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III.2. Die diskursive Begründung der Menschenwürde in Dialogen der Figuren William und John
ОглавлениеNachdem in den ersten beiden Szenen des ersten Aktes ausschließlich Sklavenfiguren zu Wort kommen, die expositorisch von ihrem Leid und von dem sich anbahnenden Konflikt um Johns Liebe für die Sklavin Ada berichten, deren Herz jedoch dem in Afrika zurückgelassenen Gatten Zameo gehört, werden die ungleichen Brüder William und John eingeführt. In zwei Dialogen (in den Szenen I,3 und I,6) stehen sich die beiden in einem ‚ideologischen Duell‘ gegenüber. Diese Dialoge muten wie eine argumentative Exposition an, fügen sie der eigentlichen Handlung um die Sklaven doch einen interpretatorischen, theoretischen Rahmen hinzu: William und John entfalten zwei entgegengesetzte Ansichten über das Wesen und den Status der Sklaven und stecken somit den begrifflichen Rahmen ab, innerhalb dessen sich die Wahrnehmung und Bewertung der Sklaven durch die Rezipienten bewegen soll.
Vorbereitet wird die Schlüsselszene I,6 durch einen kurzen Wortwechsel in Szene I,3:
John. (im Gespraͤch begriffen) Nein Bruder, das verstehst du nicht. Ich habe den CiceroCicero, Marcus Tullius nie gelesen; aber wenn ich, statt Hunger und Peitsche, mir einen Redner halten wollte, der die Sklaven an ihre Pflichten erinnerte –
William. (zwischen den Zaͤhnen murmelnd) Haben Sklaven auch Pflichten?
John. Thut der englische Bauer recht, wenn er seinen Ochsen vor den Pflug spannt, und die Peitsche uͤber ihm schwingt?
William. Ein herrliches Gleichniß. (NS 17–18)
In den Augen des Plantagenbesitzers sind Sklaven TiereTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung; Zweck ihres Daseins ist, für ihren Besitzer zu arbeiten. William weist sarkastisch auf den argumentativen Fehler seines Bruders hin: John spricht von den „Pflichten“ der Sklaven, dabei ist die Pflicht weniger eine ontische Kategorie als eine Zuschreibung, die auf bestimmten Voraussetzungen beruht. Ironischerweise bezieht sich John selbst in seiner Rede auf CiceroCicero, Marcus Tullius; dieser grenzt in seiner Schrift De officiis (dt. „Von den Pflichten“ oder freier „Vom rechten Handeln“), die gemeinhin als Beginn der Begriffsgeschichte der (Menschen-)Würde betrachtet wird,1 den Menschen gerade wegen seiner Fähigkeit, richtig und pflichtgemäß zu handeln, vom Tier ab.2 Wenn John also den Sklaven Pflichten, auch im Sinne moralischer Verpflichtungen, zuschreiben will, muss er ihren Status als Menschen, die Würde und Rechte besitzen, anerkennen – was er nicht tut, vergleicht er doch unmittelbar danach den Sklaven mit einem Ochsen. Die Regieanweisung („zwischen den Zaͤhnen murmelnd“) beschreibt nicht nur Williams eigene Gemütslage, sondern suggeriert dem Publikum, dass Johns Position und ihre Legitimation zumindest problematisch sind. Noch wird die Rechtfertigung der Sklaverei nicht direkt negiert; William belässt es bei einem sarkastischen Kommentar („Ein herrliches Gleichniß“).
In Szene I,6 verteidigt William explizit die Menschenwürde der Sklaven und prangert ihre menschenunwürdige Behandlung an. Der Dialog zwischen den Brüdern wird zum veritablen ‚Rededuell‘, das die jeweiligen Positionen profiliert. William entfaltet seine Auffassung von der Menschenwürde nicht monologartig, sondern greift mit verschiedenen Argumenten und Einwürfen seinen Gegenspieler John an. Die Figuren arbeiten einen Gedanken nach dem anderen, ein Argument nach dem anderen regelrecht ab. KotzebueKotzebue, August von wollte offenbar sicherstellen, dass die Rezipienten den Gedankengängen folgen können – nicht nur die Leser des gedruckten Textes, sondern auch die Zuschauer im Theater, die die kognitive Verarbeitung des Gehörten in kürzerer Zeit leisten müssen.
John plagt kein schlechtes Gewissen; an die Schreie der misshandelten Sklaven hat er sich längst gewöhnt. Schockiert ruft sein Bruder aus: „[K]ann nur der Mensch allein sich an Alles gewoͤhnen, und von Allem entwoͤhnen, sogar von der Menschheit!“ (NS 33). Im 18. und 19. Jahrhundert meint das Lexem „Menschheit“ das, was den Menschen als Menschen ausmacht.3 Bei KantKant, Immanuel besteht sogar ein direkter Zusammenhang zwischen „Menschheit“ und Würde: „Die Menschheit selbst ist eine Würde […]“.4 Wenn sich John in Williams Augen von der Menschheit entwöhnt hat, hat dies eine doppelte Bedeutung: John sieht in den Sklaven keine Menschen (mehr) – vermutlich hat er es nie getan. Vor allem aber äußert sich in seinem Umgang mit den Sklaven ein vollkommenes Fehlen von Menschlichkeit, von AchtungAchtung vor dem Gegenüber – denn diese setzen die Anerkennung des Anderen als Menschen voraus. Insofern er diese vermissen lässt, kompromittiert er seine eigene Menschenwürde.
Kurz darauf fragt William explizit nach dem Status der Sklaven:
Will. – Sage mir Bruder, haͤltst du deine Sklaven für Menschen? […]
John. Ich behandle sie wie Menschen. […]
Will. (spoͤttisch) Wuͤrklich?
John. Ich gebe ihnen zu essen und zu trinken.
Will. Das giebst du deinen Hunden auch.
John. Sie sind auch nicht viel besser als Hunde. Glaube mir, Bruder, es ist eine eigene Race zur Sklaverey gebohren. (NS 33–34)
Johns Behauptung ist zynisch; er entmenschlicht seine Sklaven – auch sprachlich. John und der Meisterknecht, dem als Schwarzer in Diensten der Weißen die problematische Rolle des grausamen Sadisten zukommt, verwenden immer wieder Tiermetaphern und -vergleiche. Diese gewaltsame sprachliche TheriomorphisierungTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung der Sklaven, die ihrer Behandlung durch die Sprechenden entspricht, durchzieht das Stück. Auch die Sklaven selbst vergleichen sich mit Nutz- oder Haustieren.5
John reduziert das Menschsein und die Menschenwürde zu rein physiologischen, mechanistischen Begriffen: Die (gerade noch arbeitsfähigen) Sklaven sind, was ihre Körperfunktionen betrifft, Menschen. Tatsächlich verschwimmt dann die Grenze zu den zumindest physiologisch ähnlich beschaffenen Nutz- und Haustieren – was John wie selbstverständlich bestätigt. Seine Argumentation ist jedoch zutiefst inkonsequent: Einerseits stellt er zynisch die menschliche IdentitätIdentität der Sklaven fest, wenn es um ihren Unterhalt geht. Andererseits betont er die Differenz zwischen Sklaven und europäischstämmigen Menschen, um die Sklaverei an sich und die entwürdigendeEntwürdigung Behandlung der Sklaven zu rechtfertigen.6 Denn Afrikaner stellen laut John eine eigene „Race“ dar, die sich von jener der europäischen Kolonialherren wesenhaft unterscheidet und deren Mitglieder keineswegs als Selbstzweck, sondern als Mittel zu einem bestimmten Zweck – „zur Sklaverey“ – zu betrachten seien. Die Regieanweisung („spoͤttisch“) gibt nicht nur die unmittelbare Reaktion der innerfiktionalen Figur William vor, sondern deutet auch an, wie die Rezipienten auf John reagieren sollen: ablehnend. Dieser moraldidaktische Impetus wird in der sehr konstruiert wirkenden Szene überdeutlich. Auf teilweise stichwortartige Fragen Johns7 folgen jeweils mehr oder weniger ausführliche Widerlegungen Williams. Johns anaphorisches „Aber“ (vgl. NS 35–36), mit dem er seine Argumente und Fragen einleitet, wirkt lächerlich, macht aber die Funktion des Wortwechsels klar: Es geht um die Kreation einer schroffen (auch rhetorischen) Opposition, deren Positionen implizit eindeutig bewertet werden. Das didaktische Prinzip These – Antithese oder argumentatio – refutatio, das scheinbar allgemeine Vorurteile oder mögliche Einwände des Rezipienten vorwegnimmt und verbalisiert, wirkt in seiner Holzschnittartigkeit zwar plump, lässt die dem Stück zugrundeliegende Intention jedoch umso schärfer hervortreten.
In Johns Zynismus mischen sich unverhohlen rassistische Vorurteile und eine pseudotheologische Begründung: GottGott habe die Afrikaner als Nachfahren des Brudermörders Kain (und nicht nach seinem EbenbildGottebenbildlichkeit) geschaffen, deshalb seien sie „schwarz“, „spitzbuͤbisch, boshaft und dumm“ (NS 34).8 Diese pauschal zugeschriebenen Eigenschaften negiert William nicht (!), begründet sie aber nicht aus dem Wesen der Sklaven, sondern stellt sie als Folge der EntwürdigungEntwürdigung durch die weißen ‚Besitzer‘ dar: „O ihr habt Alles gethan, um diese Ungluͤcklichen herabzuwuͤrdigen, und dann beklagt ihr euch noch, daß sie dumm und boshaft sind“ (NS 34).
Danach nimmt der Dialog Bezug auf einen Aspekt des Menschenwürdebegriffs, der gerade im Kontext des Sklavenhandels bedeutsam ist. Zunächst stellt William – geradezu naturrechtlich, aber an der sozialen Realität vorbei – fest, dass auch Schwarze frei geboren werden. Johns Legitimierungsstrategie ist perfide: Er rekurriert auf Schlagworte des Menschenwürdediskurses, um sein Menschenbild zu verteidigen. So wirft er ein, dass, wenn ein Sklave sein natürliches Recht auf SelbstbestimmungSelbstbestimmung wahrnimmt und sich und seine FreiheitFreiheit verkauft, der ‚Käufer‘ nicht zu kritisieren sei. William versucht ihn – seinerseits mit einschlägiger Wortwahl – zu widerlegen:
Will. Die Freyheit des Menschen hat keinen Preiß.
John. Desto schlimmer fuͤr ihn, wenn er mir ein kostbares DingObjekt, Objektifizierung, Ding, Verdinglichung, DinghaftigkeitDing, Verdinglichung, Dinghaftigkeit (s. Objekt, Objektifizierung) wohlfeil verkauft. […]
Will. Verkaufen? Das darf er nicht, weil er nicht Alles darf, was ein ungerechter Herr als Sklave von ihm fordern koͤnnte. Er gehoͤrt seinem ersten Herrn, GottGott! Der ihn nie frey ließ. Der Mensch kann sein Leben verkaufen, wie der Soldat, aber nicht den Mißbrauch seines Lebens, wie der Sklave. (NS 35)
Eindeutig auf kantischeKant, Immanuel Terminologie bezieht sich die Rede vom „Preiß“. Bei Kant ist es jedoch nicht die FreiheitFreiheit des Menschen, sondern der Mensch selbst, „als Person betrachtet, d.i. als Subjekt einer moralisch-praktischen VernunftVernunft“, der „über allen Preis erhaben“ ist – und genau deshalb „Würde“ besitzt.9 Aufgrund dieser Würde verdient er AchtungAchtung; diese darf er auch selbst nicht kompromittieren. Seine „Würde verleugnen“ würde er u.a., wenn er sich „knechtisch“ machte und so die Pflicht der SelbstachtungSelbstachtung verletzte.10 Wenn der Mensch „die höchste Selbstschätzung als Gefühl seines inneren Werts (valor), nach welchem er für keinen Preis (pretium) feil ist“, missachtet, verstößt er gegen die ihm durch seine „unverlierbare Würde (dignitas interna)“ auferlegte Pflicht der Selbstachtung. Zur Illustration dieses Gedankens zitiert Kant einen Bibelvers (I Kor 7,23): „Werdet nicht der Menschen Knechte.“11 Der Sklave wird so zu einem negativen Paradigma des kantischen Menschenwürdebegriffs.
In Johns Argumentation wird der sich selbst entwürdigendeEntwürdigung Mensch, der freiwillig und selbstbestimmt seine eigene Würde missachtet, durch eigenes Verschulden zum TierTier, Vertierlichung, Theriomorphisierung. Da er, mit KantKant, Immanuel gesprochen, „einen gemeinen Wert (pretium vulgare)“ oder „einen äußeren Wert seiner Brauchbarkeit (pretium usus)“ erhält,12 zur Ware verkommt und – paradoxerweise – durch einen personalen Akt auf seine Personalität verzichtet,13 darf er ohne Bedenken und ohne Gewissensbisse wie ein Tier behandelt werden. Genau das bestreitet William: Sich selbst zu verkaufen verbietet in seinen Augen nicht primär die SelbstachtungSelbstachtung, auch nicht unbedingt die Menschenwürde, sondern das Gebot GottesGott. „Ihr seid teuer erkauft“, heißt es unmittelbar vor der von Kant zitierten Passage im ersten Korintherbrief – nur Christi Knecht soll der Mensch sein. Auf diese metaphorische Knechtschaft spielt auch William an: „GottGott“ ist der metaphorische ‚Besitzer‘ („gehoͤrt“) des Menschen. Zwar könne ein Mensch, so William, sein Leben verkaufen (wie der Soldat oder Söldner), den „Mißbrauch“ desselben aber nicht.
Diese Unterscheidung bleibt zunächst unklar, denn auch den Einsatz eines Soldaten in einem KriegKrieg kann man als Missbrauch, als HerabwürdigungEntwürdigung zum Mittel zu einem bestimmten Zweck (z.B. dem Sieg in der Schlacht) deuten. William zielt aber hier auf etwas anderes ab: auf die Unmöglichkeit, sich durch einen Verkauf oder eine unmenschliche Behandlung seiner Menschheit und somit seiner Würde berauben zu lassen. Ein Indiz dafür ist das benutzte Modalverb: Er spricht nicht davon, dass der Mensch seine FreiheitFreiheit oder den „Mißbrauch seines Lebens“ nicht verkaufen darf, sondern davon, dass er es nicht kann. Der Mensch besitzt also eine (von KantKant, Immanuel so bezeichnete) „unverlierbare Würde“.14 Eine menschenunwürdige Behandlung ist niemals zu rechtfertigen, auch nicht durch Johns Gedankenkonstrukte. Der Dialog greift aber auch ein immer noch aktuelles begriffliches Problem der Menschenwürde auf: Sie wird einerseits verstanden als unveräußerliches Wesensmerkmal, andererseits als Anspruch gegenüber anderen, der missachtet oder verletzt werden kann.15
William weist in der Folge noch weitere Argumente seines Bruders zurück.16 Sklavenhalter laden in seinen Augen unweigerlich Schuld auf sich. Auch die Missionierung von Andersgläubigen lässt er als Rechtfertigung nicht gelten: „Wenn die Religion Verbrechen heiligt, hinweg mit ihr auf ewig!“ (NS 37).
Innerfiktional profiliert dieser Dialog John und William als Protagonisten und Antagonisten, deren unterschiedliche Positionen das dramatische Geschehen um die Sklaven überhaupt erst ermöglichen. Außerfiktional betrachtet, markiert die Konfrontation zum einen die Frage nach der Definition des Menschseins und der Begründung der Menschenwürde als Leitmotiv der Rezeption, zum anderen etabliert sie den begrifflichen Bewertungsrahmen für die im Drama vorgeführten Figuren. Dem Rezipienten wurde – zunächst sprachlich-argumentativ und unter Rückgriff auf naturrechtliche, theologische, aber auch moralphilosophische Argumente – bewiesen, dass die Sklaven Menschen sind, die es in ihrer Würde zu achten gilt. Der Sklaverei wurde dialogisch ihre ideologische Grundlage entzogen.
Das Ende der Szene problematisiert die vermeintlich klare Aussage jedoch in zweifacher Hinsicht: Zum einen bemerkt John mit bissigem Spott, dass auch Williams Vermögen das Resultat von Sklavenausbeutung ist, „und es behagt dir wohl, nicht wahr?“ (NS 37). Zum anderen verhöhnt er William für sein Vertrauen in die eigene Überzeugungskraft: „Afterphilosophie“ seien seine Ausführungen, „eitel Declamation von hohen Schulen mitgebracht“ (NS 37). Nachdrücklich verweist John auf die Diskrepanz von Theorie und Praxis, von Ideal und Wirklichkeit – ein Vorwurf, den man auch gegenüber den hochtrabenden klassisch-idealistischen Programmen vorbringen könnte. In Bezug auf das konkrete Drama lenken sie jedoch den Fokus auf jene künstlerischenKunst, Künstler Mittel, die über das reine Artikulieren von bestimmten Ansichten hinausgehen: auf die spezifische Leistung der Literatur, die die Menschenwürde mit ihren Mitteln konstituiert.