Читать книгу Anselmo - ein Kindersoldat in Mosambik - Mecka Lind - Страница 13
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ОглавлениеAm nächsten Morgen, als sie ein wenig Mandioka gegessen und das letzte Wasser getrunken haben, gehen Anselmo und Lucinda ins Dorf. Sie bewegen sich leise und vorsichtig. Wie sie schon am Abend zuvor gesehen hatten, sind nicht alle Hütten verbrannt, aber sie scheinen verlassen. Sie können hier nur noch nach dem Brunnen suchen.
Sie finden ihn mitten im Dorf. Lucinda befestigt den Plastikkanister am Seil und lässt es hinunter. Als sie hören, wie der Kanister platschend auf dem Wasser aufschlägt, nicken sie einander befriedigt zu. Sie hätten auch Pech haben und einen ausgetrockneten Brunnen vorfinden können. Erst trinken sie, dann lässt Lucinda den Kanister noch einmal hinunter, diesmal will sie ihn randvoll bekommen.
Da hören sie, dass hinter ihnen sich etwas bewegt. Sie drehen sich gleichzeitig um. Ein großer, magerer Mann in fleckigen Shorts und einem zerrissenen Unterhemd steht da und beobachtet sie. Er hat eine Machete in der Hand.
Es könnte ein normaler Bauer auf dem Weg zu seiner Machamba sein, denkt Anselmo, aber es kann auch ein Guerillakämpfer sein.
Der Mann grinst sie zahnlos an und kommt näher. Sie schauen ihn abwartend an. Anselmo wird übel vor Angst und Ekel.
»Wer seid ihr?«, fragt der Mann mit scharfer, durchdringender Stimme.
Anselmo würde am liebsten Lucinda an der Hand nehmen und weglaufen, aber das traut er sich natürlich nicht. Er konzentriert sich deshalb auf die Frage, die ihm gestellt wurde.
»Wir sind auf dem Weg zu Verwandten, die in einem Dorf in der Nähe wohnen. Wir waren durstig, und als wir sahen, dass hier ein Brunnen war, dachten wir, wir könnten unseren Wasserkanister füllen. Wir dachten nicht, dass hier jemand wohnt.«
»Soso, ihr dachtet nicht«, sagt der Mann und verzieht den Mund wieder zu diesem ekligen Grinsen.
Anselmo nickt Lucinda zu, sie soll den Kanister hochziehen. Er nimmt das Bündel mit der Mandioka auf. Im Bündel hat er auch seine Machete eingewickelt. Sie wollen gerade gehen, als der Mann sich ihnen in den Weg stellt. »So eilig habt ihr es wohl nicht«, sagt er mit einem unangenehmen Unterton in der Stimme.
Anselmo schluckt, damit seine Stimme nicht verrät, wie ängstlich er ist.
»Es ist noch weit und wir wollen vor der Dunkelheit hinkommen«, sagt er.
»Wenn es so weit ist, müsst ihr zuerst etwas essen.«
»Wir haben schon etwas Mandioka gegessen.«
Der Mann grinst jetzt nicht mehr.
»Es ist auf jeden Fall besser, wenn ihr erst mal mitkommt.«
Dies ist keine Einladung. Dies ist ein Befehl.
Anselmo schaut seine Schwester nicht an. Seine Augen würden ihn verraten, und sie braucht jetzt seinen Mut, nicht seine Angst.
Der Mann stößt sie mehr oder weniger vor sich her zu einer der Hütten und weiter ins Halbdunkel. Drinnen sitzen drei erwachsene Männer. Zwei von ihnen haben Maschinengewehre. Der dritte hat eine Pistole im Hosenbund stecken. Er trägt auch richtige Soldatenstiefel und ein einigermaßen sauberes Hemd.
Der ist der Anführer, denkt Anselmo und zweifelt nicht mehr . . . sie sind der Guerilla direkt in die Arme gelaufen. »Woher kommt ihr?«, fragt der Mann mit den Stiefeln.
Obwohl Anselmo außer sich ist vor Angst, versucht er, dem Mann in die Augen zu sehen, als er antwortet, und merkwürdigerweise empfindet er diesem Mann gegenüber nicht den gleichen Abscheu wie für den mit dem dummen Grinsen. Aber er weiß auch, dass dieser gefährlicher ist.
»Wir kommen von weit her, unser Dorf wurde überfallen, unsere Eltern sind tot, wir sind auf dem Weg zu Verwandten in einem Dorf weiter weg.«
Woher kommen bloß all diese Worte? Er begreift es nicht. Er spürt, dass Lucinda zusammenzuckt, als er sagt, dass beide Eltern tot seien, aber sie widerspricht nicht, und das ist das Wichtigste, denn wenn sie erzählen würden, dass ihr Vater auf Seiten der Regierung kämpft, wären ihre Überlebenschancen gleich null. Und nur daran denkt Anselmo. Dass sie es schaffen . . . dass sie nicht umgebracht werden.
»Wie heißt das Dorf, in das ihr unterwegs seid?«
»Ich weiß nicht, wie es heißt«, sagt Anselmo. »Ich weiß nur, dass es in dieser Richtung liegt.«
Er zeigt auf gut Glück in eine Richtung.
»Wie heißt das Dorf, aus dem ihr kommt?«
Einen Moment lang wird ihm schwarz vor Augen. Er kann doch nicht den Namen seines eigenen Dorfes sagen. Wenn sie dann auf die Idee kommen, es noch einmal zu überfallen.
Der Mann vor ihm spürt sein Zögern und schlägt ihm ins Gesicht. Lucinda schreit auf. Einer der anderen packt sie und drückt die scharfe Klinge der Machete an ihren Hals.
Er hat keine Wahl. Er schämt sich, als er sich reden hört, als wäre er aufgezogen. Er starrt die ganze Zeit auf die Stiefel, um die Angst in den Augen seiner Schwester nicht sehen zu müssen. Er erzählt, aus welchem Dorf sie kommen. Er erzählt, wie er und Paolo sich betrunken haben, dass sie über Nacht im Busch geblieben waren und was sie am nächsten Morgen vorgefunden hatten.
»Und dein Vater? Der ist auch tot, hast du gesagt, ja?«
Diese Frage beendet das verzweifelte Plappern, und er kann wieder denken.
»Er ist schon lange tot«, lügt Anselmo und fährt fort: »Alle, die überlebt haben, flohen schon am gleichen Tag, und wir, meine Schwester und ich, gingen mit. Wir übernachteten im Wald. Als wir aufwachten, waren die anderen schon weitergegangen. Sie hatten uns vergessen. Deshalb sind wir auf dem Weg zu dem Dorf, wo Verwandte wohnen.«
»Wer hat euer Dorf niedergebrannt? Wer hat eure Mutter und euren kleinen Bruder ermordet?«
Anselmo starrt ihn an. Was erwartet er denn für eine Antwort? Er versucht sich zu erinnern, ob er schon gesagt hat, es sei die Guerilla gewesen, aber er weiß kaum noch, was er gesagt hat.
»Ich weiß nicht«, sagt er deshalb so leise, als spräche er zu sich selbst.
»Dann werde ich es dir sagen«, hört er die Stimme des Mannes weit oberhalb seines Kopfes. »Euer Dorf ist von Regierungssoldaten niedergebrannt worden. Sie haben eure Mutter und euren Bruder getötet. Ich kenne das Dorf, aus dem ihr kommt, und ich habe von dem Massaker gehört.«
Einen Moment lang zögert Anselmo. Er hat die Leute, die es gemacht haben, ja nie gesehen. Er war nicht einmal in der Nähe, als es passierte. Aber die Leute im Dorf konnten doch wohl die Guerilla von den Regierungssoldaten unterscheiden, und die Soldaten brannten doch keine Dörfer nieder und töteten Menschen?
»Seht ihr jetzt ein, wie grausam sie sind?«, fragt der Mann. Das Einzige, was Anselmo einsieht, ist, dass es das Beste ist, zu nicken und zuzustimmen, und glücklicherweise macht Lucinda das Gleiche, als sie sich an sie wenden.
»Die Soldaten behaupten, die Guerilla würde brennen und morden«, fährt der Mann fort. »Aber ihr habt ja gesehen, wie es wirklich ist. Wir wollten euch befreien und beschützen, aber wir kamen zu spät. Das ist unsere Aufgabe. Dieses Land von seiner grausamen Regierung zu befreien.«