sie mich fragend an. „Was sagst du?“
Ich muss an Allie, Dannys Schwester, denken, die mein neues Zimmer mit Ponys tapezierte und von mir erwartete, vor Freude an die Decke zu springen. Dazu war ich damals ungefähr genauso bereit wie jetzt.
„Also gut“, erwidere ich ziemlich gleichgültig.
Meine Mutter ist so voller Hoffnung, dass sie meinen fehlenden Enthusiasmus meiner Verfassung zuschreibt und begeistert in die Hände klatscht. „Fein! Wir hätten das schon längst machen sollen, ich glaube, du musst unbedingt auf andere Gedanken kommen!“
„Ja, wahrscheinlich“, sage ich und diesmal meine ich es sogar ehrlich.
„Ich freue mich darauf. Ich bin sicher, es wird alles wieder gut werden, du wirst sehen!“
Nichts wird wieder gut, denke ich, aber ich habe es aufgegeben, ihr zu widersprechen. Sie bleibt noch eine Weile sitzen und streichelt meinen Arm. Ich sehe sie nicht an. Erst als sie mich fragt: „Möchtest du heute Nacht hierbleiben?“, erntet sie einen ungläubigen Blick.
„Ist das denn … der Familie Davis recht?“ Ich weiß, dass ich bei Jeremy und Celeste immer willkommen bin. Eigentlich wollte ich auch nach Robin fragen, aber ich glaube nicht, dass sie mit ihm geredet hat.
„Es war ihre Idee: Sie sagten, du würdest vielleicht ein bisschen mehr Ruhe finden, wenn du etwas Abstand hättest …“
Das stimmt wahrscheinlich. Im Stillen nehme ich mir vor, Celeste dafür zu danken.
* * *
Von nun an wacht ständig irgendjemand an meinem Bett, und ich komme mir vor, als ob ich todkrank wäre. Tatsächlich habe ich keinen Willen, mich weit zu bewegen und keinen Mut, etwas zu wagen, und sei es nur, runterzugehen und irgendwas zu essen.
Als mir Celeste ihre hervorragende mexikanische Küche serviert, sehe ich nur aus dem Fenster, auch wenn ich ihr höflich für die Mühe danke.
Die meiste Zeit liege ich auf dem Rücken und starre an die Decke oder wandere im Zimmer auf und ab und drehe irgendeinen Gegenstand in den Händen hin und her, der Andy etwas bedeutet hat. Ich vermisse Luna, aber ich fühle mich ihr in Gedanken verbunden und weiß, dass es ihr gut geht. Dina beschwört noch immer, dass sie in Sicherheit ist, aber ich konnte sie noch nicht fragen, was sie damit meint. Ich starre in eine Schneekugel und beobachte, wie die Flocken langsam zu Boden sinken. Andy und ich wären gern irgendwann einmal in den Norden gefahren, wir konnten beide fast nicht glauben, dass es Seen gibt, deren Oberfläche so fest zugefroren ist, dass man darüber gehen kann.
„Was machst du denn da, Piper?“, fragt Dina und ist mit ein paar Schritten bei mir, um mir das Ding aus der Hand zu nehmen. „Kann es sein, dass du dich schon wieder an alten Erinnerungen festklammerst?“ Vorwurfsvoll sieht sie mich an.
„Ach Quatsch!“, murmele ich, aber gleichzeitig suche ich nach einem neuen Objekt, das mich von meiner Grübelei ablenkt.
„Wann sagst du mir endlich, was passiert ist?“, fragt sie. „Du weißt, dass Geduld nicht meine Stärke ist.“ Ich seufze – schon wieder – und warte nur darauf, dass sie mir vorwirft, im Selbstmitleid zu versinken. „Vielleicht war es keine so gute Idee, dich in dieses Zimmer zu bringen“, überlegt sie.
„Doch! Das war es!“ Energisch schüttele ich den Kopf, als müsste ich befürchten, dass sie mir das Letzte wegnimmt, was ich noch habe.
„Schon gut“, sagt sie. „Ich hoffe nur, du findest irgendwann wieder zu dir und rückst endlich mit der Sprache heraus. Ich möchte dich nämlich gern zurückhaben – und dir helfen, wenn ich kann!“ Sie nimmt mich in den Arm und sagt leise: „Ich muss los. Lass es mich wissen, wenn du etwas brauchst!“ Ich nicke. „Ach, fast hätte ich es vergessen, ich habe noch etwas von Brendan!“ Sie reicht mir ein kleines Päckchen. „Er traut sich wohl nicht, selbst herzukommen!“ Sie rollt mit den Augen, dann verabschiedet sie sich. Als sie fast schon aus der Tür ist, fällt mir noch etwas ein.
„Dina?“ Sie sieht mich fragend an. „Was hast du eigentlich damit gemeint, als du sagtest, die Einhörner wären in Sicherheit und wir sollten dir vertrauen?“
„Ach das!“ Sie lächelt bescheiden. Dann kommt sie noch einmal zurück und setzt sich wieder auf die Bettkante. Mit einem Mal scheint sie nervös zu sein, denn sie spielt mit den Händen am Laken herum, als wäre sie auf etwas überaus Interessantes gestoßen. „Erinnerst du dich noch daran, dass ich mich mit Magie beschäftigt habe? Damals …?“
Ich sehe sie überrascht an. In meinen Gedanken taucht Rawhide auf, der Magier, an den ich überhaupt nicht mehr gedacht habe. Völlig rücksichtslos eigentlich, wenn ich überlege, wie wichtig er Dina damals war. Aber seitdem haben wir nie wieder darüber gesprochen. Sie wollte ihrem Freund Leo nichts davon erzählen und hat sich wieder mit ihm versöhnt – na ja, mehr oder weniger … Aber jetzt ist es an mir, zu ihr zu rücken und ihr meine Hand zu reichen.
„Wie konnte ich das bloß vergessen!“, sage ich, aber ich fühle mich schlecht dabei.
Dina schluckt. „Na ja, ich habe ein bisschen weiter experimentiert und inzwischen … Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll …“
„Am besten mit den Tatsachen: Sag mir einfach, wie es ist!“
Strafend sieht sie mich an und ich ziehe den Kopf ein. „Bitte merk dir ganz genau, was du gerade gesagt hast!“, schimpft sie. „Brendan hat mir ein Buch organisiert, in dem auch etwas über Schutzzauber steht. Ich hatte Angst, dass wieder jemand kommen könnte, um die Einhörner zu holen, also habe ich ein Siegel über die Ranch gelegt.“
„Ein Siegel?“, frage ich. „Du meinst, wie den Ziegelstaub, den Sophy mal um den Hof gestreut hat?“
„Ja, so ähnlich, denke ich, aber natürlich etwas wirkungsvoller! Eure Barriere damals konnte mich ja nicht mal davon abhalten, Dragón zu entführen! Das Siegel bewirkt, dass die Einhörner für Fremde nicht zu erkennen sind, daher habt ihr davon auch nichts bemerkt. Außerdem wirkt es im Gegensatz zum Ziegelstaub nicht nur gegen niedere dunkle Mächte, sondern gegen alle Lebensformen, zum Beispiel auch gegen Dämonen, die sich tarnen können.“ Sie sieht mich an, um zu überprüfen, ob ich ihr folgen kann. „In der Nacht, als Oscar hier auftauchte, hatte ich einen Traum“, gesteht sie.
„Du meinst, eine Vision!“
Sie nickt. „Eine Vision im Schlaf. Am nächsten Morgen handelte ich auf eigene Faust, ohne euch zu fragen.“ Sie grinst entschuldigend. „Na ja, ich wollte euch nicht beunruhigen!“ Dann zuckt sie mit den Schultern. „Und immerhin kann es nicht schaden.“ Damit scheint die Sache für sie gegessen zu sein. In mir formt sich ein sarkastischer Gedanke: Oscar, ein getarnter Dämon? Das kommt der Wahrheit tatsächlich verdächtig nahe! Aber ich erwähne ihn mit keinem Wort. In meinem eigenen Kopf herrscht noch viel zu viel Unklarheit.
„Warum hast du nicht mit uns geredet?“, frage ich stattdessen. „Vielleicht hätte das einiges schon viel früher aufgeklärt.“
„Es war zu viel los – weißt du nicht mehr? Oscar und Robin, die Klassenarbeit … Du hast die Schule geschwänzt und bist völlig durchgedreht! Dann der schwarze Schatten am Wald! Wir sind übrigens noch ein paarmal den Waldrand abgeritten – wusstest du, dass der Fluss sich rot gefärbt hat?“
Ich hebe die Brauen. „Was bedeutet das?“
„Keine Ahnung! Aber sicher nichts Gutes. Brendan ist schon wieder in der Bibliothek und recherchiert. Ich wollte ihm eigentlich gleich helfen gehen …“ Sie baumelt mit den Beinen; wahrscheinlich macht es ihr nichts aus, zu spät zu kommen. „Auf jeden Fall sollten wir wirklich, wirklich bald wieder trainieren, Piper! Bevor es zu spät ist!“
Mir wird plötzlich ganz flau im Magen. „Dina, ich glaube, das ist es schon.“