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9Eunate

Sie verließen die Stadt und wanderten nach Ciçur Minor* hinauf, wo die Caballeros del Hospital de San Juan de Jerusalém – die Ritter des Johanniterordens – ein prächtiges Kloster gebaut hatten. Die drei Pilger umrundeten die Wehrkirche mit dem niederen, zinnenbestückten Turm und folgten weiter dem Weg, der unerbittlich auf die vor ihnen aufragende Bergkette zuhielt, die sie bereits von Pampalona aus gesehen hatten.

»Müssen wir da hinüber?«, stöhnte Juliana.

»Ich denke ja«, nickte Bruder Rupert. »Ich habe mich nach unserem weiteren Weg erkundigt. Er führt über den Alto del Perdón.«

Noch stieg der Weg nur sanft bergan. Sie durchquerten ein Dorf mit einem Herrensitz etwas abseits auf einem Hügel. Nun wurde der Weg spürbar steiler, und auch die Sonne brannte mit jeder Stunde heißer vom wolkenlosen Himmel. Zwischen vertrockneten Feldern und Dornengebüsch stiegen sie den staubigen Pfad hinauf. Juliana blieb immer häufiger stehen und griff nach ihrer Wasserflasche. Ihre Füße waren heiß und brannten in den Schuhen. Der warme Wind, der durch das braune Gras strich, schien Natur und Wanderer auszudörren.

»So ging es auch dem Pilger vor langer Zeit«, durchbrach Andres Stimme das Schweigen, »der sich – wie wir jetzt – nach Wasser sehnte, und dem dann der Teufel erschien, um ihn in Versuchung zu führen. Kennt Ihr die Geschichte? Ein alter Pilger hat sie mir gestern in der Herberge erzählt.«

Bruder Rupert schüttelte nur stumm den Kopf, während Juliana den jungen Ritter aufforderte zu erzählen.

»Nun, es war ein heißer Tag, und die Sonne brannte vom Himmel. Längst schon hatte der Pilger den letzten Rest aus seiner Kürbisflasche geleert, und die Zunge klebte ihm am Gaumen. Er war gar am Verdursten, da trat ein grün gekleidetes Männlein aus den Büschen und bot ihm an, ihm eine Quelle zu zeigen. Der Pilger war erfreut und wollte gern mit dem Männlein gehen, doch es sagte: ›Nur eine winzig kleine Bedingung müsst Ihr erfüllen, dann könnt Ihr Euch an dem kühlen Nass laben: Ihr müsst Gott und seinen Heiligen abschwören.‹ Der Pilger wehrte empört ab und schleppte sich trotz seines Durstes weiter den steilen Hang hinauf. Da erschien ihm der heilige Jakobus. Er trat zu ihm und reichte ihm seine Muschel, die mit reinem Wasser gefüllt war. Er ließ den Pilger trinken und stillte dessen Durst. Andere sagen, Sankt Jakob habe mit seinem Stab auf die Erde geschlagen, und Wasser sei hervorgesprudelt. Jedenfalls soll es unterhalb der Passhöhe seitdem eine Quelle geben, die noch nie versiegt ist.« Beifall heischend sah André seine Begleiter an. Der Bettelmönch kratzte sich nur das kurze Haupthaar und seinen schmutzigen Bart, in dem wohl schon wieder das Ungeziefer sein Unwesen trieb.

Juliana stöhnte: »Ich hoffe, wir finden die Quelle. Meine Flasche ist leer.« Ihr Gesicht war schweißnass und gerötet.

Bruder Rupert nahm die seine vom Gürtel und reichte sie ihr. »Hier, trink.« Sie zögerte, griff dann aber dankend zu. »Ist es nicht unsere Pilgerpflicht.?«, brummte der Mönch und unterbrach damit ihren Dank.

Sie erreichten den Pass, über den der Wind fast mit Sturmesstärke hinwegbrauste. Die Wanderer zogen sich ihre Mäntel wieder über und beeilten sich, die Höhe hinter sich zu lassen. Ein Stück weiter oben sahen sie das geduckte Gebäude der Wallfahrtskapelle, die der Bergkette ihren Namen gab. Doch keinen von ihnen drängte es, über den windgepeitschten Kamm hinaufzusteigen, um dort ein Gebet zu sprechen.

Der Abstieg war fast so mühsam wie der Aufstieg. Nicht nur dass der Weg steil hinabführte und ihre Umhänge immer wieder an Brombeerranken und Dornengebüsch hängen blieben. Schlehen und Weißdorn, mit glänzenden Beeren behangen, säumten den Pfad, ansonsten war der Berghang mit hartlaubigen Steineichen bewachsen, die hier oben kaum eine Manneslänge überragten. Encina nannten die Menschen in Navarra diesen Baum. Was den Abstieg jedoch so schwierig machte, waren die mehr als faustgroßen Steinbrocken, die den Staubpfad bedeckten. Sie drückten schmerzhaft durch die dünnen Sohlen. Immer wieder geriet Juliana ins Rutschen, knickte ein oder schlug mit den Fußknöcheln gegen die gerundeten Steine.

»Ah!« Stöhnend blieb das Mädchen stehen und rieb sich die Zehen, die gegen einen der Brocken gestoßen waren. Sie hob den Stein auf und betrachtete ihn.

»Das ist seltsam. Ich kenne solch groben Kies nur von Flussufern.«

Bruder Rupert trat neben sie und nickte. »Ja, der Gedanke kam mir auch schon. Es ist, als wäre hier früher Wasser geströmt, aber wie kann das sein, hier auf der Flanke eines so hoch aufragenden Berges? Wieder eines der Rätsel, die Gottes Natur uns aufgibt.«

»Könnte es die Sintflut gewesen sein, die all die runden Steine hier zusammengeschwemmt hat?«, fragte Juliana und lachte unsicher. »Seht, überall ragen sie aus den Böschungen heraus.«

Es war einer der wenigen Momente, in denen der Mönch lächelte. »Wer kann das schon sagen? Es ist jedenfalls eine Möglichkeit.«

Endlich verschwanden die Steine, und weicher Sandboden schenkte den geplagten Füßen Erholung. Abgeerntete Felder schmiegten sich in die Senken zwischen den steinigen Erhebungen, auf denen nur kärglich von der Sonne verbranntes Gras wuchs. Sie durchquerten ein Dorf, das auf einem flachen Hügel lag. An einem Feldrain hielt Juliana im Schatten eines Baumes an und setzte sich auf den ausgetrockneten Boden. André ließ sich neben sie fallen.

»Das ist eine gute Idee. Wir sollten es wie die Leute aus Navarra machen und die heiße Stunde zu einer Siesta nutzen.« Bruder Rupert brummte zustimmend. Er packte ein Stück Käse aus und biss herzhaft hinein. Der strenge Geruch vermischte sich mit dem Duft von sonnengewärmter Erde, Lavendel und dem Straßenstaub, der noch immer in der Nase brannte. Juliana zog ihre Schuhe aus, ließ sich ins trockene Gras sinken und schloss die Augen. Wie wohl das tat!

»Da, seht nur, das müssen Tempelritter sein«, hörte sie André sagen. Der junge Ritter war in der zunehmenden Hitze schweigsam geworden, nun im Schatten des Baumes schienen seine Lebensgeister wieder zu erwachen. Seine Stimme klang aufgeregt. »Wie ihre weißen Mäntel im Sonnenlicht schimmern, als wären sie aus Silber.«

»Und wie sie ihre Pferde bei dieser Hitze zu Schanden reiten«, knurrte der Bettelmönch. Juliana blinzelte und öffnete die Augen. In einigem Abstand ritten zwei Männer in flottem Trab ein Feld entlang. Die weißen Mäntel flatterten hinter ihnen her.

»Kannst du das rote Kreuz auf der Schulter erkennen? Ich sehe es nicht. Es könnten auch Deutschordensritter sein. Auch sie tragen weiße Mäntel, nur dass sie ein schwarzes Kreuz darauf haben. Ich habe schon viele von ihnen gesehen. Burg Horneck und ihr Dorf Gundelsheim am Neckar sind eine Komturei der Deutschmeister.« Bruder Rupert hob die Lider und warf dem Mädchen einen raschen Blick zu, sagte aber nichts.

»Deutschordensritter«, wehrte André verächtlich ab. »Wie sollen denn die hier nach Navarra kommen? Das sind Templer, daran ist nicht zu zweifeln. Der Orden ist groß und mächtig geworden, nicht nur im Reich des französischen Königs. Man findet sie überall entlang des Jakobsweges, um den Pilgern beizustehen und sie vor räuberischem Gesindel zu beschützen.« Der Bettelmönch ließ ein Schnauben vernehmen.

»Was? Seid Ihr etwa anderer Meinung?«, rief der junge Ritter aus Burgund und warf dem Bettelmönch einen funkelnden Blick zu.

»Sicher schützen sie hier die Pilger genauso eifrig wie die auf ihrem Weg nach Jerusalem«, knurrte Bruder Rupert.

»Jerusalem ist gefallen!«, ereiferte sich André, »und das war ganz bestimmt nicht die Schuld der Templer! Natürlich können sie nun im Heiligen Land ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen. Die Tempelritter haben stets tapfer gekämpft. Selbst gegen die größte Übermacht sind sie nicht zurückgewichen. Nein, mutig haben sie den ungläubigen Feind bestürmt!«

»Ich werfe ihnen keine Feigheit vor, aber vielleicht maßlose Selbstüberschätzung, die an Selbstmord grenzt? Auch so ein Verhalten kann einer Sache schaden.«

»Was wisst Ihr denn schon davon?«, fauchte der junge Ritter. »Papst Clemens wird einen neuen Kreuzzug ausrufen, und ein mächtiges, christliches Heer wird ins Heilige Land ziehen. Sie werden Jerusalem von den Ungläubigen befreien und das Reich Gottes auf Erden errichten. Die tapferen Tempelritter führen das Kreuzfahrerheer zum Sieg!«

»Junger Träumer«, brummte Bruder Rupert. »Die Zeit der Kreuzzüge ist vorbei. Ritter und Bauern wollen lieber in der Heimat leben, als auf einem Zug in den Osten jämmerlich verrecken! Die Sarazenen in Jerusalem mussten sich meist nicht sonderlich anstrengen. Der größte Teil des christlichen Haufens, den du Heer nennst, hat sich auf seiner Reise stets selbst aufgerieben!«

André stemmte die Hände in die Taille und funkelte den Bettelmönch an. »Und doch haben wir das Heilige Land nicht nur einmal erobert!«

»Ein Land erobern oder es auf Dauer halten und besiedeln sind Schuhe verschiedener Größe, mein junger Heißsporn. Das mussten auch die Reconquistadoren aus Kastilien, Leon und Aragón lernen. Was macht man mit einem Land, das man dem Feind entrissen hat, ohne ein Volk, das darin lebt? Deine Templer haben es hier in Hispanien schlau gelöst, das muss man ihnen lassen. Da sie von den Königen stets die Burgen und Ländereien direkt an der Frontlinie als Lohn für ihren erfolgreichen Eroberungskampf erhielten, holten sie einfach die vertriebenen Sarazenenfamilien zurück. Nun bearbeiten sie ihre Felder genauso wie vor der Reconquista, nur dass sie an die christlichen Ritter ihre Abgaben leisten statt an ihren Sultan. Ja, schlau und geschäftstüchtig sind die »armen Ritter Christi«, das muss man ihnen lassen.«

»Ihr phantasiert, Bruder!«, schnaubte André. »Redet nicht von Dingen, von denen ein Bettelmönch nichts versteht. Ich kenne die Templer!«

Sicher hatte André Recht, er war ein Ritter, und es gehörte zu seiner Ausbildung, über vergangene Schlachten und andere Ritter Bescheid zu wissen. Und dennoch, dachte Juliana, hatten sich Bruder Ruperts Worte angehört, als wisse auch der Mönch sehr genau, wovon er sprach. Seltsam. Was verbarg dieser muskulöse, bärtige Mann im Gewand des Bettelmönchs? Warum sprach er nie davon, woher er kam, wo er aufgewachsen war und zu welchem Kloster er gehörte?

»Die Templer sind edle und selbstlose Männer, die sich für die armen Pilger aufopfern!«

Bruder Rupert wandte sich ab und begann, sein Bündel zusammenzupacken. »Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, fremde Schätze zu bewachen und ihren Reichtum zu mehren«, brummte er in seinen Bart.

Juliana wusste nicht, ob André die Worte nicht verstanden hatte oder ob er sie überhören wollte, denn er fuhr an sie gewandt fort:

»Ich kann es nicht erwarten, auf sie zu treffen. Du musst mit mir nach Eunate kommen«, drängte er. »Es liegt zwar nicht auf unserem Weg, aber ich will es auf keinen Fall versäumen.«

»Warum? Was gibt es dort Besonderes? Ist dir der Weg nach Santiago nicht weit genug, dass du noch nach Umwegen suchst?« Juliana räkelte sich, fischte nach dem letzten Apfel in ihrem Rucksack und biss herzhaft in die kleine, saure Frucht. Sie wollte keinen Umweg machen. Schon die Siesta im Schatten dieses Baumes nagte an ihrem Gewissen. Der Vater konnte nur wenige Tagesmärsche voraus sein. Wenn sie sich beeilte, dann könnte sie ihn bald einholen. Dann würden sie zusammen an Sankt Jakobs Grab treten und um Vergebung für Vaters Seele beten. Und dann würde er ihr erzählen, wie es zu dieser schrecklichen Bluttat kommen konnte. Der Templer hatte ihn gereizt, beleidigt oder in die Enge getrieben, dass ihm keine Wahl geblieben war. Den Vater traf keine Schuld! Wie gern würde sie diese Worte glauben.

André ging mit ausladenden Schritten auf und ab. Er breitete die Arme aus. »Es ist – ach, ich kann das nicht erklären, du musst es mit mir zusammen sehen. Es sind doch nur zwei oder drei Stunden, die wir verlieren.«

»Warst du denn schon einmal dort?«, mischte sich Bruder Rupert ein, der auf einem Grashalm herumkaute.

»Nein, natürlich nicht«, fauchte ihn der junge Ritter an. »Wie sollte ich? Ihr wisst genau, dass ich zum ersten Mal nach Santiago wandere.«

»Woher willst du dann wissen, dass Eunate so wichtig ist? Ich habe gehört, es ist nichts weiter als eine Grabkapelle der Templer inmitten von nichts. Ich denke, wir können uns unsere Sohlen sparen und direkt nach La Puent de la Reyna* wandern.«

»Viele Pilger gehen diesen Weg«, behauptete André und funkelte den Bettelmönch aus seinen dunklen Augen an. Das Streitgespräch über die Templer war zu einem Kräftemessen geworden.

Juliana richtete sich auf und warf den Rest des Apfels ins Gebüsch.

»Vielen Dank für Euren Rat, Bruder Rupert. Ihr könnt Eure Sohlen gerne schonen. Wir sind Euch nicht gram, wenn Ihr den direkten Weg weitergeht, aber ich werde mit André nach Eunate ziehen und in der Templerkirche beten.« Sie sprang auf, hängte sich die Pilgertasche über die Schulter und den Rucksack auf den Rücken. Strahlend lächelte sie André an. Es war nicht nur der Gedanke, Bruder Rupert loszuwerden, der sie zu diesem Entschluss trieb. Falls André Recht hatte, dann war vermutlich auch der Vater diesen Weg gegangen, und vielleicht konnte sie in Eunate etwas über ihn in Erfahrung bringen. Der Vater wollte für den Frevel an einem Templer büßen. Würde er da nicht zu ihrer Grabkapelle wandern und vor dem Altar für Swickers Seele beten? Es würde sie nur wenige Stunden kosten. Wenn sie am Abend länger wanderte, konnte sie das Verlorene wieder hereinholen. Wichtig war, dass sie bis zum Abend die Stadt mit der Brücke der Königin erreichte.

»Ich bin bereit. Wir können gehen.«

Der junge Ritter musterte sie ein wenig verwirrt, griff dann aber nach seinem Beutel und folgte Juliana zurück auf den Weg. Bruder Rupert brummte etwas von »unvernünftige Jugend« und »halsstarriges Geschöpf«, ging den beiden jedoch den Weg zur Templerkapelle Santa María de Eunate nach.

»Ich habe gehört, sie halten dort Rituale und wichtige Versammlungen ab«, vertraute André der Ritterstochter so leise an, dass der Bettelmönch, der hinter ihnen schritt, es nicht hören konnte. »Ach, wenn man so etwas einmal ungesehen beobachten könnte!«

* * *

Sie hatten beide Recht. Eunate war nur eine Kapelle inmitten von nichts – oder richtiger gesagt inmitten sich ausdehnender Felder, und dennoch spürte Juliana, was André nicht hatte aussprechen können: den seltsamen Zauber, den dieser Ort ausübte, und der sie froh machte, den Umweg in Kauf genommen zu haben.

Der Bau war achteckig. Um die Kirche herum zog sich ein Säulengang. An ihrem niedrigen Turm befestigte man nachts eine Laterne, um den Pilgern den Weg zu zeigen, die den Pyrenäenübergang bei Puerto de Somport gewählt hatten und über Jaca, Javier und Eunate weiter nach La Puent de la Reyna zogen, wo sich die beiden Pilgerrouten trafen.

Ein seltsamer Schauder rann Juliana über den Rücken, als sie hinter André unter dem Torbogen hindurch in den mit einem flachen Dach gedeckten Gang trat. Bruder Rupert folgte ihnen nicht. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand er in einiger Entfernung und musterte mit kühlem Blick die Kapelle.

Die Bogenpforte zu dem kleinen Gotteshaus öffnete sich, und ein Templer im weißen Mantel trat heraus.

»¡Dos peregrinos jóvenes!« Er neigte den Kopf. »¡Dios otörgamos un buen día!«

Er war klein, aber kräftig gebaut, mit kurz geschnittenem dunklen Haar und einem wuchernden Bart, der bereits von weißen Fäden durchzogen wurde. Sein Blick richtete sich starr auf die beiden Besucher.

Die Worte für »Pilger« und »guten Tag« verstand Juliana. Sie versuchte es mit Latein, aber der Templer schüttelte den Kopf. Er wechselte ins Französische.

»Was wünscht ihr? Wir sind keine Herberge, und ich habe nur wenige Vorräte zu teilen. Wenn ihr beten wollt, so tretet ein. Wenn nicht, dann rate ich euch, euren Weg bis nach La Puent de la Reyna fortzusetzen. Die Sonne schenkt uns noch einige Stunden Licht. Vor der Stadt findet ihr ein Pilgerspital unseres Ordens, das euch Speis und Trank und auch ein Lager geben wird.«

Sein Blick war so durchdringend, dass Juliana unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Hatten sie ihn bei irgendetwas Wichtigem gestört?

André verneigte sich. »Bruder – Ritter – wir freuen uns, hier zu sein und in Eurer Kirche beten zu dürfen. Darf ich Euch fragen, wozu dieser wundervolle Ort in seiner Abgeschiedenheit dem Orden dient? Ich habe gehört, hier werden wichtige Versammlungen abgehalten.« Er sah den Templer erwartungsvoll an. Der Mann verzog keine Miene.

»Es wird viel geredet und vermutet, statt dass die Menschen sich um ihren eigenen Hof kümmern. Wir sind hier, um in dunkler Nacht mit unserer Glocke und einem Licht den Pilgern ihren Weg zu weisen und unseren Brüdern, die sich für ihre Nächsten aufgeopfert haben, eine ewige Ruhestätte zu geben.«

André dankte dem Tempelritter.

»Und ich glaube dennoch, dass sie hier geheime Treffen abhalten und Rituale feiern«, raunte er Juliana zu, als er die Kapelle betrat. André kniete vor dem einfachen Steinaltar nieder und faltete die Hände. Juliana blieb nahe der Tür stehen. Sie fühlte sich befangen. War es nicht Frevel, wenn sie, die Tochter eines Mannes, der einen ihrer Brüder gemordet hatte, hier im Haus der armen Ritter Christi stand und an ihrem Altar das Wohl ihrer Familie erflehte? Musste sie sich schuldig fühlen? Widerstand regte sich in ihr. Sie war nicht eins mit dem Vater und würde diese Tat nie billigen, ganz egal, was ihn dazu getrieben hatte. Und doch brachte sie es nicht über sich, an den Altar heranzutreten und die Knie zu beugen. Sie spürte den starren Blick des Templers in ihrem Rücken. Man erzählte sich so viele wunderliche Dinge über den Orden. War es gar möglich, dass die Templer in den Herzen anderer Menschen lesen konnten und der Ordensmann ihr finsteres Geheimnis offen sah? Sie wagte nicht, ihn nach dem Vater zu fragen, obwohl sie deshalb hergekommen war.

Ein Hufschlag ertönte. Der Templer verschwand, und bald erklangen drei Stimmen. Sie sprachen schnell und abgehackt. War das Kastilisch? Juliana konnte nichts verstehen. André erhob sich, und gemeinsam traten sie in den Umgang hinaus.

»Siehst du, Kirche und Umgang haben die Form eines Achteckes. Man sagt, die Tempelritter hätten eine ganze Anzahl solcher Kirchen und Kapellen errichtet. Böse Zungen und Hetzer behaupten, sie würden diese Form wählen, weil sie den Sarazenen nahe stehen und auch den Juden.« Andrés Stimme klang empört. »Dabei hat keiner die Ungläubigen hier und in Palästina so bekämpft wie die Tempelritter! In Wahrheit bilden sie das Heilige Grab in Jerusalem nach. Meinst du, wir dürfen uns umschauen?« Der Templer war nicht zu sehen. Man hörte nur Stimmen.

»Da sieh nur, auf dem Säulenkapitell ist der Gekreuzigte dargestellt, aber ohne Kreuz – wie seltsam –, und hier die Apostel.« Den Kopf in den Nacken gelegt schritt André an den offenen Bogen entlang. »Hier, schau, Dämonen, denen Schlingpflanzen aus den Mäulern wuchern, und hier ein Labyrinth. Was das wohl alles zu bedeuten hat?«

Juliana sah nicht zu den Kapitellen auf und auch nicht zu den Menschenköpfen und Dämonenfratzen, die zu ihr herunterstarrten. Sie beobachtete die drei Männer, die sie nun durch die nach Osten zeigenden Bogen sehen konnte. Sie hatten die Stimmen gesenkt, gestikulierten aber ausladend. Die Reiter, die ihr den Rücken zukehrten, trugen dunkle Reisemäntel, waren also offensichtlich keine Templer. Einer von ihnen hatte graues Haar mit einer Tonsur, die Haare des anderen waren schulterlang und hell. Nun schwangen sie sich wieder auf ihre Pferde und schlugen ihnen die Fersen in die Flanken. Ohne sich auch nur einmal umzuwenden, ritten sie um die Kapelle herum und sprengten den flachen Hügel im Westen hinauf.

Der Templer stand noch einige Augenblicke da und starrte auf seine Schuhspitzen hinab, dann hob er ruckartig den Kopf, und sein Blick kreuzte sich mit dem des Ritterfräuleins. Kein Lächeln teilte seinen Bart. Er sah Juliana nur an und ging auf das Eingangsportal zu. War er böse, dass sie sich den Umgang angesehen hatten, oder weilten seine Gedanken noch bei den Besuchern? Das Ritterfräulein zupfte André am Ärmel und drängte ihn zum Tor, unter dem sie mit dem Tempelritter zusammentrafen. Juliana verabschiedete sich und neigte den Kopf, um seinem Blick zu entkommen. Sie musste sich bemühen, dass ihre Stimme nicht zu piepsig klang, so kläglich war ihr plötzlich zumute. Sie zog André hinter sich her, der sie verwundert ansah.

»Was ist mit dir? Fühlst du dich nicht wohl? Du klingst, als hättest du Halsschmerzen.«

»Nein, nein, alles in Ordnung«, krächzte sie. »Ich denke nur, wir sollten uns wieder auf den Weg machen, wenn wir La Puent de la Reyna noch vor dem Abend erreichen wollen. Es ist sicher noch ein Stück. Sie hastete den Hügel hinauf, über den die Reiter verschwunden waren. Oben zeichnete sich die Silhouette von Bruder Rupert ab, der schon ein Stück vorausgegangen war und sich nun umwandte, um auf sie zu warten.

* * *

Sie wanderten unter der brennenden Nachmittagssonne zwischen flachen Hügeln dahin. Die Hügelkuppen waren felsig und nur spärlich mit dürrem Dorngestrüpp bewachsen. In den Niederungen jedoch hatten die Bewohner der umliegenden Dörfer Äcker und kleine Weinberge angelegt, sorgsam mit Steinmauern und Reisig umkränzt, damit die umherziehenden Ziegen im Frühjahr und Sommer nicht das kostbare Grün wegfraßen. Zu dieser Jahreszeit allerdings waren auf den Feldern nur noch braune Stoppeln zu sehen.

»Wir werden natürlich in der Pilgerunterkunft der Templer Quartier nehmen«, sagte André und blickte den Bettelmönch angriffslustig an. Juliana schwieg. Der steile Anstieg zu dem Dorf, das über ihnen auf dem Gipfel eines Hügels aufragte, nahm all ihre Atemluft in Anspruch.

»Aber ja«, stimmte ihm Bruder Rupert spöttisch zu. »Es sei denn, wir ziehen in Erwägung ›extra muros‹ hinter der Brücke zu nächtigen. Doch ich vermute, dass es keinen von uns in ein Lepraspital zieht.«

André warf dem Mönch einen bösen Blick zu. Bevor sich die beiden wieder zanken konnten, mischte sich Juliana ein.

»Gibt es denn nur eine Pilgerherberge in La Puent de la Reyna? Ich dachte, es sei eine wichtige Stadt.« Keuchend hielt sie an und presste die Handfläche auf ihre stechende Seite. Bruder Rupert blieb neben ihr stehen. Sein Atem ging noch immer ruhig, und sein Gesicht war nicht mehr gerötet als sonst.

»Ich habe gehört, es gibt zwei Spitäler – das der Templer und noch ein anderes, das aber nur kranke und verletzte Pilger aufnimmt.«

André hatte bereits die ersten Häuser des Dorfes erreicht. Mit einem Seufzer folgte ihm Juliana und nahm den Rest des Aufstiegs.

* heute: Cizur Menor

* heute: Puente la Reina

Das Siegel des Templers

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