Читать книгу Enter. Die Wahrheit wird dich töten - Willem Asman - Страница 14
Kapitel 12
ОглавлениеTyler, jetzt,
Buitenveldert, Amsterdam
»Garf. O Garf«, schreit Tyler ins Telefon. Sie kann hören, dass er zu kämpfen hat, hört ihn schwer atmen, keuchen, röcheln.
»Hau ab, Lou, hau ab!«
Sie versteht, was er sagt, und ist doch unfähig, sich zu bewegen. Sie weigert sich zu akzeptieren, was gerade geschehen ist. »O Garf. O Garf.«
»Der Marshal ist gerade gegangen«, sagt eine männliche Stimme. Sie kann sein widerliches Grinsen geradezu hören. Es ist Garfs Mörder. Kennt sie die Stimme?
»Danny?«, flüstert sie und schlägt sich die Hand vor den Mund.
»Er lässt dich grüßen.«
Dann bricht die Verbindung ab.
Eine Weile bleibt Lou noch mit dem schweigenden Telefon am Ohr stehen, als könnte sie Garf, wenn sie nur lange genug aushielte, wieder zum Leben erwecken.
Garf ist tot, da ist sie sicher, und ihre Schuldgefühle melden sich sofort. Zu lange hat sie geglaubt, ihrer Vergangenheit entkommen zu können, wenn sie sie einfach verschwieg. Sie kann es nicht fassen, doch es ist wahr: Danny sucht Vergeltung. All die Jahre lag er auf der Lauer. Diese Erkenntnis trifft Tyler tief im Innern wie ein Schlag in die Nieren.
Sie ruft noch einmal Charlies Handy an. Noch aufgeregter als beim letzten Mal hört sie sich Charlies Mailboxnachricht an: »Hi, ich bin’s. Bin gerade nicht erreichbar.«
»Komm schon, Charlie. Geh ran«, sagt Tyler vergebens zu der Mailbox.
»Hinterlass doch eine Nachricht. Ich rufe schnell zurück. Oder nicht so schnell. Oder gar nicht, wirst du ja sehen.«
Nach dem Signal sagt Tyler: »Charlie, ruf mich an. Sofort!« Ihre Stimme klingt so schrill, dass sie zusammenzuckt. Sie fügt hinzu: »Bitte, Liebling. Keine Scherze jetzt.« Ihre Stimme überschlägt sich bei dem Wort »Scherze«. Sie legt auf und eilt die Treppe hoch.
Sie ruft Mark an. Er geht fast sofort ran, zumindest scheint es so. »Mark?«
Sie hört, wie er Passanten zuruft, fragt, ob jemand etwas gesehen oder das Kennzeichen aufgeschrieben hat.
Ihr Samsung zwischen Kinn und Schulter geklemmt kniet sie sich hin. Wühlt wild unter dem Bett herum, schiebt Schuhe, Schlafsäcke, Plastiktaschen mit vergessenem Inhalt zur Seite, bis sie ihre Reisetasche findet.
»Mark? Ist Charlie wieder aufgetaucht?« O Gott, bitte, lass sie wieder da sein, denkt sie, während sie aufsteht. Aber als er endlich reagiert, hört sie schon an seinem Tonfall, dass es nicht so ist. Seine Stimme überschlägt sich, klingt panisch, bestätigt, was sie schon weiß. So sicher, wie sie weiß, dass Garf tot ist.
Jammernd führt er seinen unzusammenhängenden Bericht fort: Dass sie sich von der Klasse entfernt haben und Charlie eine Verabredung mit einem jungen Mann mit einer Zeitung unterm Arm hatte, den sie aus dem Internet kannte, der Sohn eines Privatdetektivs, der behauptete, Informationen über Charlies Vater zu haben.
»Mark?«, ruft Tyler. »Mark, beruhig dich!« Als er endlich verstummt, hört sie Verkehrsgeräusche und laute Stimmen. »Hör zu, Mark. Ihr müsst die Polizei rufen, falls das noch nicht geschehen ist, okay? Ich komme sofort nach London. Sobald ich da bin, rufe ich dich an. Mark? Hast du mich verstanden?«
»Ja, ist gut«, sagt er. »Sie kommen also her?«
»Ich mache mich sofort auf den Weg.« Sie hört ihn weinen. »Halte durch, Mark.«
Als er nicht mehr reagiert, legt sie auf und lässt das Handy aufs Bett fallen. Sie darf keine Sekunde verlieren.
Nach einem Blick in die Gärten zieht sie die Vorhänge zu und nimmt den Freemantle von der Wand. Sie wirft das kostbare Ölgemälde in die Ecke. Dann gibt sie die Kombination ein. Mit einem Klicken öffnet sich der Safe. Und wie von diesem Klicken ausgelöst, dringt endlich zu ihr durch, was passiert ist, und Tyler fängt an zu weinen. Aber sie kann sich keinen Zusammenbruch leisten. Jetzt ist nicht die Zeit für Selbstvorwürfe.
Mit einer resoluten Geste schiebt sie den Inhalt des Safes in die Reisetasche: den Ordner, den braunen Umschlag mit den Reisepässen, Bargeld, Kreditkarten, das neue Handy samt Ladekabel.
Moment. Sie steckt den Zettel mit der Notfallnummer in ihre Tasche und greift nach dem Handy. In dem Moment klingelt ihr altes Samsung. Sie hechtet zum Bett, greift daneben, das Smartphone rutscht über den Rand und fällt mit einem lauten Knall auf den Boden. Fluchend kriecht sie auf allen vieren übers Bett, doch als sie das Gerät erreicht, hat der Anrufer schon aufgelegt.
1 Anruf in Abwesenheit, Nummer anonym, steht auf dem Display. Ein Laut, nicht mehr als ein Wimmern, entfährt ihr.
Aus den Schubladen im Kleiderschrank holt sie Unterwäsche, ein sauberes T-Shirt, Socken, einen Pullover, Jeans, eine Baseballmütze und eine alte Sonnenbrille. Hektisch an den Senkeln zerrend schnürt sie ihre Timberlands.
Tyler zögert kurz und betrachtet ihr altvertrautes Samsung auf dem Bett. Wer hat da wohl angerufen? Sie könnte noch einmal versuchen, Charlie zu erreichen. Aber ist das überhaupt sicher? Sie denkt an Garfs Anweisungen für diesen Fall. Wenn Garf über Sicherheit sprach, hörte man zu. Er ließ einem keine Wahl. »Zuerst du selbst, dann Charlie«, hört sie ihn sagen. »Denk dran, was die Stewardessen immer sagen: Leg zuerst dir selbst eine Sauerstoffmaske an.«
Gegen seine Anweisung nimmt sie das alte Samsung und ruft noch einmal Charlie an. Plötzlich macht sich eine schaurige Vorstellung in ihrem Kopf breit: Diesmal geht Charlie ran, und Tyler hört ihre letzten Worte, ihren letzten Atemzug.
Ungeduldig hört sie erneut die fröhliche Nonsensbotschaft, über die Charlie und Mark damals so gelacht hatten. »Oder gar nicht, wirst du ja sehen.«
»Liebling, ich rufe dich gleich von einer anderen Nummer aus an. Ich simse auch, okay?« Was noch? Irgendwas Liebes. Etwas, das ihr zeigt, dass ihre Mutter alles unter Kontrolle hat. Tyler schluckt. Keine Zeit für Tränen. Bitte, jetzt keine Tränen. »Es wird alles gut, Schatz. Ich liebe dich.«
Und jetzt? Weiß sie Charlies Nummer auswendig? Und Marks? Scheiße. Sie holt einen Stift und ein Stück Papier aus der Nachttischschublade und schreibt die Nummern aus dem Adressbuch ihres alten Smartphones ab. Dann steckt sie den Zettel in die Tasche und wirft das ausgediente Smartphone wieder aufs Bett.
»Hau ab, Lou, hau ab«, treibt Garfs Stimme sie an.
Mit der Tasche über der Schulter rennt sie die Treppe hinunter, vorbei an den Fotos: Charlie mit Buster, Charlie mit Schlagsahne im Gesicht. Im Flur schnappt sie sich ihre Autoschlüssel und die Handtasche. Und lässt beides sofort wieder fallen. Nicht das Auto, nicht die Vordertür, nicht die Handtasche. Darin befinden sich ihr Führerschein, ihr Pass und ihr Portemonnaie. Wie funktioniert das eigentlich, alles zurückzulassen? Was passiert mit ihrem Auto? Werden ihre Bankkarten gesperrt?
Im Schlafzimmer klingelt das Samsung. Wer ist das?
Tyler schüttelt den Kopf, als wollte sie damit alle unnützen Fragen vertreiben. Jetzt nicht mehr aufhalten lassen.
Sie läuft eilig in die Küche und holt mit der rechten Hand die Schlüssel von Gartentor, Schuppen und Vespa aus der Schublade, während sie mit der linken schon die Schlösser und Riegel der Hintertür öffnet.
Der Papierstreifen fällt auf die Fußmatte.
In dem Moment klingelt es an der Vordertür. Tyler schaut auf. Durch die Scheibe in der Tür am anderen Ende des Flurs sieht sie eine Silhouette, dunkel und bedrohlich. Die Gestalt hebt den Arm, hämmert gegen die Tür. Versucht, durch die kleine Strukturglasscheibe hineinzusehen. Der Briefkasten klappert.
So leise wie möglich schließt Tyler den Hinterausgang des Hauses und ihres vorigen Lebens. Auf dem Weg nach Schiphol hat sie Garfs Stimme im Kopf. Stick to the plan, Lou.
***
Oz steht vor der Tür und ruft noch einmal die Nummer an, die Garf ihm gegeben hat.
Irgendwo im ersten Stock hört er ihr Handy klingeln.
»Tyler Young, ich weiß, dass du zu Hause bist«, murmelt er. Er legt auf und wählt noch einmal, während er ein Ohr an die Glasscheibe in der Tür legt und an der Klappe des Briefkastens rappelt. Es besteht kein Zweifel: ihr Telefon.
Sonst hört er nichts.
Noch ein letztes Mal ballert er gegen die Tür.
Ein Kleinbus des Gasunternehmens fährt vorbei.