Читать книгу Afghanistan Dragon - Norbert F. Schaaf - Страница 7
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Jalaluddin, der alte Mann mit dem wettergegerbten Gesicht und dem eisgrauen, borstigen Haar, hockte auf dem Eisenholzstamm vor seiner Behausung in Karambar. Er war müde von dem langen Weg durch die Berge. Viele Tage war er, von zwei Männern begleitet, mit den Tragtieren hierher unterwegs gewesen. Er hatte in Faïzabad so lange gewartet, bis er eingesehen hatte, dass sich nichts mehr hatte ändern lassen. Nun grübelte er, wie das zu erklären sei, was sich da abgespielt hatte. Über dem Dorfplatz lag bereits Schatten. Der Sonnenball war hinter den Bergkuppen untergetaucht. Im Dorf herrschte Stille. Nur ein paar Hühner gackerten schläfrig, und aus dem Sträucherstreifen, der das Dorf säumte, kamen vereinzelte Vogelrufe. Kein Rauch von Kochfeuern lag in der Luft und nicht der Duft des Tabaks, den der Nachbar rauchte. Nur ein paar alte oder kranke Leute waren zuhause geblieben, die anderen waren auf den Feldern. Das Geplärr der Kinder fehlte.
Sanaubar winkte Jalaluddin, der in Gedanken versunken auf dem Baumstamm saß, schon von weitem zu. Sie war außer Atem, denn fast den ganzen Weg vom Feld ins Dorf war sie gelaufen, nun ließ sie sich mit hart klopfendem Herzen neben dem Alten auf den Stamm sinken.
„Jalaluddin, was ist denn?“ fragte sie besorgt.
Er sah sie an und blickte dann über sie hinweg auf die Berge. Es dauerte lange, bis er das erste Wort sprach.
„Sie haben Mir Khaibar verhaftet.“
„Verhaftet? Wer? Und warum?“
Immer noch über den Sinn der Vorgänge sinnierend, berichtete er: „Mir Khaibar hat mit dem Händler gesprochen und ist dann zurückgekommen. Damit wir mit den Packtieren nicht durch die Stadt mussten, hat uns der Händler eins von den kleinen japanischen Dreiradautos geschickt. Wir haben alles aufgeladen, und Mir Khaibar war mitgefahren, um den Handel abzuwickeln. Ich habe mir ein wenig Faïzabad angesehen. Ich war lange nicht in der Stadt. Am späten Abend war Mir Khaibar immer noch nicht zurück. Da bin ich zu dem Händler in Chakir gegangen. Der hat es mir erzählt. Die Polizei ist gekommen, als Mir Khaibar dabei war, die Säcke abzuladen. Polizisten aus Faïzabad. Sie haben ihn mitgenommen und die Fracht.“
Das Mädchen starrte ihn an. Jalaluddin nickte müde. „Und sie haben nichts weiter gesagt, qariadar?“
„Gesagt haben sie, dass sie ihn wegen unerlaubtem Verkauf von Rohopium mitnehmen.“
„Dem Händler haben sie nichts getan?“
„Nein. Er hat noch erwähnt, dass es das erste Mal war seit langer Zeit, dass so etwas geschah. Überall wird gelegentlich Opium angeboten, meistens kleinere Mengen, aber die Polizei hat sich sonst nie darum gekümmert.“
„Weißt du, wohin sie ihn gebracht haben?“
„Ins Stadtgefängnis. Ich war dort, aber man ließ mich nicht zu ihm. Ich bin auch zu einem Anwalt gegangen. Der Händler hat es mir geraten. Der Anwalt hat mit den Beamten im Gefängnis gesprochen. Und die haben ihm gesagt, er soll sich die Mühe sparen. Mir Khaibar wurde zur weiteren Untersuchung des Falles nach Kabul gebracht. Wenn er einen Beistand braucht, wird er ihn dort bekommen.“
Jalaluddin hob die Hände und drehte die Handflächen nach oben, raue, rissige Handflächen. Eindringlich sah er Sanaubar an und schloss bedrückt: „So bin ich heimgekommen. Kein Geld, nicht einen einzigen Afghani. Das Opium ist verloren, und niemand weiß, was aus Mir Khaibar wird.“
Eine Weile saßen sie nebeneinander und überlegten. Was da geschehen war, konnten sie sich nicht erklären. Gewiss, es gab das Verbot des Opiumhandels. Doch warum musste Mir Khaibar der erste sein, auf den es angewandt wurde? Und warum sollte er nach Kabul gebracht werden?
Sanaubar entschied schließlich: „Wir müssen etwas unternehmen. Ich werde meiner Khala schreiben. Vielleicht wird sie herausfinden, wie wir Mir Khaibar helfen können.“
Jalaluddin äußerte zögernd: „Du willst dich an Shalla wenden? Aber – vielleicht ist es ihr nicht recht?“
„Sie wird uns helfen.“
Shalla war die jüngste Schwester ihres früh verstorbenen Vaters. Ihr Leben war ein wenig seltsam verlaufen, Sanaubar wusste nicht viel darüber. Sie hatte ihre Tante ein einziges Mal gesehen, vor einigen Jahren, als Shalla in Begleitung ihres Mannes für einige Tage in das Dorf gekommen war. Und es war wohl der Mann, der Jalaluddin zweifeln ließ. Shalla war mit einem Kanadier verheiratet, der sich vor annähernd dreißig Jahren in Afghanistan niedergelassen hatte. Es hieß, sie habe diesem Kanadier, als sie selbst noch ein Kind gewesen war, das Leben gerettet, damals, während des schlimmen Krieges gegen die Russen. Doch die Einzelheiten dieser Geschichte kannte Sanaubar nicht. Jalaluddin gab vor, sie auch nicht genau zu kennen. Sanaubar erinnerte sich nur daran, dass Shalla ihr Hilfe versprochen hatte, für den Fall, dass sie sie einmal brauchen sollte. „Wir sind ziemlich wohlhabend“, hatte sie gesagt. „Wir haben keine Kinder. Wenn du in Not kommst, erinnere dich an uns.“
Sanaubar hatte von Khaled erfahren, dass er die Verwandten gelegentlich besuchte. Schließlich verdankte er ihnen die Vermittlung seines Studienplatzes.
„Ich werde sofort schreiben“, erklärte das Mädchen. Sie lief zum Haus, um Papier und einen Stift aus einem Kampferholzkasten zu holen.
In der Hütte angekommen sah sie zuerst nach Shanzai, einem versehrten jugendlichen Mädchen, das bei einem Selbstmordattentat auf dem Bazar in Faïzabad ihre gesamte Familie sowie sämtliche Gliedmaßen eingebüßt hatte außer dem rechten Bein. Geschehen damals, kurz vor der „Zeit der dunklen Bärte“, als die Bürgerkriegsparteien des Golbud-Din Hekmatyar und des Ahmad Schah Massoud sich bis aufs Blut zerfleischt hatten.
Shanzai hatte selbst keine Erinnerung daran; sie war noch zu klein gewesen, und eine schwere Gehirnerschütterung hatte wohl auch vorlegen. Gelegentlich veranlasste sie Sanaubar, ihr den Hergang zu erzählen. Es war an einem heißen Sommertag gewesen. Kinder waren auf dem Nachhauseweg von der Schule. Kurz bevor sie den Rand des Bazars erreichten, geschah es. Eine gewaltige Detonation. Ein infames Selbstmordattentat, wie sich rasch herausstellte. Die Eltern, als man ihnen die schreckenerregende Nachricht brachte, eilten herbei, irrten hysterisch kreischend am Unglücksort herum, eine Mutter sammelte Teile ihres Sohnes in ihre Schürze ein, Shanzais Kaka Noor, der Bruder ihrer Mutter, barg von seiner Nichte, was übrig geblieben war, die Verwandten fanden erst Tage oder Wochen später von ihrer geliebten Angehörigen einen Arm, einen Ellbogen, eine Hand und das Bein, dessen Fuß noch in Strumpf und Schuh steckte und bereits in Verwesung übergegangen war, auf dem Dach eines der umstehenden Häuser. Shanzai konnte schwerversehrt gerettet werden. An den schmerzhaften, langwierigen Prozess der Genesung hatte sie nur schemenhafte Erinnerungen – bruchstückhaft wie das, was das Leben von ihr übriggelassen hatte.
„Hallo, Sanaubar jo“, grüßte Shanzai, während sie der Freundin auf ihrem einen Bein entgegenhüpfte mit der geschmeidigen Anmut eines jungen Kängurus. „Ist etwas Schlimmes passiert?“
Sanaubar antwortete ausweichend. „Es sind schlimme Zeiten, Shanzai jo.“
„Auf Sonnenglut folgt Regenguss“, sagte Shanzai.
„Es war etwas Schlimmeres als schlechtes Wetter.“
„Es gibt gar kein schlechtes Wetter. Das sagt auch Khaled jo. Es gibt nur nützlicheres und schädlicheres Wetter.“
„Ach, Shanzai jo, zurzeit scheint sich alles zum Schlechteren zu wenden.”
„Es kommen auch wieder gute Zeiten“, sagte Shanzai. Sie stand still mit erhobenen Haupt und der stromlinienförmigen Grazie eines Flamingos, die Sanaubar lächeln ließ.
Nachdem Sanaubar ihrem Pflegling die hijab auf ihrem pechschwarzen Haar gerichtet und sie mit dünnem chai versorgt hatte, kehrte sie mit den Schreibutensilien zu Jalaluddin zurück und ließ sich wieder auf dem Stamm nieder. Sie musste bei jedem Wort nachdenken, denn sie schrieb nicht oft. Gelernt hatte sie es von einem ehemaligen Soldaten, der ins Dorf zurückgekehrt war. Man hatte ihm bei der Armee Lesen und Schreiben beigebracht, und er hatte seine Kenntnisse an einige jüngere Leute im Dorf weitergegeben. Jalaluddin sah dem Mädchen zu, wie es das Papier mit den seltsam verschlungenen Linien der Dari-Schrift füllte. Als sie endlich fertig war, brach die Nacht herein.
„Ich bringe den Brief morgen nach Shari-i-Buzurg“, sagte Sanaubar. „Wenn ich zeitig genug aufbreche, kann ich vor Nachteinbruch dort sein. Am nächsten Abend bin ich zurück.“
Jalaluddin nickte nur, obwohl er sie nicht gern allein den fünfzig Kilometer weiten Weg durch die Berge machen ließ. Von Shari-i-Buzurg, der nächsten Poststation aus, würde der Brief mindestens noch eine Woche bis Kabul brauchen. Was mochte bis dahin aus Mir Khaibar geworden sein?
Während es dunkelte, kochte Sanaubar eine bescheidene Reismahlzeit. Irgendwo wurden shahnai-Flöten geblasen und dohol-Trommeln geschlagen. Jalaluddin dachte daran, dass er am frühen Morgen auf die Mohnfelder hinausgehen musste. Bei dem beschlagnahmten Opium hatte es sich um Gemeinschaftseigentum gehandelt. Wie sollte er nur den Dorfbewohnern den Verlust beibringen? Der Alte strich unruhig durch den großen Raum des Lehmhauses. Er fasste hier einen Kochtopf an und dort eine Matte, stand herum, ein wenig ratlos, bis Sanaubar zu ihm trat und ihn aufforderte: „Leg dich schlafen, Jalaluddin. Es wird alles gut werden. Mach dir jetzt keine Gedanken mehr.“
Sie selbst verließ noch einmal das Haus und lief zur Wasserstelle. Aus den Bergen sickerte ein Rinnsal bis in die Nähe des Dorfes, wo die Bewohner einen Schacht angelegt hatten, in dem sie es auffingen. Sanaubar schöpfte mehrere Eimer voll und trug sie in das Badehaus. Es diente allen. Heute aber war niemand da außer Sanaubar. Sie warf das verblichene Kleid ab, dessen einst tiefblaue Farbe die Sonne in ein schmutziges Grau verwandelt hatte. Dann ließ sie sich das Wasser aus den Eimern über den Körper laufen. Sie griff in den Haufen feinen Sandes, der im Badehaus lag, und rieb damit die Haut. Seife gab es nicht, sie war teuer, und man musste sie aus Faïzabad holen. Darum begnügte man sich mit dem Sand aus den Bergen.
Als Sanaubar ins Lehmhaus zurückkehrte, saß Jalaluddin immer noch auf seiner Matte, die Gedanken an Mir Khaibar plagten ihn. Doch er dachte auch daran, dass es heute eigentlich ein kleines Fest hatte geben sollen. Wäre das Missgeschick in Faïzabad nicht passiert, hätte man heute qurma gegessen, Steckrüben auf Reis, oder sogar naan-Brote aus dem tandoor-Ofen mit turkmenischen Kebab aus Hammelfleischstückchen, das Jalaluddin aus Faïzabad hatte mitbringen wollen. So aber hieß es, auf all das zu verzichten, denn das Opium war verloren, und sie hatten kein Geld, um Nahrung zu kaufen.
Nachdem Sanaubar Shanzai mit Reis versorgt, zu Bett gebracht und zugedeckt hatte, löschte sie die Öllampe und legte sich auf ihr Mattenlager. Sie behielt das Kleid an; das war so üblich, denn die Nächte in den Bergen waren stets empfindlich kühl, doch wiederum nicht kühl genug um diese Jahreszeit, dass man sich unter die schwere Decke aus Yakfell hätte verkriechen wollen, die man höchstens während der frühen Morgenstunden zu er tragen vermochte.
„Schlaf gut, Sanaubar jo“, wünschte Shanzai. „Du hast heute wahrlich genug getan.“
„Du auch“, gab Sanaubar zurück.
Die junge Frau hörte noch, wie Jalaluddin unten mehrmals aufstand und im Raum umherging, ohne Ruhe zu finden, ehe sie einschlief. Sie wachte auf, als sich der Himmel über den Bergen im Osten gerade rötlich einzufärben begann. Jalaluddin und Shanzai schliefen. Die junge Frau fachte das Kochfeuer an, das im bukhari, dem traditionellen afghanischen Ofen noch schwach glomm, legte etwas argol, die Yak-Fladen, in die Glut und wärmte ein wenig von dem Rest der Abendmahlzeit des vergangenen Tages. Als der Reis leicht angebraten war, rief sie Shanzai und Jalaluddin, und sie aßen gemeinsam. Shanzai löffelte den Reis anmutig-geschickt mit dem Fuß. Nach dem Mahl half Sanaubar ihrem Schützling Shanzai in einen weiten, fußlangen Umhang, damit sie sich in Abwesenheit ihrer Pflegerin einmal selbst zu behelfen vermochte, so dass sie in kleinen Sprüngen nach draußen zur Senkgrube an der Berglehne sich hinbewegen konnte, sich mit dem Rücken an einen Baum lehnen, den Umhang hochschieben und ihre Notdurft verrichten.
Schließlich steckte Sanaubar den Brief in eine Tasche des Kleides und band einige getrocknete Aprikosen und ein wenig Salzgemüse in ein Tuch. Damit brach sie auf, nicht ohne Jalaluddin an die gebührende Versorgung Shanzais gemahnt zu haben. Die Strahlen des Sonnenballs, der über die Berge stieg und mit seinem Licht die Landschaft überflutete, trafen Sanaubar bereits weit vom Dorf entfernt. Sie ging auf einem steilen Pfad aufwärts, dem ersten Pass zu. Bis Shari-i-Buzurg würde sie fünf solcher Bergketten zu überwinden haben. Weit war das Land: Berg an Berg, Einöde an Einöde lagen wellenförmig hingebreitet, eine harte Landschaft in Sandgelb und Stahlblau. Rechterhand stürzte der Bergrücken schroff in den Talgrund hinunter. Zur Linken türmten sich die Felswände, wie im Aufbäumen erstarrte gellende Rufe von Urweltgiganten, die einander zu ewiger Unfruchtbarkeit verfluchten. In erregend steilem Absturz bisweilen glitt der Pfad talwärts. Zwischen nackten Felsen stand etwas niedriger Wald, und dort war es kühl. Sanaubar kannte den Weg genau. Eine Stunde bevor der Sonnenball entschwand, würde sie nach Shari-i-Buzurg hinabsteigen. Zeitig genug, um den Brief in der Posthalterei abzugeben. Danach wollte sie ein paar Stunden auf dem Hof einer Karawanserei schlafen, bevor sie den Rückweg antrat.