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Kapitel 10

Major Bernd Sommer war die ganze Nacht wach geblieben. Er hatte sich in der Toilette eingesperrt, weil er sich dort am sichersten fühlte. Er saß auf der Kloschüssel, rauchte eine Zigarette nach der anderen. Bis zum Morgengrauen hatte er zwei Packungen intus. Normalerweise rauchte er höchstens fünf Zigaretten pro Tag. Doch nun war er zum Kettenraucher geworden. In der linken Hand hielt er eine qualmende Zigarette, in der rechten seine Dienstwaffe. Während er auf der Kloschüssel ausharrte, dachte er über jene Ereignisse nach, die zu der lebensgefährlichen Situation geführt hatten. Alles fing damit an, dass er von einem Paketservice einen USB-Stick erhalten hatte. Kurze Zeit später erhielt er einen Anruf von seinem früheren Mentor an der Universität Hamburg, Alfred Beck, der später Justizminister wurde. Beck verbürgte sich für die Echtheit des brisanten Dokuments. Was sollte Sommer davon halten? Warum ging Beck mit dem Dokument nicht gleich zur Polizei? Immerhin zählte Beck zu den angesehensten Persönlichkeiten in Deutschland. Für den 85-jährigen ehemaligen Justizminister gab es keinen Zweifel. Eine der größten Katastrophen bahnte sich in Deutschland an. Die Mitteilungen von Beck hörten sich apokalyptisch an. Für Sommer waren zwei Dinge von Bedeutung:

1. Wie war Beck zu dem Dokument gekommen?

2. War der Inhalt des Dokuments authentisch?

Eines war sicher, der Killer, der auf Sommer geschossen hatte, war keine Einbildung. Bevor sein Leben bedroht worden war, hatte Sommer, dem BND von dem Dokument und dem geplanten Terroranschlag berichtet. Gleich darauf hatte er seine Schwester in Berlin angerufen und ihr erzählt, was vorgefallen war. Chiara hatte ihm kein Wort geglaubt. Um ihr Gelegenheit zu geben, sich selbst von der nationalen Bedrohung zu überzeugen, hatte er für das kommende Wochenende ein Treffen arrangiert, bei dem das Dokument als Beweis dienen sollte. Sommer sah aus dem schmalen Toilettenfenster und atmete Frischluft ein.

Der Regen prasselte sanft ins Laub der Bäume, leichter Nebel hatte sich gebildet. Er glaubte, schräg gegenüber einen glühenden Punkt zu sehen. Aber es war nur eine optische Täuschung. Das Verlangen, sich hemmungslos zu betrinken, war noch nie so schlimm gewesen. Doch zur Bar im Wohnzimmer traute er sich nicht. Ein Schatten huschte durch den Vorgarten. Er konnte schwören, dass jemand vorbeigelaufen war.

Wo bleiben die bloß? Sein einziger Trost bestand darin, dass er von Heinrichs BKA-Team gerettet werden würde. Ein anderer Gedanke drängte sich auf. Sabrina Corelli.

Verflucht! Sommer versuchte von dem Gedanken loszukommen. Er warf die Kippe auf den Fliesenboden, der mittlerweile wie ein riesiger Aschenbecher aussah, zerdrückte sie mit dem Absatz, zündete sich eine weitere Zigarette an. Sabrina war seine Verlobte gewesen. Sie hatte ihn mit der Bemerkung gedemütigt, dass sein bestes Stück zu klein sei, sie deshalb keinen Höhepunkt bekommen könne. Zwei Wochen darauf hatte er Sabrina mit einem anderen Mann in flagranti erwischt. Nach einem heftigen Streit wollte Sabrina von ihm nichts mehr wissen. Er fand diesen Gedanken ungeheuer deprimierend, weil ihn die Trennung an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht hatte. Sommer brütete vor sich hin.

Wie lange noch? Geistesabwesend starrte er in die Dunkelheit. Die Zeit verging und er döste ein, sank zur Seite, schreckte auf, nickte dazwischen immer wieder ein. Plötzlich hörte er Geräusche. Jemand klopfte an die Haustür. Sommer warf die halb gerauchte Zigarette auf den Boden, trat sie aus und wankte von einer Seite zur anderen, wie eine Billardkugel, den Flur entlang. Etwa fünf Meter vor der Eingangstür blieb er stehen. Hatte nicht ein kalter Hauch soeben sein Gesicht berührt? Eine Gänsehaut jagte über seinen Rücken. Er spürte seinen trockenen Mund, spürte jeden Muskel seines Körpers, spürte das Pochen in den Adern an den Schläfen. Ein Mann blickte durch die Milchverglasung an der Eingangstür.

„Major Sommer?“

Sommer sauste zur Tür und drückte die Klinke runter. Zwei Männer in dunklen Anzügen blickten ihn entsetzt an. Der eine war klein und schmächtig. Sein langes Haar war sandbraun und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Der andere war ein stämmiger Muskelprotz mit kaltem Blick.

„Major Sommer?“, fragte der Mann mit dem Pferdeschwanz. Seine Stimme hatte einen italienischen Akzent. Sommer nickte. Er wirkte erschöpft und ausgebrannt, einfach erbärmlich. „Wir bringen Sie in Sicherheit. Ich Hauptkommissar Franke, mein Kollege Kommissar Ludwig.“

Sommers Blick war vorwurfsvoll. „Wo … wo wart ihr so lange?“

Scusi. Wurden aufgehalten.“ Franke lächelte, Sommer nicht. „Wo ist geheime Dokument?“ Die BKA-Kommissare hielten kurz die Ausweise hoch.

„USB-Stick?“

„Si.“

Der Geländewagen von Magret Mayer, der Nachbarin, fuhr vorbei. Wie immer winkte sie Sommer aus dem Fahrzeug freundlich zu, aber er tat so, als würde er sie nicht sehen. Sommer drehte sich um, ging in seine Villa, um den USB-Stick zu holen. Keine zwei Minuten danach tauchte er mit dem USB-Stick auf.

„Hauen wir ab“, waren Sommers letzte Worte.

Wie in Trance stieg er in einen silbernen Ford Galaxy, der in der Einfahrt parkte. Kommissar Ludwig setzte sich neben Sommer. In dem Moment, als Sommer den Sicherheitsgurt anlegen wollte, warf ihm der Muskelprotz einen dünnen Draht um den Hals. Sommer war einen Augenblick lang so benommen, dass er nur zu einer schwachen Gegenwehr fähig war. Er versuchte, sich von der tödlichen Schlinge zu befreien, doch er scheiterte. Langsam ging ihm der Sauerstoff aus und er begann nach Atem zu ringen. Verbissen kämpfte er um sein Leben, aber gegen diesen stahlharten Würgegriff hatte er keine Chance. Sein Körper wand sich im Todeskampf. Sein Gesicht lief blau an, seine blassrote Zunge ragte zur Hälfte aus dem Mund, seine Augen traten aus ihren Höhlen. Auf seiner Stirn hatte sich ein Schweißfilm gebildet. Die sizilianische Garotte von Paulo Lorenzo presste Sommer die restliche Luft aus den Lungen.

„Mamma mia, subito, Finale grande“, forderte Edoardo, der Mann mit dem Pferdeschwanz seinen Partner auf, sich zu beeilen. Lorenzo zog sofort die Schnur fester an.

Sommers Körper zuckte, er ruderte mit den Händen, zappelte mit den Füßen und gab eigenartige Laute von sich. In seinen letzten bewussten Augenblicken wurde ihm klar: Es war nicht Franke, es war nicht Ludwig. Die Fotos sahen anders aus, sahen anders aus, sahen anders … informierte ihn sein Verstand.

2020 Schöne Neue Weltordnung

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