Читать книгу Die Ruinen von Kab - Manfred Rehor - Страница 3
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Eingehüllt in meinen Umhang kauerte ich zwischen den Zinnen auf der Wehrmauer. Unter mir lag die nächtliche Stadt, über mir stieg die dünne Mondsichel langsam in den Sternenhimmel. Eine kühle Brise kam von Norden, sauber und erfrischend. Die Königsburg stand zu hoch am Hang des Berges Zeuth, um noch etwas vom Gestank des Stroms Donnan zu bemerken.
Zwanzig Schritte entfernt von mir unterhielten sich zwei Wachsoldaten. Falls sie ihren Rundgang fortsetzten, musste ich mich entscheiden: kämpfen oder fliehen. Beides wollte ich nicht. Es sollte keine Opfer geben bei meiner Diebestour, das war es nicht wert. An einer schnellen Flucht hinderte mich die Beute in dem Tragesack, den ich umklammert hielt: zwei dicke Folianten aus dem königlichen Archiv.
Außerdem war Merion verschwunden. Mein alter Freund hatte mir geholfen, die Burg auszukundschaften und die Bücher zu finden. Er war mit mir durch die Gänge und Hallen geschlichen, bis wir in einem selten genutzten Gebäudeteil das Archiv erreichten. Auch auf dem Rückweg blieb er bei mir. Zu zweit stiegen wir die schmalen Stufen hoch zum Wehrgang. Aber als ich oben ankam, war ich alleine.
Eigentlich sollte ich mir keine Sorgen um ihn machen. Im Diebesgewerbe war er mein Meister. Was ich konnte, hatte ich von ihm gelernt. Er hatte bestimmt einen guten Grund für sein Verschwinden. Aber er war alt, seine Augen sahen nicht mehr so scharf wie früher und er überschätzte sich womöglich. Wenn er nicht bald auftauchte, würde ich nach ihm suchen müssen.
Die beiden Wachsoldaten unterbrachen ihre leise geführte Unterhaltung. Es blieb für einige Minuten still. Ich bemühte mich, flach zu atmen, um nicht entdeckt zu werden. Die zwei Männer gingen langsam weiter, in meine Richtung. Es war eigentlich ihre Pflicht, entlang dieses Bereichs des offenen Wehrgangs zu patrouillieren. Sie hatten ihre Aufgabe bisher nicht ernst genommen. Wer sollte es auch wagen, die Königsburg der Ringlande anzugreifen? Die Präsenz von Wachen war eher alter Tradition geschuldet als echter Notwendigkeit. Kein Grund also, Angst vor ihnen zu haben.
Was mich nervös machte, war ihr Schweigen. Sie mussten etwas gehört haben und misstrauisch geworden sein. Zu meinem Glück verstanden sie sich nicht auf die Kunst, sich geräuschlos fortzubewegen. Ich hörte das Knarzen ihrer Stiefel, das Rascheln ihrer Hemden und das Schaben der Teile ihrer Lederrüstungen. So konnte ich abschätzen, wie weit sie noch entfernt waren.
Sobald sie nahe genug kamen, um mich bald zu entdecken, zog ich mit einer langsamen Bewegung den Dolch heraus, den ich als einzige Waffe bei mir trug. Er war klein und wirkte auf den ersten Blick ungefährlich. Die Klinge, kaum fingerlang, war beidseitig geschliffen und geschwärzt. Da ich einen dunklen Umhang, schwarze Handschuhe und eine Stoffmaske vor dem Gesicht trug, gab es nichts Helles an mir, das einem Beobachter auffallen konnte. Aber gerade das war es, was mich wiederum kenntlich machte. Wer in meine Richtung sah, bemerkte womöglich etwas zwischen den Zinnen, das dunkler war als die Umgebung.
Noch einmal überdachte ich meine Möglichkeiten. Rechts baumelte die Strickleiter an der Mauer herunter. Links war der Wehrgang. Sollte ich fliehen oder kämpfen? Wenn ich jetzt die Leiter nutzte, hörten und sahen mich die Wachsoldaten. Sie konnten mich von oben angreifen, die Befestigung der Leiter lösen oder Alarm geben. Vermutlich würden sie all dies tun. Ich musste sie töten, wenn ich nicht gefangen werden wollte.
Ich machte mich bereit, aufzuspringen und mich auf sie zu hechten. Die Einkerbung zwischen den Zinnen, in der ich kauerte, befand sich gut einen Schritt über dem Wehrgang. Deshalb hatte ich vor, mit einem Sprung die beiden zu überraschen. Vielleicht gelang es mir, sie zu töten, bevor sie durch Rufe weitere Soldaten aufmerksam machten.
Als ich schon die Muskeln spannte, hörte ich ein dumpfes Geräusch und gleich darauf noch eines. Dann war es wieder still. Waren meine Gegner stehengeblieben?
Der Schrei eines Nachtvogels erklang, und er kam von der Stelle, an der die Soldaten gewesen waren.
Merion!
Erleichtert atmete ich auf.
Einen Moment später war er bei mir, nur kenntlich als ein schwarzer Schatten. Erst, als er das Gesicht zu einem Grinsen verzog und ich seine vom vielen Tobacco-Rauchen gelblichen Zähne sah, war ich sicher, dass mein Freund neben mir stand.
„Wo warst du?“, fragte ich flüsternd.
„Diebesgut einsammeln“, antwortete er ebenso leise. „Ringe, Armreife und eine Brosche. Diese hier.“
Er hielt mir etwas entgegen, das ich nicht genau erkennen konnte, aber es glitzerte im Licht der Sterne. Mit einer lässigen Bewegung warf er die Brosche hinter sich.
„Warum wirfst du sie weg?“, wollte ich wissen.
„Dort liegen die Wachsoldaten. Ich habe sie niedergeschlagen. Sie dürfen sich später damit brüsten, dass sie den Dieben wenigstens einen Teil ihrer Beute abnehmen konnten.“ Er ließ einen kleinen Gegenstand direkt vor seine Füße fallen. „Das ist ein wertvoller Ring.“
„Erklär mir, was du damit bezweckst.“
„Wir haben zwar im königlichen Archiv keine Spuren hinterlassen, Aron. Aber die bewusstlosen Soldaten beweisen, dass Fremde in der Burg waren. Man soll glauben, es seien gewöhnliche Diebe gewesen. Es gibt sowieso eine unerklärliche Serie von Diebstählen in Dongarth. Dann ist unser Einbruch eben einer davon.“
Ich stutzte. „Unerklärlich? Dir als dem Anführer der Diebesgilde sollte nichts unerklärlich sein, was auf diesem Gebiet vor sich geht.“
„Sollte es nicht, da hast du Recht. Wobei unsere Beute nicht in das bisherige Muster passt, deshalb habe ich auch den Schmuck entwendet. Aber vielleicht fällt das Verschwinden der Bücher vorerst niemandem auf. Los jetzt!“
Ich warf mir den Tragesack mit den beiden Folianten über die Schulter und kletterte die Strickleiter hinab. Die Mauer war sechs Schritt hoch. An ihrem Fuß verlief ein breiter Weg, auf dem jedoch gewöhnlich keine Soldaten patrouillierten. Im Gegensatz zu der Magischen Akademie des Zeuth und der Residenz des Fürsten Borran, die weiter südlich standen, hatte man die Königsburg nicht an den Hang gebaut. Man schlug damals, vor Hunderten von Jahren, ein Plateau in den Felsen, um darauf die riesige Anlage zu errichten.
Merion folgte mir und löste von unten die Strickleiter von den Zinnen. Sie fiel uns vor die Füße. Das gelang ihm mit einer unnachahmlichen, oft geübten Bewegung, die den festen Knoten oben öffnete. Er hatte vor langer Zeit einmal versucht, mir dieses Kunststück beizubringen. Aber ich hatte mich zu ungeschickt angestellt und es trotz tagelangen Übens nicht ein einziges Mal geschafft. Er war eben ein Meister!
Bevor wir uns an den mühsamen Abstieg den Hang hinunter in die Stadt machten, schlich Merion noch ein etwas weiter vor in Richtung des Burgtores. Dort standen Soldaten, die nichts mitbekommen hatten von dem, was oben vorgefallen war. Gerade noch außer ihrer Sichtweite legte er einen goldenen Armreif auf den Boden. Die Männer der Stadtwache, die man sicherlich bald rufen würde, sollten annehmen, die Diebe seien auf der Straße geflohen, die in die Stadtmitte führte.
Stattdessen kletterten wir südlich davon den Steilhang hinab und machten einen Umweg. Falls man am Morgen unsere Spuren fand, sollte niemand ahnen, wie nahe bei der Königsburg sich unser Ziel befand.
Eine halbe Stunde später waren wir zwischen den Wohnhäusern unterwegs. Wir nahmen die Stoffmasken ab. Wenn uns jetzt jemand sah, konnten wir Betrunkene spielen, die auf dem Weg nach Hause waren. Die Gefahr war überstanden.
Bald genug erfuhr ich jedoch, dass ich mich irrte.
Der erste Mensch, dem wir begegneten, war ein Bettler, der zusammengesunken in einer dunklen Ecke hockte. Er hatte sich in einen alten, fleckigen Umhang gewickelt und hielt einen langen Stab in der Hand, der ihm wohl als Stütze diente. Ein Blick genügte, um zu wissen, dass von ihm keine Bedrohung ausging. Vielleicht war er ein Krüppel, der nicht mehr richtig gehen konnte. Bei Tage hätte ich ihm eine Münze zugeworfen, aber jetzt hoffte ich, dass er schlief und uns nicht bemerkte.
Als sich uns drei Kerle in den Weg stellten, hielt ich das für einen Zufall. Wer nachts in den Straßen von Dongarth unterwegs war, musste mit unangenehmen Zeitgenossen rechnen. Zwar hatte ich diesmal meinen Degen nicht dabei, aber Merion stand neben mir. Jeder Ganove in der Stadt kannte und respektierte ihn.
Zunächst lief alles ab, wie man es bei solchen Begegnungen erwartete. Der größte der Halunken trat vor und machte damit deutlich, wer das Sagen hatte.
„Was hast du da?“, fragte er und deutete auf den Tragesack mit den zwei Folianten. „Ist das nicht zu schwer für dich? Gib her!“
Er streckte die Hand aus, als meine er es ernst.
Einer der beiden anderen ergänzte: „Gebt uns alles, was ihr dabei habt. Auch eure dicken Geldbörsen.“
Bisher hatten sie ihre Waffen nicht gezogen. Da Merion klein war und wir keine Anstalten machten, uns zu wehren, hielten sie uns für ungefährlich.
Das änderte sich, als ich den Büchersack einfach fallenließ und mich anders hinstellte: Die Füße einen halben Schritt auseinander, den linken nach vorne; ganz leicht in die Knie gehen und dabei mit einer kurzen Bewegung sicherstellen, dass der Umhang nicht stört, falls ein schnelles Zuschlagen erforderlich ist.
Das verstanden die drei so, wie es gemeint war: Ich war bereit zum Kampf!
„Die wollen unsere Hilfe nicht“, sagte der Anführer zu den beiden anderen. „Ist das unhöflich oder kapieren die nur nicht, um was es geht?“
Er zog sein Kurzschwert und fuchtelte damit herum. Immerhin tat er das so, dass es nicht wie ein Angriff aussah. Noch wusste er nicht, wie gut oder schlechte Merion und ich bewaffnet waren.
„Moment mal!“, rief der Kerl, der bisher nichts gesagt hatte. „Ist das nicht der ...“ Er wandte sich seinem Anführer zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Ich dachte, ihnen wäre nun aufgefallen, dass sie Merion gegenüber standen. Kein Gauner in Dongarth würde es wagen, die Hand gegen den Herrn der Diebesgilde zu erheben. Doch zu meiner Überraschung starrten die drei nun nicht meinen Begleiter an, sondern mich.
„Aron von Reichenstein“, sagte der Anführer langsam. „Ich will verdammt sein! Da suchen wir alle Kneipen der Stadt nach ihm ab, und nun kommt er uns einfach so entgegen.“
„Was wollt ihr von mir?“, fragte ich und gab damit zu, dass ich Aron war.
„Eigentlich nichts“, lautete die Antwort. „Was ist das da, und wer ist der da?“ Dabei zeigte er zuerst auf den am Boden liegenden Sack und dann auf Merion.
„Ihr stammt also nicht aus Dongarth“, sagte ich. „Sonst wüsstet ihr, wie gefährlich es ist, sich mit meinem Begleiter anzulegen. Jemand hat euch Geld gegeben und losgeschickt, ohne euch zu warnen. Wer war das?“
„Nun halt mal den Mund“, lautete die Antwort. „Ich muss nachdenken.“
Was mich an dieser Begegnung beunruhigte, war Merions Verhalten. Er stand da, als ginge ihn das alles nichts an. Nun starrte er sogar gedankenverloren an den drei Männern vorbei in die Dunkelheit der nächsten Seitenstraße.
„Nachdenken ist schwer, wenn man es nicht gewohnt ist“, provozierte ich. „Da ihr so nett seid, eure Hilfe beim Tragen anzubieten, biete ich euch nun an, beim Denken zu helfen. Erzählt einfach, wie ihr in diese Falle getappt seid. Vielleicht finden wir gemeinsam einen Weg, wie ihr lebend wieder herauskommt.“
Das war dick aufgetragen, aber eben deshalb verfehlte es seine Wirkung nicht. Der Anführer trat einen Schritt zurück und sah sich misstrauisch um. Er vermutete, dass wir irgendwo Verstärkung hatten, weil ich es wagte, so vorlaut aufzutreten.
„Werd nicht frech“, forderte er schließlich, aber es klang nicht besonders selbstbewusst. „Wer seid ihr beiden und warum treibt ihr euch mitten in der Nacht hier herum?“
„Hast du mich nicht eben Aron von Reichenstein genannt?“
„Bist du es?“
„Er hat keinen Degen!“, sagte nun der Gauner, der meinen Namen gesagt hatte. „Er kann es nicht sein. Dieser von Reichenstein ist ein Angeber, der immer seinen wertvollen Degen bei sich hat.“
„Stimmt“, gab der Anführer zu. „Haben wir also Pech gehabt. Wir müssen weitersuchen.“
„Was wollt ihr denn von diesem Adeligen?“, fragte nun Merion.
Mich als Adeligen zu bezeichnen, war an sich korrekt, aber irreführend. Ich verfügte zwar über adelige Vorfahren, aber leider weder über Geld noch Einfluss. Da die drei offenkundig nicht aus der Hauptstadt stammten, wussten sie das möglicherweise nicht und dachten, sie müssten nach einem wohlhabenden jungen Mann suchen.
„Wir wollen herausfinden, wo er ist“, lautete die Antwort. „Kennt ihr ihn?“
„Ich habe ihn schon gesehen“, behauptete Merion. „Er ist ein ausgezeichneter Kämpfer. Wenn ihr ihn überfallen wollt, solltet ihr Verstärkung mitbringen. Mit euch dreien wird er problemlos fertig. Warum sucht ihr nach ihm?“
„Was wir von ihm wollen, geht dich nichts an.“ Der Anführer dachte nach, was ihm wirklich schwerzufallen schien, deshalb tat er es halblaut. „Ihr seid nachts unterwegs, in schwarzen Umhängen, und habt einen schweren Tragesack bei euch. Aber keine Waffen. Vermutlich, weil sie euch behindert hätten. Also habt ihr etwas gestohlen. Gut so! Gebt es her, dann lassen wir euch gehen.“
Nun hielten alle drei ihre Schwerter in Händen. Da es sich um kurze, breite Waffen handelte, vermutete ich, dass die Kerle aus dem Südwesten der Ringlande kamen. Es war nicht unüblich, Gauner aus Kleinstädten anzuheuern, wenn man in Dongarth einen schmutzigen Auftrag zu vergeben hatte. Die hier ansässigen Verbrecher wussten, mit wem sie sich nicht anlegen durften. Sie hätten niemals einen Auftrag angenommen, der sich gegen Merion richtete.
Es ist schwierig, Angreifer mit Schwertern abzuwehren, wenn man selbst nur einen kleinen Dolch als Waffe hat. Man muss versuchen, sofort mit dem Gegner in Körperkontakt zu kommen, denn dann ist der Vorteil des Schwerts dahin. Da wir nur zu zweit waren, sie aber zu dritt, war es in diesem Fall aussichtslos. Blieb die Möglichkeit, einen von ihnen auszuschalten, bevor sie zuschlugen. Das konnte gelingen, indem ich mein Messer als Wurfwaffe benutzte. Das Werfen hatte ich von meinem Freund Serron gelernt, einem Meister in dieser Kunst. Nun würde sich zeigen, ob wie gut ich war.
Anstatt also der Aufforderung nachzukommen, unseren Besitz den dreien zu geben, schob ich das Bündel mit den beiden Folianten mit dem Fuß weiter weg. Es durfte mich beim Kampf nicht behindern. Diese Bewegung genügte den Gaunern, um anzugreifen. Im nächsten Moment hatte der erste von ihnen mein schwarzes Messer im Hals stecken. Der Wurf war gelungen. Ich wich einem ungezielten Schwerthieb des Anführers aus und hechtete auf ihn zu, um ihn zu umklammern. Auch das klappte wie geplant.
Allerdings merkte ich umgehend, dass dieser Mann erfahren genug war, um richtig zu reagieren. Er ließ sein Schwert fallen und packte mit beiden Händen zu. Und er verfügte über kräftige Pranken. Wir rangen ein paar Sekunden miteinander, ohne dass ich eine Chance bekam, ihm an die Gurgel zu gehen oder ihn im Gesicht zu verletzen - gewöhnlich der einfachste Weg, um ein Handgemenge schnell zu beenden. Natürlich tat ich gleichzeitig alles, um ihm ebenfalls keine Gelegenheit zu geben, mich außer Gefecht zu setzen.
Als er aufschrie und mich losließ, dachte ich im ersten Augenblick, mir sei unversehens ein guter Griff gelungen. Ich packte umso fester zu, aber er sackte in sich zusammen. Bewusstlos ließ ich ihn zu Boden gleiten. Neben mir richtete sich Merion auf. Auch sein Gegner war besiegt.