Читать книгу Enter. Die Wahrheit wird dich töten - Willem Asman - Страница 7
Kapitel 5
ОглавлениеCharlie, jetzt,
Kensington Gardens,
London
»Charles, du passt doch auf dich auf?«, sagt Mark.
Charlie nimmt einen Zug von dem Joint und fängt an zu husten. »Was?« Hat sie richtig gehört?
»Du sollst auf dich aufpassen.« Vorsichtig nimmt Mark den Joint zwischen die Fingerspitzen.
»Ernsthaft?«
»Ja, ernsthaft. Onlinedates sind gefährlich.«
»Großer Gott, du hörst dich an wie meine Mutter. Und es ist kein Date, sondern eine Verabredung«, sagt sie.
Sie haben sich davongeschlichen. Haben Schuhe und Strümpfe ausgezogen und lassen in Kensington Gardens unweit ihres Hotels in Knightsbridge die Füße im Teich baumeln. Mark liegt mit dem Kopf gerade noch im Schatten, Charlie in der Sonne.
»Ich bin doch nicht verrückt«, fügt sie hinzu. Sie ist nicht wie ihre Mutter, die scheinbar zerstreut ihre Schlüssel fallen lässt, um zu sehen, ob sie nicht verfolgt wird. Und die, wie sie glaubt, ganz unauffällig Papierstreifen in die Tür klemmt.
»Darf ich dich was fragen?«
Ups. Jetzt kommt’s. »Sei doch nicht so komisch. Natürlich darfst du«, antwortet Charlie.
»Willst du es überhaupt?«, fragt er.
Sie schnaubt. »Natürlich will ich es.«
»Oder gehört dieses Date in die gleiche Kategorie wie das Tattoo, von dem deine Mutter nichts weiß, das Piercing, von dem deine Mutter nichts weiß, und die Joints, von denen deine Mutter nichts weiß?«
»Sie ist …« ein verdammtes Miststück, will Charlie sagen, aber sie weiß, wie Mark darüber denkt. »Es ist kein Date.«
»Ich meine, du hast doch auch Geheimnisse vor ihr«, sagt Mark.
»Das ist doch was ganz anderes.«
Mark zuckt mit den Schultern.
Ach verdammt, denkt Charlie. Das Schweigen zwischen ihnen, das sie sonst so schätzt – anders als die Pausen in Gesprächen mit ihrer Mutter, die geradezu danach schreien, gefüllt zu werden –, wirkt belastend.
Sie diskutieren das Thema nicht zum ersten Mal. Mark meint, dass es gute Gründe dafür geben kann, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Und dass Charlie loslassen soll. Er erinnert sie an die alte Gruselgeschichte von König Blaubart: Die soundsovielte Frau des Königs darf alle Zimmer des Schlosses betreten, nur das eine nicht. Natürlich kann die frisch verheiratete Frau ihre Neugier nicht bezwingen, und als sie das verbotene Zimmer betritt, findet sie die abgehackten Köpfe ihrer Vorgängerinnen.
Manchmal ist es besser, nicht alles zu wissen, meint Mark. Charlie musste ihm versprechen, nicht weiter nachzuforschen.
Aber es war, als hätte die Geschichte von König Blaubart ihre Neugier erst richtig entfacht.
Ein Stück weiter balgen sich zwei Golden Retriever um ein Frisbee.
»Ich hatte früher auch einen Retriever«, sagt Charlie in der Hoffnung, das Gespräch wieder in normale Bahnen zu lenken.
»Weiß ich«, antwortet Mark. »Bei euch an der Treppe hängt sein Foto mit dir auf dem Rücken. Neben dem mit der Sahne.«
»Er hieß Buster«, sagt sie überflüssigerweise. So was merkt sich Mark. »Ich habe ihn immer Uster genannt. Ich konnte noch kein B aussprechen.« Sie kann sich nicht mehr daran erinnern.
»Dein erstes Wort«, sagt Mark nickend.
»Und dann ist er umgekommen.« Bei einem großen Brand am Neujahrstag vor dreizehn Jahren ist ihr Hund ums Leben gekommen, ebenso wie ihr Vater. Das ist die offizielle Version. Doch seit sie den Inhalt des Safes gesehen hat, weiß Charlie es besser.
***
Sie hatte es schon öfter so gemacht, entweder um einer Klassenarbeit zu entkommen oder weil sie einfach keine Lust auf Schule hatte: Am Vorabend wenig essen und früh ins Bett gehen, über Bauch- oder Kopfschmerzen klagen, und alles möglichst vage halten. Am nächsten Morgen dann die Stirn ein wenig anfeuchten und sich unter der Bettdecke verkriechen. Ihre Mutter kam in ihr Zimmer, bereits startklar, im Kostüm und mit hohen Absätzen.
»Sollen wir zum Arzt fahren?«, fragte sie. »Dann rufe ich im Büro an.«
»Nein, nicht nötig. Ich glaube, es ist nur ein harmloser Virus. Schon die ganze Woche husten alle in der Schule.«
Tyler schaute auf die Uhr.
»Geh schon, Mom.«
»Bist du sicher?«
»Ja, ganz sicher.« Sie hustete, ohne zu übertreiben.
»Okay. Dann schon dich, Liebling. Und ruf an, wenn irgendwas ist.«
»Mach ich, Mom.«
Sie lauschte, wie ihre Mutter die Treppe hinunterlief, die Tür zuzog und im Auto davonfuhr.
Kurz darauf stand sie in Schlafanzughose und T-Shirt im Schlafzimmer ihrer Mutter. Sie bewegte sich auf Zehenspitzen, achtete auf jedes Geräusch. Zog die Vorhänge zu, schaltete das Licht an und nahm das Bild von der Wand.
Jetzt oder nie. Sollte sie? Ja. Ihre Mutter hätte eben ihre vorwitzige Nase nicht in ihr Tagebuch stecken dürfen. Ohne zu zögern, gab Charlie die Zahlenkombination ein, die sie schon so lange kannte, wie sie denken konnte. Dann drückte sie auf ENTER.
Das Schloss machte klick. Sie umfasste den Griff. Unwillkürlich machte sie einen Schritt zurück, als ob sie fürchtete, was immer im Safe war, könnte sie anspringen.
Dann konnte sie sich nicht länger beherrschen. In einem großen braunen Umschlag fand sie ein Handy, Geldscheine, nagelneue Kreditkarten und zwei amerikanische Pässe. Unter dem Umschlag einen Ordner mit Zeitungsauschnitten.
Von den Pässen war einer für sie, wie sie an Foto und Geburtsdatum feststellte, der andere für ihre Mutter. Gefälscht? Sie sahen echt aus. Verdutzt las sie die Namen: Kathleen und Claire Adams.
Sie begutachtete die Geldscheine. Euros, Pfund und Dollar, sorgfältig mit Gummibändern zusammengebunden. Wie viel? Zwanzig-, dreißigtausend? Mehr?
In dem Ordner fand sie Zeitungsausschnitte über ein viele Jahre zurückliegendes Gerichtsverfahren in Amerika. Ein internationales Transportunternehmen wurde verdächtigt, an Geldwäsche und Menschenhandel beteiligt zu sein. Charlies Blick fiel auf eine riesige Schlagzeile: GRAUSAMER CONTAINERFUND – VERDÄCHTIGE AUF FREIEM FUSS. Kronzeugen hatten Aussagen zurückgezogen oder waren spurlos verschwunden. In einem anderen Artikel – SCHRECKENSNACHT IN HORRORCONTAINER – war von achtundfünfzig Toten die Rede, das jüngste Opfer ein zweijähriges Kind.
Hä? Was hatten diese Zeitungsartikel mit ihrer Mutter zu tun? Was war daran so wichtig, dass sie sie aufbewahrte, noch dazu im Safe? Charlie sah weiter den Ordner durch. Diesmal suchte sie in den Artikeln nach Namen, fand jedoch weder Young noch Adams.
Als sie gerade alles wieder zurücklegen wollte, fand sie unter dem braunen Umschlag zwei Fotos, die sie zuvor übersehen hatte.
Auf dem ersten war sie selbst zu sehen, deutlich zu erkennen, wenn auch noch sehr klein, zwischen zwei älteren Menschen, einem Mann und einer Frau. Eine jüngere Version ihrer Mutter stand ganz links. Vier lachende Gesichter.
War der Mann vielleicht dieser Garf, über den ihre Mutter bis zum Gehtnichtmehr redete? Garf dieses, Garf jenes … Und war die Dame, die Charlies Hand hielt, vielleicht Garfs Frau? Im Hintergrund war ein amerikanisches Wohnmobil zu sehen, so ein Aluminiumteil. Alle vier trugen Baseballtrikots mit Nummern. Charlies Shirt war so groß, dass es wie ein Kleid aussah. Ihr linker Arm in hellblauem Gips. Charlie überlegte kurz. Hatte sie sich den Arm gebrochen, als sie klein war? Davon hatte ihre Mutter ihr nie etwas erzählt.
Die zweite Aufnahme war auf den ersten Blick ein ganz gewöhnliches Familienfoto: Vater, Mutter, Kind und Haustier auf einem Spielplatz. Charlie sah eine Schaukel, eine Rutsche und ein Klettergerüst. Das Kind war sie selbst, die Frau war ihre Mutter, der Hund war Buster. Kein Gips.
Den Mann auf dem Foto kannte sie nicht.
Auf der Rückseite stand geschrieben: MEET THE MILLERS, LOUISE & DANIEL, CHARLOTTE BELLE & BUSTER.
Darunter ein Datum: 23. Mai. Das Foto war dreizehn Jahre alt. Charlie blinzelte. Sie betrachtete noch einmal die Vorderseite. Dann wieder die Namen und das Datum.
Meet the Millers?
Louise Miller? Aber die Frau auf dem Foto war eindeutig ihre Mutter, Tyler Young. Andere Frisur, jünger, aber unbestreitbar ihre Mutter. Charlotte Belle war sie selbst. Hieß sie mit Nachnamen also Miller, nicht Young? Oder doch Adams, wie in dem Pass stand?
Und war der Mann ihr Vater? Er trug eine Lederjacke und Cowboystiefel. Aus seinem Kragen schaute eine Tätowierung hervor. Ein Muskelprotz, ein Wichtigtuer. Konnte sie eine Ähnlichkeit erkennen? Die Nase? Das Grübchen am Kinn? Die Augen vielleicht?
Doch falls er es war, konnte das Datum – 23. Mai, Monate nach dem großen Feuer am Neujahrstag, bei dem Buster und er umgekommen waren – unmöglich stimmen.
Wieder nahm sie den Ordner mit den Zeitungsausschnitten in die Hand. Sie meinte, den Namen Miller dort gelesen zu haben. Und tatsächlich … In einem Artikel mit der Überschrift HEFTIGE KRITIK AN FBI-METHODEN fand sie ihn. Miller war einer der Verdächtigen, die freigesprochen wurden. Das Datum auf dem Ausschnitt in der Handschrift ihrer Mutter: 22. November, vor dreizehn Jahren. Fast ein Jahr nach dem Feuer, bei dem ihr Vater umgekommen war.
Ein Geräusch. Die Haustür! Sie sprang auf, lief auf Zehenspitzen zur Schlafzimmertür und spitzte die Ohren. »Mom?«
Scheiße. Sie blickte sich um. Der Safe weit offen, der Ordner und der Inhalt des Umschlags auf dem Boden ausgebreitet. Eine Sekunde lang spielte Charlie mit dem Gedanken, sich wieder hinzusetzen. Hier inmitten all dieser Rätsel zu warten. Und ihre Mutter mit den Beweisen zu konfrontieren … Aber Beweise wofür?
Stattdessen wurde sie aktiv. So schnell wie möglich legte sie alles zurück in den Safe. Flink hängte sie das Bild wieder an den Haken, genau wie ihre Mutter es immer tat, leicht schief. Gleichzeitig lauschte sie nach den Schritten.
Auf dem Weg nach unten fiel ihr rechtzeitig wieder ihr grippaler Infekt ein. »Mom?«, rief sie in schläfrigem Ton. Aber Mom war nicht da. Unten war niemand. Hatte sie es sich nur eingebildet? Weil sie ein schlechtes Gewissen hatte?
Wieder oben öffnete Charlie erneut den Safe.
Sie fand nichts Weiteres. Aber sie hatte zwei Dinge herausgefunden.
Erstens: Es gab doch noch ein Foto von ihrem Vater.
Zweitens: Er war nicht am Neujahrstag ums Leben gekommen. Das wusste sie nun mit Sicherheit.
Mit dieser Erkenntnis nahm ihre Wut ganz neue Dimensionen an. Sie war nun höllenrot, giftig, tief und ätzend, in all ihren Poren spürbar. All die Lügen und die Grausamkeit dieses Verrats machten sie so wütend. Was für ein krankes Hirn brachte so etwas fertig? Sicher keine liebende Mutter!
Charlie weinte nicht. Sie fluchte nicht. Sie rief in ihrer Verzweiflung auch nicht Mark an, um über das Unrecht zu klagen, das man ihr angetan hatte. Charlie lief auch nicht von zu Hause weg, obwohl das verdammte Miststück es verdient hätte.
Sie öffnete ihr MacBook und plante ihre Rache.
Im Forum der Website lookingforlonglostlovedones.com hinterließ Charlie unter der Kategorie lost neighbours eine Nachricht. Lost parents oder lost family members hätte vielleicht besser gepasst, aber das konnte sie später noch versuchen.
Sie tat so, als würde sie ehemalige Nachbarn suchen:
Suche die Millers, Daniel und Louise. Auf der Website wurde empfohlen, möglichst detaillierte Angaben zu machen, Daten, Orte, um die Chance auf Erfolg zu vergrößern. Doch Charlie beschränkte sich auf: »Vor ungefähr dreizehn Jahren im Süden von Florida.« Sie widerstand der Versuchung, dick aufzutragen und die süße kleine Charlie, die Tochter der Millers, und ihren ständigen Begleiter, den Golden Retriever Buster, zu erwähnen.
Für ihr E-Mail-Alias hatte sie das Alter ihrer Mutter angegeben. Nachdem sie alle Perverslinge und Spamnachrichten aussortiert hatte, blieb nur einer übrig: John John Blackstone (John2John1998@gmail.com) – oder J.J., wie Charlie ihn nannte.
J.J. sagte, er könne ihr vielleicht helfen. Sein Vater sei eine Art Privatdetektiv, der sich auf Familiensachen wie Scheidungen und DNA-Tests spezialisierte.
Charlie war skeptisch. Sie hatten die amerikanische Staatsbürgerschaft. In diesen Zeiten zogen Amerikaner besondere Aufmerksamkeit auf sich. Amerikaner haben Feinde, wie ihre Mutter immer sagte. »Sie haben Osama schon erwischt, Mom«, entgegnete ihr Charlie dann.
Nimm dich in Acht vor Fremden. Sei vorsichtig im Internet. Alles Lektionen, die sie schon x-mal von ihrer Mutter gehört hatte. Trotzdem nahm Charlie sich vor, den Kontakt sofort abzubrechen, falls J.J. irgendetwas ansprach, was ihre Mutter als zu persönlich und deshalb gefährlich betrachten würde. Unter ihre Nachrichten setzte sie immer nur ihren Vornamen. Charlie war neutral, konnte männlich oder weiblich sein.
Seltsamerweise war J.J. noch viel vorsichtiger als sie selbst.
So antwortete er auf Charlies Frage, dass er »irgendwo in Europa« wohnte.
»Was für ein Zufall, dann sind wir ja Nachbarn ☺«, antwortete Charlie. Ein paar Tage später ging J.J. einen Schritt weiter: »England.« Und noch ein wenig später: »London.«
Ein paar Tage vor der Klassenfahrt meldete er dann den großen Durchbruch. »Könnte das Daniel Miller sein? Siehe Foto.«
Mit angehaltenem Atem hatte Charlie den Anhang geöffnet.
Sie erkannte ihn sofort von dem Familienfoto im Safe: die Tätowierung am Hals, die Nase, das Grübchen am Kinn. Charlie hatte wirklich seine Augen. Doch auch ohne die Ähnlichkeit hätte sie es gewusst. Der Mann, der sie von dem Foto auf ihrem MacBook anblickte, war Daniel Miller, ihr Vater. Sie sah es, fühlte es, es gab keinen Zweifel. Zehn Jahre älter als auf dem Familienfoto im Safe, schätzte sie. Sein Haar war an den Schläfen ergraut. Ein blasses Gesicht, blasser, als sie erwartet hätte, und müde Augen.
Aber er war’s.
J.J. hatte ihren Vater gefunden.
Sie fragte: »Lebt er noch?«
»Sieht so aus. Ist er der Mann, den du suchst?«
»Ja. Hast du noch mehr?«
»Viel mehr.«
Sie überlegte kurz, dann traf sie eine Entscheidung und schrieb: »Ende dieser Woche bin ich in London. Sollen wir uns treffen?« Als sie das Reiseziel der Klassenfahrt erfahren hatte, war sie ziemlich enttäuscht gewesen. Doch jetzt wusste sie, dass es Vorsehung gewesen war. Es konnte kein Zufall sein. Diese einmalige Gelegenheit durfte sie sich nicht entgehen lassen. Angespannt starrte sie auf ihre Inbox. Endlich kam die Antwort: »Okay. Wo?«
Sie schlug ihm vor, zu ihrem Hotel in Knightsbridge zu kommen, aber ohne den Namen zu nennen, doch wieder zeigte sich J.J. besonders vorsichtig. Einen öffentlichen Ort fand er besser.
Tyler merkte nichts von alledem. Charlie verhielt sich ruhig, aber nicht zu ruhig. Wenn sie Fragen über die Vergangenheit stellte, dann in normalem Ton, ohne sich über die Lügen aufzuregen, die sie aufgetischt bekam. Falls ihre Mutter merken sollte, was sie getan hatte, hatte sie ihre Antwort parat: »Was für ein Safe? Ich wusste nicht einmal, dass du einen Safe hast.«
»Wo trefft ihr euch?«, fragt Mark, während sie beide immer noch in Kensington Gardens am Teich sitzen.
»Am Eingang des Zoos. Morgen Nachmittag um fünf.«
»Also weiß er, wie du aussiehst?«
»Nein, natürlich nicht.« Sie hat J.J. um ein Foto von ihm gebeten, doch das hat er verweigert. »Er hat den Observer von heute unterm Arm. Daran erkenne ich ihn.«
»Okay«, sagt Mark. Er klingt enttäuscht, als hätte er sie lieber bei einer Dummheit erwischt.
»Ich dachte, du würdest dich für mich freuen«, sagt Charlie. »Endlich eine Spur.«
»Ich freue mich ja auch«, antwortet Mark und streicht sich durch sein rotes Haar.
»Aber?«
»Es klingt einfach zu schön, um wahr zu sein.«
Charlie zweifelt nicht daran, dass Mark es nur gut mit ihr meint. Trotzdem kommt es ihr vor, als wolle er ihr die Sache miesmachen. Sie steht auf und klopft sich das Gras vom Rock. »Ich gehe zurück. Kommst du mit?«
»Nur wenn du mir versprichst, vorsichtig zu sein.«
»Okay«, seufzt sie, während sie denkt: Nicht okay. Mark hat gut reden mit seinem Familienwappen und dem Stammbaum voller schottischer Adliger.
***
Mark MacKenzie läuft mit Charlie zurück zum Hotel, während in seinem Innern widersprüchliche Gefühle miteinander ringen. Das war also der Grund für ihr seltsames Verhalten in letzter Zeit. Ihr Vater. Eine so große Sehnsucht, ein blinder Fleck, eine Lücke, die Charlie füllen muss.
Er bewundert ihre Verbissenheit, ihren rebellischen Mut. Doch zugleich empfindet er sie als Vorwurf gegen sich.
Charlie weiß nämlich von dem Familienalbum, das er als Stammhalter der MacKenzies, eines uralten schottischen Geschlechts, an seinem zwölften Geburtstag erhalten hat. Ein in kostbares Leder gebundener Foliant mit den Namen, Geburtsdaten und Todestagen all seiner Vorfahren.
Alles geht von Vater auf Sohn über, seit dem ersten MacKenzie, der als Dank für seine Heldentaten während des Dritten Kreuzzugs von Richard Löwenherz in den Adelsstand erhoben wurde.
Doch wer Bescheid weiß, sieht, welche Seiten sorgfältig aus dem Buch herausgeschnitten wurden.
Jede Familie hat ihre Geheimnisse, will Mark seiner besten Freundin erklären, und manche lässt man besser auf sich beruhen.
Er fragt sich, was er jetzt, wo er weiß, was sie vorhat, unternehmen soll.
Tyler informieren? Das würde Charlie ihm nie vergeben.