Читать книгу Die Krieger des Horns - Eismond - Josefine Gottwald - Страница 8
III
Dina
Оглавление„Und?“ Ich forme das Wort mit den Lippen, als ich Piper am anderen Ende des Ganges ausmache.
Sie verdreht die Augen und winkt ab. Ich kämpfe mich an den anderen Schülern vorbei bis zu ihr und umarme sie.
„Mach es nicht so spannend!“, verlange ich. „Wer ist er?“
„Später, Dina!“ Sie deutet auf ihr Chemie-Lehrbuch. „Ich habe jetzt einen Test, schon vergessen?“ Während sie das Klassenzimmer ansteuert, bin ich ihr dicht auf den Fersen.
„Erzähl mir doch wenigstens ein bisschen was! Ich verbringe jetzt zwei Stunden mit Ms. Flakes Interpretationen von Der Fänger im Roggen!“ Ich stecke mir den Finger in den Hals, um ihr zu zeigen, wie lebensnotwendig eine interessante Beschäftigung für mich ist.
Piper seufzt. „Okay, Dina. Sein Name ist Richard Oscar Briggs, scheinbar nennen sie ihn Oscar. Er kommt aus Billings, Montana, und arbeitet jetzt auf der Davis Ranch als Ausbilder.“ Sie zuckt mit den Schultern, als wäre dem nichts hinzuzufügen. Mir kreisen sofort tausend Fragen im Kopf.
„Und weiter?“
„Was denn weiter?“
„Na wie ist er so, sieht er gut aus?“
Ich merke, wie sehr sie den Impuls unterdrückt, schon wieder mit den Augen zu rollen. „Ich muss jetzt wirklich los, Dina!“
„Aber du kannst mich doch hier nicht so stehen lassen!“
Sie ist schon ein paar Schritte weiter, als sie sich noch einmal umdreht.
„Luna findet, er hat schöne Augen!“, ruft sie im Gehen und zwinkert mir zu.
Ich hebe eine Augenbraue. „Luna also, aha.“
* * *
Endlose gesellschaftskritische Heranwachsendenprobleme später fühle ich mich selbst, als würde ich im Roggenfeld liegen. Nur dass ich niemanden davor bewahre, eine drohende Klippe hinunterzustürzen, sondern den blauen Himmel über mir betrachte und Lucy in the Sky with Diamonds singe. Einen Song, den Leo früher gern gespielt hat.
Zusammen mit einem Fussel von meinem Ärmel wische ich den Gedanken an ihn fort, während Ms. Flake unsere Aufsätze einsammelt. Mein Kopf dröhnt von der Höchstleistung, die ich in mein Essay gesteckt habe, und ich verspüre das dringende Bedürfnis nach frischer Luft.
Als ich den Klassenraum im Eiltempo verlasse, laufe ich fast in Brendan, der mir auf dem Gang entgegenkommt.
„Hast du Piper schon gesehen?“, frage ich ihn ohne Begrüßung – aber ich weiß, dass er mir das nicht nachträgt. Über meine Schulter hinweg mustert er das Tafelbild zu The Catcher in the Rye.
„Ihr lest den Fänger im Roggen?“
In meinem Kopf singen noch immer die Beatles, während meine Augen zwischen den Schülern auf dem Gang nach Piper suchen.
„Ein furchtbares Buch“, murmele ich abwesend. „Ich kann dir nur raten, nicht den Literaturkurs zu belegen!“ Ich steuere das Chemiezimmer im Seitenflügel des Gebäudes an und Brendan folgt mir wie ein Hund.
„Das habe ich ohnehin schon im letzten Jahr gelesen“, meint er beiläufig, als würde er mit seinen Schuhen sprechen. „Und die anderen Titel auf der Liste eigentlich auch.“
Ich bleibe stehen, um ihn anzustarren. „Im Grunde sollte mich ja nichts mehr überraschen, Brendan …“ Ich schüttele den Kopf.
„Ja, aber?“ Er sieht mich auf seine freundliche Hundeart an, als wüsste er nicht, was sein Vergehen ist. Dazu fällt mir nichts mehr ein.
Piper gesellt sich zu uns, ein Lächeln auf den Lippen. Sie hält mir ein Buch unter die Nase, auf dem ein Atommodell abgebildet ist.
„Du erwartest doch nicht, dass ich das anfasse?“, frage ich und weiche vor dem Teufelswerk zurück.
„Es war die Peptidbindung, ich hab es gewusst!“ Sie strahlt, als wäre sie für den Nobelpreis nominiert worden.
„Proteinbiosynthese?“, fragt Brendan prompt und man könnte meinen, ich wäre diejenige, die eine Stufe unter den beiden ist. Die Ebene, auf der die zwei sich verstehen, wird mir wohl auf ewig verwehrt bleiben.
„Schön, dass man euch so leicht glücklich machen kann!“, sage ich und dann packe ich sie links und rechts am Kragen und schiebe sie vor mir her. „Gehen wir was essen!“
Während unsere knurrenden Mägen dem Strom zur Kantine folgen, spreche ich ein Verbot für alle naturwissenschaftlichen, populärwissenschaftlichen oder sonst irgendwie wissenschaftlichen Themen aus.
„Damit das klar ist, ich will nichts mehr von alledem hören, ihr elenden Streber!“, schimpfe ich und boxe sie beide in die Rippen. Insgeheim muss ich mir eingestehen, wie schön es ist, Piper so unbeschwert lachen zu sehen, nach allem, was sie im letzten Jahr verarbeiten musste. Und nun auch noch ein neues Gesicht auf der Ranch … Das bringt mich zurück auf meinen alten Gedanken. Während meiner geistigen Kraftanstrengungen hatte ich kaum Zeit, über den geheimnisvollen Fremden nachzudenken. Als ich mich zu Piper und Brendan an den Tisch setze, hole ich das nach – natürlich so, dass sie jeder Überlegung leicht folgen können.
„Also, er heißt Oscar“, fasse ich zusammen und ernte schon den ersten erstaunten Blick von Brendan. „Der Unbekannte auf der Ranch gestern“, erkläre ich. „Also jetzt ist er ja nicht mehr unbekannt! Also er heißt Oscar und kommt aus Montana.“
„Montana?“, fragt Brendan. „Sein Hänger war aus Minnesota.“
„Ist das denn wichtig? Wo ist denn sein Wagen zugelassen?“, will ich von Piper wissen, die die frittierten Kartoffeln auf ihrem Teller hin- und herschiebt.
„Ich hab keine Ahnung“, meint sie. „Ich habe nicht darauf geachtet.“ Die Falte auf ihrer Stirn verrät mir, dass sie zu sehr mit etwas anderem beschäftigt war.
„Was war denn genau los?“, will ich wissen.
„Wie viele Stunden habt ihr noch?“, fragt sie zurück.
„Nur eine“, sage ich, „aber die ist nicht so wichtig, wieso?“
„Danach müssen wir auf die Ranch. Ich habe das Gefühl, dringend verhindern zu müssen, dass Robin und Oscar sich dort die Köpfe einschlagen. Wenn sie sich nicht schon beim Reiten den Hals gebrochen haben!“
„Was ist denn los mit den beiden? Warum war Robin denn so komisch gestern?“, frage ich, während Brendan kauend zuhört. Piper erzählt uns, was sie vor der Schule auf der Ranch erlebt hat.
Ich stoße verächtlich die Luft aus. „Männer! Ich habe langsam wirklich genug von ihnen!“
Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sie zurückgekommen sind, als Piper schon fort war. Völlig schweißgebadet, genau wie ihre Pferde, aber immer noch verbissen wie kleine Jungs, die keine Bonbons bekommen. Doch auf irgendeine Art gefällt mir die Vorstellung auch: Ein gutaussehender Fremder mit halb geöffnetem Hemd, die Ärmel bis zu den Oberarmen hochgekrempelt, auf einem unbezwingbaren Mustang … Ich blicke aus dem Fenster und lasse mein Essen kalt werden.
„Das war schon immer dein Problem, Dina! Du kannst nicht ohne sie leben, aber auch nicht mit ihnen!“ Piper grinst frech und Brendan stimmt ihr zu.
„Du musst ihn mir trotzdem vorstellen!“, verlange ich, während ich den Kampf mit meinem Gemüse wieder aufnehme. Ihre Behauptung ignoriere ich diskret.
„Ich?“, fragt sie mit vollem Mund. Als sie gekaut hat, erklärt sie: „Ich habe kein einziges Wort mit ihm gewechselt! Wahrscheinlich erinnert er sich gar nicht an mich.“
„Früher oder später musst du ihm mal auffallen, schließlich arbeitet ihr jetzt zusammen!“ Mir wird wie immer eine Sekunde zu spät bewusst, wie ungeschickt diese Formulierung war. Piper sagt nichts, aber ich merke, dass es in ihr arbeitet.
„Also das soll nicht heißen, dass –“
„Ja ja“, meint sie, „ich weiß ja, dass ich nicht gerade einprägsam bin! Eine graue Maus im Stroh, schon klar!“
„Ach, Blödsinn, das hab ich doch gar nicht gesagt!“
„Aber gemeint!“, entfährt es Brendan, der Piper immer in Schutz nimmt, wenn er kann. Ich widme ihm einen Jetzt-fang-du-nicht-auch-noch-an!-Blick und bemühe mich, Piper wieder gut zuzureden, aber ich habe es versaut.
„Gib es auf, Dina!“, sagt sie. „Ich weiß ganz genau, wer ich bin. Und ich kann nicht behaupten, dass mich das stört.“ Sie legt das Besteck neben den halb vollen Teller und stülpt ihren Becher um, dann schiebt sie den Stuhl zurück und steuert die Geschirrrückgabe an. Ich springe auf, um sie einzuholen, aber Brendan ist schneller und stellt sich mir in den Weg.
„Lass sie in Ruhe, Dina!“, sagt er fast bittend und der unausgesprochene Satz: Du machst es nur noch schlimmer! steht ihm ins Gesicht geschrieben.
„Nein, das werde ich nicht und du weißt es. Sie kann sich nicht ewig verkriechen!“, sage ich laut genug, damit sie es hört. „Sie versinkt buchstäblich im Selbstmitleid, seit Andy tot ist! Vielleicht würde es ihr guttun, wenn sie mal wieder etwas anderes sehen würde als Robin und die Pferde. Aber meine Einladungen schlägt sie ja immer aus!“
Piper verschwindet in Richtung ihres Schließfachs und blickt nicht zurück. Sie ruft nur: „Wisst ihr, ich glaube, ich fahre doch sofort zur Ranch!“
Brendan und ich sehen uns an und denken dasselbe. Dann laufen wir ihr hinterher.
„Du kannst nicht schon wieder die Schule schwänzen!“, sage ich. „Deine Mutter reißt uns den Kopf ab!“
„Falsch!“, antwortet sie, während sie ihr Fach öffnet und ihre Sachen einpackt. Dann grinst sie mich an. „Danny reißt euch den Kopf ab!“
Ich überlege, auch zu meinem Schließfach zu laufen, aber wenn ich die letzte Stunde ohnehin sausen lasse, ist es eigentlich egal, ob ich meine Hausaufgaben mache oder nicht. Brendan unternimmt ebenfalls keine Anstalten, sich vom Fleck zu rühren, aber wahrscheinlich schleppt er sowieso den ganzen Tag all seine Bücher mit sich rum.
Auf dem Weg sagt niemand von uns ein Wort. Piper radelt schweigend vorneweg und wir müssen unsere ganze Kraft in die Pedale legen, um nicht zurückzufallen. Wir lassen die Schule und die Stadt hinter uns und folgen der Straße durch die Felder, die irgendwann zur Davis Ranch führt. Als wir in die Einfahrt biegen, geht es steil bergan und ich keuche ein paar Minuten, bis ich aufgebe und absteige.
„Oh Mann, Piper, du willst es mir echt heimzahlen, was?“ Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Sie stellt sich in die Pedale und konzentriert sich auf den Weg, aber ein Lächeln umspielt ihre Mundwinkel.
„Hör endlich auf!“, sagt Brendan zu mir, der es nicht gesehen hat.
Das Tor steht offen und wie beinahe jeden Nachmittag im Frühjahr herrscht auf dem Hof ein reges Treiben. Interessenten mit Pferdetransportern begutachten die Mustangs, die Robin vorführt, während Jeremy Davis die Reitanlage und seine Nachzuchten präsentiert, immer wieder zum Handy greift und gegen Abend der einen oder anderen gut zahlenden Anwältin oder Zahnärztin eine Dressurstunde erteilt. Zum ersten Mal nehme ich wirklich wahr, wie viele Leute zwischen Stall und Reitplatz herumlaufen, immer darauf bedacht, nicht in Pferdeäpfel zu treten oder einem der schmutzigen Männer die Hand zu geben. Dabei lachen sie ausgelassen über ihre eigenen Witze und stehen eigentlich permanent im Weg.
Niemand bemerkt uns, als wir die Räder etwas abseits an eine Mauer lehnen. Niemand außer Maya, die uns durch die Beine der Erwachsenen entgegenläuft, gefolgt von ihrem Welpen.
„Wart ihr in der Schule?“, schreit sie und fällt beinahe über ihre eigenen Füße. Sie trägt keine Schuhe, nur ein staubiges Kleid, und zusammen mit dem struppigen Hund sieht sie aus wie ein Kind von der Straße.
„Ja, wir haben viel gelernt!“, sagt Piper und beugt sich zu ihr runter. Das Mädchen hüpft um sie herum und als sie sich dreht, fliegt das Kleid hoch wie ein kleiner Wirbelsturm.
„Soll ich euch etwas zeigen?“
„Einen neuen Tanz?“, fragt Piper.
„Nein, ein neues Pferd!“
„Ein neues Pferd?“ Wir blicken uns verwundert an. Maya ergreift zur Antwort Brendans Hand, und er lässt sich von ihr mit zum Stall ziehen.
„Dort ist er!“, ruft das Mädchen und deutet in eine düstere Ecke, in der lange kein Pferd mehr stand.
„Eine von Andys Boxen“, flüstert Piper und ihre Finger schließen sich unwillkürlich zu einer Faust.
Als wir uns nähern, schnaubt das Pferd unruhig, aber es hat sich von uns abgewandt und bleibt im Schatten. Die Konturen seines Fells verschmelzen mit der Dunkelheit, nur der Schweif peitscht nervös gegen die Bretterwand. Aufmerksam lauscht es in alle Richtungen und scharrt mit dem Huf im Sägemehl.
„Gehört er Oscar?“, fragt Piper Maya, die mit ihrem Hund neben uns im Stroh hockt.
Sie nickt eifrig. „Es ist sein Einhorn!“
Ich lächele über ihre kindliche Fantasie. Piper und Brendan tauschen einen verwunderten Blick. Wahrscheinlich meint Maya damit, dass sie das Pferd so schön findet, obwohl ich ihre Ansicht nicht ganz teilen kann.
Natürlich kann es nur ein normales Pferd sein – andernfalls hätten wir es sofort erkannt. Niemand von uns besitzt das zweite Gesicht, aber wir haben unseren Blick für das Magische trainiert und können unsere Einhörner inzwischen leicht von Pferden unterscheiden. Von ihrer Stirn geht ein Leuchten aus, als würden sie dort ihre Seele tragen. Und ihre Augen … Brendan würde vielleicht sagen, sie hüten das Wissen von Jahrtausenden. Und so ist es schließlich auch.
„Er scheint ziemlich nervös zu sein“, sage ich. „Na ja, hier ist auch viel los, all die Leute … Vielleicht können wir auch erst mal verschwinden, bis es etwas ruhiger ist. Ein Stück ausreiten oder so …“
Als Piper zu einer Antwort ansetzt, hat Brendan etwas am Fenster entdeckt und winkt uns heran. „Kommt mal her, das müsst ihr euch ansehen!“
Maya bleibt auf dem Boden hocken, aber Piper und ich sind sofort bei ihm und schauen nach draußen auf den Reitplatz. Er liegt ein Stück unter uns, sodass uns die Menschenmenge nicht die Sicht versperrt. Wahrscheinlich richten sich in diesem Moment einhundert Augen auf das temperamentvolle rote Pferd, das den Kopf hoch trägt und mit wehendem Schweif durch den Sand tanzt. Seine Hufe fliegen im wirbelnden Staub, während der muskulöse Nacken den Schwung auffängt und die Bewegung in ein weiches Federn verwandelt.
Mir bleibt der Mund offen stehen. „Wahnsinn, Piper, er ist wirklich ein Gott im Sattel!“
Ich drehe mich nicht zu ihr um, aber ich fühle ihr stolzes Lächeln, als sie sagt: „Ich habe ihm ein bisschen bei der Ausbildung geholfen.“
Niemand von uns kann die Augen von Robin wenden, als er das Pferd seitwärts auf den Zirkel treibt und zu einem eleganten Trab versammelt. Er stoppt ein paarmal, wendet und galoppiert wieder an, bis er endlich die Stute zügelt und hält. Erst dann wagen wir wieder zu atmen.
„Sie heißt Mariposa“, erklärt Piper, „wahrscheinlich hat er sich ihre Vorführung als Höhepunkt aufgespart.“
„Wie passend“, sagt Brendan, „ein tanzender Schmetterling. Ich vermute, sie wird einen guten Preis erzielen.“
„Ja, das wäre schön, ich würde es ihm gönnen.“
Ich lasse meinen Blick über die Zuschauer wandern und bleibe an einer jungen Frau hängen, die neben Jeremy Davis steht und mit ihren perfekt lackierten Fingerspitzen begeistert applaudiert.
„Wer ist das dort?“, frage ich Piper. „Sieht nicht wie eine Reiterin aus …“
„Oh doch, das ist Nicole, eine von Robins neuen Schülerinnen. Sie arbeitet in irgendeiner Kanzlei.“
„Ach, daher der Minirock“, meint Brendan trocken.
„Sie nimmt natürlich Privatunterricht“, erklärt Piper, „Einzelstunden auf Viento.“
„Auf Viento?“, frage ich verwundert, aber Piper winkt ab.
„Sie kommt nicht wirklich mit ihm zurecht, auch wenn Robin sie jedes Mal in den höchsten Tönen lobt.“
„Schon wieder eine Neue!“, murmele ich. „Ich gebe ihr noch zwei Wochen, bis er das Interesse an ihr verliert. Sie kann einem fast jetzt schon leidtun.“
Piper starrt ins Leere, als könnte sie daran nichts ändern. Ich will sie ärgern und sage: „Du musst wirklich mal härter bei ihm durchgreifen!“ Aber sie reagiert nicht.
In meinem Rücken hörte ich ein leises, klickendes Geräusch. Silberne Sporen auf der Stallgasse.
Oscar streift sich gerade seine Handschuhe über und steuert auf die Sattelkammer zu. Wahrscheinlich hat er draußen ein Pferd angebunden.
Als wir alle ihn anstarren, sagt er beiläufig: „Hallo. Ich wollte euch nicht stören.“ Seine Stimme klingt scheu, als ob er sie selten benutzen würde. Dabei ist sie so warm, dass ich mich unwillkürlich wohl in seiner Nähe fühle.
Er greift nach einem Sattel und wendet sich zum Gehen, aber ich halte ihn mit einem Lächeln auf.
„Oh nein, du störst uns gar nicht!“, behaupte ich und entferne mich demonstrativ ein paar Schritte vom Fenster.
Er nickt in Richtung des Reitplatzes. „Ihr müsst die vielen Menschen schon ziemlich leid sein.“
Vampir, denke ich sofort, er kann Gedanken lesen. Aber dann erinnere ich mich daran, dass er uns gehört haben muss, als er sein Pferd angebunden hat, und rufe mich zur Vernunft. Es ist taghell draußen und nichts, absolut nichts an ihm ist vampirähnlich. Im Gegenteil, wenn man darauf achtet, könnte man meinen, er täte alles, um diesen Verdacht nicht aufkommen zu lassen. Er schreitet fest aus, sodass ich seine Absätze höre, und schirmt die Sonne nicht ab, die in schmalen Streifen durch die Bretter dringt und in sein Gesicht fällt. Nach ein paar Sekunden tadele ich mich für meine Paranoia und stufe ihn als harmlos ein. Ich setze wieder mein Lächeln auf und probiere es dann noch einmal.
„Du bist Oscar, nicht wahr? Brauchst du vielleicht Hilfe?“ Ich gehe einen Schritt auf ihn zu und strecke ihm die Hand entgegen. „Mein Name ist Dina und das hier sind Brendan und – Piper kennst du ja schon!“
Höflich schiebt er den schweren Sattel auf den linken Arm. Irgendwie der falsche Moment für einen Händedruck, fällt mir ein, aber jetzt ist es zu spät. In einer fließenden Bewegung ergreift er meine Finger mit seinem schwarzen Handschuh. Diese Geste wirkt auf mich gleichzeitig befremdlich und vertraut, sodass ich ihn einen kurzen Moment anstarre. Ein neues Bild durchzuckt meine Gedanken, aber es gelingt mir nicht, es zu greifen. Als ich keine Anstalten mache, ihn loszulassen, räuspert er sich und sagt: „Du weißt ja schon, wie ich heiße.“
Aber nicht, wer du bist, denke ich automatisch. Jetzt endlich ziehe ich mich zurück. Doch auch diese lange Berührung konnte in mir nichts auslösen. Keinen Hinweis auf seine Vergangenheit oder seine Absichten; meine Gabe lässt mich im Stich.
„Da wäre tatsächlich etwas, das ich brauche“, sagt er und blickt zu Piper. „Habt ihr ein paar Bandagen?“
Während sie noch überlegt, ob sie ihm antworten soll, bin ich ihr schon zuvorgekommen. „Die kann ich dir zeigen! Komm mit!“
Ich gehe zurück in die Sattelkammer und steuere einen Seitenschrank mit Schubladen an. Nach kurzem Suchen habe ich die richtige gefunden und ziehe sie bis zum Anschlag heraus.
„Fleece oder Elasthan? Welche Farbe? Für welches Pferd? Vorder- oder Hinterbeine?“ Ich halte ihm eine ganze Auswahl unter die Nase.
Einen Moment ist er sprachlos, dann entscheidet er: „Etwas Einfaches!“
Ich muss schmunzeln, als ich das Fach wieder schließe. Wahrscheinlich ist er mit dieser Vielfalt völlig überfordert. Ich gebe ihm zwei meiner Meinung nach multifunktionale Bänder und folge ihm nach draußen, wo er endlich seinen Sattel loswird. Piper und Brendan stehen bei dem Pferd und unterhalten sich leise, die Hände in den Taschen vergraben und mit den Füßen im Staub scharrend. Obwohl ich selbst ziemlich unschlüssig bin, will ich noch etwas Nettes zu Oscar sagen, bevor ich gehe, und spreche ihn auf sein Pferd an.
„Er ist schön“, versichere ich. „Ein bisschen nervös vielleicht. Wie heißt er?“
„Phoenix“, sagt er, während er die Gurte anzieht und die Bügel einstellt.
Brendan mustert ihn noch immer argwöhnisch. In seiner Stimme liegt etwas selten Provozierendes, als er fragt: „Wie der Feuervogel, der aus der Asche aufersteht? Ein mythisches Wesen, dass den Menschen Hoffnung gibt?“
Oscar klappt das Sattelblatt herunter. Er mustert Brendan ruhig, dann antwortet er: „Nein. Wie eine Stadt in Arizona.“