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Ausflug nach Shanghai

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Der Zug sah aus wie ein deutscher IC, nur dass seine Schnauze beim Fahrerhaus spitzer und frecher nach vorne ragte, als habe der IC einen Zahn zugelegt und wäre jetzt mit 300 Sachen unterwegs. Er war von einem chinesischen Zugbauer hergestellt, aber der hatte jahrelang mit Siemens in einem Joint Venture zusammen gearbeitet, außerdem waren Teile des Betriebssystems von Siemens geliefert worden.

Auch innen sah es aus wie in einem deutschen IC. Angenehm sauber, die Sitze bequem, genug Platz für die Beine. Alles neu und proper in den Farben hell blau und weiß gehalten. Sogar eine Zeitschrift gab es in dem Netz des Sitzes vor mir. Es war ein fettes, schweres Hochglanzmagazin, vollgestopft mit Werbung für Schweizer Uhren, italienische Anzüge, französisches Parfüm und deutsche Wagen. Ab und zu fanden sich englische Titel und Phrasen in dem unleserlichen Gewusel von chinesischen Schriftzeichen. Draußen flog die immer zu besiedelte flache Landschaft vorbei, die ab und zu größere Flächen von Grün frei gab, aber das Band der Häuser, Hochhäuser und Fabriken riss über die ganze Strecke von 100 km zwischen Wuxi und Shanghai nicht ab. Shanghai hörte also mindestens 100 km lang nicht auf, sich auszudehnen außerhalb seiner Stadtmauern und war doch selbst um die 20 Millionen Einwohner groß. Jetzt bremste der Zug langsam ab, Shanghai kam in Sicht. Hochhäuser hier und da, die Häuser wurden höher und drängten sich enger zusammen, Straßenschluchten dazwischen, die bis zum Horizont die Stadtkulisse aufrissen. Kanäle, Flüsse im Sonnenlicht blinkend. Die Aufregung stieg. Die Leute wurden unruhig, packten ihre Sachen, manche standen schon vor der Tür. Dann draußen großes Gedränge an den Treppen, lange Gänge, große Hallen, Lärm, ein riesig großer Platz vor dem gigantischen Bahnhofsbau mit der gläsernen Front, dicht bevölkert.

Vom Bahnhof aus fuhr ich mit der U-Bahn zum People-Square, dem Zentrum von Shanghai.Und als ich dort aus den Untergrund-Gewölben emporstieg und aufatmend wieder das Licht der Welt erblickte, sprachen mich beim Ausgang ein junger Mann und eine junge Frau auf Englisch an, woher ich denn käme, was ich hier treibe und wie lange ich schon hier sei. Sie seien Studenten aus dem Norden und Westen Chinas zu Besuch in Shanghai und würden sich gerne mit Fremden unterhalten.Sie sahen frisch und sauber aus, waren wie Studenten gekleidet, lachten viel, waren freundlich und zutraulich und so standen wir einige Zeit zusammen und plauderten. Das Wetter war herrlich mit einem hellblauen Himmel, schmucke Wolkenkratzer standen um mich herum, die danach schrien, von mir gesehen, gewürdigt und fotografiert zu werden. „Also gut“, sagte ich nach einiger Zeit „ich möchte jetzt los, die Stadt auskundschaften…“ und wandte mich zum Gehen, weil ich gekommen war, um auf eigene Faust die Stadt zu erkunden und ich mich gerne von meiner Intuition treiben ließ und meiner Lust auf gute Fotos und dabei nicht gerne Rücksicht nahm auf Begleiter, die, wie ich aus Erfahrung wusste, meines Herumschweifens bald müde wurden.

Aber zu meiner Überraschung blieben sie nicht stehen, sondern gingen einfach mit. Das war mir ein wenig unangenehm, aber ich sagte mir, warum nicht, warum nicht deine Zeit mit ein paar jungen Chinesen verbringen.Jedenfalls einige Zeit länger als eigentlich geplant. Sie sagten, dass sie zu einer Straßenparty gehen wollten hier ganz in der Nähe, ob ich denn nicht mitkommen wolle. Straßenparty klang interessant und auch noch ganz in der Nähe, außerdem schienen sie mir tatsächlich ganz nett und freundlich zu sein und bisher hatte ich noch keine schlechten Erfahrungen mit Chinesen gemacht… Außerdem wollte ich die netten jungen Leute nicht mit einer schroffen Abwendung vor den Kopf stoßen. Aber dann zog sich der Weg ewig lange hin, war also nicht ganz in der Nähe und ich sah so viele interessanten Motive unterwegs, die ich gerne fotografiert hätte und die ich nicht fotografieren konnte, weil wir ja jetzt unterwegs waren zu einer Straßenparty, was immer das war und dann gingen sie auch immer mehr einen Weg, den ich, wenn ich meiner Intuition gefolgt wäre, nicht gegangen wäre. Sie gingen in hässlich unbelebte kleine Straßen hinein und als ich dann nachfragte, wo denn diese Straßenparty sei und was das denn genau bedeute, stellte ich fest, dass ich mich verhört hatte, es ging nicht um eine Streetparty, sondern eine Teeparty und diese Tee-Party sei genauer gesagt auch eine Tee-Zeremonie. Das klang ja auch ganz interessant, ich hatte schon von buddhistischen Tee-Zeremonien gehört: Schon die Teezubereitung dauerte Stunden und war ein Gedicht, das Erheben der Tassen ein Akt des gesteigerten Bewusstsein und das bloße Einatmen des Duftes erfüllte das Sein mit neuen Schwingungen, die tagelang anhielten….

Sie führten mich in einen dunklen Hinterhof, eine Außentreppe an Metallwänden empor und eintraten wir in eine Art Büro, das mit buddhistischen Devotionalien vollgestopft war. Knallbunte rituelle Gewänder, Bänder und Bilder hingen an den Wänden, in den Regalen lagerten Buddha-Statuen in allen Größen und Formen, Kerzen, Schalen, Schälchen und Tee in kleinen Päckchen und großen Kanistern. Wir traten in einen engen dunklen Raum und setzten uns auf Kissen am Boden, vor uns ein flacher Tisch worauf schon eine tönerner kleiner Teetopf stand, nebst winzig kleinen Schälchen. Eine Frau trat ein, angetan in ein überaus kunstvoll gewirktes Gewandt, das golden leuchtete in zahlreichen Schnörkeln und Verzierungen, die sich prangend abhoben von einem starken feurigen Rot darunter. Ihr Gesicht war ungewöhnlich schön, ebenmäßig und sehr ernst. Nur bei der Begrüßung huschte ein kurzes Lächeln über ihre Lippen. Sie stellte sich hinter das Tischchen vor uns an die Wand, faltete die Hände vor der Brust wie eine fromm betende Nonne, blickte zum Himmel, schloss dann die Augen, neigte den Kopf und verharrte so einige Zeit. Meine Begleiter saßen neben mir und hatten ebenfalls ihre Blicke zu Boden gesenkt. Es war still, von draußen hörte man nur schwach das Beben und Brausen der Stadt.

Dann kniete sie sich nieder hinter dem flachen Tisch und schenkte mit langsamen weihevollen Bewegungen drei Tässchen voll von dem Tee, der wohl schon vorbereitet war. Meine Begleiter forderten mich stumm auf, zu zu greifen und dann nippte ich vorsichtig an dem Getränk. Es sah dunkelrot aus, schmeckte leicht süßlich, schwer und voll wie ein Burgunder unter den Teesorten, vielleicht ein schwarzer, also fermentierter Tee. Ich war ein bisschen enttäuscht, er schmeckte nicht schlecht, aber auch nicht so besonders….Fragend schauten mich meine Freunde an. „Hmmmm, guut!“ sagte ich aus Höflichkeit. Welchen Tee ich denn gerne trinken wolle, fragte die Studentin in halblautem Ton. Sie zeigten auf das Regal an der Seite, wo Dutzende von kleinen Gläsern voll mit Teeblättern standen. Ich stand auf. Keine Ahnung, ich kannte mich mit Tee nicht aus. Ich trinke Tee ganz gerne, aber am liebsten trinke ich irgendwelche unbehandelten Kräuter- oder Früchtetees.

„Möchtest du denn mal diesen Tee probieren, er heißt Uhlong- Tee und ist eine ganz besondere Spezialität aus dem Süden Chinas, sehr kostbar oder diesen hier aus Yunann, noch weiter im Süden?“ „Ja gerne“ „Und den noch vielleicht?“ Sie stellten eine ganze Kollektion von Tees zum Probieren zusammen und die Zeremonienmeisterin machte sich ans Brauen mit ihren gemessenen würdigen Bewegungen, wobei sie wohl einen Wasserkocher benutzte, denn sie hatte ständig heißes Wasser parat. Und jetzt tauchte in mir die Frage auf, ob ich… Also ob ich das zu bezahlen hatte? Ob das alles irgendwie etwas kostete? Und wenn ja, wieviel? Vielleicht sogar sehr viel? Und wie kam ich hier wieder raus?

Aber schon war der Uhlong-Tee fertig und wieder machten wir uns schweigend auf dem Boden sitzend in ebenfalls würdigen, der Zeremonie angemessen, langsamen Bewegungen ans Trinken. Ich kam mir vor wie in einer Kirche. Und gerade deshalb traute ich mich nicht, die ganz einfache Frage zu stellen. Aber dass das hier böse enden musste und dass ich bezahlen musste, das schwante mir immer deutlicher. Endlich hielt ich es nicht mehr aus und sagte leise zu der Studentin neben mir: „Was kostet das eigentlich, muss ich das bezahlen?“ „Ja“ sagte sie etwas zögerlich. „Ja und was kostet so ein Tässchen?“ „Je nachdem, also der Uhlong Tee ist ziemlich teuer, der kostet 50 Yuan, aber die anderen sind etwas billiger“ „50 Yuan, ein kleines Tässchen? Aber warum hast du mir das nicht gesagt?“ „Naja… vielleicht kann ich den Preis noch etwas runterhandeln“

Dann gingen die Worte hin und her zwischen ihr und der schönen Frau in dem altertümlichen Gewand und schließlich war der Preis für den Yulong bei vierzig Yuan und für die anderen bei dreissig. Ich überschlug kurz die Rechnung und kam zu dem Schluss, dass ich mit dem Yulong und drei anderen Teeproben auf 130 Yuan kam und dann noch einigermaßen heil aus der Affäre raus. Natürlich wollten sie mir dann auch noch ganze Päckchen Tee zum Mitnehmen verkaufen und anderen Grimskrams, aber ich trank nur noch widerwillig die anderen drei Tässchen und machte mich dann säuerlich lächelnd möglichst schnell aus dem Staub und duldete jetzt auch nicht mehr, dass sie mich noch weiter begleiteten, denn das hatten sie mir angeboten, sie waren nur schwer abzuschütteln, aber ich rannte förmlich davon: „By By!“

Sie hatten mich reingelegt, mein Vertrauen ausgenutzt für ihre Verkaufsabsichten, ich war sauer, aber wie ich so forsch davon stiefelte und ringsum die in den Himmel schießenden Wolkenkratzer sah, den wild hupenden herumwirbelnden Verkehr, schöne Mädchen mit viel zu kurzen Röcken und in der Ferne den Fernsehturm mit dem roten Ball und der silbrig glänzenden Spitze hellte sich meine Stimmung wieder auf. Plötzlich musste ich lachen: „Sie haben mich reingelegt!“

„Ich hätte dich warnen sollen“ sagte mir Kollegin Büttel später, als ich ihr davon erzählte. Sie hatte schon zwei Jahre lang in Shanghai gelebt. „Sorry, das habe ich einfach vergessen, Dir zu sagen.Wenn du nach Shanghai kommst, wirst du in den Touristenvierteln ständig angesprochen. Nepper, Schlepper, Verkäufer überall.“ Und genauso war es auch. Besonders in der berühmten Einkaufsstraße Nanjing Road standen alle paar Schritte Männer und Frauen, die Uhren oder Taschen anboten, in der Regel sogenannte "Fake-Produkte", also billige illegale Imitate von teuren Markenprodukten. Und ein paar Monate später lernte ich Michael, einen Engländer, kennen, dem genau dasselbe passiert war, er hatte überhaupt nicht gefragt, ob der Tee etwas kostet und am Ende war ihm eine riesige Rechnung von 500 Yuan präsentiert worden, die er zum Glück auf 350 hatte herunterhandeln können.

Der Peoplesquare ist das Zentrum von Shanghai, jedenfalls heißt er so für die Ausländer, die Chinesen nennen ihn „Renming Guangchang“, was aber dasselbe bedeutet: Volksplatz. Und hier befand sich auch bis vor wenigen Jahren noch ein großer Platz für das Volk. Aber nach der blutigen Niederschlagung des großen Aufstands auf dem Tian an men- Platz 1989 in Beijing, wo Tausende von Studenten demonstriert hatten, wurde der Volksplatz in Shanghai einfach zum Verschwinden gebracht, denn auch hier hatten Tausende demonstriert. Der Platz wurde umgestaltet in einen Park mit hübschen Rasenflächen, Bäumen, Brunnen und netten Blumenrabatten: Betreten bitte verboten!

Vom Peoplesquare ist es nur ein paar Hundert Meter runter zum „Bund“, der berühmten Promenade am Huangpu- Fluss. Dort stehen prunkvolle Bauten aus der Kolonialzeit auf der einen Seite des Flusses und auf der anderen die neuen Wolkenkratzer des Pudong Viertels, die eine eindrucksvolle Kulisse bilden. Die Kolonialbauten, Banken, Konsulate, Casinos, Verwaltungsgebäude stammen vom Ende des 19. und frühen 20. Jahrhundert und erinnern an ähnliche protzige Bauten dieser Zeit in New York. Gegenüber die Wolkenkratzer sind erst in den letzten 20 Jahren aus einem sumpfigen Boden herausgestampft worden, ein ganz neues Viertel ist entstanden, das vor allem durch Bürohäuser geprägt ist. Das Wahrzeichen dieses neuen Shanghais ist der Fernsehturm, der aussieht wie eine riesige in den Himmel gereckte filigrane Nadel, die einen roten Ball aufgespießt hatte. Der Ball besteht aus Stahlstreben, roter Kunststoffumkleidung und Glas und als ich in ihm stand, wie schon Millionen von Touristen vor mir, staunte ich über den Blick, der sich mir bot. Der Fluss schwingt sich in sanften Bögen durch die Stadt dem Meer zu, das man nicht sehen konnte, aber ahnen im Dunst, im Osten der Stadt. Es ist 20 bis 30 km vom Stadtzentrum entfernt. Über der ganzen Stadt lag dieser Dunst wie ein Nebel, die Ausdünstungen des Monsters. Ringsum ragten neue Kolosse auf, viele waren noch im Bau, man sah sie von oben schräg gegen den Horizont gerichtet, von Gerüsten umgeben, halb fertige Giganten, die Stahlstreben in den Himmel geschoben, winzig kleine Arbeiter waren zu erkennen, die an den Gerüsten herumturnten. Unten auf dem breiten Fluss schoben sich lautlos zahlreiche Schiffe vorbei auf der spiegelnden Fläche. Hochhäuser standen ringsum und auch auf der anderen Seite des Flusses in großer Zahl, man fühlte sich tatsächlich wie in einem Häusermeer, ein Ende der Stadt war nirgendwo zu sehen. Ich fühlte mich berauscht von diesem Blick. Der Turm war so hoch, über 400 Meter, dass man sich schweben fühlte über der Stadt. „Dongfang Mingtschu“, „Perle des Ostens“ wurde der Turm stolz genannt. Er ist einer der höchsten Türme in ganz Asien.

Wenn man dort oben stand, war man einfach überwältigt, etwas Ungeheures war geschehen, China war plötzlich mit aller Gewalt und Macht emporgeschossen, schrie seine Kraft in die Welt hinaus: Hallo hier sind wir, wir wollen hoch hinaus, wir werden die Welt erobern!

Dies hier ist das Kraftzentrum des neuen Chinas, hier ist das intelligente Steuerungszentrum des Motors, Shanghai ist die Finanzmetropole Chinas und überstrahlt mit seinem Glanz Hongkong, die andere Finanzkapitale im Süden, die immer mehr im Schatten Shanghais zu verschwinden scheint. Was natürlich bewusst so gewollt ist vom politischen Verwaltungszentrum in Beijing, das seit Jahren diese Entwicklung befördert. Hongkong ist seit seiner Übernahme von den Briten mit gewissen Sonderrechten ausgestattet, mit einer freien Presse und demokratischem Wahlrecht und das soll bitte nicht allzu sehr Schule machen im restlichen China. Inzwischen, sechs Jahre später, sind zur „Perle des Ostens“ noch weitere Riesen hinzugekommen, darunter das „World-Finance-Center“, in bewusster Anlehnung an das weg gebombte World Trade Center in New York so genannt. Es sollte ursprünglich an seiner 490 Meter hohen Spitze zwei dämonische Hörner in den Himmel strecken, die dann aber aus Sicherheitsgründen mit einem ringsum verglasten Laufsteg verbunden wurden, dem sogenannten „Skywalk“, einem magnetischen Anziehungspunkt für Touristen. So dass die Spitze des Turm jetzt nicht mehr aussieht wie das Haupt eines Stiers, sondern eher an einen Bier-Flaschenöffner erinnert. Und etwas weiter Flussaufwärts ragt seit 2014 ein neuer Riese in den Himmel, der Shanghai Zentrums-Turm, mit 630 Metern hinter dem Burj Khalifa in Dubai der zur Zeit zweithöchste Turm der Welt. Er sieht geradezu monströs aus in seiner maßlosen, dominanten, alle anderen Hochhäuser weitaus überragenden Gestalt und Gewalt und windet sich wie eine Schlange in den Himmel.

Auf späteren Ausflügen durch die Stadt und vor allem dann, als ich in der Stadt lebte, wurde mir allerdings klar, dass das großartige Zentrum und die Massierung von Hochhäusern um es herum nur ein Teil des Ganzen sind, höchstens ein Drittel der Stadt. Wenn man mit der U-Bahn, die weiter draußen zur S-Bahn wird, hinausfährt den Rändern entgegen, sieht es dann nicht mehr so spektakulär aus. Im Zentrum, sieht man häufig Mercedes- Karossen und die schnellen Wagen von Porsche, BMW und Audi, in Stadtteilen um das Zentrum herum, die unendlich weit ins Land hinaus wuchern, sieht man sie selten. In der Innenstadt wimmelt es in manchen Straßen von Ausländern, während ich weiter draußen von den Einheimischen als exotisches Tier bestaunt wurde. Hier wohnen eher die armen Leute, die froh sind, in riesigen neu gebauten Wohnblöcken oder kleine alten Reihenhäusern untergekommen zu sein. Hier stehen auch die Fabriken, in denen sie ihr Brot verdienen. Ausländische Staatsgäste, Politiker werden an den Bund gekarrt, dort bestaunen sie das neue großartige China, dass das nur ein Ausschnitt des Ganzen ist, wird ihnen nicht bewusst.

Am Abend stellte ich mich am Hauptbahnhof vor dem Eingang in die lange Schlange, die sich durch ein Geländer gelenkt einer Sicherheits-Schleuse zu bewegte. Es dauerte nicht allzu lange und ging schnell voran. Mein Zug ging in einer Viertelstunde, das Ticket hatte ich schon. Die Nacht war hereingebrochen und der riesige Platz war überstrahlt von den elektronischen Wänden an den Hochhäusern ringsum, die ihre Werbefilme mit grellem Licht über die Menschen flimmern ließen. Tausende waren unterwegs, hetzten über den Platz, andere saßen auf den Betonmäuerchen um die wenigen Bäume herum oder einfach auf dem Boden oder standen in kleinen Gruppen zusammen. Ich legte meinen Rucksack auf das Band, das sie durch eine Maschine schob, wie man sie von Flughäfen her kennt. Ein paar Uniformierte standen um den Durchleuchtungs-Apparat herum. An allen chinesischen Bahnhöfen gibt es diese Sicherheitskontrollen. Und in den letzten Jahren sind sie auch an allen U-Bahn Stationen in China eingeführt worden. Vermutlich haben die Sicherheitsbehörden Angst vor Anschlägen. Im Südwesten des Landes sind die Tibeter nicht so erfreut über ihre Zwangseingemeindung ins chinesischen Reich und im Nordwesten sind es die Uguren, die von den Chinesen „Weiworen“ genannt werden, die immer wieder für Unruhe sorgen. Sie sind schon von ihrer äußeren Erscheinung her ein ganz anderer Volksstamm als die Chinesen, sind mit den Türken verwandt, überwiegend Muslime, backen dasselbe Fladenbrot, das die Türken in Deutschland zum Döner Kebab anbieten und viele von ihnen hassen die Chinesen, weil sie sich von ihnen unterdrückt fühlen. Es ist ein stolzes Volk. Im achten Jahrhundert hatten sie ein riesiges Reich, das sich von der heutigen Türkei bis zum Pazifik erstreckte. Dazu kommt noch die Furcht vor gewalttätigen Islamisten, die auch nicht so weit weg sind in Afghanistan. China hat eine gemeinsame Grenze zu Afghanistan. Und ein paar Millionen Muslime leben in China. Außerdem will man vielleicht schon mal vorbeugen für den Fall, dass es soziale Unruhen im Lande gibt. Also ein paar gute Gründe, vorsichtig zu sein.

Hinter der Sicherheitsschleuse ging es Rolltreppen hoch in einen breiten Gang von dem rechts und links die Wartehallen abgingen. In denen hingen in langen Bankreihen müde Menschen herum und glotzten auf die riesigen Fernsehwände. Ich setzte mich auf einen noch freien Platz und knabberte Schokoladenkekse. Die waren weitaus weniger schmackhaft als deutsche, die Chinesen verstanden nichts von Schokolade. Es gab in der chinesischen Kultur keine Tradition des Schokolade-Machens, das war eine Kunst, die erst in den letzten Jahren in China heimisch geworden war und in dieser Kunst waren sie noch lausige Lehrlinge. Aber auch hier lernten sie rasch. Es gab eine gute Schokoladen-Sorte in China, die allerdings sehr teuer war.

Eine Lautsprecherstimme schallte laut durch die Halle, bedrohlich rote Laufbänder kündigten den Zug an, zehn Minuten vor der Abfahrt. Alle ringsum erhoben sich und einige stürmten den Türen zu, die sich jetzt öffneten. Ich hatte, um Kosten zu sparen, für die Rückfahrt eine Art Regionalzug genommen. Ich hatte einen reservierten Platz, aber vielleicht hatten viele andere keine, die es jetzt so eilig hatten. Ich ging durch mehrere Kontrollstationen hindurch, wo man aber nur noch die Fahrkarte sehen und abstempeln wollte. Am Eingang zum Zug standen auch noch Kontrolleure herum, sie nahmen das sehr ernst mit den Kontrollen. Das ist in allen Bahnhöfen Chinas so üblich.

Beim Einsteigen drängten sich die Leute in einen Haufen zusammen und wühlten sich nach innen durch. Der Zug war so voll, dass im Mittelgang dicht gedrängt die Leute am Boden saßen, darunter viele Wanderarbeiter mit ihren dunklen wettergegerbten Gesichtern und ihren billigen, prall vollgestopften Plastik-Säcken, Kisten und Koffern, auf die sie sich setzten, rauchten und palaverten. Einer legte sich einfach mitten in den Gang, er sah so erschöpft aus, dass man ihn verständnisvoll da liegen ließ, obwohl er immer wieder zu komplizierten Ausweichmanövern Anlass gab, wenn jemand zur Toilette wollte am Ende des Ganges. Ab und zu erhob er sich und schaute sich um, als sei er unter Wasser und betrachte seltsame Fische, die um ihn herum geistern, aber er konnte die Augen kaum offen halten, glitt wieder zu Boden und fiel in einen ohnmachtsartigen Schlaf.

Wie ich in China ein Kind bekam

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