Читать книгу Übersetzungstheorien - Radegundis Stolze - Страница 38

6.2 Die ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode (NidaNida/Taber)

Оглавление

Als ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode wird vor dem Hintergrund der Generativen Transformationsgrammatik (s. Kap. 3.4), die vereinfacht übernommen wird, ein Verfahren empfohlen, das aus drei Phasen besteht: einer Analyse, der Übertragung, und dem Neuaufbau. NIDANida hat gewisse Ähnlichkeiten zwischen Sprachen entdeckt und setzt diese nun mit den Tiefenstrukturen (kernels) gleich.

It may be said, therefore, that in comparison with the theoretical possibilities for diversities of structures languages show certain amazing similarities, including especially (1) remarkably similar kernel structures from which all other structures are developed by permutations, replacements, additions, and deletions, and (2) on their simplest structural levels a high degree of parallelism between formal classes of words (e.g. nouns, verbs, adjectives, etc.) and the basic function classes in transforms: objects, events, abstracts, and relationals (NIDANida 1964:68).

In dem Buch von NIDANida/TABER wird die ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode anhand zahlreicher Beispiele biblischer Texte entfaltet. Das zugrundeliegende Dreischritt-Modell unterscheidet sich vom Zweischritt-Modell KOSCHMIEDERS (s. Kap. 3.7), wo das ‘Gemeinte’ direkt über ein tertium comparationistertium comparationis zugeordnet wird.

Es werden mittels intuitiv begründeter Rückführungen von Sätzen aus der OberflächenstrukturOberflächenstruktur (A) in Elementarsätze einfachere Strukturen (near-kernels) gebildet, die in einem zweiten Schritt in einfache zielsprachliche Strukturen umgesetzt werden, aus denen dann in einem dritten Schritt die Übersetzung (B) wieder aufgebaut wird. NIDANida/TABER (1969:32) verwenden folgende Darstellung:


1.) In der AnalysephaseAnalysephase bedient sich der ÜbersetzerÜbersetzer der intuitiv umschreibenden Rückumformung in Elementarsätze zum Zweck der Erhellung des inhärenten Sinngehalts von Wortverbindungen (Syntagmen), z.B. der bekannten Wendung „der Wille Gottes“:

Was ist die Beziehung z.B. zwischen Gott und Wille in der Wendung der Wille Gottes? Offensichtlich ist es „Gott“, der zweite Bestandteil, der den ersten Bestandteil „will“. Wir können auch sagen: „B tut A“, d.h. „Gott will“. (…) In der Wendung der Gott des Friedens reden wir nicht von einem friedlichen Gott, sondern von Gott, der Frieden schafft oder verursacht. Die Beziehung zwischen A und B in diesem Beispiel ist fast genau das Gegenteil der Beziehung in der Wille Gottes; denn in der Gott des Friedens müssen wir sagen A verursacht B (NIDANida/TABER 1969:34).

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Transformationsgrammatik ist die Tatsache, dass es in allen Sprachen weniger als ein Dutzend syntaktischer Grundstrukturen gibt, aus denen mit Hilfe der Transformationen alle die vielfältigen Konstruktionen gebildet werden.

Im Deutschen z.B. kommen folgende Elementarsatzformen vor:

1. Hans läuft schnell. (HandlungHandlung einer Person)

2. Hans schlägt Willi. (Handlung mit zwei Personen)

3. Hans gibt Willi einen Ball. (Person und Sache)

4. Hans hat einen Hund. (Besitz)

5. Hans ist im Haus. (Ort)

6. Hans ist krank. (Eigenschaft)

7. Hans ist ein Junge. (Klassifizierung)

8. Hans ist mein Vater. (Relation)

Vergleichbare Sätze gibt es in vielen Sprachen. Auf der Ebene der Elementarsätze findet sich mehr Übereinstimmung zwischen den Einzelsprachen als auf der Ebene der Oberflächenstrukturen. „Wenn wir die oben genannten Wendungen im Hinblick auf ihre einfachsten und eindeutigsten Beziehungen gliedern, erhalten wir folgende Reihe“ (NIDANida/TABER 1969:36):

Biblische Wendungeindeutig gekennzeichnete Beziehung
der Wille GottesGott will
der Bau des Hauses(jemand) baut das Haus
der Gott des FriedensGott schafft/verursacht Frieden
der Heilige Geist der Verheißung(Gott) verhieß den Heiligen Geist
das Wort der WahrheitWahrheitdas Wort ist wahr; das wahre Wort
der Reichtum seiner GnadeEr erweist Gnade in reichem Maße
die Männer der Stadtdie Männer wohnen in/ stammen aus der Stadt
der Berg des Tempelsder Tempel steht auf dem Berg
der Herr des Sabbats, [etc.]einer, der den Sabbat anordnet, [etc.]“

NIDANida geht es also um die Suche nach der inhärenten BedeutungBedeutung syntaktischer Fügungen, ganz anders als etwa beim Vergleich der SyntaxSyntax in der Stylistique comparéeStylistique comparée (s. Kap. 5.1). Bei der Frage nach der Wortbedeutung1 verweisen NIDA/TABER auf die Kennzeichnung durch Syntax und Sinnbeziehungen in Begriffsklassen:

Wie ein Wort zu verstehen ist, d.h. welcher Kategorie es zugeordnet wird, hängt völlig vom jeweiligen KontextKontext ab. Z.B. in dem Satz ich sehe die Sonne bezeichnet die Lautung sonne einen Gegenstand; in ich sonne mich gerne steht sie für ein Ereignis; und in das ist doch sonnenklar dient sie als Teil eines Abstraktums (NIDANida/TABER 1969:35).

2.) In der TransferphaseTransferphase sind dann die gewonnenen Elementarsätze in der ZielspracheZielspraches. ZS stilistisch so zu bearbeiten, dass die Formulierungen für die anvisierten EmpfängerEmpfänger verständlich sind. Dabei werden viele Anpassungen nötig, idiomatische Redewendungen gehen verloren, Bedeutungskomponenten von Wörtern werden verschoben, oft müssen Erläuterungen in den Text eingebaut oder dieser mit Fußnoten ergänzt werden. Durch die Analyse werden komprimierte Wendungen notwendig vereinfacht, aber auch klarer verständlich. Natürlich entgehen solche Vereinfachungen oft nicht dem Vorwurf der Banalisierung, weil einem Text durch die interpretierende Festlegung auf eine BedeutungBedeutung seine Tiefe genommen wird. Andererseits verliert eine dunkle Formulierung auch ihre Wirkung auf den Leser und die Leserin.

Zu welchem Ergebnis solche analytischen Vereinfachungen im TransferTransfer führen, zeigt der Vergleich einer Bibelstelle aus dem Hebräerbrief, Kapitel 11, Verse 1–3 in der Übersetzung Martin Luthers und in anderen Übersetzungen.

Vor allem am Anfang der siebziger Jahre wurde mit neuen Bibelübersetzungen im Gefolge NIDAS versucht, die Botschaft verständlicher zu machen. (Die Übertragungen Luthers und die Einheitsübersetzung sind die gegenwärtig in deutschen Kirchen verwendeten Textfassungen):

LutherLuther , rev. Fassung 2017

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. 2In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen. 3Durch den Glauben erkennen wir, daß die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, daß alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.

Kath. Einheitsübersetzung, 1980

Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht. 2Aufgrund dieses Glaubens haben die Alten ein ruhmvolles Zeugnis erhalten.

3Aufgrund des Glaubens erkennen wir, daß die Welt durch Gottes Wort erschaffen worden und daß so aus Unsichtbarem das Sichtbare entstanden ist.

Zürcher Bibel, 1942

Es ist aber der Glaube eine Zuversicht auf das, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht. 2Denn auf Grund von diesem [Glauben] haben die Altvordern [ein gutes] Zeugnis empfangen. 3Durch Glauben erkennen wir, dass die Welten durch ein [Allmachts-]Wort Gottes bereitet worden sind, damit nicht [etwa] aus wahrnehmbaren Dingen das Sichtbare entstanden sei.

Ulrich Wilckens, 1970

Glaube aber, das ist die Wirklichkeitsgrundlage für das, worauf man hofft, der Nachweis von Dingen, die man nicht sehen kann. 2Seinetwegen ist unseren Vätern (in der Schrift) ein gutes Zeugnis ausgestellt worden. 3Im Glauben nehmen wir wahr, daß die Weltzeiten durch die Kraft des Wortes Gottes geschaffen sind, so daß das Sichtbare aus dem Unsichtbaren entstanden ist.

Jörg Zink, 1965

Glaube besteht darin, daß das gegenwärtige Leben durch die Hoffnung auf Künftiges bestimmt ist, daß es sich dem unsichtbaren Wirken Gottes aussetzt und sich von ihm prägen läßt. 2Weil sie so glaubten, werden die Alten in der heiligen Schrift erwähnt. 3Weil wir so glauben, haben wir die Fähigkeit, zu erkennen, daß die Welten durch Gottes Wort geschaffen wurden, daß das Sichtbare aus dem Unsichtbaren hervorging.

Die Gute Nachricht, 1967

Gott vertrauen heißt: sich verlassen auf das, was man hofft, und fest mit dem rechnen, was man nicht sehen kann. 2Durch solches Vertrauen haben vorbildliche Menschen früherer Zeiten bei Gott Anerkennung gefunden. 3Weil wir Gott vertrauen, wissen wir: Die Welt ist durch sein Wort geschaffen worden; das Sichtbare ist aus dem Unsichtbaren entstanden. [Übersetzung aus einer amerikanischen Version.]

Neue Genfer Übersetzung, 1995

Was ist denn der Glaube? Er ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessena, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dingeb. 2Weil unsere Vorfahren diesen Glauben hatten, stellt Gott ihnen in der Schriftc ein gutes Zeugnis aus. 3Wie können wir verstehen, daß die Welt durch Gottes Wort entstanden istd? Wir verstehen es durch den Glauben. Durch ihn erkennen wir, daß das Sichtbare seinen Ursprung in dem hat, was man nicht sieht.

a) Od Er ist die Garantie für die Erfüllung dessen.

b) Od ein Mittel, um die Wirklichkeit unsichtbarer Dinge kennenzulernen.

c) Od stellt ihnen die Schrift.

d) W daß die Welt (aü die Weltzeiten) durch Gottes Wort gebildet wurden.

Gute Nachricht Bibel, 1997

Glauben* heißt Vertrauen, und im Vertrauen bezeugt sich die Wirklichkeit dessen worauf wir hoffen. Das, was wir jetzt noch nicht sehen: im Vertrauen beweist es sich selbst.b 2In diesem Vertrauen haben unsere Vorfahren gelebt und dafür bei Gott Anerkennung gefunden. 3Durch solches Vertrauen gelangen wir zu der Einsicht, daß die ganze Welt durch das Wort Gottes geschaffen wurde und alle sichtbaren Dinge aus Unsichtbarem entstanden sind.

b) Wörtlich: Der Glaube ist ein Festsein des Erhofften und ein Beweis der unsichtbaren Dinge. Die verbreitete Deutung Der Glaube ist eine feste Zuversicht (auf das Erhoffte) und ein Überzeugtsein (von den unsichtbaren Dingen) scheint zwar vom Zusammenhang her passender, ist jedoch von den griechischen Wortbedeutungen her nicht zu rechtfertigen. Der Verfasser will offenbar den festen Grund benennen, der den Glauben trägt und der sich im unerschütterlichen Vertrauen der Glaubenden als dieser tragende Grund bezeugt. [Neuübersetzung in heutigem Deutsch.]

Aus NIDAS ÜbersetzungsmethodeÜbersetzungsmethode ergeben sich Prioritäten, die zusammenfassend genannt werden:

1. Um jeden Preis muß der InhaltInhalt der Botschaft mit kleinstmöglichen Verlusten oder Verzerrungen übertragen werden. Der direkte begriffliche Inhalt der Botschaft hat den höchsten Vorrang.

2. Zweitens ist es sehr wichtig, die Nebenbedeutungen, die gefühlsmäßige Atmosphäre und Eindringlichkeit der Botschaft so gut wie möglich wiederzugeben. Diese Forderung ist schwerer zu erklären als die erste und noch schwerer zu erfüllen; aber sie ist sehr wichtig.

3. Wenn man bei der Übertragung von InhaltInhalt und Gefühlswerten der Botschaft aus einer SpracheSprache in die andere auch etwas von der FormForm bewahren kann, dann sollte man es tun. Aber unter gar keinen Umständen darf die Form Vorrang vor den anderen Aspekten der Botschaft erhalten (NIDANida/TABER 1969:125).

3.) Schließlich sind in der SynthesephaseSynthesephase vor allem die stilistischen Unterschiede und die Sprachebenen zu beachten. Die Strukturgrundlage für die Vielfalt des Stils bilden Umformungen, die alle auf einen Elementarsatz zurückgehen, wie z.B. „Judas verriet Jesus“:

1. Judas verriet Jesus.

2. Jesus wurde von Judas verraten.

3. Judas’ Verrat an Jesus.

4. Jesu Verratenwerden durch Judas.

5. Der Verrat Jesu durch Judas.

6. Der Verrat des Judas an Jesus.

7. Das Verratenwerden Jesu durch Judas.

8. Es war Judas, der Jesus verriet.

9. Es war Jesus, der von Judas verraten wurde usw.

(NIDANida/TABER 1969:47).

Bei der Frage nach dem StilStil ist in diesem „funktionalen Ansatz“ (NIDANida) v.a. rhetorisch auf die Frage nach der Leistung von Stilelementen zu achten, z.B. Steigerung der Wirksamkeit und Erzielen besonderer Wirkungen wie Interesse wecken, Eindringlichkeit verstärken, oder die FormForm der Botschaft ausschmücken (vgl. NIDA/TABER 1969:152ff). Folgerichtig wird für Bibelübersetzer eine stilistische Ausbildung gefordert. Dies ist besonders sinnvoll bei entfernten Sprachen, die eine andere Grammatik haben.

Mit NIDAS Ansatz wurde der Grund für die moderne ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft gelegt, denn mit den syntaktischen Analyseschritten wurden hier erstmals sprachwissenschaftliche Aspekte ins ÜbersetzenÜbersetzen von Texten eingebracht. Dabei wird angedeutet, dass mit der vollständigen Analyse des Ausgangstextes auch die Gesamtintention der Botschaft erfasst würde. Freilich bleibt die sinngliedernde und stilistische Formulierungsentscheidung weitgehend der IntuitionIntuition und Sachkenntnis des Übersetzers überlassen und wird nicht wirklich wissenschaftlich deduziert. Auch gibt es noch keine satzübergreifenden Überlegungen.

Ein solches Sprachverständnis lenkt den Blick verstärkt auf die Notwendigkeit des Wissens um den kulturellen KontextKontext, den SpracheSprache konstituiert und in dem sie ihre BedeutungBedeutung erhält. Kulturverständnis mit Bezug auf die eigene wie auch auf die AusgangsspracheAusgangsspraches. AS ist unerlässlich. Eine weitere Konsequenz dieser Sprachkonzeption ist, dass keine Übersetzung endgültig sein kann: Jede Übertragung ist von ihrer Zeit geprägt, von der jeweiligen Sprache, sowie von der übersetzenden PersonÜbersetzer und der von ihr gewählten, als dominant ausgelegten PerspektivePerspektive.

Das Problem der ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung beschränkt sich allerdings auf die Wahrung von Inhalts- und Wirkungsgleichheit in Bezug auf syntaktische Bedeutungen2NidaBühler. Kritisch ist oft eingewendet worden, daß das Konzept der „dynamischen ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ ggf. auch zu weit von der TextvorlageTextvorlages. Ausgangstext, AS, Original wegführe und die Grenze zur „BearbeitungBearbeitung“ überschreite.

Übersetzungstheorien

Подняться наверх