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B. Kirche des Nordens (Erzbistum Hamburg-Bremen)

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Im Jahre 831 gründet Ludwig der Fromme, der Sohn Karls des Großen, das Bistum Hamburg, das bereits drei Jahre später zum Erzbistum erhoben wird. Damit ist der jungen Kirche an der nördlichen Peripherie des Reiches ihr Ziel gesetzt: die Gründung weiterer Bistümer im Zuge der Christianisierung Skandinaviens und der slawischen Ostseevölker, deren Siedlungsgebiet sich damals bis zur Linie Kieler Förde – Sachsenwald erstreckt, also fast bis an die Tore Hamburgs heranreicht. Ob allerdings dieses Ziel realisierbar ist, muß in der damaligen Gesamtsituation zunächst als recht fraglich erscheinen.

Das neue Erzbistum ist sehr klein. Es umfaßt lediglich einen Teil des norddeutschen Küstengebiets, darunter das noch weitgehend heidnische Nordelbingen (Holsten-, Dithmarschen- und Stormarngau) im Gebiet zwischen Nordsee, Elbe und Eider. Die nahegelegene Lüneburger Heide gehört bereits zum Bistum Verden und damit zum Erzbistum Mainz, das Emsland zum Münsteraner Sprengel des Kölner Erzstifts.

Der Versuch der Hamburger Erzbischöfe, innerhalb dieses eng bemessenen Bezirks ein größeres weltliches Herrschaftsgebiet zu schaffen, scheitert am Widerstand der Dithmarscher, die ihre germanische Gauverfassung erfolgreich verteidigen, und an den Bremer Bürgern, die ebenfalls ihre politische Unabhängigkeit zu wahren wissen. Nach weiteren Rückschlägen im Binnenland behaupten die Erzbischöfe lediglich das Gebiet zwischen unterer Weser und unterer Elbe als eigenes Territorium.

Das Erzbistum weist darüber hinaus strukturelle Schwächen auf, die wesentlich durch seine geographische Lage bedingt sind. Die Reichsgewalt ist hier im äußersten Norden kaum präsent, die kirchliche Organisation für die gottesdienstliche Versorgung der Bevölkerung unzureichend. Beides gilt vor allem für die küstennahen Gebiete und besonders für Nordelbingen, wo die politische Gewalt bis in das 12. Jahrhundert hinein praktisch bei den autochthonen Gauverbänden liegt. Das Netz der Pfarrkirchen ist hier so weitläufig, daß von einer vollen Christianisierung vor der frühen Stauferzeit keine Rede sein kann.

Auf Grund seiner peripheren Lage und der Schwäche der Reichsgewalt wird das Erzstift im 9., im ausgehenden 10. und im 11. Jahrhundert wiederholt von Normannen und Slawen angegriffen, die jeweils die von ihnen erreichten Kirchen zerstören. Schon um die Mitte des 9. Jahrhunderts muß man den Sitz des Erzstifts von Hamburg, das ebenfalls mehrfach zerstört wird, nach Bremen zurücknehmen.

Der Ratzeburger Dom – eine der schönsten Kirchen im Erzstift Hamburg

Wenn die Hamburger Kirche trotz dieser mehr als ungünstigen Voraussetzungen bei der Heidenmission europäische Bedeutung gewinnen sollte, so verdankt sie dies vor allem dem nie erlahmenden Eifer ihrer Erzbischöfe und der Tatsache, daß sich damals die noch heute bestehenden skandinavischen Nationalstaaten konstituieren, deren Königen das Christentum als geistige Klammer für ihre Staatswesen geeignet erscheint. Der als „Apostel des Nordens“ gefeierte erste Hamburger Erzbischof Ansgar hatte schon 826 als Corveyer Mönch im Auftrag Kaiser Ludwigs des Frommen den dänischen König Harald, der das Christentum angenommen hatte, in dessen Land begleitet, um dort die Mission in Gang zu bringen. Er scheitert jedoch ebenso wie bei verschiedenen Missionsreisen, die er während seines Pontifikats unternimmt. Noch behauptet sich sowohl in Skandinavien als auch im Slawenland das Heidentum.

Erst mit dem Erstarken der Reichsgewalt im 10. Jahrhundert setzt eine günstigere Entwicklung für das Erzstift ein. Otto der Große gründet im Jahre 947 die Bistümer Schleswig, Ripen und Aarhus und unterstellt sie dem Erzbistum Hamburg-Bremen, dessen kirchliches Hoheitsgebiet sich damit nach Norden ausweitet. Bemerkenswert erscheint dabei, daß alle drei Bischofssitze außerhalb des deutschen Herrschaftsgebietes liegen. Ein weiteres damals gegründetes, ebenfalls Hamburg-Bremen unterstelltes Bistum, Oldenburg in Holstein, fällt 983 dem großen Slawenaufstand zum Opfer.

Der Durchbruch wird dann unter Erzbischof Adalbert erzielt, der das Pontifikat von 1043 bis 1072 bekleidet und zu den mächtigsten Männern des Reiches zählt, insbesondere zur Zeit seiner Vormundschaft über den jungen König Heinrich IV. Aus einem angesehenen Grafengeschlecht stammend, tatkräftig und politisch begabt, nimmt er die Nordeuropamission erneut in Angriff und erzielt dabei beachtliche Erfolge, über die wir durch die „Hamburger Kirchengeschichte“ seines Zeitgenossen Adam von Bremen gut unterrichtet sind.

1053 erhält er vom Papst als „Legat des Nordens“ die kirchliche Oberherrschaft über ganz Nordeuropa einschließlich der Färöer- und Orkneyinseln und Island sowie über das von hier aus entdeckte Grönland. Zwar scheitert sein Plan, ein „Patriarchat des Nordens“ zu errichten, am Widerspruch des Papstes, doch beeinträchtigt dies die Mission nicht.

Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit dem dänischen König Sven Estridson (1047–1074), der seine Herrschaft bewußt auf die Kirche stützt und persönlich mit Adalbert befreundet ist. Das Königreich Dänemark erhält damals eine flächendeckende kirchliche Organisation: Die bereits von Otto dem Großen gegründeten Bistümer werden reorganisiert, in Odense, Roskilde, Vestervig und in dem damals zu Dänemark gehörenden Lund neue Bistumssitze errichtet. Alle diese Bistümer unterstehen dem Erzbistum Hamburg-Bremen.

Auch in Norwegen sind der Aufstieg des Königtums und die Bildung des Gesamtstaats eng mit der Christianisierung verbunden. König Olaf der Heilige schwingt sich 1015 zum Alleinherrscher auf, löst das Land aus der Abhängigkeit von Dänemark und christianisiert es. Der Ausbau der kirchlichen Organisation im Zeitalter König Olaf Kyrres (1067–1093) geht dann ebenfalls vom Erzstift Hamburg-Bremen aus, dem nicht nur das führende Bistum Trondheim, sondern auch alle kleineren Bistümer Norwegens unterstellt sind.

Zweihundert Jahre nach den ersten Missionsbemühungen Ansgars ist der größte Teil der Bevölkerung Schwedens immer noch heidnisch. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts setzt jedoch auch hier die Christianisierung ein, zunächst im Landesteil Götaland, wo König Stenkil (1060–1066) in enger Zusammenarbeit mit dem Erzbistum Hamburg-Bremen das erste schwedische Bistum Skara errichtet – wieder gehen der Aufstieg der Monarchie, der politische Konzentrationsprozeß und die Mission durch die deutsche Reichskirche Hand in Hand. Das gleiche gilt auch für Svealand, das sich seit Ende des 11. Jahrhunderts zum eigentlichen Kerngebiet Schwedens entwickelt. Der Dom von Uppsala, damals anstelle eines uralten heidnischen Heiligtums errichtet, wird schon sehr bald das kirchliche Zentrum des ganzen Landes, wobei das zugehörige Bistum zunächst ebenfalls dem Hamburg-Bremer Erzstift unterstellt bleibt.

Fast ein Jahrhundert später greift die Hamburger Kirche auch auf die östliche Ostseeküste aus. 1180 beginnt der Augustiner-Chorherr Meinard aus Segeberg mit der Mission der Liven, einem kleinen, später in den Letten aufgegangenen Volk an der unteren Düna. Sechs Jahre später wird er zum Bischof von Riga gewählt, das zum kirchlichen Zentrum der gesamten Region wird: bereits um 1200, während des Pontifikats von Erzbischof Albert, werden die Grundlagen der kirchlichen Organisation im Gebiet des heutigen Estland und Lettland geschaffen.

Im 12. Jahrhundert löst sich freilich Skandinavien, im 13. auch das Baltikum von der deutschen Reichskirche. 1104 wird in Lund ein eigenes Erzbistum für Dänemark gegründet, ein halbes Jahrhundert später die neuen Erzbistümer Trondheim (1152) und Uppsala (1164) für Norwegen und Schweden. Damit verfügen – wie Polen und Ungarn bereits seit der Jahrtausendwende – alle drei nordischen Königreiche über eigene Landeskirchen mit direkter Verbindung zum Heiligen Stuhl. Zwar wird die Hamburg-Bremer Kirchenprovinz nach dem Einsetzen der Ostsiedlung durch die neugegründeten Bistümer Lübeck, Ratzeburg und Schwerin noch einmal etwas vergrößert, die große Zeit der Hamburger Kirche ist jedoch mit dem Verlust ihrer nordeuropäischen Gebiete vorbei. Sie sieht sich, nachdem 1255 auch Riga zu einem eigenständigen Erzbistum erhoben wird, fast wieder auf ihre Ausgangslage im 9. Jahrhundert zurückgeworfen.

Die Erfolge der erzbischöflichen Mission vom 10. bis zum 12. Jahrhundert sind gleichwohl bemerkenswert, vor allem in Anbetracht der riesigen Entfernungen und der damaligen Kommunikationsmöglichkeiten. Es stellt sich allerdings die Frage, wie nachhaltig die Christianisierung in Skandinavien und im nördlichen Norddeutschland eigentlich gewirkt hat. Zwar bekennt man sich in der Folgezeit auch im Norden zum Christentum, und die Kirche spielt im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Von einer so weitgehenden christlichen Durchdringung wie in vielen anderen Teilen Europas kann jedoch keine Rede sein. Die Mission setzt erst spät ein, wenige Jahrhunderte vor der Reformation, die den gesamten Bereich des Erzstifts Hamburg erfasst. Vor allem aber bleibt die kirchliche Infrastruktur, verglichen mit Süddeutschland und Südeuropa, sehr dürftig. Die wenigen Klöster des Mittelalters werden im 16. Jahrhundert aufgehoben, und das Netz der Pfarrkirchen ist bis heute sehr weitmaschig: Während am Rhein, am Main und an der Donau jedes Dorf seine Kirche hat, umfassen die Kirchspiele Frieslands, Holsteins, Mecklenburg und Pommerns oft ein Dutzend oder mehr Ortschaften. Der späten Christianisierung entspricht die frühe Abwendung vom christlichen Glauben, die sich hier seit dem 19. Jahrhundert schneller und umfassender vollzogen hat als anderswo.

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