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5.4 Fehleranalyse und Übersetzungsdidaktik (TruffautTruffaut, FriederichFriederich, Gallagher, HenschelmannHenschelmann)

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Die Stylistique comparée (s. Kap. 5.1) gehört in den Rahmen der allgemeineren Disziplin der Kontrastiven Linguistik (KL), die schon in den 1940er Jahren in den USA entstanden ist. Sie befasst sich mit dem vergleichenden Studium zweier Sprachen auf der Systemebene, gewöhnlich der Muttersprache und einer zu erlernenden Fremdsprache.1Vinay/Darbelnet Ihr ursprüngliches Ziel war es, die negativen und positiven Einflüsse abzustecken, welche die strukturellen Unterschiede bzw. Ähnlichkeiten der Kontrastsprachen auf das Erlernen der betreffenden Fremdsprache ausüben. Hierzu bedient man sich der Kontrastiven Analyse (KA) als synchron vergleichender Forschungsmethode zur Untersuchung von Phonetik, Grammatik und Lexik der betreffenden Sprachen. Dabei werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Sprachenpaar herausgearbeitet. Auf dieser Basis wurden Fehlerprognosen in Bezug auf die Lernschwierigkeiten, -probleme und -fehler, mit denen Sprecher der Sprache A beim Erlernen der Sprache B konfrontiert sind, aufgestellt.

Die anfängliche Euphorie in der Hoffnung auf eine Verbesserung des Fremdsprachenunterrichts schlug in den 1970ern in Enttäuschung um, als deutlich wurde, dass sich im praktischen Fremdsprachenunterricht die Postulate nicht bestätigen ließen. Das Interesse verlagerte sich nun stärker auf theoretische Modelle des Sprachvergleichs, über die keine abschließende Einigkeit erzielt wurde.

„Transfer“ und „Interferenz“ sind zwei grundlegende Begriffe der KL, welche aus der traditionellen Psychologie unkritisch übernommen wurden, ohne die Entwicklung der modernen Psychologie und der Psycholinguistik in Betracht zu ziehen. Die KL interpretierte diese Begriffe deshalb einseitig und unidirektional, im Sinne der unumgänglichen Beeinflussung durch die Muttersprache des Lerners. Auch die statische Auffassung vom Spracherwerb erwies sich als eine künstliche Theorie, welche den tatsächlich dynamischen Lernprozess nicht beachtet.

Stärker praxisorientiert ist die „Fehlerkunde“. Sie entstand aus der Notwendigkeit heraus, die Aussagen und Hypothesen der KL, die sich in der Praxis des Fremdsprachenunterrichts nicht bestätigen ließen, zu ergänzen und zu verifizieren. Im engeren Sinne handelt es sich um eine Disziplin, die sich mit dem Studium der systematischen Fehler beschäftigt, die während des Fremdsprachenlernens auftreten. Der unmittelbare Forschungsgegenstand der Fehlerkunde ist somit der „Fehler“ auf allen Sprachebenen und in allen Lernstadien. In einem weiteren Sinne befasst sie sich mit allen Arten sprachlicher Abweichungen von der Norm.

Die empirische Untersuchungsmethode ist die der Fehleranalyse (FA) mit dem Ziel der Beschreibung, Erklärung und Wertung sprachlicher Fehlleistungen im Fremdsprachenunterricht. Dies erfolgt über die Erstellung eines Fehlerkorpus, Identifizierung und Erklärung der Fehlerquellen durch grammatische Klassifikation der Fehler und Fehlerstatistik mit Bewertung von deren kommunikativer Tragweite. Es ergibt sich eine Fehlerprognose mit dem Ziel der Fehlertherapie und -prophylaxe im Unterricht. Eine zuverlässige Fehleridentifikation setzt allerdings die Sprachbeherrschung eines educated native speaker voraus. Fremdsprachenlehrer, deren zielsprachliche Kompetenz Lücken aufweist, sind nicht in der Lage, alle sprachlichen Fehler der Schüler zu erfassen. Auch die Klassifizierung der Fehler ist nicht unproblematisch.2

Da eine eigenständige Übersetzungsdidaktik erst allmählich aus dem schulischen Fremdsprachenunterricht mit seinen sprachvergleichenden Übersetzungsübungen herausgewachsen ist, wurde hier die Terminologie aus KL und FA unkritisch übernommen und auch mit der Stylistique comparée vermischt. So wurden die Kategorien der kontrastiven Linguistik zur Basis der didaktisch ausgerichteten sprachenpaarbezogenen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft, indem daraus „eine übersetzungsunterrichtlich nutzbare Technik des Übersetzens abzuleiten“ war (WILSSWilss 1977:117). VINAYVinay/Darbelnet/DARBELNET (1958:24f) hatten selbst schon eine Anwendung ihrer Methode bei der „traduction scolaire“ vorgeschlagen. Zahlreiche Lehrbücher zum ÜbersetzenÜbersetzen berufen sich auch ausdrücklich auf die Stylistique comparéeStylistique comparée.

Entsprechende Titel lauten etwa:

FRIEDERICHFriederich: Technik des Übersetzens (Englisch und Deutsch). München 1969;

GALLAGHERGallagher: Cours de Traduction allemand-français. München/Wien 1981;

German-English Translation. München/Wien 1982;

HENSCHELMANNHenschelmann: Technik des Übersetzens Französisch-Deutsch, Heidelberg 1980;

Zur Beschreibung und Klassifzierung von Übersetzungsverfahren. Travaux du Centre de traduction littéraire. Lausanne, no. 17, 1993;

Problem-bewußtes Übersetzen. Französisch – Deutsch. Ein Arbeitsbuch. Tübingen 1999;

TRUFFAUTTruffaut: Grundprobleme der Deutsch-Französischen Übersetzung, München 1963;

WILSSWilss: ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft. Kapitel IX: „DidaktikDidaktik des Übersetzens“ und X: „FehleranalyseFehleranalyse“. Stuttgart 1977;

WILSSWilss: Übersetzungsunterricht. Eine Einführung. Tübingen 1996.

Was früher eine individuelle Methode der Übersetzung war (s. Kap. 1.3), wird jetzt zu einer „Technik des Übersetzens“. Die Darstellungsweise solcher Lehrbücher ist dabei immer wieder recht ähnlich. Aus einem Text mit Übersetzung werden die Sätze Wort für Wort oder nach Syntagmen besprochen und mit der Musterübersetzung verglichen, oder es werden zu bestimmten Wortarten verschiedene Beispiele diskutiert:

Die FehleranalyseFehleranalyse ist ein Mittel, durch den Nachvollzug von Transferprozeduren im Rahmen einer ‘autorisierten Interpretation’ (Corder) die Bedingungen der RezeptionRezeption eines AT und die Produktion eines ZT zu untersuchen, Transfervorgänge a posteriori zu faktorisieren und die Ursachen (und Gesetzmäßigkeiten) übersetzerischer Fehlleistungen anzugeben (WILSSWilss 1992: 208).

Übersetzungsdidaktische Feststellungen, ob eine zielsprachliche Formulierung ein Fremdwort ist, ein Anglizismus/Gallizismus/Germanismus sei, eine Lehnübersetzung oder eine Umschreibung, ein Faux Ami, ein idiomatischer AusdruckAusdruck, eine wörtliche Übersetzung oder nicht, ob sie einen Wandel der Satzperspektive darstellt usw., gehören in dieses Denkschema, denn sie stehen vor dem Hintergrund der vergleichenden Stilistik im Rahmen der sprachenpaarbezogenen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft.

Besonders interessant für die Kritik von Übersetzungen Studierender erschien die Methodik der Fehleranalyse, wobei es hier wichtig ist zu beachten, dass der Begriff „Transfer“ aus der KL im Sinne einer Interferenzübertragung muttersprachlicher Strukturähnlichkeit auf die zu erlernende Fremdsprache mit positivem oder negativem Lerneffekt in der Übersetzungsdidaktik nun zur „Transferprozedur“ im Sinne einer angemessenen übersetzerischen Reaktion auf Strukturunterschiede wird, wie sie die Stylistique comparée entwickelt hat.

Bei TRUFFAUTTruffaut (1963) sieht das so aus:

(S. 9): Article défini – 1. Le français présente d’assez nombreuses différences avec l’allemand sur l’emploi de l’article défini. Prenons quelques exemples:

Ich habe Ihnen dieses Paket mit der Bahn geschickt.

Je vous ai envoyé ce paquet par chemin de fer.

Wir sind mit dem Zug nach Venedig gefahren.

Nous sommes allés à Venise par le train. (ou: en train.)

(S. 57): Müssen, sollen, wollen, können, mögen et dürfen sont loin d’avoir pour seuls équivalents français: devoir, vouloir et pouvoir. Pour éviter le contresens ou le germanisme, il y a souvent lieu de recourir à une autre traduction. Voici quelques exemples:

Die europäische Einheit bringt große und unerwartete Schwierigkeiten mit sich, aber sie muß sein. – L’unification européenne suscite des difficultés importantes et inattendue, mais elle se fera.

(S. 44): La traduction du pronom personnel allemand, objet indirect. L’exigence d’explicitation, avons-nous dit, est plus grande en français qu’en allemand. Il y a donc parfois lieu de préciser dans la traduction des expressions telles que: für Sie, durch ihn etc. Le français peut remplacer le pronom personnel allemand par un adjectif possessif qu’il fera se rapporter à un substantif suggéré par le contexte. Il n’y a là rien d’absolu. C’est une question de niveau de style.

Der junge Musiker hat Erfolg, ein Werk von ihm ist kürzlich uraufgeführt worden.

Le jeune musicien a du succès; une œuvre de sa composition vient d’être exécutée pour la première fois.

Heute morgen ist ein Paket für Sie gebracht worden.

On a déposé ce matin un paquet à votre adresse. (Ou: pour vous.)

Bei HENSCHELMANNHenschelmann (1980) finden sich Kapitel zu Fragen wie „Textsyntax und ÜbersetzenÜbersetzen“, „Funktionsverbgefüge und ihre Übersetzungsmöglichkeiten“, „Übersetzung des Relationsadjektivs“, „Nominalsyntagmen mit de und ihre Entsprechungen im Deutschen“, „Der Plural im Französischen und seine Übersetzungsmöglichkeiten“ usw.

Für den Aufbau eines „Problem-Bewusstseins“ (1999) werden Übersetzungsaufgaben vorgestellt, die nach textinternen oder -externen Schwerpunkten wie „Sprachstrukturen, Kulturkontext und Funktionstypen“ jeweils von der einzelnen Textstelle aus dargestellt sind.

Bei GALLAGHERGallagher (1981) finden sich Vorschläge zur französischen Übersetzung von dt. bei. Das liest sich dann zum Übungssatz (4) aus Text 11: „Da sie eigentlich nicht streiken dürfen, ist diese FormForm äußerster ‘Pflichterfüllung’ ihr Ersatz für den Streik, zu dem sie sich, wie sie immer wieder betonen, genauso berechtigt glauben wie andere Angestellte. Bei solchen Unternehmungen ist der richtige Moment wichtig.“ wie folgt (S. 37/39). [Zu diesem Satz folgen 2 volle Seiten an Erläuterungen.]

Davon auszugsweise:

„[…] Bei solchen Unternehmungen: Il n’y a pas en français de traduction commode de la proposition bei. Dans le cas présent, le sens de ce mot est à la limite des notions du temporel et du conditionnel. Force est donc de recourir à une traduction oblique. Les particularités de l’équation de traduction apparaissent clairement dans le schéma suivant:


Le procédé auquel nous avons eu recours ici relève à la fois de la modulation et de la transposition. La modulation consiste en l’occurence dans le passage de l’idée au fait: le syntagme allemand présent l’action sous un angle plus particulier“. (…)

Die so durchgesprochenen Satzglieder werden am Ende wieder puzzleartig zum Mustersatz zusammengesetzt, und der Text besteht aus den Sätzen 1–n.

Solche Analysen im Sinne der vergleichenden Stilistik betrachten die Satzstrukturen wie unter einem Vergrößerungsglas äußerst genau, denn nur so ist der Gefahr eines Verlustes von „lexical and grammatical meaning“ und von „overtranslation or undertranslation“ (NEWMARK 1988a:24Newmark) zu entgehen. Es ist auch ein Kennzeichen der Stylistique comparee, dass ihre Vertreter die reichliche Verwendung von Beispielmaterial propagieren und die abstrakte „reine TheorieTheorie“ ablehnen. So kann GALLAGHERGallagher jeweils aus einer größeren Anzahl gefundener Beispieltexte die Übersetzungsregel herleiten.

Kommentar

Die sprachenpaarbezogene ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft ist mikrostilistisch orientiert und steht dem Sprachvergleich und der kontrastiven GrammatikGrammatik sehr nahe. Sie klassifiziert deskriptiv das Verhalten von Übersetzern und verwendet die gewonnenen Kategorien dann präskriptiv für die Übersetzungsdidaktik. Daher wird hier von einer „Technik des Übersetzens“ anhand des Vergleichs von Oberflächenstrukturen auf der Textebene gesprochen, im Sinne erlernbarer Prozeduren zur Herstellung einer inhaltlich genauen Übersetzung. Die Strukturverschiedenheiten im SprachenpaarSprachenpaar sowie die Interferenzproblematik können damit sehr gut herausgearbeitet werden, und in der konkreten Übersetzerpraxis stellen sie auch oft das Hauptproblem dar.

Die Bindung an die ausgangssprachlichen Strukturen erscheint als ein Garant für die unverfälschte Weitergabe des Textinhalts. Entsprechend steht die Forderung dieser ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft nach der „Herstellung von eigentlichen Übersetzungswörterbüchern“ im Raum. Ein solches Arbeiten mit Oberflächenstrukturen entspringt der Vorstellung, dass mit der Summe der festgestellten, vor allem syntaktischen Einzelmerkmale das dahinterliegende „GemeinteGemeinte“, die gedankliche TiefenstrukturTiefenstruktur, quasi objektiv und restlos gegeben sei. Diese Vorstellung kommt von SAUSSURES TheorieTheorie des unauflösbaren Zeichens (s. Kap. 3.2) sowie von CHOMSKYS Arbeiten über Oberflächen- und Tiefenstrukturen (s. Kap. 3.4) her. Oft wird hier auch CATFORDCatford zitiert, der allerdings eine etwas andere Grundauffassung hatte (s. Kap. 4.4). Die Untersuchungen sind ausschließlich an Wörtern und syntaktischen Fügungen in einem Sprachenpaar orientiert, sodass ein Blick auf satzübergreifende Einheiten noch kaum zustande kommt.

Es darf auch nicht vergessen werden, dass die Ausführungen der einzelnen Autoren jeweils von einem unterschiedlichen Anliegen her erfolgen. So besitzen Ausdrücke wie TranspositionTransposition oder ModulationModulation bei NEWMARKNewmark, JUMPELTJumpelt oder TRUFFAUTTruffaut nicht unbedingt eine identische BedeutungBedeutung. Ganz allgemein wird jedoch die Übersetzung als eine Reproduktion des Originals angesehen, deren Gesetzmäßigkeiten in der sprachenpaarbezogenen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft beschrieben werden.

Lektürehinweise

Käthe HENSCHELMANN (1999): Problem-bewusstes Übersetzen Französisch-Deutsch. Ein Arbeitsbuch. Tübingen.

Rudolf W. JUMPELT (1961): Die Übersetzung naturwissenschaftlicher und technischer Literatur. Berlin-Schöneberg.

Alfred MALBLANC (41968): Stylistique comparée du français et de l’allemand. Paris.

Peter NEWMARK (1988): A Textbook of Translation. London.

Louis TRUFFAUT (1963): Grundprobleme der Deutsch-Französischen Übersetzung. München.

Jean-Paul VINAY/Jean DARBELNET (1958, 41968): Stylistique comparée du français et de l’anglais. Méthode de traduction. Paris.

Wolfram WILSS (1977): Übersetzungswissenschaft. Probleme und Methoden. Stuttgart; besonders Kapitel V und X.

Wolfram WILSS (1996): Übersetzungsunterricht – Eine Einführung. Tübingen.

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