Читать книгу Enter. Die Wahrheit wird dich töten - Willem Asman - Страница 10
Kapitel 8
ОглавлениеGarf, jetzt,
zu Hause,
Pine Tree Drive, Miami Beach, Florida
Oz berichtet ihm über die sichere Telefonverbindung, dass er beschlossen hat, dem Banker Ubbink den Laufpass zu geben. Ein Klient weniger, aber ein weiser Beschluss. Im Zweifelsfall besser die Notbremse ziehen.
Garf hat sich die Hillis-Akte angesehen und nichts Bedenkliches gefunden. Sofern man in dieser Branche überhaupt jemals etwas mit absoluter Sicherheit nachweisen kann, wurde der niederländische Gangsterboss Stanley Hillis tatsächlich am 21. Februar 2011 ermordet, wenige Wochen nachdem Oz sich mit ihm zum Speech getroffen hatte.
Oz verliert kein Wort mehr über Alexander Harris, und Garf erwähnt ihn auch nicht.
»Tust du mir einen Gefallen, Oz?«
»Sicher.«
»Überprüf mir mal jemanden.« Eine Routinekontrolle: Suche nach Auffälligkeiten in der Umgebung von Wohnung, Arbeit, Schule und Familie; Überprüfung von Telefongesprächen und Internetverkehr. Für einen erfahrenen Guardian wie Oz ein Job von ein paar Stunden.
»Ein Klient?«, fragt Oz.
»Von vor deiner Zeit. Eine Mutter macht sich Sorgen um ihre Tochter, die auf Klassenfahrt in London ist.«
»Offen oder verdeckt ermitteln?«, fragt Oz.
»Offen« heißt, dass der Guardian sich zeigt, damit der Klient weiß, was los ist. »Verdeckt« bedeutet heimlich. Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile.
»Offen«, antwortet Garf. Warum auch nicht? Er ist neugierig, was Oz über Tyler denkt.
Oz notiert die Daten. Amsterdam, London, kein Problem.
»Ist es dringend?«, fragt er.
»Nein, nein«, antwortet Garf. »Reine Routine.«
Er kann geradezu hören, wie Oz denkt, dass es eine ungewöhnliche Bitte ist. Warum wendet er sich damit an Oz, anstatt den offiziellen Weg zu gehen? Die Vorgehensweise für solche Situationen ist schließlich genau geregelt. »Es ist wahrscheinlich nichts, aber die Sache bleibt vorläufig unter uns, in Ordnung? Versuch, unterm Radar zu fliegen.«
Oz verspricht, sich noch heute darum zu kümmern.
So wie Garf seinen Freund kennt, wird er das Ding schon deichseln. Er lächelt in sich hinein, denn wie er Tyler kennt, ruft sie ihn an, sobald Oz sich zu erkennen gegeben hat.
Strickland vom New York Police Department konnte er nicht erreichen, hat ihm aber eine Nachricht hinterlassen und um Rückruf gebeten.
Garf macht da weiter, wo er aufgehört hat. Räumt leere Flaschen weg, sammelt Kleidungsstücke auf. Als Waschmaschine und Geschirrspüler laufen, geht er die Post durch.
Nach Caths Beerdigung in Deaver County ist er mit dem Vorsatz, »alles zu regeln«, in ihre Villa in Miami zurückgekehrt.
Mit gemischten Gefühlen stellt er fest, wie überrascht er über die große Anzahl von Beileidsschreiben ist. Alle Karten und Briefe kommen nach rechts, die Rechnungen nach links, die Abschrift seines geänderten Testaments kommt in den Safe. Er hat in Deaver County offenbar doch etwas Sinnvolles zustande gebracht, obwohl er sich kaum noch an seinen Termin beim Notar erinnern kann. Die restliche Post – Zeitungen, Broschüren, irgendwelcher Mist – landet ungelesen auf dem Stapel Altpapier in der Garage.
Als er sich bückt, um den Staubsauger aus der Besenkammer zu holen, spürt er den üblichen Stich im Kreuz. »Wunderst du dich etwa, Garfield Franklin, nach all den Nächten auf dem Sofa?«, hört er Cath im Geiste sagen.
Der Schmerz sitzt tief. Es könnten auch die Nieren sein. Das Vernünftigste wäre, damit zum Arzt zu gehen.
Aber er hat mit Cath so viele Ärzte besucht. Nach der Diagnose, vor fast zwanzig Jahren, fing der Zirkus an: rein ins Krankenhaus, raus aus dem Labor, Blutabnahme hier, Untersuchung dort. Tomografien in Geräten so groß wie ihr Wohnzimmer. Ein nicht enden wollender Reigen von Pillen, Spritzen, Infusionen, Chemo, Bestrahlung und zweiten Meinungen. Sie hörten fortwährend kopfschüttelnden Ärzten zu und suchten auf Röntgenbildern voller schwarzer Flecken vergebens nach positiven Zeichen.
Der Krebs, der Caths Körper zerstörte, hatte Unterstützung bekommen. Die Ärzte taten ihr Bestes, doch in Caths Fall war das nicht gut genug. Sie waren auch nur Menschen, und Menschen machen Fehler. Wie harsch und ungerecht es auch sein mochte, sein Urteil stand fest: Die schrecklichen Jahre in den Händen der Weißkittel und auf endlos langen Korridoren mit Sprechzimmern links und rechts hatten Caths Zustand nur verschlechtert. Bis Garf der Sache ein Ende bereitet und sie gegen den Rat aller Ärzte nach Hause geholt hatte. Ihre »Flucht«, wie sie beide es genannt hatten. Er hatte ein Airstream-Wohnmobil gekauft, ein Vintage-Modell, mit dem sie herumgereist waren. Sie hatten das ganze weite Land in all seiner Pracht gesehen, waren von Norden nach Süden und vom Atlantik zum Pazifik gefahren.
Sie hatten noch ein paar herrliche Jahre miteinander verbracht.
Bis die Reisen Cath zu viel wurden und der Winter in der Blockhütte am Watauga Lake zu feucht und kalt. Vor drei Jahren kaufte Garf ihr dann diese Villa in Miami.
In diesem Haus starb sie, oben im Bett. Vor drei Monaten, drei Wochen und sechs Tagen. Als er an dem Morgen aufgewacht war, hatte er ihre Hand kalt und steif auf seinem Unterarm gespürt.
Er war eigentlich darauf vorbereitet gewesen, oder zumindest hätte man das erwartet. Die Jahre seit der Diagnose waren ihre »Spielverlängerung«, ein »Geschenk des Universums«, wie Cath es oft genannt hatte.
Unzählige Male hatte er ihr versichert, er sei stark genug, um weiterzumachen, durchzuhalten, sein Leben zu leben, wenn das Unvermeidliche geschah.
Doch es hatte ihn völlig umgehauen, komplett aus der Bahn geworfen. Wie ein Roboter brachte er die Formalitäten hinter sich und stand die Beerdigung durch. Keine Ahnung, wer da gewesen war und wer nicht.
Die Leere im Haus war unerträglich. Caths Habseligkeiten schienen ihm Vorwürfe zu machen, doch er konnte es nicht übers Herz bringen, sich ihrer zu entledigen. Vorher geliebte Orte (wie die Blockhütte am See) und Tätigkeiten (wie das Herumbasteln am Airstream) waren ihm plötzlich zuwider. Er versank in tiefster Trauer und verirrte sich in einem Labyrinth aus Lethargie und Selbstmitleid.
Drei Monate, drei Wochen und sechs Tage lang vernachlässigte er seine Pflichten. REBOUND gegenüber. Und auch Cath gegenüber. Schließlich hatte er ihr etwas versprochen. All die Zeit war er sicher gewesen, dass er fertig war mit dem Taktieren, dem Misstrauen, der Mauschelei – und mit Alexander Harris und seinen Spielchen.
Bis heute. Oder eigentlich bis gestern, als er mit Lou gesprochen hat. Aber er hat sich geirrt. Mit dem Selbstmitleid ist er fertig, aber mit REBOUND noch lange nicht.
Heute fühlt er sich gut. Es ist wie ein Neubeginn, eine neue Chance. Das Haus ist aufgeräumt, seine Gedanken sind es auch.
Er hat Oz um die Überprüfung von Charlie gebeten.
Strickland wird ihn zurückrufen.
Also was jetzt? Was für ein Tag ist heute? Was hat er vor Caths Tod getan, wenn sie in Miami waren? An einem Freitagmittag?
Dann fuhr er gewöhnlich zu Topper Heinrich und holte unterwegs bei Chad’s Deli diese göttlichen Sandwiches mit Fleischbällchen und einen Sixpack Bohemia, das beste mexikanische Bier überhaupt. Das Wasser läuft ihm schon im Mund zusammen. Auch das hat er lange nicht erlebt.
***
Am Eingang des Londoner Zoos beobachtet Mark MacKenzie den jungen blonden Mann, der mit dem Observer von gestern unterm Arm auf Charlie wartet.
Mark tut so, als hätte er sich verlaufen. Er kratzt sich am Kopf und starrt auf den Stadtplan. Altmodischer Mist natürlich. Er hat Google Maps auf seinem Smartphone, aber wie soll man sich dahinter verstecken?
Aus dem Augenwinkel sieht er, wie der junge blonde Mann auf seine Uhr schaut. Automatisch imitiert er die Geste.
Viertel vor fünf. Noch eine Viertelstunde.
Nervös verlagert er sein Gewicht auf den anderen Fuß. Er hofft, dass er sich umsonst Sorgen macht.
Aber vor allem hofft er, dass Charlie ihm vergibt.