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Dritter statistisch-kritischer Einschub: DEEP PURPLE

1. Chasing Shadows

2. Blind

3. Lalena

4. Fault Line

5. The Painter

6. Why Didn’t Rosemary

7. Bird Has Flown

8. April

erschienen im Juni 1969 (Tetragrammaton, USA) beziehungsweise November 1969 (Harvest/EMI)

Es ist seltsam mit dieser Platte, der man sich schon aufgrund ihrer Veröffentlichungsgeschichte – von zwei komplett unfähigen Plattenfirmen gar nicht respektive viel zu spät herausgebracht – mit immenser Gutwillig­keit und Neugier nähert, geweckt von den „Aber!“s, die in solchen Fällen zum Zug kommen: „Die Platte kennt niemand, aber sie ist gut“ zum ­Beispiel. Und dann ist man aber doch ein bißchen enttäuscht, wenn sie läuft, und zwar gleich zu Beginn: Der rhythmische Teppich von „Chasing Shadows“ ist ohne Zweifel kompetent bis großartig geknüpft, erinnert aber heftig an den Mittelteil von „Shield“ – na gut, das darf er. Aber die draufgeklatschte Harmoniefolge gibt halt einfach nicht viel her; man hört sie und Rod Evans’ dazwischengebogene „Ich bin doch ein echter Rocker!“-Leitmelodie, die vergeblich versucht, die Prägnanz und Leichtigkeit von „Listen, Learn, Read On“ zu emulieren, einmal und wartet von da ab darauf, daß etwas passiere. Was es nicht tut. Zu allem Überfluß geht die Nummer dann, nachdem sie zu Ende ist, noch mal los und wird damit endgültig zu lang.

Jon Lord ließ sich im Musikexpress im Oktober 1971 wie folgt über den Song zitieren: „Dieses Stück ist so persönlich, daß ich eigentlich nicht gern darüber rede. Ich schrieb das Lied, nachdem ich einen fürchterlichen Alptraum gehabt hatte. Es war wirklich ein entsetzlicher Traum: Ich bildete mir die ganze Zeit ein, hellwach zu sein, während ich in Wirklichkeit schlief, und ich sah all diese schrecklichen Figuren an der Wand. Am nächsten Morgen setzte ich mich hin und schrieb diese Nummer, und immer wenn ich sie höre, ist das für mich ein ganz persönliches Erlebnis. Wenn ich mir meine eigenen Songs anhöre, erinnere ich mich oft an Dinge, die sich vor langer Zeit abgespielt haben. Zum Beispiel ‚Blind‘: Erst lange nachdem ich es geschrieben hatte, fiel mir auf, woher die Inspiration dazu gekommen war. Ich erinnerte mich an eine Liebesgeschichte; ich war damals siebzehn, sehr verliebt in ein Mädchen und ging mit ihr am Ufer eines Sees spazieren. Sie bedeutete mir damals sehr viel, und ich war sehr enttäuscht, als sie mit mir Schluß machte. Wenn ich heute darüber nachdenke, war die Situation sehr simpel. Sie sagte damals: ‚Ich will nicht mehr mit dir gehen – ich bin in Harry, den Metzgerjungen, verliebt.‘ Ich weiß noch, wie ich hinterher am Wasser stand, wütend Steine hineinwarf und die Wellen betrachtete. Und wenn du dir das Lied anhörst, kannst du die Wellen hören.“ Dazu muß man allerdings genau und wohlwollend hinhören, doch sei zu Jon Lords Gunsten hinzugefügt, daß seine Soli langsam anfangen, eine Richtung zu finden und die Leitplanken zu bemerken. Das winterlich-dramatische, aber angenehm reduziert arrangierte, sehr tief in den mittleren Sechzigern verwurzelte „Blind“, das an Charme gewinnt, indem Lord seine Orgel gegen ein ­Spinett oder Cembalo eintauscht, lebt in erster Linie von der vertrack­ten, phantasievollen und einfallsreichen Schlagzeugarbeit, die zwischen Jazz-Zitaten und Keith-Moon-Anklängen einen eigenen und höchst originellen Weg einschlägt und die Tendenz mittelschneller Hard-Rock-Nummern, in ein statisches Gestapfe zu verfallen, vehement aushebelt. Ritchie Black­more schaut nur kurz vorbei und wirft ein souveränes, aber nicht sonderlich aufregendes, hendrixoides Wah-Wah-Solo dazwischen, und Rod Evans hat, wie immer, wenn es etwas lauter wird und die Melodie ihn nicht fest an beiden Händen führt, gewisse Schwierigkeiten. Noch besinnlicher und getragener wird die Stimmung auf Donovans Blumenkindballade „Lalena“, die ein ganz kleines bißchen wie eine Vorahnung von „Child In Time“ klingt und jedenfalls ein schöner Song ist, auch wenn Deep Purple ihr trotz Jon Lords unaufgeregtem Orgelsolo nicht allzuviel eigenen Charakter zu verleihen vermögen. Hier zeigt Rod Evans, wofür seine Stimmbänder eigentlich gemacht sind, und das ist einerseits erfreulich, andererseits ein Warnsignal, denn Ritchie Blackmore, das weiß und spürt man über gute drei Viertel des Albums, drängt in die Gegenrichtung – Balladen raus, Rock rein.

Das Rückwärtsexperiment „Fault Line“ ist die dritte, erstmals wirklich gelungene Folge der Serie „Große Einleitung – kleiner Song“ und geht nahtlos in „The Painter“ über, mit dem Blackmore die harte Linie wirkungsvoll untermauert, kräftig unterstützt von wiederum großartig lebendigem Trommelgewitter und einem Lord-Solo, das sich ebenfalls alle Mühe gibt, kantig, wild und elektrisch zu wirken. Das harmonische Gerüst ist ein traditionelles Blues-Schema und Rod Evans’ Melodie simpel, aber schlagend wie eine Ohrfeige. Wenn schon kein richtiger Song da ist, läßt sich, möchte man meinen, aus einer alten Vorlage kaum mehr und Besseres herausholen.

Aber verstehe einer diese Band! Unmittelbar danach kommt sie mit dem Substandard-Status-Quo-Holzhacker-Boogie „Why Didn’t Rosemary“ samt verquollenem Empfängnisverhütungstext daher und haut alles, was sie zuvor an Erwartung und gutem Willen aufgebastelt hat, mit einem Rumsti-Pumsti wieder über den Haufen. Da hilft auch die vorzügliche, gegen Ende regelrecht entfesselte, aber eben zirkusbandmäßige Gitarrenarbeit wenig – man hört sie gern, wünscht sich aber den Song dazu weg. Glücklicherweise hebt eine neue, im Vergleich zur „Emmaretta“-B-Seite längere und wesentlich dreckigere Version von „Bird Has Flown“ das Niveau sofort wieder.

In einem muß man Ritchie Blackmore zweifellos recht geben, insbeson­dere wenn man das Album mehrmals hintereinander gehört hat: Rod Evans, der auf The Book Of Taliesyn (mindestens) seine Momente hatte, wirkt diesmal und inzwischen überfordert, müde, gelangweilt, gequält und über weite Strecken einfach gar nicht richtig bei der Sache. Seine einzige wirklich gute Stelle hat er im tiefschwebenden Refrainausklang von „Bird Has Flown“, aber selbst dieser Höhepunkt wirkt, verglichen mit der zeitgenössischen Konkurrenz (von Robert Plant bis, meinetwegen, zum jungen Noddy Holder), derart bieder und erbärmlich, daß man Evans förmlich schrumpfen sieht und ihm mitleidig die Schulter tätscheln möchte. Wenn man ernsthaft behaupten wollte, Deep Purple sei ein weiterer Schritt nach vorn, dann aber vor allem in diese eine Richtung: zur Umbesetzung des vokalen Arbeitsplatzes.

Das zeigt im Grunde auch das versöhnliche, nun wirklich meisterhafte Finale, das ewig über- ebenso wie unterbewertete, ebenso pathos­geschwol­lene wie nüchtern-hypnotische, fehler- wie makellose und von späteren Bombast-Rockbands aus aller Herren Ländern bis zum Erbrechen ungeschickt derb bis brutal beklaute, nach wie vor überraschend wirkungs­volle „April“. Denn da hält Herr Evans in Ermangelung irgendeiner ­sinnvollen Betätigung Gott sei Dank einfach bloß den Mund – bis zum „Rockteil“, wo er, na gut, sich doch noch etwas Mühe gibt und immerhin nicht so sehr stört. Welch ungeheures Gespür und schlafwandlerische Sicherheit Jon Lord, möglicherweise dank seiner klassischen Schulung, möglicherweise einfach als Geschenk der großzügigen Natur, als Arrangeur hat, ist frappierend. Nicht nur schraubt er eine ganze Kiste voller unterschiedlicher Elemente, Teile, Ideen und Interpretationsmöglichkeiten so geschickt zusammen, daß nirgends ein Übergang oder eine Kante erkennbar ist und selbst das Orchester in der Mitte wirkt, als wäre es auf magische Weise aus dem zuvor musizierenden Ensemble irgendwie herausgewachsen, um sich dann ebenso unbemerkt in eine Rock­band zu verwandeln. Er liefert noch dazu die Origi­nalvorlage für Millionen melancholische Songs, die auf derselben absteigenden Vier-Akkord-Folge beruhen, er hält, im Gegensatz auch zum Rest des Albums, die Regler aller Hallgeräte so stur bei fast null, daß an keiner einzigen der vielen diesbezüglichen Gefahrenstellen Bombastalarm ­gegeben werden muß, und er schafft es, so fassen wir zusammen, aus einem unschein­baren, kleinen Entwurf ein Songgebäude zu bauen, das in der gesamten Geschichte der Rock- und Popmusik seinesgleichen bis heute vergeblich sucht. Noch 2004 schrieb die Berliner Zeitung, mit „April“ ­hätten sich Deep Purple „auf einmal für ihren Hard Rock entschuldigt“: „Der Organist John Lord mußte irgendwie seinen sinfonischen Druck loswerden und verschrieb der bis dahin unauffälligen Band eine sogenannte Rocksuite, die noch viele und vor allem viel furchtbarere Rock­suiten unbefugter ­Epigonen nach sich zog. So gesehen ist dieses ‚April‘, mit dem die Mesalliance zwischen Rockinstrumenten und Orchester begann, die Sternstunde des künstlerischen Niedergangs eines kompletten Genres; verhängnisvoll für die primitive Rockmusik, aber in seiner Anmaßung auch wundervoller Kitsch. Schön schlimm – wie der April.“

Wäre der Rest der Platte der letzte Müll oder auch nur so halbgar wie diese Formulierung – man müßte sie dennoch loben und lieben, und wenn das schwer psychedelisch rockende Finale von „April“ verklungen ist, kann sich der Schreiber dieser Zeilen, mit schweren Füßen und perlglänzenden Augen zurückgekehrt aus Heppel & Ettlichs Kneipe um die Ecke, wo man ihm zum Ausklang und Abschied ungefragt ebendieses „April“ kredenzt hat, nicht mehr erinnern, was es gleich noch mal war, was er an Deep Purple enttäuschend fand oder gefunden haben wollte.

Weitere fünf Wochen lang bespielt die Band – ob aus Verzweiflung, Sturheit oder einfach um ein paar Pfund in die Kasse zu kriegen – Bühnen in Großbritannien, und weitere fünf Wochen lang wissen Rod Evans und Nick Simper nichts von ihrer bereits beschlossenen Kündigung. Das ist nach Deep-Purple-Logik durchaus sinnvoll, denn es müssen ja erst Nachfolger gefunden werden, damit der Geschäftsbetrieb reibungslos weiterlaufen kann.

Die Londoner Musikszene hat – wie die britische überhaupt – während der Abwesenheit von Deep Purple nicht etwa den Betrieb eingestellt, sondern ist wie ein Schnellzug weitergefahren, ohne sich um zurückbleibende Passagiere groß zu kümmern, und so muß der schimmerlose Ritchie Blackmore seinen alten Schulfreund und Ex-Outlaws-Kollegen Mick Underwood anrufen und fragen, wer und was denn zur Zeit angesagt sei, vor allem in puncto Baß und Gesang. Ob aus Stolz oder Naivität – Underwood, der seit kurzem bei Episode Six trommelt, schwärmt, unvorsichtigerweise, in den höchsten Tönen von seinem Sänger Ian Gillan. Der sitzt während des Anrufs mit Roger Glover in Underwoods Bude herum; man ist damit beschäftigt, Sparmaßnahmen durchzurechnen, die den Erwerb einer neuen Gesangsanlage ermöglichen sollen.

Gillan – wir erinnern uns – war vor knapp anderthalb Jahren schon mal im Gespräch, inzwischen aber haben sich die Voraussetzungen gründlich geändert: Nach einer längeren Tournee durch den Libanon, das einzige Land, in dem Episode Six je einen Nummer-1-Hit, vielmehr: überhaupt einen Hit, verzeichnen können, und dem Ausstieg des Underwood-Vorvorgängers Harvey Shields (John Kerrison blieb nur ein paar Tage), ist Gillan nicht mehr so überzeugt von einer großen Zukunft mit Episode Six und hat bei Gelegenheit schon mal die Idee ins Spiel gebracht, mit Underwood und dem Episode-Bassisten Roger Glover eine neue Band zu gründen – deshalb auch der geplante Anlagenkauf, mit dem die Betriebsausstattung vervollständigt werden soll.

Blackmore und Lord reagieren schnell. Am 4. Juni sehen sie sich im Ivy Lodge, einem kleinen Jugendklub in Woodford Green im Londoner Nordosten, Episode Six an. Underwood hat Blackmore Ian Gillans Telephonnummer gegeben, und Gillan erzählt Roger Glover vor dem Gig, ein Typ von einer Band namens Deep Purple habe ihm einen Job angeboten. Wenn Blackmore sich etwas in den Kopf gesetzt hat, auch das wissen wir bereits, ist ihm fast jedes Mittel zur Durchsetzung recht. Als er zu Episode Six auf die Bühne steigt und als Gast ein bißchen mitspielt, werden auch die restlichen Mitglieder der Band mißtrauisch. „Ich kannte Deep Purple nicht, mir erschienen sie wie ziemlich ruchlose Gesellen“, sagt Roger Glover. „Die Session mit Ritchie war gut, aber was mir am meisten im Gedächtnis blieb, war das Erscheinungsbild der Band: Sie trugen alle Schwarz, sahen geheimnisvoll aus, hatten schwarzgefärbte Haare – und ziemlich viel davon.“ Nach dem Auftritt kommt Jon Lord in die Garderobe und unterbreitet Gillan ein förmliches Angebot für eine inaugurale Geschäftsbesprechung.

Für gewisse Dinge hat Ian Gillan ein gutes Auge. Als er, in den besten Klamotten, die der gemeinsame Gillan/Glover-Kleiderschrank hergibt, mit einer Zehnerpackung Rothmans-Zigaretten und einer Hosentasche voller pappiger Kleenex-Tücher, weil er schwer erkältet ist, vor Nervosität zitternd zu dem anberaumten Treffen mit Blackmore, Lord und Paice erscheint, bemerkt er, daß sich unter der Fassade des Trios Dinge abspielen, die mit Bandstrukturen, wie er sie gewohnt ist, nicht leicht in Einklang zu bringen sind: „Offenbar“, schreibt er in seiner Autobiographie Child In Time, „hatten Rod Evans und Nick Simper keine Ahnung, was da vorging, ebensowenig wie das Management, John Coletta und Tony Newman. Während die in ihrem Büro in der Newman Street 25, London W1, emsig daran werkelten, der Band ihre zukünftige Lebensgrundlage zu sichern, waren Ritchie, Jon Lord und Ian Paice dabei, die Band nach ihren Vorstellungen umzubauen. Auf den ersten flüchtigen Blick kamen die Typen sehr stark rüber. Sie wirkten reich und selbstbewußt, auch sehr gut gekleidet. Ich versuchte, sie zu beeindrucken, indem ich ihnen Zigaretten anbot: ‚Will jemand eine von denen?‘ Dabei fielen die Rotztücher mit aus meiner Hosentasche. Weil mir der Schleim nur so die Kehle runterlief, bückte ich mich qualvoll runter, um den feuchten Haufen aufzuheben, und alle starrten mich an. Es war ein Augenblick entsetzlicher Unsicherheit, aber sie halfen mir dann schnell darüber hinweg. Wir plauderten über Rock ’n’ Roll, und sie boten mir den Sängerjob bei Deep ­Purple an. Dann fragten sie noch, ob ich irgendwelche anständigen Bassisten kenne, und ich erwähnte Roger.“ Gillans schwerer Schnupfen, erzählt er später, hindert ihn daran, beim Anblick der Frisuren, die seine drei zukünftigen Arbeitgeber durch die Gegend tragen, in schallendes Gelächter auszubrechen.

Roger Glover ist nicht ganz so leicht zu überzeugen wie sein Sänger. Nach dem Episode-Six-Auftritt im Ivy Lodge Club hat er kein Wort mit Lord und Black­more gewechselt, und als sie ihn nun ebenfalls zu einem „Vorstellungs­gespräch“ einladen, gibt er sich wenig Mühe mit seinem Erscheinungsbild. „Er tanzte in Jeans an“, schreibt Gillan, „die zwei Jahre zuvor ‚perfekt‘ gewesen waren. Dazu trug er eine Art Teewärmer mit Armlöchern und Sandalen – das Ganze mit Schnüren zusammengehalten. Ich dachte: Mein Gott, was werden die davon halten?“ Offenbar halten sie nicht wenig davon. Ein Mann, der es wagt, der Chance seines Lebens in derartigen Lumpen und ohne Socken zu begegnen, muß wohl eine große Portion von dem besitzen, was Deep Purple bislang fehlt: Underground-Coolness. Oder, in Ian Gillans Worten: „Plötzlich mußten wir uns nicht mehr bemühen, nett zu wirken, sondern konnten einfach die Zunge rausstrecken und loslegen. Ich denke, das war’s, was Purple wollten.“

Roger Glover indes will eigentlich was anderes und jedenfalls seine Band nicht im Stich lassen. Um ihn zu erweichen, schlägt Gillan vor, Deep Purple lediglich ein paar ihrer gemeinsam komponierten Songs anzubieten. Am Sams­tag, dem 7. Juni 1969, trifft sich die noch nicht ganz embryonale Neubesetzung zu diesem Zweck in Jon Lords Haus. „Er war ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte, ein richtig sympathischer Mann, und seine Genialität haute mich aus den Socken“, erzählt Roger Glover, der ein paar Ideen vorspielt – „über Affen und Löwen. Affen kamen damals in unseren Texten immer vor.“ Jon Lord kann aber nur mit einem Ohr zuhören, denn gleichzeitig ist er damit beschäftigt, den weiteren Tagesverlauf zu koordinieren: Am Nachmittag soll sich die „alte“ Mannschaft im Studio treffen, um für eine eventuelle neue Single eine Nummer namens „Hallelujah“ einzuspielen, die die Tin-Pan-Alley-Songwriter Roger Greenaway und Roger Cook – einst unter dem Duonamen David & Jonathan, später mit der Sessiongruppe Blue Mink höchst erfolgreich – als Demo an Derek Lawrence geschickt haben. Glover und Gillan vertreiben sich irgendwie die Zeit, während sich Blackmore, Paice und Lord im Studio mit Evans und Simper irgendwie die Zeit vertreiben. Nach zwei Stunden „Arbeit“ trennt man sich schließlich – und eine halbe Stunde später sind Deep Purple wieder im Stu-dio, diesmal mit Gillan und Glover, um die Sache ernsthaft anzugehen. Dabei erweist sich, daß Roger Glover möglicherweise nicht so punktgenau und verläßlich wie Nick Simper mit dem Baß umgehen kann, dafür aber eine ganze Menge mehr Gespür für freie Melodieführung, Ahnung von Arrangements und der Studio­arbeit insgesamt hat als selbst Blackmore und Lord. Und Ian Gillan sorgt für einen im wahrsten Sinn des Worts einschneidenden Moment in der Band­geschichte, als er den ersten seiner markerschütternden Schreie losläßt, die bis heute Deep-Purple-Fans aller Generationen vor Begeisterung die Haare zu Berge stehen lassen.

„Jon Lord fragte: ‚Wärst du bei der Band dabei?‘“ erzählt Glover später. „Und ich antwortete: ‚Schönen Dank, aber nein, denn Ian verläßt meine Band, und wenn ich auch gehe, sind alle arbeitslos, und diese Verantwortung kann ich nicht übernehmen.‘ Aber ich spürte, daß an Deep Purple was dran war. Ich weiß nicht, was – die Musik war’s nicht –, irgendwie so ein instinktives Gefühl, daß der Zeitpunkt gekommen war, was Neues zu machen. Am Sonntag rief ich von Ians Wohnung aus bei Jon Lord an. Es war ungefähr zehn Uhr morgens, und da ich nicht wußte, daß er nie vor zwei Uhr nachmittags aufsteht, sagte ich enthusiastisch: ‚Jon, hier ist Roger!‘ Er sagte bloß: ‚Yeah.‘ Und ich: ‚Roger – Roger Glover, der Bassist!‘ Dann bekam ich mitgeteilt, daß ich drei Monate lang bloß probeweise dabeisein würde – auf Bewährung, wie er das nannte.“

Am Montag ruft Jon Lord Tony Edwards an und berichtet ihm von der Umbesetzung: „Wir haben jetzt diesen Kerl, der nicht singt, sondern schreit.“ Die einzigen, die nach wie vor nichts von der Entwicklung wissen, wahrscheinlich nicht einmal ahnen, sind Rod Evans und Nick Simper – sie werden noch gebraucht, denn bis Ende Juni stehen Konzerte an, und auch Gillan und Glover sind noch einige Zeit an Episode Six gebunden. Während also die laut Ian Paice „wie die Spice Girls zusammenmontierte“ Neubesetzung in getrennten Bandbussen durch die Lande kutschiert, wollen wir uns die beiden Bald-Exmitglieder noch mal ein bißchen näher anschauen.

Rod Evans ist das vielleicht rätselhafteste aller ehemaligen und aktuellen Mitglieder von Deep Purple. Man weiß, daß er am 19. Januar 1947 im schottischen Edinburgh geboren ist, daß seine Eltern bald danach in den Londoner Westvorort Slough umzogen und daß er sich im Kindergarten mit dem späteren Deep-Purple-Roadie Mick Angus anfreundete. In seiner ersten Band The Horizons spielte er 1965 mit Lenny „Chip“ Hawkes zusammen, der später mit den Tremeloes bekannt wurde. The Horizons coverten hauptsächlich Curtis-Mayfield-Songs und Beat-Hits und waren viel unterwegs, selbstverständlich auch in Hamburg, wo sie sich nebenberuflich als Zechpreller durchbringen mußten, um nicht zu verhungern. Evans verdiente sich ein paar Scheine als Photomodell dazu und lernte dabei vielleicht, auch musikalisch in Rollen zu schlüpfen und fremde Kleider zur Schau zu tragen.

Als Lenny Hawkes Mitte 1966 die Horizons verließ, warben die Übrig­geblie­benen Ian Paice von den lokalen Konkurrenten The Shindigs ab, nannten sich nach dem Geheimdienst Ihrer Majestät M. I. Five und beschlossen, Profis zu werden. Im September erschien die erste Single „You’ll Never Stop Me Loving You“ auf Parlophone, komponiert von Gitarrist Roger Lewis. Evans gab den croonenden Gene-Pitney-Klon auf der A-Seite ebenso überzeugend wie auf der B-Seite „Only Time Will Tell“ den psychedelischen Mod-Beat-Sänger. Kaufen wollte die Platte trotzdem (oder deswegen) kaum jemand, also benannte sich die Band in The Maze um, ließ sich von Robert Stigwood für sein Reaction-Label unter Vertrag nehmen und das versprechen, was er seinen anderen Schützlingen The Who und Cream schon verschafft hatte. Mehr als ein dreimonatiges Engage­ment in Mailand Anfang 1967 – in einer Inszenierung von Arnold Weskers Thea­terstück Chips With Everything – und eine anschließende Deutschlandtournee sprang aber nicht heraus. In Hamburg traf Schlagzeuger Ian Paice Ritchie Black­more wieder, den er auf der Reise nach Italien auf dem Schiff kennengelernt hatte, ließ sich von ihm aber nicht zum Ausstieg und einem Versuch mit Man­drake Root überreden. The Maze veröffentlichten vier Singles: „Hello Stranger“, „Aria Del Sud“ (eine Promoplatte für das Mailänder Theaterstück), eine nur in Frankreich erschienene EP mit „I’m So Glad“ von Skip James und im Dezember 1967 die italienische Ballade „Cateri Cateri“. Dann hatte Rod Evans genug von der wechselnden Musikmaskerade, vor allem aber von den fünfzehn Pfund, die er mit The Maze wöchentlich verdiente, und bewarb sich, dem Beispiel seines Freundes Mick Angus folgend, auf die Melody Maker-Anzeige hin bei Deep Purple – um erneut die musikalischen Vorstellungen anderer Leute vokal umzusetzen.

Rätselhaft an Rod Evans ist vor allem seine Rolle in der Band. Er war nie ein wirklicher „Rocker“ (ob er je einer sein wollte, wissen wir nicht), und so wirkte er während seines kurzen Jahres bei Deep Purple auf der Bühne stets wie ein etwas überforderter Charakterdarsteller, der nicht recht weiß, welchen Charakter er gerade darstellen soll. Andererseits hat er einige der erstaunlichsten Texte für die Band geschrieben, und auch die Tatsache, daß auf den ersten drei Alben recht wenig gesungen wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie sehr wesentlich von seiner Stimme geprägt sind, die weniger deplaziert wirkt als manch anderes Element. Am Ende flog Evans sang- und klanglos und wohl auch weitgehend klaglos raus, ging in die USA, um ein ganz anderes Leben zu beginnen, und verschwand nach einer äußerst unrühmlichen Episode, von der wir noch berichten werden, so komplett von der Bildfläche, daß zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Buchs nicht einmal mit Sicherheit gesagt werden kann, ob er noch lebt.

Das zweite „Opfer“ des Bandumbaus, Nick Simper, kam am 3. November 1945 in Norwood Green in der – wir ahnen es – Westlondoner Vorstadt Southall zur Welt und fing schon 1960, mit vierzehn, als Gitarrist der Schülerband The Renegades an. Nach der Schule spielte er bei The Delta Five, die zumindest der Legende zufolge 1962 im Hanwell Community Center im Vorprogramm von Jerry Lee Lewis auftreten durften und Nicks erste Band waren, „die gut genug war, um nicht mit Cola-Flaschen beworfen zu werden“. Unterwegs auf den Bühnen Westlondons kreuzten sich immer mal wieder die Wege von The Delta Five und Screaming Lord Sutch & The Savages, deren Gitarrist Ritchie Blackmore Simper enorm beeindruckte. Noch mehr begeistert war er aber von der ruppigen Haudrauf­kapelle Johnny Kidd & The Pirates; weil in The Delta Five nicht genug Aggres­sionspotential steckte, stieg er aus, wechselte von der Gitarre zum Baß und zu der Band Some Other Guys. Ein paar Türen weiter probten The Javelins, deren Bassist Nick zeigte, wie man mit seinem neuen Instrument richtig umgeht, und deren Sänger Jess Thunder mit bürgerlichem Namen Ian Gillan hieß.

Dann wurde auch Simper ein richtiger Profi, spielte bei Buddy Britten & The Regents, die auf den britischen Kanalinseln so etwas wie lokale Superstars waren, und nahm mit ihnen drei Singles auf. Nachdem sich die Band in The Simon Raven Cult umbenannt hatte, sprang sie auf den Mod-Zug auf und bemühte sich vergeblich, Keith Moon als neuen Drummer zu gewinnen. Der ging statt dessen zu The Detours, die später High Numbers und endlich The Who heißen sollten. Anfang 1966 wechselte Simper für ein paar Wochen zu Dave Langstuns Band Cyrano & The Bergeracs, deren Organist ihm im Mai beiläufig erzählte, Johnny Kidd brauche eine neue Piratenbande, weil die alte Mannschaft wegen Lohnstreitigkeiten gekündigt habe. „Kidd war mein Idol, also ging ich mit unserem Schlagzeuger Roger ‚Truth‘ Pinner hin, klopfte einfach bei ihm an und sagte: ‚Wir sind die Pirates!‘ Er antwortete: ‚Ihr habt mir das Leben gerettet!‘“

Vier Monate lang war Simper mit Kidd auf Tournee, dann kam der Sänger bei einem Autounfall ums Leben. Als die erste und letzte Single von Johnny Kidd & The New Pirates erschien, „Send For That Girl“, lag Simper, der mit im Auto gesessen hatte, mit einem gebrochenen Arm im Krankenhaus, verdiente danach sein Geld als Sessionmusiker für den Soulsänger Bobby Hebb („Sunny“) und spielte mit den überlebenden New Pirates als Trio weiter, wobei er nun selbst den Gesang übernahm. Im Sommer 1967 begleiteten er und Schlagzeuger Carlo Little die Sängerin Billie Davis nach Hamburg, wo er Ritchie Blackmore wiedertraf und dieser die Gründung einer gemeinsamen Band vorschlug. Und alles Weitere wissen wir bereits.

Das könnte man sich absurder wirklich nicht ausdenken: Sieben oder zehn oder wer weiß wie viele Leute, die teilweise zusammengehören, teilweise noch nicht oder schon oder nicht mehr, von denen aber vor allem keiner über irgendwas mit dem Falschen reden darf; eine wahrhaft wahnwitzige Verschwörung, eine Omertà im Spiegelkabinett. Oder ein Komödienstadel, in dem die Darsteller die Pointen nicht mitkriegen und das Publikum nicht lachen darf. „Das“, sagt Roger Glover, „war der Modus operandi bei Deep Purple: Wenn es ein Problem gibt, sprich nicht darüber!“

Die gleichzeitigen Tourneetrosse von Deep Purple und Episode Six, die den Juni über durch Großbritannien ziehen, treffen sich schon am ersten Tag, dem 10. Juni – fast. Da spielen beide in Cambridge, allerdings an verschiedenen Colleges. Die Koinzidenz trägt nicht dazu bei, die schäumenden Wogen zu glätten, die allerdings nur in einem der beiden Lager wirklich schäumen – im anderen herrscht ja klandestine Trioverschwiegenheit gegenüber der Duofraktion. Episode-Six-Managerin Gloria Bristow ist derart sauer, weil ihr nun nach dem Sänger auch noch der Bassist geklaut wird, daß sie ernsthaft erwägt, HEC auf Schadensersatz zu verklagen. Tony Edwards empfiehlt Gillan und Glover in einem vertraulichen Gespräch am Bühnenrand, sich soweit wie möglich von ihrer bisherigen Arbeitgeberin fernzuhalten.

Auf der anderen Seite buckeln Rod Evans und Nick Simper brav weiter, für ein bißchen Taschengeld und anderer Leute Zukunft. Am 12. Juni versammelt sich die neue Besetzung konspirativ im Studio zu Schleifarbeiten an „Hallelujah“. Gillan ergibt sich schon jetzt in eine Arbeitnehmerposition: „Der Song war mir dermaßen peinlich!“ Vier Tage später findet man sich im Hanwell Community Center zur ersten regulären gemeinsamen Probe ein. Jon Lord – der, wie Roger Glover in seinem Taschenkalender notiert, Gillan und ihm je zehn Pfund „Honorar“ bezahlt – kommt zu spät, und so wird die Probe nach einer kurzen Jam Session auf den nächsten Tag verlegt. Den Abend danach verbringt man wiederum im Studio, aber diesmal kriegt Gloria Bristow mit, was da läuft, und erhöht prompt die Ablösesumme. John Coletta, soeben aus den USA von langwierigen Nachverhandlungen und Abrechnungen mit dem klammen Geschäftspartner Tetragrammaton zurückgekehrt, ist einigermaßen von den Socken, als er auf seinem Schreibtisch eine Notiz findet, „von jemandem namens Gloria Bristow, die mich beschuldigte, zwei ihrer Musiker gewildert zu haben. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wer Ian Gillan und Roger Glover überhaupt waren.“

Und nun führt halt endlich doch kein Weg mehr daran vorbei, sich zu erklären, zumal Nick Simper schon von Freunden angesprochen worden ist: „Man hört, du bist nicht mehr bei Deep Purple.“ Und Deep Purple wären nicht Deep Purple, wenn sich jemand herabgelassen hätte, unter vier oder sechs oder nötigenfalls auch zehn beteiligten und betroffenen Augen ein klares Wort zu äußern. Die Neuigkeit von der Abwicklung dessen, was wir vorauseilend „Mark I“ nennen wollen, erscheint in der letzten Juniwoche in der Londoner Underground-Gazette International Times. John Coletta, seit zwei Tagen zurück aus den USA, sitzt in seinem Haus in Brighton gemütlich am Schreibtisch und blättert in anderen Blättern, als vor dem Haus ein erbostes Reifenquietschen ertönt: „Es war Nickys Jaguar, und Rod und er hauten mir die ganze Geschichte um die Ohren … blam, blam, blam! Ich habe sie dann zum Abendessen eingeladen und ihnen dargelegt, daß die anderen drei sich eben entschieden hätten, basta. Ich machte ihnen klar, daß ich nicht das Recht hatte, Musiker zu heuern und zu ­feuern, das war Sache der Band.“

Einen Teil seines Zorns vergießt Nick Simper auch über Mick Underwood, der ziemlich entgeistert argumentiert, er würde Ian Gillan nie empfohlen haben, wenn er gewußt hätte, daß sein Tip Simper den Job kostet. Fast fünfzehn Jahre später wird Simper noch immer grollend tönen, er sei der beste Bassist gewesen, den Deep Purple je hatten; und abgesehen davon, daß die Auswahl so groß nicht ist, mag das schon sein, aber es muß eben jeder Bandmusiker früher oder später einsehen, daß es nicht darauf ankommt, wie gut einer im einzelnen ist, außer er hieße Blackmore.

Während die auslaufende Altbesetzung zu einem Konzert in Brüssel weilt, unterschreibt Roger Glover seinen Vertrag mit HEC und erhält einen nicht eben üppigen Vorschuß auf künftige Einnahmen, der aber ausreicht, um zwei Pfund Anzahlung für eine neue Akustikgitarre zu leisten. Die Zeiten sind hart, muß er sich von Edwards und Coletta erklären lassen. Zur Feier des Tages leiht er sich fünfundzwanzig Pfund von seiner Stiefschwester und kauft sich eine Wild­lederjacke – „das Teuerste, was ich mir je gekauft habe, abgesehen von Gitarren und Verstärkern“, wie er sich 1971 erinnert und gleich hinzufügt: „Ich lege nicht allzuviel Wert auf Geld.“

Die Zeiten sind nicht nur hart, sondern auch höchst konfus, was wiederum das Verdienst der traditionsreichen Firma EMI ist. Die hat Deep Purple inzwischen auf ihrem neugegründeten Progressiv-Label Harvest untergebracht, gegen den Willen von Harvest-Gründer Malcolm Jones, der Deep Purple für eine anspruchsvolle Zirkusband für den US-Kommerzmarkt hält, und im Juli endlich doch noch The Book Of Taliesyn in Großbritannien veröffentlicht – eine Woche nachdem in den USA das nächste Album erschienen ist. Am 4. Juli 1969 spielen Deep Purple zum letztenmal in alter Besetzung. Evans und Simper erhalten drei Monatsgehälter als Abfindung und dürfen sich entscheiden, ob sie weiterhin Tantiemen für die ersten drei Langspielplatten kassieren oder sich mit einer Einmalzahlung zufriedengeben möchten. Simper wählt den Gerichtsweg und streitet viele Jahre, Evans bleibt bei seinen Tantiemen und kommt besser weg – bis 1980; dazu kommen wir beizeiten noch.

Musikschaffend bleiben – zunächst – beide. Evans gründet mit Larry Rheinhart, Lee Dorman (beide zuvor bei Iron Butterfly) und dem Ex-Johnny-Winter-Drummer Bobby Caldwell die Prog-Rock-Combo Captain Beyond. Nick Simper schließt sich Marsha Hunts Tourneeband an, aus der, während die Sängerin ihr Kind von Mick Jagger austrägt, Warhorse entstehen: Drummer Mac Poole, Gitarrist Ged Peck und Simper engagieren Sänger Ashley Holt und den jungen Keyboarder Rick Wakeman, um in die Fußstapfen von Deep Purple zu treten, ersetzen Wakeman bald darauf durch Frank Wilson von Rumble und nehmen für Vertigo ein hochgelobtes Album auf, dem ein weiteres, Red Sea, folgt. Großer Erfolg ist keinem der Projekte beschieden, und schließlich haben beide Ex-Pur­plisten die Nase voll und lassen das Musikgeschäft hinter sich. Evans studiert Medizin, Simper eröffnet mit Carlo Little einen Gemüseladen in Wembley.

Deep Purple

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