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Johanna wächst und entwickelt sich, da geht es ihr nicht anders als anderen Mädchen, mal langsam und stetig, mal dann doch sprunghaft – was beides scheinbar nicht alle nachvollziehen können oder wollen. Hannchen sein, und auch, die Süße oder die Kleine sein zu sollen, finden bei ihr eine zunehmend langweilend-gereizte Aufnahme. Alles wird zu eng, zu sehr ist etwas jenseits von -chen und -lein in ihr, und dass andere auf die Deutungshoheit, wer sie ist oder sein sollte, pochen, ist ätzend (dieses Wort hat sie vom Bruder Torsten gelernt). Wo sie selbst ja noch nicht mal weiß, wo es hingehen soll. Selbst bei Kleinigkeiten.

Kurze Haare, eine Mütze! Eine Hose! Für Jungs, na und? Familiäre Empörung hier und familiärer Spott da, das kurze Abwimmeln, das unaufmerksame Abtun ärgern, kränken, verletzen Johanna.

So weggeschubst und quasi in das Dämmerdunkel wie einst Aschenputtel an den Platz unter der Treppe verbannt, wird es nun für Jahre zu einem heimlichen, nur hinter peinlich verschlossener Tür vollzogenem Ritual. Mit Schlips, einer Schiebermütze, die Hose bis zum Knie heraufgekrempelt und leicht gepludert, stellt sie sich vor den Spiegel am Schrank. Sie übt und spielt: der kühne Blick, der bass erstaunte, das Lachen breit, die Stirn in tiefe Falten geworfen, den tumben, starren Blick, mit offenem Mund. Spielt: gehorsam, aufmüpfig, total unschuldig, verführerisch, charmant-gewinnend, übt eine Weile das Zwinkern und lernt bald, ihre Augenbrauen jede für sich zu heben, zu bewegen, guckt und glotzt wie ihr Lehrer, Herr Schulze, wie Herr Braun aus dem Zeitungs- und Schnobkramladen. Das wird noch spannend, ein kleiner Kitzel, das reizt ein wenig.

Sie macht das gerne, ja, manchmal fiebert sie diesen Gelegenheiten geradezu entgegen. Zur Heimlichtuerei genötigt, gewinnt das, was als harmloses, unschuldiges Spiel begann, eine zunehmend auch verzwängt lichtscheue Note.

Denn, ja, irgendwas haben sie mit Johanna vor, das ist ziemlich deutlich. Es gibt wohl einen Plan und einen versteckten Katalog dessen, was sein muss; dann, was sein kann und dann der Dinge, die auf keinen Fall sein können und dürfen. Ein Was–sich-gehört-Katalog, ganz sicher schwarz auf weiß, mit diesen komischen Paragraphen-Zeichen. Und wenn der nicht irgendwo rumliegt, dann können sie ihn auswendig. Er ist fest eingewachsen im Fleisch, fließt durch alle Adern.

Johanna selbst sind diese so offenbaren, aber auch versteckten Anforderungen nicht so klar, sie kann sie für sich nicht mit Sinn erfüllen. Sie entsprechen wohl nicht ihrer Natur. Und ein eindeutiges Bild, dem sie sich einzufügen habe, gibt es bei ihr schon gar nicht. Mädchen sein, Tochter sein, das ist nicht einfach angeboren und damit selbstverständlich, es will erst gelernt und eingeübt werden. Mal einfach so und ohne große Umstände, manchmal mit enormen Zumutungen und ganz viel Überwindung, auch aufgenötigter, unfreiwilliger. Und das mit dem Ein-Alter-Haben ist auch anstrengend. Entweder zu klein und viel zu jung oder schon zu groß. Was denn nun!

So, wie die schon erwachsen Gewordenen das Leben verstehen und eingeübt haben, bleibt wenig Platz zum Probieren. Da die sich selbst oder das, was sie sich vorstellen zu sein, zum Maß erkoren haben. Der Mädchen herzlich gern gewährte Spielraum beschränkt sich auf rote und weiße Kniestrümpfe, auf Zöpfe oder Pferdeschwanz und Gummitwist oder Himmel und Hölle, Knicks machen, einfache Hausarbeiten, das Poesiealbum füllen und Oblaten sammeln und einkleben, Schönschrift. Aber da sind viel zu viele andere Neigungen. Fragen, Wissbegierde, selbst Wolllüste, die sich nicht den Vorstellungen fügen, die sie anscheinend leiten sollten. Schuhe, Hosen, verspielte Variationen im Äußeren, Musik, was mit den Haaren machen, Politik, warum so viele Gebäude grau oder zerstört sind, mit wem und über was man redet und mit wem nicht.

Vorstellungen anderer können einen ganz schön einengen, können richtig quälen. Warum gibt es für hochgezogene Kniestümpfe ein dickes Lob, für hochgekrempelte Ärmel aber missbilligende Blicke? Dabei wäre Johanna so gerne loyal.

„Das ist meine Familie, die werden doch schon am besten wissen, was gut für mich ist.“

So teilt sie den Streit zu Hause, teilt ihn mit den Geschwistern, teilt die Missstimmungen zwischen Mutter und Vater, allerlei Launen, vor allem der Mutter, sowieso.

Derart viel zu oft alleine muss Johanna mit blöden Peinlichkeiten wie dem neuen Schottenrock klarkommen. Von der Patentante geschenkt, großkariert, was es auch nicht besser macht, und, zu aller Überfülle an Segnung, auch noch mit einer lächerlich übergroßen Sicherheitsnadel ausgestattet, die aber wiederum festgenäht ist. Toll. Hast du dich schon bedankt?

Wo es doch eine Hose hätte sein sollen.

Johanna teilt selbstverständlich die weitverbreitete Vorliebe für Vanilleeis und die Beatles, da ist sie mal der John-Lennon-, mal der George-Harrison-Typ, mag Pferde, aber auch Michael Holm hält sich in ihrer Aufmerksamkeit – sie ist eben eine treue Seele – und, klar, Dalia Lavi. The Who und die Monkeys, die sind lustig.

Man muss sich schon was einfallen lassen, um die Langeweile totzuschlagen. Vor allem wenn man, kaum dass man Laufen gelernt hat, ziemlich genau weiß, wie so ein Tag abläuft. Oft einer wie der andere.

Johanna spielt, mittags im Stillstand der Stunden auf dem Bett liegend: „Gebirge“. Füße, Knie und Hände müssen unter die Wolldecke. Je nachdem, wie verschränkt sie liegt, kann sie sicher sein, dass man mit dem Auge von außen nicht raten kann, was es denn ist, das den kleinen Hügel, diese oder jene Wölbung der Decke von unten her verursacht. So baut sie kleine Landschaften, im flachen Land mindestens ein ausgewachsenes Mittelgebirge, weite Täler, enge Schluchten. Sie stellt sich vor, durch all das hindurchzulaufen, gerne mit Wolf. Alles eigentlich voller Gefahren, aber die beiden zusammen – da kann gar nichts passieren. Spielt sie mit einem der beiden Brüder oder einer Freundin, versuchen die oft, die Ursache – einen Arm, die Hand, ein Bein – zu erhaschen. Dafür jedoch ist Johanna zu flink, da ist schnell alles wieder ganz flach und harmlos. Wahnsinnig spannend ist das nicht, aber die Zeit vergeht dann doch irgendwie.

Johanna verrückt die Geschichte

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