Читать книгу Licht am Ende vom Filz - Julianne Becker - Страница 7
Die schönen Beine
ОглавлениеMein Blick fiel auf die beiden prächtigen Filzbeine in meinem Korb, an denen ich mich bereits vor Wochen erfolgreich versucht hatte. Wie immer wartete ich auf den nächsten Impuls. Als ich mir gerade wieder begeistert ein Leben mit Seelenpartner ausmalte, nahm ich dabei gedankenverloren die Filzbeine in die Hand und betrachtete sie von allen Seiten. Aber dann kam etwas ganz Unerwartetes und es überraschte mich wirklich sehr.
„Die Göttin ist zurück!“, sagte eine Stimme in mir, die ich neben meinen eigenen Gedanken wahrnehmen konnte. „Ich bin Isis, der weibliche Weg in diesem Universum!“
Mein Körper wurde bei diesen Worten von einem perligen und ziemlich heiligen Sektgefühl durchrieselt. Whow! Ganz so hoch hatte ich mit der Puppe doch nicht hinaus wollen und einen Zusammenhang mit der Konstellation der Geburt der Göttin und den Meditationen hatte ich schon gleich gar nicht hergestellt. Eine Schönheit, ja, davon hatte ich schon geträumt, aber gleich eine Göttin! Und sofort wurde ich unsicher. Diese Schwingung mit Vera in einem Ritual erden oder eine Puppe der Göttin machen, das waren doch zwei Paar Schuhe! In mir kamen erhebliche Zweifel hoch, ob ich das überhaupt konnte, so gut war ich doch gar nicht. Ich fühlte mich viel zu klein und chaotisch für solch einen Auftrag, und noch nicht geläutert genug, und außerdem viel zu unerfahren im Filzen! Aber mein Göttinnen-Gefühl hielt sich, ich war nicht alleine, da gab es eine Kraft in mir, die ich schon immer kannte und der ich schon oft in ganz alten Zeiten im Tempel gedient hatte.
Welch eine Freude, das wieder zu erkennen! Es war so unglaublich berührend und schön, ich fühlte mich vollständig umhüllt von Urvertrauen und mütterlicher und mich bedingungslos annehmender Liebe. Ja, die Göttin war wirklich zurück! Es kam mir so vor, als hätte ich endlich meine ideale Mutter gefunden, von deren Existenz ich immer gewusst, aber die ich irgendwie auf meinem Weg verloren hatte. Nicht, dass ich mit meiner weltlichen Mutter unzufrieden gewesen wäre, die war auch ein Schatz und ich mit ihr in Frieden. Nein, es ging um etwas viel Größeres: Um die Große Mutter!
Im Grunde hätte mir da schon auffallen müssen, dass meine schwarze Schönheit von ihren Fans außer "Lady Africa" auch "Big Mama" genannt worden war, aber ich brauchte noch sehr lange, bis ich darüber stolperte, ich war einfach sehr schwer von Begriff oder ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Zwischen dem zweiten und dritten Vollmond gebar ich dann nicht nur den Körper der Puppe und damit ein Tor zur Schwingung der Göttin, sondern schaffte auch in mir selbst den Raum für die Qualitäten der Göttin. Und ich geriet dabei in so etwas ähnliches wie psychische Wehen und machte einen extrem heftigen Reinigungsprozess durch, der sich nur schwer beschreiben lässt. Gefühle und Gedanken, Erfahrungen aus diesem und anderen Leben, mein Umgang mit meinem Körper bis hin zu einigen spirituellen Konzepten, die mit Weiblichkeit verbunden waren, liefen durch und mussten verstanden und losgelassen werden.
Ich heulte fast täglich mehrere Stunden, war dann aber zwischendurch wieder absolut high und glückselig, mal wurde mein Körper ganz steif, mal schmerzte mein Rücken oder es fühlte sich an wie Muskelkater, obwohl ich mich kaum noch bewegt hatte. Die körperlichen und seelischen Symptome und die Themen in meinen Gedanken wechselten ständig. So konnte ich keine zuverlässigen Verabredungen mehr treffen.
Stundenlang liefen starke Energieströme durch mich hindurch, die mein erschöpfter Körper nur liegend und irgendwie dahin dämmernd bewältigen konnte. Wann immer mein Körper es zuließ, filzte ich an der Puppe weiter. Ich fühlte mich dazu mächtig angetrieben und inspiriert, und das Filzen erwies sich als ideal. Dabei gelang es mir viel besser, den inneren psychischen Cocktail an mir vorbeiziehen zu lassen, ohne daran anzuhaften, sprich es zu bewerten, festzuhalten und vielleicht auch noch in Selbstmitleid zurück zu fallen. Natürlich passierte auch das trotzdem, denn mein Zustand blieb für lange Zeit unkontrollierbar.
Eigentlich hätte ich viel mehr innere Ausgeglichenheit gebraucht, aber genau diese Ruhe fand ich nur noch sehr selten, ich konnte mich kaum konzentrieren. So ließ ich es laufen und vertraute darauf, dass schon alles stimmte, so wie am Anfang, gleich nach meinem Zusammenbruch, ich gab mir Zeit zum Regenerieren und um zu verstehen, aber ehrlich gesagt, ich verstand noch nicht viel davon. Erst im dritten und vierten Jahr danach ging mein Verstehen tiefer und tiefer. Zu der damaligen Zeit sammelte ich vor allem Erfahrungen, Zeugs und Nahrung (Essen) in großen und schlecht verdaulichen Portionen. Und dass ich mich eigentlich schon längst in einen absorbierenden Wiederkäuer verwandelt hatte, der sich eigentlich nach jeder Erfahrung lange genug verdauend auf die Wiese legen sollte, entdeckte ich ja auch erst später mit Sandra, Sugar und Lilly.