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Die Polizei

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Auf der Wache


Zwei Tage später, nach dem Wochenende, war Jansen zurück in Hamburg.

Er fuhr vom Bahnhof aus mit einem Taxi direkt in die Oberaltenallee, wo das zuständige Kommissariat 31 lag. Seine Ansprechpartnerin dort war Petra Mertens, die alle Hinweise zum Verschwinden von Dr. Golz gesammelt hatte.

Jansen fasste zusammen, was er auf Sylt und beim Gespräch mit von Witzleben und der Professorin gelernt hatte, auch wenn er den Bericht dazu schon geschrieben und vorausgeschickt hatte. Es gab immer noch Details, die man nicht aufschrieb. Berichte wurden auch nicht immer gelesen oder richtig verstanden.

Mertens empfand die gleichen Zweifel wie Jansen selbst. Die Puzzleteile passten nicht zusammen. Von Witzleben hatte laut der Domina die Nacht für Dr. Golz gebucht, leugnete aber nach wie vor, ihn zu kennen.

Die Professorin hatte ausgesagt, dass Dr. Golz sie froh und glücklich verlassen habe, nachdem sie ihm ein Softie-Programm angedeihen hatte lassen. Er habe geschlafen wie ein Baby.

Und doch war er am Tag drauf die Depression in Person gewesen, hatte sich geprügelt und war selbst im Krankenhaus gelandet.

Die beiden machten sich an die Arbeit. Jansen rief in der Klinik an, nachdem er sich von einem Hamburger Richter eine Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht für den behandelnden Arzt in der Asklepius-Klinik hatte ausstellen lassen.

Der Arzt hatte Interessantes zu berichten; Dr. Golz hatte viel mehr Nikotin in sich, als er durch ein paar Zigaretten zu sich nehmen konnte, er hatte eine akute Bleivergiftung und massive Spuren von Amphetaminen im Blut gehabt. Davon hatte Jansen schon gehört, aber nicht dermaßen detailliert.

Was in Gottes Namen hatte die Domina mit ihm gemacht? Bestand das Softie-Programm darin, dass Golz durch ein Bleirohr dicke Joints aus Tabak und Ecstasy rauchen musste? Oder wie war dieses Zeug in seinen Körper gekommen? Aber diese Mischung erklärte zumindest seine Depressionen, wie ihm der Arzt auseinandersetzte.

Frau Prof. Dr. Dr. Orlowski war damit in den Kreis der Verdächtigen aufgerückt. War Golz so depressiv geworden, dass er sich nach seiner Kündigung in Reinbek irgendwo vor einen Zug geschmissen hatte? War er in die Elbe gesprungen und trieb jetzt leblos in der Nordsee?

Von Witzleben war um keinen Deut besser. Das hatte Jansen schon die ganze Zeit gespürt. Der Einsiedlerkrebs alles geleugnet, was ihn mit Dr. Golz in Verbindung bringen konnte.

Jansen beschloss, sich den Kerl genauer anzusehen, nicht nur persönlich, sondern auch seine komplette Vergangenheit.

Witzleben war ein Nobody, der sein Leben in einer leeren Wohnung zubrachte, nur mit dem Allernotwendigsten plus Computer und einigen Laufwerken. Wozu brauchte der die? Was machte der mit seinem Computer? Was hatte er da drauf? Und was hatte er dem Dr. Golz im Bus gegeben? Wirklich nur ein Pfefferminz-Bonbon?

Aber für einen Durchsuchungsbeschluss hatte die Polizei zu wenig. Und Jansen fiel kein guter Grund ein, aus dem er sich Golz’ Computer unter den Nagel reißen konnte.

Das Umfeld von Dr. Golz hatten die Kollegen vorher schon abgeklopft. Der Lektor hatte eine massive Persönlichkeitsveränderung durchgemacht. Er war praktisch über Nacht vom Star der Intellektuellen-Szene in Hamburg zu einem faulen und ruppigen Ekelpaket verkommen, hatte seine Freundin vernachlässigt und Streit mit ihr gehabt, was vorher praktisch nie vorgekommen war.

Er hatte seine Arbeit anders als sonst gemacht und die Atmosphäre im Verlag vergiftet. Er hatte sich nicht mehr rasiert und war in angeschmutzten Sachen bei der Arbeit erschienen. Hatte sich gehen lassen und alle angeschnauzt, die ihm freundlich entgegentraten.

Eine Erklärung dafür kannte in seinem sozialen Umfeld niemand. Also musste der Grund dafür außerhalb von Beruf und Beziehung liegen. Auch für die Drogen in seinem Körper gab es keine gute Erklärung. Wo kamen die her?

Mertens und Jansen starteten einen Hintergrund-Check, um mehr über von Witzleben herauszufinden. Der Mann hatte Dreck am Stecken, so viel war klar.

»Ich denke, wir werden Folgendes machen«, schlug er Frau Mertens vor, die eher jemand war, die gern Fakten und Dokumente zusammentrug und die Dokumentation dann jemandem zur Analyse vorlegte. Das machte sie laut Auskunft aller Hamburger Kollegen fantastisch.

»Wir legen ein Suchprofil an, von allen dreien, Prof. Orlowski, Dr. Golz und von Witzleben. Wir checken alle uns zugänglichen Kameras, auf öffentlichen Plätzen und Bahnhöfen, Blitzern, Verkehrskameras. Kreditkarten, EC-Karten, Telefonate. Alles. Ab dem Tag, als Dr. Golz verschwunden ist, für, ich sag mal, drei, vier Tage.«

»Kriege ich nicht durch die Buchhaltung«, fand sie. »Zu aufwendig. Und ob ich das genehmigt kriege, weiß ich auch nicht. Wir bringen den ganzen Betrieb damit durcheinander.«

»Dann rufen Sie doch bitte bei diesem Kriminaloberrat an, Dr. Klose, und erklären Sie ihm die Sachlage. Dann kriegen wir das bestimmt durch. Anschließend sehen wir weiter.«

Eine Viertelstunde später war Petra Mertens zurück.

»Tja, Dr. Klose unterstützt das, aber nicht unbegrenzt. Wir dürfen uns nur den direkten Tag nach dem Verschwinden von Dr. Golz ansehen, die vierundzwanzig Stunden nach seiner Kündigung. Sonst legen wir den ganzen Apparat lahm. Und er will seine Kompetenzen auch nicht überschreiten und so weiter, bla, bla.«

Das war das erste Mal, dass Frau Mertens eine Spur von Humor gezeigt hatte.

»Super! Gut gemacht, Frau Mertens!«, lobte Jansen sie. »Ich habe mir noch etwas anderes überlegt. Die Aussagen von der Orlowski und diesem Witzleben widersprechen sich total. Ich würde am liebsten eine Gegenüberstellung machen. Also eine parallele, zeitgleiche Vernehmung in zwei getrennten Räumen. Wir halten dabei Kontakt und können uns absprechen, die beiden halten wir unwissend, was im anderen Raum passiert. Und anschließend konfrontieren wir sie gemeinsam und veranstalten ein schönes Schauspiel, wenn wir ihnen ihre gegenseitigen Falschaussagen vorhalten. Was meinen Sie?«

Frau Mertens nickte. »Klingt gut. Können wir machen, und wir sollten damit nicht warten. Ich schaue mal, wann wir die Vernehmungsräume frei haben, dann buche ich die gleich für Sie und einen Kollegen. Und dann bekommen die eine Vorladung, die sich gewaschen hat. Oder wir lassen sie sofort abholen. Überraschen Sie auf dem falschen Fuß.«

So viel Initiative hätte er der Frau gar nicht zugetraut. Aber die Arbeit schien ihr Spaß zu machen. »Tun Sie das. Super Idee.«

Mertens hängte sich wieder ans Telefon.

»Tja, das wird wohl nichts«, seufzte sie, als sie ihre Telefonate beendet hatte. »Vor nächstem Montag kriege ich keine zwei Räume zusammen. Beim besten Willen nicht.«

»Hm.« Jansen legte den Kopf schief und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Blöd. Na ja, dann eben Montag. Dann laden wir die beiden mal vor. Für Montag. Mit der Überraschung wird das dann wohl nichts, aber irgendeiner patzt bei solchen Verhören immer. Wird schon schiefgehen.«

Der junge Polizist stand auf. »Können Sie das bitte organisieren, Frau Mertens? Ich bin dann Montagmorgen wieder hier. Ist für mich auch ganz gut so. Die Uni ruft, ich habe ein paar Klausuren vor mir, und nebenbei arbeiten wir auch noch an einem anderen Mordfall. Gar nicht weit von hier übrigens. Sollten Sie mal hinfahren, im Wald bei Trittau. Da steht der höchste Aussichtsturm Schleswig-Holsteins. Das Burj Khalifa des Nordens, sozusagen.«

Er griff zu seinem Mantel und ging zur Tür. Wir sehen uns dann, Frau Mertens. Schönes Wochenende schon mal.«

Und weg war er.



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