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H. „Block in der deutschen Geschichte“ (Herzogtum Bayern)
ОглавлениеPlötzlich, nach den ältesten, sehr unsicheren Quellen im Jahre 508, sind sie da: eine ethnische Gruppe unbekannter Herkunft und Zusammensetzung, die sich „Baiwari“ nennt. Es spricht einiges dafür, daß es sich um einen gemischten Verband handelt, der sich in Böhmen gebildet hat. Jedenfalls müssen sich die „Baiwari“ vor der Landnahme in der Nähe ostgermanischer Völker aufgehalten haben, da das Bayerische von allen westgermanischen Sprachen dem Ostgermanischen am nächsten steht. Die eigentliche Stammesbildung vollzieht sich erst nach der Einwanderung, vorzugsweise im Raum Regensburg – Ingolstadt – München, wo sich die Neuankömmlinge zu einem erheblichen Anteil mit Alemannen und in ebenfalls beträchtlichem Ausmaß mit Römern, genauer mit romanisierten Kelten, mischen. Auf diese Weise konstituiert sich – zunächst im Bereich der mittleren Donau und im Alpenvorland – eine eigenständige, zukunftsträchtige ethnische Großgruppe, die das historische Geschehen im südlichen Mitteleuropa und darüber hinaus bis heute entscheidend bestimmt hat. Bayern liegt nicht nur „seit 1500 Jahren wie ein Block in der deutschen Geschichte“ (Stadtmüller); der östliche Teil des Stammesgebietes, Österreich, hat darüber hinaus europa- und weltgeschichtliche Bedeutung gewonnen.
Der „Tassilo-Kelch“ (um 768–788)
Bis zum Jahre 1156, also fast 650 Jahre lang, besteht ein gesamtbayrischer Stammesstaat mit der Hauptstadt Regensburg, wo die Herzöge aus dem Haus der Agilolfinger (bis 788) an der „Porta Praetoria“ der Römerstadt „Castra Regina“ ihre Pfalz errichten; noch im 10. Jahrhundert weist die Stadt, die bei der bayrischen Landnahme weder umkämpft noch zerstört wurde, ein römisches Erscheinungsbild auf. Straßenzüge und Gebäude, Handwerks- und Landwirtschaftstechniken bleiben erhalten.
Der bayerische Landeshistoriker Benno Hubensteiner charakterisiert die frühen Bayern wie folgt: „Ein Bauernvolk, gutmütig und jähzornig, sinnenfroh und aufwenderisch, eigensinnig und beharrend wie noch heute.“ In der Tat: Manche der für den Stamm charakteristischen Merkmale treten schon in der Frühzeit und dann im Laufe der bayerischen Geschichte immer wieder in Erscheinung. Sinnenfreude, Realismus und Beharrungsvermögen gehören bis zum heutigen Tag dazu, aber auch Sinn für Natur, Kunst und Religion. Die bis heute weniger positiv in Erscheinung tretenden Stammeseigentümlichkeiten sind ebenfalls bereits früh nachweisbar, die Neigung zum „Rankeln und Raufen“ (Hubensteiner) beispielsweise oder die für Außenstehende manchmal etwas irritierende „Mir-san-Mir“-Mentalität.
Im Laufe des 6. und 7. Jahrhunderts breitet sich der Bayernstamm von den Ausgangsgebieten an der mittleren Donau in alle Himmelsrichtungen aus. Im Westen stößt er auf die Alemannen, und zwar am Lech, der noch heute eine ausgeprägte Sprach- und Mentalitätsgrenze darstellt. Nach Norden hin werden über die Flüsse Vils und Naab die Oberpfalz und der bayerische Nordgau erschlossen. Im Süden dringen die Bayern auf den Alpenhauptkamm vor, den sie stellenweise überschreiten; bereits zu Beginn des 7. Jahrhunderts erreichen sie die Salurner Klause, die seither die Sprachgrenze darstellt. Im Osten folgt die Siedlung dem Donaustrom, kommt für einige Zeit an der Enns zum Stehen, erfaßt dann aber auch Niederösterreich, Kärnten und die Steiermark. Nach schweren Rückschlägen durch die Ungarn, die in den Jahrzehnten um 900 ihre bayerischen Nachbarn in besonderer Weise bedrohen, erreicht die Siedlungsgrenze nach deren Niederlage in der Lechfeld-Schlacht schließlich den Leithafluß und das Leithagebirge, die historische Grenze zwischen Österreich und Ungarn. Im Zusammenhang mit dieser Siedlungsexpansion errichten die Bayern den größten Stammesstaat der deutschen Geschichte, der „von der Eger bis zu Etsch, vom Lech bis zur Leitha“ reicht.
Von Anfang an gewinnt der Stamm überregionale Bedeutung. Fränkische und iro-schottische Mönche und Missionare stellen die Verbindung zum Westen her, Bonifatius schafft die organisatorischen Grundlagen der bayerischen Landeskirche, die ihrerseits früh die Mission bei den ungarischen und slawischen Nachbarn aufnimmt. Als der politische Einfluß des Frankenreichs immer stärker wird, versuchen die Agilolfinger-Herzöge, Rückhalt bei dem ebenfalls durch die Franken gefährdeten Langobardenreich zu gewinnen; es kommt zu politischen und verwandtschaftlichen Verbindungen mit Italien, im Zusammenhang mit der Bistumsorganisation auch zu Kontakten mit dem Heiligen Stuhl.
788 wird Herzog Tassilo, dessen Regierung eine Glanzzeit in der Geschichte Bayerns darstellt, von Karl dem Großen abgesetzt und mitsamt seiner Gemahlin und seinen Kindern in ein Kloster gebracht. Obwohl die Einverleibung in den fränkischen Großstaat zunächst als Katastrophe empfunden wird, nimmt die Bedeutung Bayerns dadurch nicht ab, sondern zu. Bereits der Sohn Karls des Großen, Ludwig der Fromme (813–843), begründet ein bayerisches Unterkönigtum innerhalb der Karolingerdynastie, und dessen Sohn, Ludwig der Deutsche (843–876), der zusammen mit seinen Brüdern 843 die Reichsteilung von Verdun vornimmt, macht Bayern zum Kernland des nunmehrigen ostfränkischen Reiches. Ludwig regiert von Regensburg aus, das er sich bereits in jungen Jahren als Residenz erwählt hat, aber anders als die Agilolfinger ist er nicht nur Herrscher im Stammesstaat, sondern König des ostfränkischen Reiches.
Die Vorrangstellung Bayerns bleibt in der Folgezeit erhalten: Auch die Nachfolger Ludwigs, Karlmann (876–880) und Arnulf von Kärnten, der auf massiven bayerischen Druck hin auf den Schild gehoben wird und dem die versammelten Vertreter der deutschen Stämme in Regensburg huldigen, fühlen sich ganz als Bayern. Als unehelicher Sohn Karlmanns ist Arnulf mütterlicherseits mit führenden bayerischen Adelsfamilien verwandt und ist seiner Heimat ungeachtet seiner reichsweiten Wirksamkeit zeitlebens eng verbunden geblieben.
Was Karl der Große nicht ahnen konnte, wird knapp hundert Jahre nach seinem Tod Wirklichkeit: die Errichtung eines neuen bayerischen Stammesstaats, der in der deutschen und europäischen Geschichte eine große Rolle spielen sollte. Die neue Herzogsdynastie, die Luitpoldinger, ist wie die Agilolfinger einheimischer Herkunft; sie geht auf den im Abwehrkampf gegen die Ungarn bewährten Markgrafen Luitpold zurück. Als dieser in der für Bayern verheerenden Schlacht von Preßburg (907) fällt, die den Stammesstaat das gesamte Neusiedelland östlich der Enns kostet, erneuert sein Sohn Arnulf die bayerische Herzogswürde; er urkundet als „Arnulf, durch Gottes Vorsehung Herzog der Bayern und der angrenzenden Gebiete“.
Daß es sich bei dieser Wendung keineswegs um eine bloße Floskel handelt, macht er sogleich durch seine Außenpolitik deutlich, die nicht nur Ungarn, sondern auch Böhmen und Norditalien im Auge hat. Erstmals greift die damalige bayerische Politik in großem Stil über die Alpen hinweg aus, als Arnulf seinen Sohn Eberhard zum König der Lombardei macht. Zwar kann dieser seine Herrschaft gegenüber dem konkurrierenden Königreich Burgund nicht durchsetzen, die zeitweilige Vision eines Bayern von der Eger bis zum Po sagt jedoch viel über das Selbstverständnis und das politische Selbstbewußtsein des neuen Stammesstaates aus.
Auch in ottonischer Zeit behält Bayern seine starke Stellung. 947 überträgt Otto der Große seinem Bruder Heinrich das Herzogsamt, der in Bayern eine ottonische Nebenlinie begründet. Mit Unterstützung des aufstrebenden deutschen Königtums setzt Heinrich die Expansionspolitik Arnulfs fort: Als er 952 Herzog von Friaul (Istrien, Aquileja, Verona) wird, reicht Bayern im Süden fast bis zur Adria.
Eine europäische Rolle spielen die Bayern in und nach der Lechfeldschlacht des Jahres 955, die den Ungarneinfällen nach Deutschland und Italien ein Ende setzt und die Voraussetzung für die Einbeziehung Ungarns in das christliche Abendland bildet. Die Bayern stellen drei der sieben Heerhaufen des Reichsaufgebots und sperren nach der Schlacht sofort die Rückzugswege der geschlagenen Ungarn. Indem sie die nach Osten zurückflutenden Feinde auf vertrautem Terrain, zwischen Lech und Enns, stellen und vernichten, wird der deutsche Sieg erst perfekt.
Die nach der Schlacht erneut einsetzende Ostsiedlung macht die Bayern am Leithagebirge und im Burgenland zu unmittelbaren Nachbarn der sich nun in der Theiß-Donau-Ebene einrichtenden Ungarn, deren historische Entwicklung sie in der Folgezeit maßgeblich mitbestimmen. Das Erzbistum Salzburg nimmt die Mission auf, deutscher Handel und deutsche Kultur wandern donauabwärts – es sind die Bayern gewesen, die damals die Grundlagen für das bis heute meist gute Verhältnis zwischen Deutschen und Ungarn geschaffen haben.
Die eindeutige Westorientierung der Ungarn, ebenfalls eine historische Konstante, geht auf König Stephan den Heiligen zurück, der das Land von 997 bis 1038 regiert und es durch Gründung des Erzbistums Gran um die Jahrtausendwende in die christliche Kirchenorganisation integriert. 955 heiratet er die bayerische Prinzessin Gisela, die Schwester des späteren Kaisers Heinrich II. Sie hat in den 43 Jahren ihrer Ehe und danach viel für den deutschen Einfluß einerseits, für die Westorientierung Ungarns andererseits getan.
Als mit dem Tod Ottos III. (1002–1024) die ottonische Hauptlinie erlischt, kommt die süddeutsche Nebenlinie zum Zuge. Mit der Wahl Heinrichs II. zum deutschen König (1024–1039) übernimmt erneut ein Bayer die Führung des Reiches. Die Wahl ist Deutschland nicht schlecht bekommen, denn es gelingt dem neuen König, die Schwächeperiode der letzten Jahrzehnte zu überwinden und die Interessen des deutschen König- und Kaisertums gegenüber Polen, Böhmen, Ungarn und dem Heiligen Stuhl zu wahren. Seine größte innenpolitische Leistung, die Gründung und der Ausbau des Bistums Bamberg, ist auch dem Wunsch entsprungen, ein Verbindungsglied zwischen der bayerischen Machtbasis und dem Norden des Reiches zu schaffen.
In dieser Zeit nimmt die Bedeutung Bayerns für die europäische Geschichte erneut stark zu. Der Donauhandel, weitgehend über Regensburg abgewickelt, expandiert; die Stadt gewinnt besondere Bedeutung als Stapelplatz für byzantinische Tuche. In ganz Polen wird mit bayerischen Denaren bezahlt; das Regensburger Kloster St. Emmeram unterhält sogar eine ständige Vertretung in der russischen Hauptstadt Kiew. Auch die Kreuzfahrerheere, soweit sie auf dem Landwege nach Palästina ziehen, versammeln sich regelmäßig in Regensburg. Kunst und Kultur des Ostens, etwa byzantinische Goldschmiede-, Steinmetz- und Buchmalkunst, werden dem Abendland damals weitgehend über Bayern vermittelt.
Eine letzte Glanzepoche erlebt der bayerische Stammesstaat unter den welfischen Herzögen (seit 1070), vor allem unter Heinrich dem Stolzen (1126–1139) und Heinrich dem Löwen (1139–1180). Heinrich der Stolze, der von seinen italienischen Vorfahren her auch über erheblichen Besitz in der Toskana verfügt, gewinnt durch seine Heirat mit Gertrud von Supplinburg, der Erbtochter des deutschen Königs und sächsischen Herzogs Lothar, zu seiner bayerischen auch die sächsische Herzogswürde und ist damit der mächtigste Fürst im Reich. Eben deshalb wird 1138 der schwächere Staufer Konrad III. (1138–1152) zum deutschen König gewählt – das Signal zum staufisch-welfischen Bürgerkrieg, in dessen Verlauf fast zwei Jahrzehnte lang vor allem weite Gebiete Süddeutschlands verheert werden.
1156 kommt es in Regensburg zum Ausgleich zwischen dem neuen König Friedrich Barbarossa und seinem Vetter Heinrich dem Löwen, dem seine beiden Herzogtümer bestätigt werden. Er muß jedoch auf die Mark „Ostarrichi“, etwa das Gebiet des heutigen Bundeslandes Niederösterreich, verzichten. Damit ist die politische Trennung zwischen westlichem und östlichem Stammesgebiet vollzogen.
Obwohl in der Sicht Heinrichs des Löwen Bayern mehr ein Nebenland darstellt, hat das Herzogtum doch erheblich von der königsgleichen Stellung seines Herrschers profitiert. An europaweiten Aktivitäten des Herzogs, etwa an den Italienzügen, sind in erheblichem Anteil auch Angehörige des bayerischen Adels beteiligt. Bayern gewinnt durch seine Lage zwischen Italien und Norddeutschland neue Bedeutung.
Beim Sturz Heinrichs des Löwen wird 1180 sein süddeutsches Herrschaftsgebiet auf die neuen „Regionalherzogtümer“ Österreich, Kärnten, Steiermark und Bayern aufgeteilt. Die über sechshundertjährige Geschichte des bayerischen Stammesstaates ist damit zu Ende. Unter dem „Herzogtum Bayern“ versteht man in der Folgezeit das bayerische Stammesgebiet im Süden und Osten des heutigen Freistaats, ein nur mehr mittelgroßes Territorium, das jedoch für Süddeutschland von Bedeutung bleibt.