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Gillian

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Als ich erwache, sitzt Joice vor einer seltsamen Apparatur und scheint ganz versunken in ein neues Experiment.

Ich schiebe den Deckel des Sarkophags beiseite und lasse ihn auf den Boden fallen. Das Geräusch hallt von den steinernen Wänden wider und die Kerzen flackern im Luftzug.

„Hast du gut geschlafen, Liebes?“, fragt er, ohne sich umzudrehen. Ich schwinge die Beine über den Sarg und setze mich auf den Rand. Das kurze Nachtgewand rutscht dabei noch ein Stück nach oben, aber es scheint ihn nicht zu interessieren. Er schwenkt einen kleinen Kolben mit Flüssigkeit und reguliert mit der anderen Hand die Flamme unter der Apparatur.

Grimmig springe ich auf den Teppich und gehe hinüber zum Paravent.

„Ich habe endlich die richtige Zusammensetzung“, erklärt er gut gelaunt, während ich meine Kleider für die Nacht anlege. Ein bisschen wehmütig streiche ich über den Satin; ich ahne, dass auch diese Nacht einer verrückten Idee gewidmet ist. Wie so viele vor ihr.

Als ich fertig bin, hockt Joice noch immer auf dem alten Stuhl und widmet sich seinem Arbeitsplatz. Neben ihm liegt sein Leitwolf und blickt sabbernd zu ihm auf. Ich stoße ihn mit dem Fuß beiseite, als ich mich ihm nähere.

Weiche Wellen umspielen meine Knie und berühren hinter mir fast den Boden. Ich lehne mich vor ihm an den Tisch und stelle sicher, dass das Schmuckstück um meinen Hals tiefer liegt, als es sich gehört. Ich schenke ihm einen sinnlichen Blick, als ich frage: „Und wie hast du geschlafen? Wenig, nehme ich an?“ Ich beiße mir auf die Zunge. Schließlich will ich es nicht verderben.

Er schaut zu mir auf, ohne den Kopf zu heben und widmet mir einen langen Blick. Natürlich springen seine Augen auch hinunter zu dem Anhänger und er gibt vor, fasziniert den Kristall zu betrachten. Dann sieht er mir wieder ins Gesicht.

„Würdest du hinaufgehen und mir das Gefäß holen?“

„Wie bitte?“

„Liebes! Ich brauche Liliths Essenz, und wem sonst sollte ich sie anvertrauen?“ Er hebt die Augenbrauen.

Ich presse zuerst die Zähne aufeinander, aber dann kräusele ich die Lippen. Mein Blick ist so finster, dass er glauben muss, ich will ihn fressen. Doch er sieht mich unverwandt an. Er weiß genau, dass er nur seine Hand an meine Taille zu legen braucht, um mich zu überzeugen. Er sendet mir ein romantisches Bild mit seinen Gedanken. Und einen vielsagenden Blick.

„Wenn ich fertig bin, nehme ich mir Zeit für dich“, verspricht er lächelnd und ich gebe nach.

„Immer deine blödsinnigen Experimente“, maule ich, aber er ignoriert es. Genervt stapfe ich aus dem Raum und die dreißig Stufen hinauf ins nächste Stockwerk des Turms. „Warum hast du sie überhaupt hier raufgebracht?“, frage ich nach unten, aber er ist schon wieder in seine Arbeit vertieft. Er würde mir ohnehin niemals seine Angst eingestehen, diese bescheuerte Dose voller Staub zu verlieren.

Die Wölfe heben die Köpfe, als sie mich sehen, aber ich widme ihnen nur einen vernichtenden Blick. „Ihr könnt mir heute gestohlen bleiben!“, zische ich. Selbst meinem Hund Swift, der mich mit einem Schwanzwedeln begrüßt, schenke ich keine Beachtung.

Ich gehe zu einem Regal und nehme die alte Bibel heraus. Was für ein dämliches Versteck, denke ich, genau hier würde Crain doch als erstes suchen! Aber ich schlage gehorsam das Buch auf und finde auch die Dose zwischen den ausgeschnittenen Seiten. Ein kleiner Tonkrug, der mich an die Gefäße erinnert, in denen im alten Ägypten die Organe der Mumien aufbewahrt wurden. Ich kann kaum sagen, wie froh ich bin, dass das das Einzige ist, was von Lilith übrig blieb.

Als ich wieder nach unten komme, folgt mir Swift mit gesenktem Kopf.

„Denk ja nicht, dass du mich aufmuntern kannst!“, erkläre ich ihm. Schon reißt mir Joice die Dose aus der Hand.

„Da bist du ja!“

Empört fauche ich ihn an. „Dieses Theater geht mir auf den Geist, Joice!“

„Ich weiß“, erwidert er nüchtern. Aber er sitzt schon wieder vor der Apparatur und angelt eine Messerspitze Staub aus dem Gefäß.

Ich beobachte sprachlos, wie er noch immer den Kolben mit der Flüssigkeit schwenkt, die aussieht wie ein einziger Tropfen Öl. Dabei lässt er das Pulver langsam vom Spatel gleiten. Als es auf die Oberfläche trifft, verglüht es mit tausend blutroten Funken.

Ich fühle mich an Liliths Augen erinnert, ihren leidenschaftlichen Blick. Fast wahnsinnig hat sie mich angesehen, als sie verlangte, dass Joice mich fortschickte. Sie wollte, dass er mich nie wieder sehen sollte. Und doch ist er hier und sie ist tot. Nichts weiter als Staub.

„Siehst du, dass es funktioniert?“, fragt er mich wie ein begeistertes Kind. Mir fallen die unzähligen Versuche ein, in denen die Flüssigkeit das Pulver nicht aufnahm und sich beide Komponenten trennten. Manchmal entstand sogar eine gefährliche Mischung, die schäumend das Glas zerfraß. Aber jetzt sieht es ganz harmlos aus.

Gespannt lässt Joice einen Tropfen auf seine Haut fallen. Als nichts passiert, verreibt er ihn mit den Fingerspitzen.

„Und?“, frage ich neugierig. „Fühlst du etwas.“

Als er mich ansieht, dreht er für einen Moment die Augen nach oben weg, spannt jeden Muskel seines Körpers und antwortet gebieterisch: „Die Macht, die ganze Welt zu unterwerfen!“ Dann muss er lachen und ich bin plötzlich wieder ärgerlich.

„Willst du mich auf den Arm nehmen?“

Eifrig rührt er das restliche Pulver in den Kolben, darauf bedacht, dass der Funkenregen nicht aus dem Glas entweicht.

„Ich will dir helfen!“, erklärt er, als er zu mir kommt und mich nach unten auf den Teppich zieht. „Dir. Mir. Uns. Deinen Kindern …“ Er stellt den Kolben neben sich ab und knöpft sein Hemd auf.

„Unseren Kindern!“, korrigiere ich, während ich ihn beobachte. „Warum trinkst du es nicht?“, frage ich ihn, als er das Hemd ablegt und den Gürtel öffnet.

„Das Verwundbarste an uns ist unsere Haut“, sagt er. „Unser Geist ist stark, genau wie unsere Heilungskräfte. Aber einer Klinge haben wir für den Moment wenig entgegenzusetzen – erst recht, wenn sie versilbert ist.“

„Heißt das, du hoffst, auf diese Art auch Silber widerstehen zu können?“ Ich muss nach Luft schnappen bei dem Gedanken. Außerdem genieße ich, wie er mit den Händen das Öl auf seiner Brust verteilt.

Geheimnisvoll sieht er mich an. „Wer weiß …“

„Darf ich dir helfen?“, frage ich ihn.

„Nein!“, sagt er schnell, als hätte ich ihn erschreckt. Dann erklärt er: „Es ist besser, wenn du es nicht berührst.“

„Weil du deine Macht nicht teilen willst. Nicht einmal mit mir“, sage ich rau. Eigentlich sollte mich der Gedanke nicht überraschen, aber irgendwo in mir finde ich doch eine kleine Enttäuschung. Ich versuche, sie fortzuschieben, aber ich kann sie nicht leugnen. Und natürlich kennt Joice meine Gedanken genau. Er seufzt.

„Du machst es mir nicht leicht, Liebes. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass du diese Kraft nicht aushalten könntest.“ Er fährt mit seiner Salbung fort, ohne mich anzusehen.

Ich schnaube verächtlich. Aber insgeheim mustere ich noch immer seinen Körper. Er glänzt wie eine Marmorstatue.

„Diese Macht ist sehr alt“, ergänzt er. „Selbst ich ertrage sie nur mit viel Mühe.“

„So siehst du nicht aus“, sage ich bewundernd und frage mich selbst, ob ich eigentlich schimpfe oder flirte. Sein Blick ist undurchschaubar.

„Ich habe Hunger!“, jammere ich.

„Ich gehe mit dir jagen, sobald ich fertig bin. Warte noch einen Moment.“

„Ich habe genug von deinen Ideen“, sage ich und stehe auf. „Ich gehe allein.“

„Allein?“, fragt er und sein Gesicht versteinert. Aber ich erwidere seinen Blick und er gibt auf. „Bitte, nimm die Wölfe mit, Liebes!“

„Damit sie mich beschützen? Glaubst du, ich kann nicht selbst auf mich aufpassen?“

„Du solltest Crain nicht unterschätzen. Ich glaube zwar nicht, dass er uns hier findet, aber wir dürfen nicht unvorsichtig sein.“

„Vorsichtig …“ Ich koste das Wort auf der Zunge. „So kenne ich dich überhaupt nicht.“ Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Züge, als ich bemerke, dass er tatsächlich Angst um mich hat. Ich denke zurück an die Nächte, in denen Crain uns verfolgte. Er tauchte plötzlich auf, wenn wir Blut aus irgendeiner Kehle tranken, und störte unseren Frieden. Aber bisher sind wir ihm immer entkommen – wenn auch manchmal knapp. Wir sind stark genug, sage ich mir selbst. Joice hat mit Liliths Blut noch feinere Sinne bekommen. Trotzdem vergesse ich nie den Hass in Crains Augen.

„Warum glaubst du, will er mich töten?“, frage ich Joice wohl zum hundertsten Mal.

„Weil er hofft, dass ich ihm dann wieder folge.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Das verstehe, wer will“, sagt er leise, aber ich übergehe ihn.

„Braucht er dich so sehr?“, will ich wissen. „Oder ist es wegen deiner neuen Macht?“ Ich weiß nicht, welcher Grund mir besser gefällt … Während ich ihn ansehe, spüre ich einen eifersüchtigen Stich.

„Ich werde dafür Sorge tragen, dass dir nichts geschieht“, murmelt er abwesend. „Nimm bitte wenigstens Swift und den Leitwolf mit.“

„Warum muss ich mich vor ihm verstecken?“, frage ich spitz. „Soll das ewig so weitergehen? Weshalb können wir ihn nicht stellen und zur Strecke bringen?“

Joice hebt den Blick und lässt seine Augen auf mir ruhen.

„Weil ich den Krieg nicht will.“

Aber ich will ihn, denke ich, und er hört meine Gedanken.

Für einen Moment stellt er das Öl beiseite und erhebt sich.

„Warum, Gillian? Wieso willst du in diesen Konflikt eingreifen? Ich bin mir sicher, deine alten Freunde, Piper und die anderen, werden sich genug einmischen. Willst du vielleicht dein Einhorn zurück? Oder dein Amulett, das sie dir genommen haben? Deinen Kristall? Willst du mehr Macht? Reicht dir nicht, was wir hier haben?“

Mit einem abschätzigen Blick führe ich ihm vor Augen, was er gerade tut und wie lächerlich das für mich aussieht. Ich nähere mich ihm langsam.

„Mir reicht es“, sage ich leise, aber ich schaffe es, mich zu beherrschen. „Ich will mit dir und unseren Kindern in Frieden leben. Aber den bekomme ich erst, wenn Crain tot ist.“

Ich hauche ihm die Worte ins Ohr und zeige ihm meine Vorstellung, wie es wäre, ihn umzubringen.

„Also willst du Rache“, sagt Joice.

„Genau das.“ Ich funkele ihn an. „Ich will seinen Tod, um jeden Preis.“

Mit diesem Gedanken lasse ich ihn zurück und verschwinde. Ohne Abschiedskuss, ohne ihn zu berühren, gehe ich langsam an ihm vorbei und winke nach Swift und dem Wolf, wie er es wollte. Ich spüre im Rücken, wie er mir nachsieht, und ich weiß, wie erleichtert er ist, dass ich auf ihn höre.

Du bist nicht so undurchschaubar, wie du glaubst, Joice, denke ich amüsiert, während ich nach draußen auf den Friedhof trete.

Ich lasse mir Zeit, als ich die Allee hinunterwandere. Dabei gebe ich mir keine Mühe, den Lichtkegeln der Laternen auszuweichen. Ich freue mich, meinen Durst zu stillen, und male mir aus, wie das heiße Blut meine Kehle hinabrinnt. Meine Opfer suche ich mir am liebsten unter jungen Menschen, die nachts in einer romantischen Anwandlung die Sterne betrachten oder allein auf dem Weg nach Hause sind. Einmal haben wir eine kleine Gruppe überfallen, die aus einem Club kam und singend durch die Straßen zog. Der Alkohol, den sie im Blut hatten, verstärkte unseren Rausch um ein Vielfaches und wir lagen danach eine ganze Weile im Gras und schauten unsererseits den Sternenhimmel an, während wir die Reste den Wölfen überließen.

Da Joice nicht bei mir ist, könnte ich mir heute Nacht vielleicht einen besonders hübschen jungen Mann auswählen; ich hätte Lust, ein bisschen zu spielen. In meinem Kopf höre ich die Schlagader zwischen den kräftigen Muskeln pulsieren. Ich wittere in die Mitternachtsluft, dann werde ich schneller. Ich bin auf der Jagd. Und der Wolf und der Hund folgen mir im Schatten der Bäume.

Der Geruch nach warmem Eisen lockt mich um eine Kurve und lässt mich die Allee hinunterstürmen. Blut!

Plötzlich höre ich das Geräusch. Ich bleibe stehen wie versteinert, aber es ist zu spät. Am Ende der Straße sehe ich die schwarze Kutsche. Das Grinsen des Vampirs, der sie führt, erkenne ich von hier, und an der Seite, auf dem Rahmen eines kleinen Fensters, liegt eine weiße Hand mit langen, schmalen Fingern, die mit protzigen Ringen nur so behangen sind. Crain. Ganz in der Nähe stimmt ein Rudel Wölfe sein Geheul an – ein großes Rudel, stelle ich fest. Ich mache kehrt und laufe, verlasse die Straße und das Licht und flüchte zwischen die Bäume. Swift weicht kein Stück von meiner Seite, aber aus seiner Kehle dringt ein wütendes Grollen.

Der Kutscher treibt die Pferde in den Galopp. Es dauert nicht lange, bis sie auf meiner Höhe sind. Ich höre, wie die Tür schlägt, danach Crains Absätze auf dem Asphalt. Ich renne um mein Leben.

Joice hat es gehört, rede ich mir ein, er muss das Heulen gehört haben. Unsere Kirche scheint noch eine Meile entfernt.

Das raue Gras streift meine nackten Beine, meine Schuhe versinken im lockeren Boden. Ich fühle, wie dicht er hinter mir ist, ich höre den leisen Wind in seinem Mantel. Ich zwinge mich, nicht zurückzublicken, und laufe noch schneller. Aber ich spüre, wie meine Reserven schwinden, mir fehlt das Blut. Joice, bete ich in Gedanken, hilf mir!

Vor mir taucht unser Leitwolf auf. Greif ihn an!, befehle ich ihm. Beschütze mich! Aber er rührt sich nicht von der Stelle. Als ich ihm zu nahe komme, knurrt er mich an und schneidet meinen Weg ab.

„Bist du wahnsinnig!“, kreische ich. Dann sehe ich voll Schaudern, wie sich seine Augen verfärben. Das Glühen in ihnen wird grau und kalt. Menschenaugen, denke ich, Crains Augen. Er hat ihn als Spion missbraucht.

Er lässt mich nicht passieren. Als Swift erkennt, dass der Wolf die Seite gewechselt hat, greift er ihn an, aber ich komme nicht vorbei. Rote Augen leuchten in der Dunkelheit, das Rudel hat uns eingekreist.

„Na schön!“, schreie ich voll Wut und drehe mich um zu Crain. Er steht nur ein paar Schritte hinter mir und empfängt mich mit einem Blick voller Abscheu. Ich erwidere seinen Ausdruck bereitwillig und stürze mich auf seine Kehle. Als er meinen Angriff kommen sieht, dreht er sich in eine passive Position und wehrt mich mit Leichtigkeit ab. Ich lande auf dem Boden hinter ihm. Verwirrt springe ich wieder auf die Beine.

„Du wirst unterliegen, kleine Kriegerin“, spottet er. „Du hast keine Chance.“

Ich sehe seine Fantasien, in denen er über mich triumphiert, mich irgendwo festhält, wo ich ihm hilflos ausgeliefert bin.

„Du kannst mir nichts tun!“, behaupte ich, obwohl ich es besser weiß, aber ich versuche, meine Gedanken zu verschleiern.

Sein Lachen klingt künstlich. Wahrscheinlich will er mir zeigen, wie sehr ich seine Zeit verschwende.

„Oh bitte, Gillian! Hast du vergessen, dass ich deine Angst riechen kann?“ Er täuscht einen Angriff an und ich weiche sofort zurück. Wieder lacht er mich aus. „Du weißt doch am besten, dass wir wie Tiere sind. Wir schlachten Unschuldige zu unserem Vergnügen ab.“

Du vielleicht, denke ich. Dieses Urteil nehme ich nicht an. Meine Opfer sterben fast immer in Wohlgefühl – selbst wenn ihre Angst ihren Reiz haben kann.

Aber jetzt darf ich nicht daran denken. Ich umkreise ihn langsam und bemühe mich, eine ungeschützte Stelle auszumachen. Die Haut, höre ich Joice in meiner Erinnerung, unsere verwundbarste Stelle ist die Haut. Ich verfluche mich, dass ich nicht einmal eine Waffe trage. Mein Hund liegt hinter mir auf dem Rücken, gestellt von unserem eigenen Wolf.

„Du fragst dich, was das bedeutet“, vermutet Crain. „Wie ich dich hier finden konnte.“ Er lächelt heimtückisch. „Meine Macht ist größer als du glaubst, Gillian!“

Mit einem schwungvollen Schlag seines Mantels gibt er mir den Blick auf einen Stab frei, den er in seiner Hand hält. Er sieht aus wie ein Spazierstock mit silbernen Beschlägen. Nun verstehe ich auch, weshalb er die Handschuhe trägt, denke ich düster. Dann fällt mir der rot glänzende Stein ins Auge.

„Der Rubin“, murmele ich fassungslos, „Destinys Auge und Stimme.“ Zuletzt habe ich ihn in meinem alten Zimmer gesehen, auf meinem Nachttisch, damals, als ich noch bei meinen Eltern lebte. Als ich noch eine der Krieger war. Damals war der Rubin unser Kommunikationsmittel mit der Obrigkeit. Und nun ist er in seinen Händen.

„Wahrscheinlich willst du gern wissen, wie dein Kristall seinen Weg zu mir gefunden hat“, vermutet er. Ich korrigiere ihn in Gedanken. Nur ein Idiot kann den Stein einen Kristall nennen. „Deine Hexenfreundinnen haben ihn für mich geholt. Sie gaben ihn mir ganz freiwillig – vor unserer kleinen Meinungsverschiedenheit …“

„Ich hoffe nur, sie haben meinen Eltern dafür nichts angetan!“, zische ich. „Sonst sind sie die Nächsten, die ich bezahlen lasse.“

„Nach mir meinst du?“ Sein Gesicht ist diesmal ehrlich überrascht und ich stelle fest, dass ich diesen Blick noch mehr hasse. „Du hast nichts von deiner Arroganz eingebüßt!“, lacht er.

Wütend springe ich ihn wieder an. Ich versuche, eine Hand auf den Rubin zu legen, aber er ist schneller als ich. Er schlägt mich mit dem Stock zu Boden, dann stellt er sich über mich und hält ihn mir von hinten an die Kehle. Ich kreische, als das Silber meine Haut versengt. Ich ringe mit den Händen, um ihn abzuwehren, doch er weiß, wie hilflos ich bin, und genießt seine Machtposition.

„Ich sagte ja: Keine Chance“, meint er mit ruhigem Atem, als hätte ich ihn überhaupt nicht angestrengt. Dann kommt er ganz nah an mein Ohr, sodass ich sein Haar auf meiner nackten Schulter fühle. „Weißt du, Gillian – Liebes!“, sagt er angewidert. „Eigentlich wollte ich deinem Geliebten nur andeuten, was ihn erwartet, wenn er mir folgt. Aber auf die Art wird er den Vorteil ganz von selbst sehen.“

Welche Art?, denke ich sarkastisch. Das Lächeln in seiner Stimme gefällt mir gar nicht.

„Du hast nicht zufällig Liliths Essenz bei dir?“, will er wissen.

Ich lache auf. „Die wirst du nicht mehr bekommen.“

„Warum, kannst du mir wohl nicht sagen?“ Er drückt den Stock an meine Kehle und ich krächze: „Leider nein.“

„Vertrau mir, Liebes!“ Wieder betont er das Wort, als wäre es ein Fluch. „Ich bekomme es aus dir heraus!“

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie ein paar andere Vampire Swift einen schwarzen Sack überstülpen und ihn einschnüren. Dieser Anblick, das Winseln und der Druck an meinem Hals lassen meine Augen feucht werden. Dann bekomme auch ich eine Kapuze über den Kopf und werde grob über das stachelige Gras geschleift. Sie werfen mich in die Kutsche, zu Füßen von Crain, der die Tür zuschlägt und mich achtlos zur Seite stößt.

Heiße Tränen laufen über mein Gesicht. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal geweint habe, aber ich muss einen guten Grund gehabt haben. Ich denke an Joice, an Swift und plötzlich auch an meine Eltern. Bin ich immer noch ein Mensch?, frage ich mich. Und wenn er herausfindet, wie verletzbar ich bin – was wird er dann mit mir tun?

Die Krieger des Horns - Eismond

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