Читать книгу Übersetzungstheorien - Radegundis Stolze - Страница 40
6.4 Die normativen Äquivalenzforderungen (KollerKoller)
ОглавлениеStärker textbezogen geht Werner KOLLERKoller in seinem Buch Einführung in die ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft (1979, 41992, 82011) an das Problem heran. Wichtig ist für ihn die Klärung der „übersetzungskonstituierenden Beziehung zwischen ZieltextZieltext und Ausgangstext“ (1992:16). Er meint:
Eine Übersetzung ist das Resultat einer sprachlich-textuellen Operation, die von einem AS-Text zu einem ZS-Text führt, wobei zwischen ZS-Text und AS-Text eine Übersetzungs- (oder ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung-)relation hergestellt wird. (…) Eine zentrale Aufgabe der ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft als empirische Wissenschaft besteht darin, die Lösungen, die die ÜbersetzerÜbersetzer in ihren Übersetzungen anbieten, zu analysieren, zu beschreiben, zu systematisieren und zu problematisieren (1992:16/17f).
Diese Aufgabe führt KollerKoller anhand sehr reichhaltiger Beispieldiskussion durch, wobei er ausführt:
ÜbersetzenÜbersetzen ist ein sprachlich-textueller Prozeß, bei dem AS-Ausdrücken (Lexemen, Syntagmen, Sätzen) ZS-Ausdrücke zugeordnet werden. Die linguistische ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft beschreibt die potentiellen Zuordnungsvarianten (Äquivalente) und gibt die Faktoren und Kriterien an, die die Wahl von aktuellen Entsprechungen bestimmen. Folgende Teilaufgaben lassen sich unterscheiden:
„1. Erarbeitung der theoretischen Grundlagen der Beschreibung von Äquivalenzbeziehungen, allgemein wie auch bezogen auf bestimmte sprachliche Einheiten.
2. Von Übersetzungstexten ausgehender Sprachvergleich auf der syntaktischen, semantischen und stilistischen Ebene mit dem Ziel der Herausarbeitung von potentiellen Übersetzungsäquivalenten.
3. Sprachenpaarbezogene Beschreibung von speziellen Übersetzungsschwierigkeiten (z.B. Metaphern, kulturspezifische Elemente, Sprachschichten, Sprachspiel etc.).
4. Beschreibung von ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren im syntaktischen, lexikalischen und stilistischen Bereich für Typen von Übersetzungsfällen“ (KOLLERKoller 1992:125f).
Die RedeRedes. parole von „Zuordnungsvarianten“ schließt sich übersetzungstheoretisch wieder an das kommunikationswissenschaftliche Übersetzungsmodell mit den potentiellen Entsprechungen der linguistischen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft (s. Kap. 4.3) an. KOLLERKoller versteht unter „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ etwas anderes als NIDANida. Doch wird gleichfalls in der „Initialphase des Übersetzungsprozesses die AS-Text-Analyse, die zur Feststellung einer eindeutigen Textbedeutung führt“ gefordert (KOLLER 1992:147). Hinzu soll jedoch noch die „stilistische und die pragmatische Analyse treten“, die nach dem Stellenwert entsprechender sprachlicher Mittel im AS-Text fragt.
Weil ÜbersetzenÜbersetzen eine TextREproduktion ist, setzt sich KOLLERKoller klar von TextbearbeitungenDifferenzierungBearbeitung, wie Verbesserung, Umformulierung, Zusammenfassung, adressatenspezifischer AdaptationAdaptation usw. ab und diskutiert das Recht des Übersetzers zu Eingriffen in den Text (1992:195): „Als Übersetzung im eigentlichen SinnSinn bezeichnen wir nur, was bestimmten Äquivalenzforderungen normativer Art genügt“ (1979:79; 1992:200). Nur dann sind potentielle Äquivalente objektivierbar. „Dies bedeutet u.a., daß die Bedingungen herausgearbeitet werden, die die Auswahl unter potentiellen Äquivalenten auf Wort-, Syntagma-, Satz- und Textebene bestimmen“ (1992:205). KOLLER präzisiert:
Mit dem BegriffBegriff der ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung wird postuliert, daß zwischen einem Text (bzw. Textelementen) in einer SpracheSprache L2 (ZS-Text) und einem Text (bzw. Textelementen) in einer Sprache L1 (AS-Text) eine Übersetzungsbeziehung besteht. Der Begriff ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung sagt dabei noch nichts über die Art der Beziehung aus: diese muß zusätzlich definiert werden. (…) Die Äquivalenzforderung läßt sich jeweils in die Formel fassen: die Qualität(en) X des AS-Textes (Qualitäten inhaltlicher, stilistischer, funktioneller, ästhetischer etc. Art) muß (müssen) in der Übersetzung gewahrt werden, wobei sprachlich-stilistische, textuelle und pragmatische Bedingungen auf der Seite der Empfänger zu berücksichtigen sind (1992:215).
Die Äquivalenzforderung richtet sich nach Bezugsrahmen
„Es gibt m.E. fünf Bezugsrahmen, die bei der Festlegung der Art der Übersetzungsäquivalenz eine Rolle spielen:
(1.) der außersprachliche Sachverhalt, der in einem Text vermittelt wird; den Äquivalenzbegriff, der sich am außersprachlichen Sachverhalt orientiert, nenne ich denotative ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung;
(2.) die im Text durch die Art der VerbalisierungVerbalisierung (insbesondere: durch spezifische Auswahl unter synonymischen oder quasi-synonymischen Ausdrucksmöglichkeiten) vermittelten Konnotationen bezüglich Stilschicht, soziolektale und geographische DimensionDimension, Frequenz etc.: den Äquivalenzbegriff, der sich an diesen Kategorien orientiert, nenne ich konnotative Äquivalenz;
(3.) die Text- und Sprachnormen (Gebrauchsnormen), die für bestimmte Texte gelten: den Äquivalenzbegriff, der sich auf solche textgattungsspezifische Merkmale bezieht, nenne ich textnormative ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung;
(4.) der EmpfängerEmpfänger (LeserLesers. Empfänger), an den sich die Übersetzung richtet und der den Text auf der Basis seiner Verstehensvoraussetzungen rezipieren können soll, bzw. auf den die Übersetzung „eingestellt“ wird, damit sie ihre kommunikative Funktion erfüllen kann; die empfängerbezogene ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung nenne ich pragmatische ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung;
(5.) Bestimmte ästhetische, formale und individualstilistische Eigenschaften des AS-Textes: den Äquivalenzbegriff, der sich auf solche Eigenschaften des Textes bezieht, nenne ich formalästhetische ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ (KOLLERKoller 1992:216).
Die beispielbezogene Darstellung der Problematik im Rahmen der normativen Äquivalenzforderungen orientiert sich zunächst im Bereich der „denotativen ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ an den linguistisch festgestellten potentiellen Äquivalenzbeziehungen von Wörtern (s. Kap. 4.3) zwischen den Sprachen (vgl. KOLLERKoller 1992:228–266).
1. Die Eins-zu-eins-EntsprechungEntsprechung (Äquivalent)
Übersetzungsschwierigkeiten treten nur auf, wenn in der ZS synonymische Varianten gegeben sind. Es gibt drei Fälle: a) aus dem Textzusammenhang oder aufgrund allgemeinen Wissens kann erschlossen werden, welche der potentiellen Entsprechungen zutrifft (e. car – dt. Auto, Wagen); b) es ist im betreffenden Fall irrelevant; c) es besteht zs eine grammatische Lücke. Als ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren bietet sich hier die Wiedergabe in der ZS des Oberbegriffs als Summe der Unterbegriffe an (dt. Gezeiten – russ. otliv i riliv/Ebbe und Flut), oder es wird auf einen anderen Sammelbegriff ausgewichen (statt Geschwister wird Kinder verwendet).
2. Die Viele-zu-eins-EntsprechungEntsprechung (Neutralisation)
Bei der Übersetzung kann die in der ZS-EntsprechungEntsprechung neutralisierte DifferenzierungDifferenzierung durch adjektivische und Genitiv-Attribute, Zusammensetzungen, adverbiale Zusätze etc. ausgedrückt werden (z. B. sw. morfar – dt. Großvater mütterlicherseits).
3. Die Eins-zu-Null-EntsprechungEntsprechung (Lücke)
Solches sind echte Lücken im lexikalischen System der ZS, in Bezug auf den ÜbersetzungsauftragÜbersetzungsauftrag sind es nur vorläufige Lücken, die zu schließen sind. Es bieten sich fünf ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren an:
a. Übernahme des AS-Ausdrucks; b. Lehnübersetzung; c. Verwendung eines in der ZS bereits in ähnlicher BedeutungBedeutung vorhandenen Ausdrucks; d. Der AS-AusdruckAusdruck wird in der ZS umschrieben, kommentiert oder definiert (Explikation oder definitorische Umschreibung); e. AdaptationAdaptation als Ersetzung des mit einem AS-Ausdruck erfassten Sachverhalts durch einen Sachverhalt, der im kommunikativen Zusammenhang der ZS eine vergleichbare Funktion hat.
4. Die Eins-zu-Teil-EntsprechungEntsprechung
Klassisches Beispiel sind die Farbbezeichnungen verschiedener Sprachen (s. Kap. 2.3), in denen das Farbenspektrum unterschiedlich segmentiert wird. Oft werden auch die sog. charakteristischen, unübersetzbaren Wörter angeführt (dt. Geist, frz. esprit, russ. toská; dt. SinnSinn, Geist, Verstand, Feinsinnigkeit sind Teil-Entsprechungen zu frz. esprit; dt. Sehnsucht, Sorge, Melancholie, Trauer, Niedergeschlagenheit, Langeweile zu russ. toská, und e. mind, intellect, intelligence, thinking faculty, spirit, human spirit zu dt. Geist). Wo die ÜbersetzbarkeitÜbersetzbarkeit an Grenzen stößt, kommen nur noch kommentierende ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren in Frage, das sind Fußnoten, Anmerkungen oder Zusätze im Text (vgl. die Darstellung bei KOLLERKoller 1992:229ff).
Wenn aufgrund der Entsprechungstypen auf der languelangues. Sprachsystem-Ebene Übersetzungsschwierigkeiten auf der paroleparoles. Rede, Äußerung-Ebene auftreten, sind bestimmte ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren anzuwenden. Sprachliche Ausdrücke haben jedoch nicht nur denotative BedeutungBedeutung, mit ihrem textspezifischen Gebrauch werden auch konnotative Werte vermittelt. Beachtet man den Bereich der „konnotativen ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“, so werden die zuvor unter rein denotativem AspektAspekt besprochenen Typen von Eins-zu-eins-Entsprechungen zu Teil-Entsprechungen.
Die ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft hat die Aufgabe, die konnotativen Dimensionen und Werte in den Einzelsprachen zu charakterisieren, ihre Merkmale und Strukturelemente herauszuarbeiten und diese in Beziehung zu den Konnotationsdimensionen der jeweiligen Zielsprachen zu setzen. Die Herstellung konnotativer ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung gehört zu den meist nur annäherungsweise lösbaren Problemen des Übersetzens (KOLLERKoller 1992:241).
Der StilStil eines Textes ergibt sich aus dem spezifischen Vorkommen, der Frequenz, Distribution und Kombination von konnotativ wertigen sprachlichen Einheiten auf Wort-, Syntagma-, Satz- und Abschnittsebene. Die stilistische Übersetzbarkeitsproblematik resultiert daraus, dass sich die Systeme der stilprägenden konnotativen Werte in den verschiedenen Sprachen nicht eins-zu-eins decken. Der ÜbersetzerÜbersetzer soll optimale konnotative Entsprechungen suchen, er kann auch „konnotative Werte, die nicht erhalten werden können, durch kommentierende Verfahren (…) vermitteln“ (1992:242f).
KOLLERKoller charakterisiert übersetzungsrelevante konnotative Dimensionen. So zum Beispiel:
(a) Konnotationen der Sprachschicht (+gehoben, dichterisch, normalsprachlich, +umgangssprachlich, Slang, +vulgär), vgl. sterben ist normalsprachlich-unmarkiert, entschlafen und das Zeitliche segnen gehören der gehobenen Stilschicht an, abkratzen ist salopp-umgangssprachlich, krepieren und verrecken sind vulgär.
(b) Konnotationen sozial bedingten Sprachgebrauchs (+studentensprachlich, +soldatensprachlich, +SpracheSprache der Arbeiterschicht, Sprache des Bildungsbürgertums). KOLLERKoller erwähnt einen Brief Henrik lbsens an seinen ÜbersetzerÜbersetzer, in dem er auf Übersetzungsschwierigkeiten in „Vildanden“ („Die Wildente“) hinweist: „’Die Wildente’ enthält zudem ganz besondere Schwierigkeiten, indem man mit der norwegischen Sprache sehr vertraut sein muß, um verstehen zu können, wie konsequent jede einzelne Person im Stück ihre eigentümliche, individuelle Art hat, sich auszudrücken, wodurch gleichzeitig das Bildungsniveau der betreffenden Person markiert wird. Wenn zum Beispiel Gina spricht, muß man unmittelbar hören können, daß sie nie GrammatikGrammatik gelernt hat und daß sie den unteren Gesellschaftsschichten entstammt. Und so auf je verschiedene Weise für alle anderen Personen auch. Die Aufgabe des Übersetzers ist also keineswegs einfach zu lösen. (Übersetzung von mir, W.K.)“ (1992:243f).
Der Bereich der „textnormativen ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ bezieht sich dann auf das Feld der Gebrauchsnormen. „Vertragstexte, Gebrauchsanweisungen, Geschäftsbriefe, wissenschaftliche Texte usw. folgen hinsichtlich Auswahl und Verwendungsweise sprachlicher Mittel im syntaktischen und lexikalischen Bereich bestimmten sprachlichen Normen (Stilnormen), deren Einhaltung in der Übersetzung Herstellung textnormativer ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung bedeutet“ (1992:247). Die Bedingungen der TextsorteTextsorte steuern dabei die Selektion der sprachlichen Mittel und den TextaufbauTextaufbau. Sprachliche Veränderungen sind hier möglich aufgrund der in der ZS geltenden anderen Textnormen.
Schließlich muss die Übersetzung auf die LeserLesers. Empfänger in der ZS „eingestellt“ werden: dies heißt, „pragmatische ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ herzustellen. Dabei ist für den AS- und ZS-Text von unterschiedlichen Rezeptionsbedingungen auszugehen, und der ÜbersetzerÜbersetzer muss sich stets fragen, wie weit er in den Text bearbeitend eingreifen kann und soll. Im Hinblick auf die Wissensvoraussetzungen der ZS-LeserLesers. Empfänger besteht sowohl die Gefahr der Leserunterschätzung als auch der -überschätzung. In der Diskussion der Übersetzungsbeispiele wird eine „übersetzerische Tendenz zur Einebnung, zur Normalisierung“ festgestellt (1992:252), wobei kommentierende ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren zu den „harmlosen Eingriffen“ gezählt werden.
Die Herstellung „formal-ästhetischer ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ im ZS-Text bedeutet schließlich „Analogie der Gestaltung“ unter Ausnutzung der in der ZS vorgegebenen Gestaltungsmöglichkeiten. KOLLERKoller definiert:
Aufgabe der ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft ist es, die Möglichkeiten formal-ästhetischer ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung im Blick auf Kategorien wie Reim, Versformen, Rhythmus, besondere stilistische (auch individualstilistische und werkspezifische) Ausdrucksformen in SyntaxSyntax und LexikLexik, Sprachspiel, Metaphorik etc. zu analysieren. (…) (Solche Formen) finden sich selbstverständlich nicht nur in literarischen Texten; treten sie in nicht-literarischen Texten auf, haben sie dort in der Regel einen anderen Stellenwert. Formal-ästhetische Qualitäten sind konstitutiv für literarische Texte, d.h., ein literarischer Textliterarischer Text, der dieser Qualitäten verlustig geht, verliert seine Literarizität. Das gilt in der Regel nicht für Sachtexte, die auch in „ent-ästhetisierter“ FormForm ihre Sachtextfunktion(en) erfüllen können (1992:253).
Ausführlich wird auf die besonderen Probleme im Zusammenhang mit der Übersetzung von Metaphern und Sprachspielen eingegangen. KOLLERKoller verweist auf statistische Untersuchungen, nach denen in zwei Dritteln der Fälle Metaphern des Originals mit Metaphern übersetzt wurden. Dabei wird eine „okkasionelle MetapherMetapher“ manchmal auch durch eine konventionelle Metapher übertragen oder durch Einfügung einer Metapher an anderer Stelle kompensiert. KOLLER zieht daraus den Schluss, dass „im Durchschnitt nur die Hälfte der okkasionellen Originalmetaphern als okkasionelle, d.h. stilistisch wirksame Metaphern übersetzt sind“ (1992:256), was die verbreitete Behauptung bestätigt, Übersetzungen seien „flacher“ als die Originale. Weil Sprachspiele meistens auch Spiele mit ästhetischen und thematischen Bedeutungen sind, ist hier die Möglichkeit kompensatorischer Verfahren begrenzt, und meist sind sie auch kaum übersetzbar. Zusammenfassend wird festgestellt:
Der ÜbersetzerÜbersetzer (…) hat bei jedem Text als Ganzem wie auch bei Textsegmenten die Aufgabe, eine Hierarchie der in der Übersetzung zu erhaltenden Werte aufzustellen, aufgrund deren er eine Hierarchie der Äquivalenzforderungen bezüglich des betreffenden Textes bzw. des betreffenden Textsegmentes ableiten kann“ (KOLLERKoller 1979:191; 1992:266).
Diese Hierarchie bezieht sich auch auf das einzelne Textsegment, und KOLLERKoller lehnt, ganz anders als noch NIDANida, die Kompensation eines Wertes an anderer Stelle im Text ausdrücklich ab (1992:263). Implizit wird unterstellt, dass eine Übersetzung danach zu beurteilen sei, inwieweit jeweils eine Übersetzungseinheit in jedem der herausgearbeiteten Merkmale optimale ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung erzielt.
Die Ergebnisse können angeblich mit einer „wissenschaftlichen ÜbersetzungskritikÜbersetzungskritik“ (1979:210ff; 1992:127) überprüft werden, die ein Vorgehen in drei Schritten umfasst: die übersetzungsrelevante TextanalyseTextanalyse, den Übersetzungsvergleich und die Übersetzungsbewertung. Der Übersetzungsvergleich gliedert sich in einen praktischen und einen theoretischen Teil1Übersetzungskritik:
Im praktischen Teil werden OriginalOriginals. Ausgangstext und Übersetzung (bzw. repräsentative Textausschnitte) Übersetzungseinheit für Übersetzungseinheit miteinander verglichen, wobei die Übersetzungseinheit umfangmäßig vom Einzelwort bis zum Textabschnitt oder dem ganzen Text reichen kann. Es wird von der Frage ausgegangen, wie die in der übersetzungsrelevanten TextanalyseTextanalyse herausgearbeiteten Merkmale sprachfunktionaler, inhaltlicher, sprachlich-stilistischer, formalästhetischer und pragmatischer Art im ZS-Text realisiert sind und welcher Stellenwert diesen Realisierungen in der ZS zukommt. (…) Im theoretischen Teil geht es um die Rekonstruktion der Äquivalenzforderungen bzw. der Hierarchie von Äquivalenzforderungen, denen der ÜbersetzerÜbersetzer in seiner Übersetzungsarbeit folgt: von welchen Prinzipien läßt er sich leiten, und wie wirken sie sich in der sprachlich-stilistischen Gestaltung des Textes aus? (1979:215).
KOLLERS linguistische ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft geht in der Breite des Ansatzes über NIDANida hinaus. Anhand der Diskussion vorliegender Übersetzungen werden deskriptiv mögliche Übersetzungsstrategien zusammengetragen, die dann einmal normativnormativ operationalisiert werden sollen. Dies erinnert stark an den Ansatz der Stylistique comparéeStylistique comparée (s. Kap. 5.1), auch wenn das Augenmerk hier stärker auf Texte und ihre kontextuellen Bezüge gelenkt wird. So könnte man einwenden, dass damit nur das systematisch gesichtet wird, was ÜbersetzerÜbersetzer ohnehin schon tun. Ihr Verhalten wird so zwar linguistisch untermauert, doch es werden dadurch kaum neue Einsichten, auch für bessere oder andere Übersetzungen, gewonnen. Manche Postulate als „Aufgabe der Übersetzungswissenschaft“ bleiben unerfüllt im Raum stehen. Doch KOLLERKoller erstrebt auch nicht unbedingt eine praktische Anwendbarkeit für die Übersetzungswissenschaft, denn „die sprachenpaarbezogene und die textbezogene Übersetzungswissenschaft beschreiben die Äquivalenzbeziehungen zwischen Sprachen und Texten zunächst unabhängig davon, ob der Übersetzungspraktiker mit diesen Beschreibungen etwas anfangen kann oder nicht“ (1992:133). Zwischenzeitlich hat HOUSE (1997) ein konkretes Beschreibungsmodell vorgelegt (s. Kap. 4.5).