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6.5 Der BegriffBegriff „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“

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Wie in den vorangehenden Abschnitten deutlich geworden ist, stand die Diskussion um die Zielbeschreibung des Übersetzens lange Zeit im Zeichen des Begriffs „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“. Angesichts zahlreicher Missverständnisse ist es wichtig, die Herkunft dieses in der übersetzungswissenschaftlichen LiteraturLiteratur äußerst umstrittenen Begriffes zu kennen. Der Terminus stammt ursprünglich aus der Mathematik und formalen Logik und meint die „umkehrbar eindeutige Zuordnung“ von Elementen in einer Gleichung, eine Identität in anderer Gestalt. Im Sinne eindeutiger Zuordnung genormter Fachtermini wird er in den Fachsprachen verwendet.

In diesem Sinne ist es einleuchtend, wenn die Leipziger übersetzungswissenschaftliche Schule die BezeichnungBezeichnung ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung für die Gleichung zwischen einlaufender und nach Umkodierung wieder auslaufender InformationInformation im interlingualen KommunikationsvorgangKommunikationsvorgang verwendet hat (s. Kap. 4.2): Hier wird gerade die unveränderte Gleichheit der übermittelten Nachricht postuliert. Bei der Frage, woran dies festgemacht werden könnte, ergaben sich zunächst die mehr oder weniger direkten Entsprechungen zwischen zwei Sprachen, die „potentiellen Entsprechungen“ (s. Kap. 4.3) als Zeichenäquivalente.

In der Stylistique comparéeStylistique comparée, die die oberflächenstrukturelle Nähe und Ferne von Sprachenpaaren untersucht und auch von einer „équation de traduction“ spricht, heißt frz. équivalence aber die ÜbersetzungsprozedurÜbersetzungsprozedur des Ersetzens einer ausgangssprachlichen SituationSituation durch eine kommunikativ vergleichbare zielsprachliche Situation (s. Kap. 5.1). Es steht damit neben adaptation als der Kompensation von soziokulturellen Unterschieden in den beiden Sprachgemeinschaften. In ähnlicher Weise ist bei NEWMARKNewmark (s. Kap. 5.3) das e. equivalent nicht BezeichnungBezeichnung für eine Bedeutungsgleichheit, sondern es benennt eine Übersetzungsprozedur, wie z.B. „cultural equivalent“, „functional equivalent“ oder „descriptive equivalent“, wenn es um die Kompensation kultureller Differenzen geht. Eine „translation equivalence“ im Sinne von übersetzungskritisch absicherbarer Übereinstimmung gibt es seines Erachtens nur bei den außersprachlichen universellen Gegenständen, und in geringerem Maße auf der Ebene einzelner Substantive und Verben, nicht jedoch bei Texten. Demgegenüber sind bei CATFORDCatford (s. Kap. 4.4) die „translation equivalents“ nur dann sprachlich austauschbare Textelemente, wenn sie in einer vergleichbaren Situation funktionieren. Hier geht es nicht um inhaltliche Gleichheit. HOUSEHouse (s. Kap. 4.5) versteht unter „Äquivalenz“ die Identitätsrelation zwischen den Texten auf allen linguistischen Ebenen.

Im Bereich der linguistischen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft hat v.a. NIDAS Postulat der „dynamic equivalence“ Furore gemacht (s. Kap. 6.2). Er verwendet den in der englischen Gemeinsprache unscharfen AusdruckAusdruck equivalence, der hier quantitativ relativierend die BedeutungBedeutung of similar significance (Oxford English Dictionary) hat, und daher nicht mit „dynamischer ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ übersetzt werden sollte.1WilssKollerNidaEntsprechungGleichwertigkeit Hier geht es um die funktionale Anpassung der in ihrem InhaltInhalt unverfälschten Botschaft an zielkulturelle Vorstellungen. Solche „GleichwertigkeitGleichwertigkeit“ ist also die eher abstrakte Forderung nach natürlicher Ausdrucksweise und Verständlichkeit, während das „closest natural equivalent“ auf lexikalisch-syntaktischer Ebene die größtmögliche Nähe hinsichtlich SinnSinn und StilStil verlangt. Hier gehen formal viele Ähnlichkeiten verloren. Sprachliche Verfahren der Texttransformation zur Erzielung von Äquivalenz diskutiert SCHREIBER (1993).

Von KOLLERKoller wird dann der BegriffBegriff „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ noch umgedeutet und erweitert zu „Äquivalenzforderungen normativer Art“ auf der Textebene. „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ soll dabei keine absolute Forderung sein, es gibt sie nur im Zusammenhang mit einer Übersetzungsbeziehung. Problematisch ist diese Terminuswahl deshalb, weil im Deutschen „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ nur die eineindeutige Zuordnung meint, sodass der Begriff außerhalb der Maschinellen Übersetzung fast wie selbstverständlich mit „GleichwertigkeitGleichwertigkeit“ identifiziert wurde. KOLLERS normative Aussage kennt fünf Bezugsrahmen, unter denen dann auf der Ebene einzelner Übersetzungseinheiten (Wort, Satz, Text) bestimmte „potentielle Äquivalente“ objektivierbar werden sollen.

Insgesamt wird deutlich, dass „Äquivalenz“ in der LiteraturLiteratur meist eine eher abstrakte Forderung nach Gleichheit bestimmter Aspekte in der TextvorlageTextvorlages. Ausgangstext, AS, Original und der Übersetzung meint, wobei das ungeklärte Verhältnis zwischen Textganzem und einzelnen Übersetzungseinheiten ein inhärentes Problem darstellt. Dagegen werden als „Äquivalente“ diejenigen syntaktischen Elemente bezeichnet, mit denen jene GleichwertigkeitGleichwertigkeit realisiert wird. Diese Unterschiede sind im weiteren Verlauf der übersetzungswissenschaftlichen Diskussion nicht immer genau beachtet worden, etwa wenn manche Autoren pauschal forderten, eine „Übersetzung müsse zu ihrem OriginalOriginals. Ausgangstext äquivalent“ sein2Originals. AusgangstextWilss, oder aber betonten, die ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung sei „eine Illusion“ (SNELL-HORNBYSnell-Hornby 1986:14).

Weil all dies wiederum wenig aussagekräftig ist, wurde der Äquivalenzbegriff ständig verändert. Es traten andere BegriffswörterBegriffswörter auf wie Angemessenheit, AdäquatheitAdäquatheit, GleichwertigkeitGleichwertigkeit, Übereinstimmung, Korrespondenz, sinngemäße EntsprechungEntsprechung, Wirkungsgleichheit usw. Abschließend ist festzuhalten, dass „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ eine Relation zwischen AS- und ZS-Text bezeichnet, die nur übersetzungskritisch, d.h. am konkreten Textbeispiel, festgestellt werden kann. Man kann nicht „äquivalent übersetzen“, sondern ein ZieltextZieltext kann (jeweils nur hinsichtlich bestimmter Textebenen!) als einem Ausgangstext äquivalent gelten. Die einzelnen Elemente auf den verschiedenen Ebenen können aufgrund der Verschiedenheiten der Sprachen und Kulturen in den meisten Fällen nicht invariant und nicht alle zugleich äquivalent gehalten werden.

Kommentar

NIDANida hat aufgrund der missionarischen Ausrichtung der Bibelübersetzung erstmals die Einstellung auf die anvisierten EmpfängerEmpfänger der Übersetzung als außersprachliches Element ins Spiel gebracht. Seine Darstellung legt allerdings den Schwerpunkt auf die Ausgangstextanalyse und hier besonders auf syntaktische Bedeutungen. So beschränkt sich das Problem der ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung auf die Wahrung von Inhalts- und Wirkungsgleichheit im Bereich syntaktischer Bedeutungen. KOLLERS Ansatz steht demgegenüber den Vorstellungen der sprachenpaarbezogenen ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft näher. Am ausführlichsten ist seine Darstellung bezüglich der denotativen ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung, und hier werden teilweise ähnliche „ÜbersetzungsverfahrenÜbersetzungsverfahren“ vorgeschlagen wie bei den „Übersetzungsprozeduren“ der Stylistique comparéeStylistique comparée, z.B. bei einer lexikalischen Lücke.

Mit dem Ansatz von fünf Äquivalenzforderungen wird die PerspektivePerspektive auf ein TextganzesTextganzes angedeutet, jedoch bezieht sich die Beispieldiskussion meist nur auf Wörter und Sätze. Ein größerer Teil der normativen Äquivalenzforderungen bleibt bloße Forderung. Es wird nicht gezeigt, wie eine „Hierarchie der in der Übersetzung zu erhaltenden Werte“ konkret aussieht. So bleibt bei vielem, was als „Aufgabe der ÜbersetzungswissenschaftÜbersetzungswissenschaft“ postuliert wird, die Möglichkeit konkreter Forschungsergebnisse zweifelhaft. Insgesamt ist festzuhalten, dass der BegriffBegriff „ÄquivalenzÄquivalenzs. Entsprechung“ in zahlreichen unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird. Angemessen lässt er sich allenfalls zur BezeichnungBezeichnung einer GleichwertigkeitGleichwertigkeit bestimmter Aspekte in Text und Übersetzung verwenden, die in der ÜbersetzungskritikÜbersetzungskritik festgestellt werden kann.

Lektürehinweise

Werner KOLLER (1992, 82011): Einführung in die Übersetzungswissenschaft. Heidelberg; besonders Kapitel 2.3.

Eugene A. NIDA (1964): Toward a Science of Translating. With Special Reference to Principles and Procedures Involved in Bible Translating. Leiden.

Eugene A. NIDA/Charles R. TABER (1969): Theorie und Praxis des Übersetzens, unter besonderer Berücksichtigung der Bibelübersetzung. Weltbund der Bibelgesellschaften.

Michael SCHREIBER (1993): Übersetzung und Bearbeitung. Zur Differenzierung und Abgrenzung des Übersetzungsbegriffs. Tübingen.

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