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Die vergessene Entdeckung des Löwenmenschen

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Joachim Hahn legte den Grundstein zur Renovierung des Löwenmenschen.

Wenn wir nach dem ersten, kreativsten und erstaunlichsten Kunstgegenstand des Homo sapiens fragen, landen wir beim „Löwenmensch“ vom Hohenstein-Stadel im Lonetal. Die Elfenbeinstatuette ist dem traurigen Schicksal des Vergessens und Verstaubens – Zufall und Fortuna sei Dank – gerade noch entrissen worden. Ihre Entdeckung, Wiederentdeckung, Restaurierung und erneute Restaurierung muten genauso abenteuerlich an wie die rätselhafte Figur selbst.

Rückblende: Wir schreiben den 25. August 1939. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs steht unmittelbar bevor. In der Stadel-Höhle der Schwäbischen Alb legt der örtliche Archäologe Otto Völzing (1910 – 2001) seit 1935 eiszeitliche Schichten frei. Er hat wie viele andere Helfer seinen Einberufungsbefehl erhalten. Die weiteren Ausgrabungsarbeiten müssen abgebrochen werden. Einer der Funde des letzten Tages sind rund 200 undefinierbare Bruchstücke. Der verantwortliche Leiter Robert Wetzel (1898 – 1962), Urgeschichtsforscher mit einem zweifelhaften Ruf nationalsozialistischer Gesinnung, erkennt zwar, dass es Splitter einer Elfenbeinplastik sind, doch damit endet das Wissen um die gerade entdeckte Figur auch schon. Die Grabungsfunde landen im Keller des Ulmer Museums.


Der Löwenmensch vor der Restaurierung 2013

Dort bleiben sie dreißig Jahre lang unbeachtet liegen, bis zum 8. Dezember 1969. Der Prähistoriker Joachim Hahn (1942 – 1997) arbeitet damals bereits seit Wochen im Museumsdepot. Seine Aufgabe: Sichtung und Bestimmung der Funde aus der Stadel-Höhle. Zwischen hunderten Kartons stößt er auf eine Schachtel mit der Aufschrift „HS 25. 8. 39 20.m 6.Hieb“. Als er sie öffnet, erblickt er den „Schotter“ vom letzten Grabungstag anno 1939. Mit zwei Studenten beginnt er, die Elfenbein-Puzzleteile mühsam zusammenzusetzen. Nach wenigen Tagen offenbart sich vor den staunenden Augen der Wissenschaftler eine fantastische, aufrecht stehende Skulptur, die bald in der Presse als „Ulmer Tiermensch“ bekannt wird. Hahn selbst nennt das Mischwesen scherzhaft „Mugwump“. Der Name ist eine Anlehnung an eine Romanfigur des US-Schriftstellers William S. Burroughs (1914 – 1997).

Mitte der 1970er-Jahre gibt eine anonyme Glücksfee einen kleinen Behälter mit ein paar Fundstücken im Museum ab. Die Unbekannte erklärt, dass ihr Sohn die „Dinge“ beim unerlaubten Spielen in der Stadel-Höhle gefunden habe. Da das Datum der Übergabe und der Name der Überbringerin fehlen und außerdem der Zugang in den hinteren Raum der Stadel-Höhle mit einem Gitter versperrt ist, wird die Angelegenheit nicht weiterverfolgt. Erst in den 1980er-Jahren sieht sich die Basler Paläontologin Elisabeth Schmid (1912 – 1994) den Fund genauer an und erkennt, dass er wichtige Teile des „Ulmer Tiermenschen“ enthält. Es gelingt ihr gemeinsam mit Restauratoren, den Kopf der Figur weiter zu vervollständigen. Es wird deutlich: Das Haupt gehört einer Raubkatze. Der „Mugwump“ entpuppt sich als „Löwenmensch“. Bei dieser Bezeichnung ist es geblieben. Da trotzdem immer noch Teile des Oberkörpers fehlen und fast alle Menschendarstellungen aus dieser frühen Zeit weiblich sind, glaubt Schmid, es handle sich um eine Löwenfrau.

Als 2008 erneut Grabungen beginnen, stößt das Team um den Archäologen Claus-Joachim Kind völlig überraschend auf etwa 300 weitere winzige Splitter der Figur. Im Rahmen eines aufwendigen Restaurierungsprojekts kommt der anmutige Löwenmensch zu seiner vorläufigen Vollendung. Dabei helfen Methoden der Röntgen-Computertomografie, mit der das Meisterwerk virtuell in alle Einzelteile zerlegt und danach wieder zusammengesetzt wird. Danach folgt die Wiederherstellung am Original. Seit 2013 glänzt der Löwenmensch frisch geliftet hinter Panzerglas im Museum Ulm.


Das Ulmer Museum

Mysteriöse Museumsschätze

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