Читать книгу Fettnäpfchenführer Japan - Kerstin und Andreas Fels - Страница 8
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HERR HOFFMANN HAT DIE WELT GESEHEN
WELTMÄNNISCHE ANSICHTEN ÜBER DEN JAPANER AN SICH
»Japan ist wie Flensburg«, versucht Egon Hoffmann die Zweifel seiner Frau mit einer wegwerfenden Handbewegung zu zerstreuen. Doch so ganz überzeugt ist Hannah noch nicht von der anstehenden Tagungsreise ihres Mannes in das Land der Kimonos, Kulleraugencomics und Kirschblüten.
»Aber ist denn da jetzt nicht alles verstrahlt?«, fragt sie sorgenvoll.
»Hannah, Tôkyô ist 250 Kilometer entfernt von Fukushima«, tadelt Herr Hoffmann die geografischen Unkenntnisse seiner Frau. Und er muss es ja wissen – schließlich hat er die Entfernung erst gestern bei Wikipedia nachgelesen.
Japan soll also wie Flensburg sein? Nicht dass Sie denken, Herr Hoffmann sei ein Ignorant, gar ein ungebildeter Vollidiot. Im Gegenteil – er hat studiert und arbeitet als Chemiker in einem Weltkonzern. Er liest recht viel und hat einige umfangreiche Artikel für Fachmagazine geschrieben, deren Auflage im mittleren vierstelligen Bereich liegt – eine ordentliche Zahl, wenn man sich die möglichen Leser in einem geschlossenen Raum vorstellt, zum Beispiel der Aula des Gymnasiums seines Sohnes Oliver. Genau der hatte, auf dem gepackten Hartschalenkoffer seines Vaters sitzend, die Diskussion über die bevorstehende Geschäftsreise seines Vaters überhaupt erst losgetreten.
»Musst du dann auch Hunde essen?«, hatte der 12-Jährige der schwungvollen Erzählung seines Vaters über Geisha, Samurai und Karate ein jähes Ende bereitet.
Der schüttelte den Kopf: »Unfug. In Japan essen die sowas nicht. Die essen fast nur rohen Fisch.« Er schaute zu seiner 16-jährigen Tochter Tina: »Ja, und fleißig sind sie. Die fleißigsten Menschen der Welt! Wohnen in Wohnungen nicht größer als dein Zimmer, können ›R‹ und ›L‹ nicht auseinanderhalten, spielen Pingpong und sind alle ein bisschen verrückt«, beeilte er sich, seiner sprachlosen Familie den Japaner an sich mit großer Geste zu erklären.
Der Japaner an sich ist so. Das weiß man, wenn man hin und wieder eine Japan-Doku im Fernsehen sieht und mit anderen Weltenbummlern plaudert. Globetrottern wie Herrn Hoffmann also, einem Mann, der die Welt gesehen hat. Das glaubt er zumindest, denn eigentlich beschränkt sich die von ihm gesehene Welt auf spanische Inseln, Tirol, Rimini, London und kleine Teile der US-Ostküste.
Wir begleiten nun den ahnungslosen Norddeutschen auf seinem unbekümmerten Trip durch das Minenfeld der japanischen Etikette. Dabei wird er nicht nur peinliche und für alle Beteiligten ausgesprochen unangenehme Augenblicke erleben, sondern auch in brenzlige zwischenmenschliche Situationen geraten. Kein Wunder, denn eigentlich ist es völlig unmöglich nach Japan zu reisen, ohne sich dabei unsäglich zu blamieren. Aber Herr Hoffmann hat ein sicheres Gespür dafür, sich geradezu kriminell unangemessen zu verhalten.
Wir werden erleben, wie Herr Hoffmann trotz seiner gefühlten Weltmännischkeit an die Grenzen des Exotenbonus stößt, den er als gaikokujin, als Ausländer, genießt. Er wird Blamagen erleben, auslösen und aus ihnen das japanische Miteinander kennenlernen. Und er wird seiner Familie natürlich stolz erzählen, wie gewandt er selbst die haarigsten Begebenheiten meisterte. Nur gut, dass wir es besser wissen und als Zeugen seinen ersten Japanbesuch verfolgen können. Kurz: Es ist all das festgehalten, was in nur wenigen Tagen Kulturaustausch alles in die Hose gehen kann.
Und eines kann jetzt schon einmal vorweggenommen werden: Japan ist nicht wie Flensburg. Nicht einmal annähernd.