Читать книгу Der verstellte Blick: Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen mit intellektueller Beeinträchtigung - Klaus Hennicke - Страница 14

Herausforderungen

Оглавление

Die im Buch vorgenommene Akzentuierung des Umgangs mit herausforderndem Verhalten kann zur Falle werden. Verdienstvoll ist sicherlich, sich dem schwierigsten Themenfeld zu stellen. Andererseits besteht die Gefahr der Vernachlässigung vielfältigster, nicht unter diese Etikette fallender Erscheinungsformen psychischer Not, für deren Bewältigung die Psychiatrie Hilfen anbieten kann (wie andere Disziplinen auch, aber eben basierend auf dem Hintergrund jahrzehntelanger Erfahrungen mit psychischen »Verstörungen«) und bei denen Kooperationen leichter gelingen. Herausfordernde Verhaltensweisen sind häufig mit »very« expressed emotions in den beteiligten Helfersystemen verbunden. Nun soll Menschen mit Intelligenzminderungen ein vergleichbares Krisenangebot zur Verfügung stehen, wie allen anderen auch.

Deshalb ist beispielsweise unakzeptabel, wenn Kliniken teilstationäre oder stationäre Behandlung vorenthalten mit dem Hinweis, dass ambulante Therapie sinnvoller sei. Würde man der Argumentation folgen, könnten ohne Zweifel auch viele »normal« intelligente Kinder und Jugendliche ambulant behandelt werden.

Herausforderndes Verhalten führt nun keinesfalls automatisch zur Zuständigkeit der Psychiatrie, genauso wenig, wie herausforderndes Verhalten sog. normal intelligenter Kinder und Jugendlicher nicht automatisch in die Psychiatrie führt. Leider gibt es einen erheblichen Mangel an Angeboten für die Betroffenen. Schiebereien der Verantwortlichkeit und mangelnde Plätze steigern die Belastung der Familien enorm. Die primäre Zuständigkeit der Psychiatrie ergibt sich erst, wenn herausforderndes Verhalten zusammen mit dem auftritt, was als psychiatrische Störung festgelegt ist. Alles andere ist nicht primäre Aufgabe der Krankenhäuser.

Dennoch besteht die Notwendigkeit eines frühen Austauschs. Immer wieder lag der Hintergrund der Herausforderungen in Störungen, die wir beispielsweise als Psychose oder schwere Angst- und Zwangsstörung einschätzten. Das sind zweifellos Belastungen, die von psychiatrischer Expertise profitieren.

Psychiatrische Expertise ist m. E. kein Monopol von Ärzten. Kinder- und Jugendpsychiatrie verstehe ich als multiprofessionelle Disziplin. So haben wir immer wieder erlebt, dass zu Beginn ihrer Tätigkeit gerade gut ausgebildete Psychologen und Pädagogen ein deutlich differenzierteres Wissen mitbrachten als ihre ärztlichen Kollegen. Therapeutische Leitungen wurden von denjenigen wahrgenommen, die die meiste Erfahrung hatten – unabhängig von der Berufsgruppe. Bedauerlich, dass sich multidisziplinäre Vielfalt immer noch nicht in den Leitungsgremien von Kliniken abbildet.

Andererseits müssen Kliniken sich wehren, wenn die Herausforderungen andere als psychiatrische Gründe haben. Intelligenzminderung heißt nicht per se Schuldunfähigkeit und Aggressivität fällt nicht nur deshalb in die Zuständigkeit der Psychiatrie, weil alternative Hilfen oder konsequente Einschränkung fehlen.

Nun ist die Definitionsgewalt über das, was nun ein psychiatrisches Problem sei und was nicht, eine durchaus heikle Angelegenheit; und natürlich gibt es Fälle, in denen die Zuweiser zu Recht bemängeln, dass sich die Psychiatrie für »nicht zuständig« erklärt. Wir wissen mittlerweile, wie hoch die »psychiatrische« Morbidität in vielen Einrichtungen ist. Indikationsstellungen zu psychiatrischem Tun können zu Macht- und Abgrenzungsfragen werden, und der Vorwurf, dass sich Kliniken gerade bei expansiven Störungen der Verantwortung entziehen, ist in manchen Fällen durchaus berechtigt: vor allem dann, wenn mit größter Vehemenz Anforderungen an andere Helfersysteme gestellt werden, was diese zu leisten und zu tun hätten. Hier bedarf es übergeordneter Strukturen, Schiedsstellen. Es ist allerdings zu befürchten, dass uns Spannungen insbesondere bei Entscheidungen über eskalatives Verhalten erhalten bleiben.

Wollen wir dem Anrecht auf die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit psychischer Belastung und Intelligenzminderung gerecht werden, müssen wir unsere Elfenbeintürme verlassen und aufeinander zugehen, uns kennen lernen, uns besuchen. Durch die Sammlung von Kooperationsverträgen ist das selten erreichbar, am Ende geht es doch um die persönliche Begegnung.

Der verstellte Blick: Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen mit intellektueller Beeinträchtigung

Подняться наверх