Читать книгу Anselmo - ein Kindersoldat in Mosambik - Mecka Lind - Страница 11
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ОглавлениеMit großer Erleichterung sieht Anselmo, wie es im Osten hell wird. Er weckt die anderen. Dann nimmt er Lucinda an der Hand und geht auf die aufgehende Sonne zu. In die Richtung, in die Rosa während der Nacht verschwunden ist.
Sie müsste schon lange wieder hier sein. Sie hat gesagt Morgengrauen, und jetzt ist es schon heller Morgen.
Josina kommt ihnen hinterher. Auch sie scheint sich Sorgen zu machen. Anselmo spürt, dass er etwas tun muss.
»Ich gehe sie suchen«, sagt er zu Josina. »Pass inzwischen auf Lucinda auf.«
»Ich kann selbst auf mich aufpassen«, protestiert Lucinda heftig. »Ich will mitsuchen.«
»Nein, du bleibst hier!«, sagt Anselmo härter, als er eigentlich will.
»Ich sage Isak, dass er dir helfen soll«, schlägt Josina vor. Isak durchsucht den Busch in der Nähe ihres Nachtlagers. Anselmo geht weiter weg. Er kennt seine Schwester und weiß, dass sie niemals die anderen einer Gefahr aussetzen würde, deshalb glaubt er, dass sie weiter weggegangen ist. Er sucht sehr gründlich, aber er sieht kein einziges Zeichen, das darauf hindeuten würde, dass seine Schwester und sein kleiner Bruder hier gewesen wären. Schließlich gibt er auf und geht zu den anderen zurück. Vielleicht ist sie schon wieder dort. Vielleicht ist sie aus einer anderen Richtung gekommen.
Als er sich der Gruppe nähert, sieht er erstaunt, dass die Frauen schon mit ihren Bündeln und Wasserkanistern auf dem Kopf zum Gehen bereitstehen. Sie weichen seinen fragenden Blicken aus.
»Ich finde sie nicht«, sagt er mit dünner Stimme. »Sie hat sich vielleicht verirrt. Sie sucht vielleicht nach uns.«
»Rosa hat sich nicht verirrt«, sagt Josina.
»Wenn die Banditen heute Nacht so nahe bei uns waren, dann sollten wir zusehen, dass wir weiterkommen«, sagt eine der Frauen.
»Nein«, sagt Anselmo mit einer Stimme, die vor Verzweiflung zittert. »Wir müssen sie zuerst finden. Viele müssen suchen, wir müssen uns verteilen, damit . . .«
Jemand beginnt zu gehen. Anselmo schaut verzweifelt bittend die Leute an, die in seiner Nähe stehen. Sind das ihre Freunde aus dem Dorf, ihre Nachbarn? Menschen, die sie ihr Leben lang gekannt haben. Frauen, die gesehen haben, wie sie geboren wurden und aufwuchsen. Jungen und Mädchen, mit denen Rosa, Lucinda und er selbst gespielt und gearbeitet haben.
Als er sich zu Josina wendet, sieht er, dass sie geweint hat.
»Sie ist deine beste Freundin«, sagt er. »Wie kannst du sie hier zurücklassen?«
»Anselmo«, sagt Josinas Mutter sanft, aber ernsthaft. »Rosa muss etwas zugestoßen sein. Sie wäre sonst hier. Sie kann gefangen genommen worden sein, und wenn das so ist, dann wird man sie zwingen, über uns zu berichten. Deshalb müssen wir weitergehen. Sonst stößt uns allen etwas zu. Und du und Lucinda, ihr kommt mit uns . . . ich weiß, dass Rosa das wollen würde.«
Anselmo hat plötzlich ein Gefühl, als ob alle Kraft aus ihm herausliefe. Sie sprechen von seiner Schwester, als ob sie schon tot wäre.
»Nein«, sagt er müde. »Geht nur. Ich bleibe hier und suche, bis ich sicher bin. Es kann sein, dass sie in der Dunkelheit gefallen ist und sich verletzt hat.«
»Dann soll wenigstens Lucinda mit uns mitkommen.«
»Ich bleibe bei meinem Bruder«, sagt Lucinda bestimmt. »Kommt uns so schnell wie möglich nach«, bittet Josinas Mutter, bevor sie sich umdreht und den anderen folgt.
Anselmo und Lucinda sehen sie verschwinden. Erst als das hohe Gras sich hinter ihnen geschlossen hat, machen auch sie sich auf den Weg, jedoch in die entgegengesetzte Richtung.