Читать книгу Fettnäpfchenführer Japan - Kerstin und Andreas Fels - Страница 23
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HERR HOFFMANN SETZT SICH
DURSTIGES OPFER STRENGEN SITZORDNUNGSMANAGEMENTS
Ein neuer Tag, die erste Runde Verhandlungen im Nakagawa Chemiekonzern über das deutsch-japanische Gemeinschaftsforschungsprojekt. Bereits im Aufzug kann sich Herr Hoffmann ein Grinsen über Dolmetscher Uchida kaum verkneifen. Seine Krawatte gibt Grund zur morgendlichen Erheiterung: Auf taubenblauem Grund ist eine gestickte Welle im Hokusai-Stil zu sehen, die kurz davor ist, eine bewaldete Insel unter sich zu begraben. Unglaublich, dass sich Herr Uchida derartige modische Freiheiten in einem stark auf Kleidungskonformität bedachten Land überhaupt leisten kann.
Noch während Herr Hoffmann seinen Gedanken über Krawattenstilbrüche nachhängt, rückt der ihn umgebende Tross der Verhandlungspartner bereits in den sachlich eingerichteten Meetingraum.
Wundervoll, auf dem Tisch stehen bereits gekühlte Getränke, genau das Richtige nach der langen Fahrt in der überfüllten Bahn. Auch Herr Uchida scheint darauf hinweisen zu wollen, denn er deutet mit dem Arm in Richtung des Verpflegungsangebots. Sekunden später lässt sich der Flensburger Chemiker in einen der bequemen Sessel sinken und beobachtet, wie seine Gesprächspartner nach kurzem Zögern ihre Sitzplätze einnehmen.
Was ist diesmal schiefgelaufen?
1:0 für Gelüste gegen Fingerspitzengefühl. Natürlich wollte Herr Uchida nicht seinem Stolz für das Angebot an Erfrischungsgetränken Ausdruck verleihen, sondern Herrn Hoffmann seinen vorbestimmten Sitzplatz im Konferenzraum zuweisen. In japanischen Konferenzräumen herrscht eine feste Sitzplatzordnung, die die unternehmerische Hierarchie sowie den gesellschaftlichen Rang der Teilnehmer peinlichst genau berücksichtigt. Feste Sitzordnungen sind nicht alleine ein Faible von Herrn Uchida oder des Nakagawa Konzerns, sondern ein System, das auch in Privathäusern, in Gaststätten und sogar im Auto gilt. (Zu Letzterem empfehlen wir das Kapitel ›Herr Hoffmann fährt Taxi‹.)
Fangen wir an mit Herrn Hoffmann: Dieser hätte korrekterweise auf dem Platz sitzen müssen, der am weitesten vom Ausgang entfernt ist und von dem aus er diesen am besten im Auge behalten kann. Eine Sitte, die wahrscheinlich noch aus Samuraizeiten herrührt und mit der man dem Gast die Ehre erweisen wollte, nicht Gefahr laufen zu müssen, mitten im schönsten Festmahl von einem umherschleichenden Meuchelmörder hinterrücks niedergemetzelt zu werden.
Dieser Platz muss nicht unbedingt der Kopf der Tafel sein, sondern kann je nach Aufbau des Raumes und der Bestuhlung auch mitten am Tisch sein. Darüber muss sich der Gast allerdings keine Gedanken machen, denn bei japanischen Meetings gibt es in der Regel immer einen Teilnehmer, der für die Sitzordnung zuständig ist und den Teilnehmern ihren Platz zuweist. Dem besten Platz, den der Gast unabhängig seines Rangs zugewiesen wird, sitzt der ranghöchste Gastgeber gegenüber. Die Plätze daneben sind beidseitig in absteigender Rangordnung besetzt. Die Leute zur Rechten sind dabei graduell rangniedriger als die auf der linken Seite mit gleicher Entfernung. Wer am weitesten vom Chef weg sitzt, hat am wenigstens zu sagen und zu entscheiden. Auch wenn sich Herr Hoffmann an einem versorgungsstrategisch günstigen Ort neben den Getränken platzierte, so ist seine Wahl des shimoza, des schlechtesten Platzes direkt an der Tür, entweder ein Zeichen stark ausgeprägter Bescheiden- oder Unwissenheit. Nun, bei Herrn Hoffmann eher Letzteres.
Was können Sie besser machen?
Achten Sie vor Einnehmen des Sitzes darauf, welchen Platz Ihr Herr Uchida Ihnen zuweist. Er kennt im Zweifelsfall die Ränge der teilnehmenden Personen und wo wer wie zu sitzen hat. Wenn Sie selber derjenige sind, der andere einlädt, empfiehlt es sich, jemanden, der sich mit den landesstypischen Sitten und der Hierarchie der Teilnehmer auskennt, zu bitten, die Sitzordnung zu organisieren.