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IV.2. Die verletzte Menschenwürde – Der Hessische Landbote (1834)

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Der Hessische Landbote1 will im Gegensatz zu den Autonomiebestrebungen der Weimarer Klassik direkt und engagiert politische sowie gesellschaftliche Missstände entlarven und bekämpfen. Der Text verfolgt eine „persuasive Strategie“,2 die den Rezipienten emotional ansprechen und bei ihm die Empörung, die für BüchnerBüchner, Georg und Mitverfasser Weidig gleichsam die Triebfeder des Schreibens ist, hervorrufen soll.3 Als wichtigsten Bezugsrahmen hat die Forschung neben dem statistischen Material über das Großherzogtum Hessen vielfach die Bibel mit ihren affektiven, den Bauern (als eigentlichen Adressaten der Flugschrift) vertrauten Formeln und Bildern ausgemacht. Mit Blick auf die vielen Bezüge zum Würdediskurs lässt sich die eigentliche Funktion der Bibelreferenzen genauer bestimmen als ‚Köder‘, als Wortmaterial, in das Büchner seinen Würdebegriff verpackt.

Gleich zweimal nennt der Text explizit die Vokabel „Würde“. Zunächst berichtet der Exkurs über die Französische Revolution, dass „die Franzosen die erbliche Königswürde [abgeschafft haben]“ (MA 52); kurz darauf heißt es über den Großherzog: „Seine Würde ist erblich in seiner Familie“ (MA 56). Nicht zu überhören ist hier der Spott BüchnersBüchner, Georg: Die Würde, um die es hier geht, ist eigentlich keine, sie ist „erblich“, also kontingent. Die besondere Würde der herrschenden Schichten, die ihre herausgehobene gesellschaftliche Stellung begründet, beruht ausschließlich auf ihrer Abstammung und nicht einmal auf persönlichen Verdiensten; sie ist vollkommen unverdient. Umso schwerer wiegt deshalb, dass am anderen Ende der sozialen Leiter der vollkommen entwürdigteEntwürdigung, in seiner Würde nicht geachtete Bauer steht. Büchner nutzt diese Diskrepanz rhetorisch, indem er erstens die Entwürdigung des einfachen Volkes drastisch veranschaulicht, zweitens die kontingente Würde der Herrschenden rhetorisch-ästhetisch destruiert und drittens eine Menschenwürdevorstellung entwickelt, die auf Gleichheit und der FreiheitFreiheit des Einzelnen basiert.

Literarische Dimensionen der Menschenwürde

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