Читать книгу Übersetzungstheorien - Radegundis Stolze - Страница 32
5.1 Die Stylistique comparéeStylistique comparée (VinayVinay/Darbelnet/Darbelnet, MalblancMalblanc)
ОглавлениеBeim ÜbersetzenÜbersetzen als „interlingualer KommunikationsvorgangKommunikationsvorgang“ (s. Kap. 4.2) oder „Transferprozess“ (s. Kap. 4.6) treffen zwei Sprachen aufeinander. Es stellt sich die Frage, „wie man sprachlich operieren muß, um ausgangs- und zielsprachliche Textintegration zu gewährleisten und interlinguale Strukturdivergenzen auf inhaltlich und stilistisch adäquate Weise zu neutralisieren“ (WILSSWilss 1977:62). Für eine wissenschaftliche Beschreibung der praktischen Lösungen beim Übergang von einer SpracheSprache zur anderen angesichts der verschiedenen potentiellen Entsprechungen in einem SprachenpaarSprachenpaar (s. Kap. 4.3) ist der von der sog. „Stylistique comparéeStylistique comparée“ vorwiegend in französischer Sprache entwickelte übersetzungstheoretische Ansatz grundlegend geworden. Die hier eingeführten Bezeichnungen haben überall in der ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft und vor allem in der Fremdsprachendidaktik Eingang gefunden und werden bis heute verwendet, denn jede Klassifikation fördert das Verständnis eines Problems.
Die Vertreter der Stylistique comparéeStylistique comparée initiierten eine systematische Beschreibung von ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren aufgrund des Vergleichs der Oberflächenstrukturen von Sprachen (s. Kap. 3.4). Es sollten leicht didaktisierbare Verfahren zur Überwindung struktureller Unterschiede entwickelt werden, zunächst im zweisprachigen Kanada für Französisch und Englisch. Ausgangspunkt war die Suche nach Ausdrucksmitteln, die in der anderen Sprache in der „gleichen kommunikativen Situation“ verwendet werden:
(…) we should forget about the signs and find identical situations first. For, from these situations, a new group of signs must be created, which will by definition be the ideal equivalent, the unique equivalent, of the former (VINAY/DARBELNET 1995:5).
Anhand umfangreicher Beispieldiskussionen mit vorliegenden Übersetzungen oder konstruierten Beispielen zu den beiden Sprachenpaaren Englisch-Französisch (VINAYVinay/Darbelnet/DARBELNET 1958) und Deutsch-Französisch (MALBLANCMalblanc 41968) gelangten sie zu dem Ergebnis, dass alles ÜbersetzenÜbersetzen, jedenfalls was die genannten Sprachenpaare betrifft, unter sieben, oft in kombinierter FormForm auftretenden Hauptkategorien subsumierbar ist: emprunt, calque, traduction littérale, transposition, modulation, équivalence, adaptation.
Sie haben den ersten umfassenden Versuch unternommen, übersetzerisches Verhalten deskriptiv zu ordnen. Dies lässt die strukturellen Unterschiede zwischen den Sprachen recht deutlich werden, wobei die Prozeduren auf der languelangues. Sprachsystem-Ebene jeweils mit Beispielen auf der paroleparoles. Rede, Äußerung-Ebene belegt werden. Die Feststellungen führten zu der Vorstellung, dass sich der ÜbersetzungsprozessÜbersetzungsprozess in einer Reihe linguistisch fassbarer Übersetzungsprozeduren (procédés techniques de la traduction) konkretisiert.
Von der Stylistique comparéeStylistique comparée wurden folgende sieben übersetzungsprozedurale Hauptklassen gebildet, von denen die ersten drei dem Bereich der wörtlichen Übersetzung (traduction directe) und vier der nichtwörtlichen Übersetzung (traduction oblique) zuzurechnen sind. Da sich diese „Übersetzungsprozeduren“ auch als eine Grundlage von WILSSWilss’ Transfermodell ansehen lassen, finden wir bei ihm (1977:101ff) eine ausführliche Darstellung. Beim Übergang von einer SpracheSprache zur anderen auf der Ebene der Oberflächenstrukturen gibt es folgende Möglichkeiten:
1. emprunt (Direktentlehnung), d.h. die graphisch und inhaltlich unveränderte Übernahme ausgangssprachlicher Lexeme in die ZielspracheZielspraches. ZS, z.B. Deutsch:
know-howbrain-drainsoundtrackestablishment | overkillposterjet-setghost-writer | talk showsmall talkinterviewskyline | computerlayoutround tablemeeting |
Sie erhalten im weiteren Verlauf der Einbürgerung durch orthographische und lautliche Angleichung an zielsprachliche Schreibmuster den Status von Lehnwörtern1SituationSprachgebrauch:
escalationdiversificationstatus symbol | > Eskalation> Diversifikation> Statussymbol | domino theorypilot studyinterdependence | > Dominotheorie> Pilotstudie> Interdependenz |
2. calque (Lehnübersetzung)2, d.h. die von der zielsprachlichen Sprachgemeinschaft geduldete lineare Ersetzung morphologisch analysierbarer ausgangssprachlicher Syntagmen (vorwiegend Substantiv-Zusammensetzungen und Adjektiv-Substantiv-Kollokationen). Im Deutschen z.B.3:
growth ratemarket research | > Wachstumsrate> Marktforschung | developing countrybirth control | > Entwicklungsland> Geburtenkontrolle |
3. traduction littérale (wortgetreue Übersetzung), d.h. die Ersetzung ausgangssprachlicher syntaktischer Strukturen durch formal entsprechende, inhaltlich sinngleiche syntaktische Strukturen in der ZS. Dies entspräche WILSSWilss’ „wörtlicher TransferprozedurTransferprozedur“ (s. Kap. 4.6):
He had stolen the money | Er hatte das Geld gestohlen. |
How many fish have you caught? | Wie viele Fische hast du gefangen? |
Avez-vous de l’argent? | Haben Sie Geld? |
4. transposition (Wortartwechsel), d.h. der InhaltInhalt eines sprachlichen Zeichens der AS wird bei der Übersetzung sinngetreu auf sprachliche Zeichen einer anderen Wortart in der ZS übertragen:
There is absolutely no truth in his claim (e.) | Seine Behauptung ist absolut unzutreffend. |
His face was red with shame (e.) | Ihm stand die Schamröte im Gesicht. |
… per vivere moderatamente (it.) | … um mit Mäßigung zu leben |
… i simboli danteschi (it.) | … die Symbole bei Dante |
C’est une vilaine chose que de mentir (frz.) | Lügen ist schändlich. |
Karl-Richard BAUSCHBausch (1968) unterscheidet außerdem zwischen verschiedenen Transpositionstypen4BauschStylistique comparée. Er präzisiert:
Die herkömmliche vergleichende Stilistik nimmt in voneinander verschiedenen Zusammenhängen eine inhaltliche Charakterisierung der Transpositionsserien vor und zwar in ‘substitutions’, ‘chassés-croisés’, ‘dilutions’ und ‘concentrations’. Daneben stehen TerminiTermini wie ‘étoffement’, ‘amplification’, ‘explicitation’ und ‘dépouillement’, ‘économie’ und ‘implicitation’ teils als von der TranspositionTransposition abhängige, teils unabhängige Begriffe (1968:29).
Was eine „TranspositionTransposition“ als Wortartregel ist, kann im Anschluss an BAUSCHBausch (1968) wie folgt dargestellt werden:
1. Die Substitution bedeutet, ein Zeichen einer bestimmten Wortart der AusgangsspracheAusgangsspraches. AS wird bei der Übersetzung in die ZielspracheZielspraches. ZS durch ein oder auch mehrere Zeichen einer anderen Wortart ersetzt, wobei die Ausgangswortart „im Ganzen substituiert“ werden muss. Dies ist auch als „totale Substitution“ zu sehen. Beispiel:
Il professore S. muove dall’idea … | – | Professor S. geht davon aus … |
Di qua nasce la pienezza giovanile | – | die Fülle der Jugend. |
2. Das Chassé-croisé könnte als Sonderfall der vorgenannten totalen Substitution bezeichnet werden, als die gleichzeitige totale Substitution zweier Zeichen aus zwei verschiedenen Wortarten, als syntaktische Überkreuz-Übersetzung (crossing lines) quasi eine doppelte Substitution.
I was in Paris last year. | – | Ich war letztes Jahr in Paris. |
(Ort vor Zeit) | (Zeit vor Ort) |
3. Die Dilution wird so definiert: Der InhaltInhalt eines AS-Zeichens einer bestimmten Wortart wird bei der Übersetzung auf mehrere Zeichen und gleichzeitig auf mehrere Wortarten in der ZS verteilt. Beispiel:
sie standen dem Tode … beinahe schutzlos gegenüber –
devant la mort … ils étaient presque sans défense.
Taumelnd verließ er die Schule –
il sortit de l’école d’un pas incertain.
eine alte weißhaarige Frau –
une vieille femme aux cheveux blancs –
una vecchia signora dai capelli bianchi.
4. Die Konzentration steht in Opposition zur vorgenannten Dilution. Bei dieser ÜbersetzungsprozedurÜbersetzungsprozedur werden die Inhalte mehrerer Zeichen verschiedener Wortarten der AS bei der Übersetzung auf weniger Zeichen und weniger Wortarten in der ZS zusammengezogen. Beispiel:
Avremo delle storie da non finire più. | – | Jetzt wird eine endlose Geschichte daraus. |
la rigida e trasparente notte invernale | – | die strenge, durchsichtige Winternacht |
navi esenti da tale dazio | – | zollfreie Wasserfahrzeuge. |
Die Dilution bzw. Konzentration sind immer an eine totale oder partielle Substitution gekoppelt.
5. Die Amplifikation und die Explizitation stehen in der herkömmmlichen vergleichenden Stilistik als Synonyme für dilutionsähnliche Vorgänge im allgemeinen, und das ‘étoffement’ für Dilutionsvorgänge im besonderen bei der Übersetzung innerhalb der präpositionalen Systeme.
6. Die Ökonomie und die Implizitation stehen für konzentrationsähnliche Vorgänge im allgemeinen, und das ‘dépouillement’ für Konzentrationsvorgänge im besonderen innerhalb der präpositionalen Systeme.
Schließlich unterscheidet die Stylistique comparéeStylistique comparée hier noch zwischen „fakultativen und obligatorischen Transpositionen“. Beide Arten betreffen eine einzelne sprachliche Einheit einer bestimmten Wortart der AS, von den entsprechenden Möglichkeiten einer ZS her gesehen. Eine fakultative TranspositionTransposition liegt etwa vor, wenn eine sinngetreue Übersetzung in der gleichen Wortart möglich wäre, diese „wörtliche“ Übersetzung jedoch aus subjektiven oder stilistischen Gründen vermieden wird.
… et quelques-uns arrivaient même à imaginer … qu’ils agissaient en hommes libres, qu’ils pouvaient encore choisir, qu’ils pouvaient comparer … –
… und einige stellten sich sogar vor, sie handelten als freie Menschen, sie vermochten noch eine eigene Wahl zu treffen, konnten Vergleiche anstellen (a),
… und manche glaubten sogar, noch wählen, bzw. vergleichen zu können (b).
BAUSCHBausch (1968:43) merkt dazu an: „Wie in keinem anderen Prozess läuft der ÜbersetzerÜbersetzer Gefahr, durch den stilistischen Eingriff gegen das Gesetz der sinngetreuen Wiedergabe zu verstoßen. Mit Recht setzt gerade bei den fakultativen Transpositionen deshalb die ÜbersetzungskritikÜbersetzungskritik an.“
„Obligatorische Transpositionen“ treten bei lexikalischen Lücken oder grammatischen Strukturdivergenzen im betreffenden SprachenpaarSprachenpaar auf, vgl. „servitude grammaticale“ (VINAYVinay/Darbelnet/DARBELNET 1958:31). Beispiel:
a victimless crime | ein Verbrechen, bei dem außer dem Täter selbst niemand zu Schaden kommt (*opferloses Verbrechen) |
Vermassung | loss of one’s identity (individuality) in society |
Zersiedelung | haphazard (uncontrolled) building activity in rural areas |
5. modulation, équivalence, adaptation (inhaltliche Perspektivenverschiebungen) bewirken unterschiedliche semantische Abstände zwischen dem ausgangs- und zielsprachlichen Textsegment. „Dabei bezeichnet modulation einen Wechsel der Blickrichtung (changement de point de vue), équivalence das Ersetzen einer ausgangssprachlichen SituationSituation durch eine kommunikativ vergleichbare zielsprachliche Situation, und adaptation die textuelle Kompensation von soziokulturellen Unterschieden zwischen ausgangssprachlicher und zielsprachlicher Sprachgemeinschaft“ (WILSSWilss 1977:116).
Eine ModulationModulation stellt beispielsweise der Wechsel von Denkkategorien in bildlichen Tiervergleichen dar:
Ich bekomme eine Gänsehaut | > | fr. J’ai la chair de poule. |
Er ist arm wie eine Kirchenmaus | > | fr. Il est pauvre comme un rat d’église. |
Eine équivalence erfolgt vielfach beim Ersetzen von Grußformeln oder Sprichwörtern:
dt. „Guten Appetit!“ | > | e. „Enjoy your meal!“ „Have a nice meal!“ |
fr. „A bon entendeur, salut!“ | > | dt. „Wer Ohren hat, der höre!“ |
Vgl. auch WILSSWilss (1992:39): „So entspricht den deutschen Verbalstereotypen ‘Guten Appetit!’ und ‘Gute Besserung!’ im arabischen Kulturraum ‘Möge Gott Dich sättigen!’ und ‘Möge Gott Dir Gesundheit schenken!’“
Sehr viele solcher interlingualen Entsprechungen sind mittlerweile in den Wörterbüchern dokumentiert. Dadurch sollten Übersetzungsprobleme bei konkreten Texten vorhergesehen und den Lernenden Anweisungen zu deren Lösung angeboten werden.
Wegen der nicht ganz klaren Abgrenzung der TerminiTermini in der Stylistique comparéeStylistique comparée schlägt WILSSWilss (1977:121) ein hierarchisches Anordnungsprinzip vor, welches die kategorialen Verhältnisse durchsichtiger macht: