Читать книгу Wer A sagt, sollte auch weitergehen - Winfried Niebes - Страница 9
ОглавлениеAuf den Spuren im All
Das Internet zeigt sich hier und da als Glücksfall. Wer kennt nicht die Überraschung: Man gibt bei Tante Google oder Onkel Escosia Suchbegriffe ein und die Weichen in der Stratosphäre lenken zum gewünschten Thema, aber auch zu einem neuen Begriff. Sehr häufig erscheint auf dem Bildschirm eine völlige neue Entdeckung. So stellte das Internet zum Ende des Winters 2019 eine Weiche um wie bei Eisenbahnschienen, welche den Zug auf ein anderes Gleis lenken. Die Augen des Nutzers, meinem früheren Freund, weiteten sich zu großen Glaskugeln. Nach beinahe sechzig Jahren sinnierte er bei Betrachtung vieler Bilder in Alben seiner verstorbenen Tante über einen Ferienaufenthalt in meinem ehemaligen Heimatdorf Schüller – Scolinare – und suchte spontan meinen Namen im weltweiten Netzverbund. Siehe da, er entdeckte mich. Ein Geistesblitz zuckte in seinem Kopf, das Netzwerk bot ihm sogleich meinen Telefonanschluss und es drängte ihn überaus neugierig, sofort den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und anzurufen.
Als ich es mir auf einem Sessel gerade etwas gemütlich machen wollte, klingelte plötzlich das Telefon.
„Ruft mich etwa meine Frau an, weil sie später aus dem Büro nach Hause kommt?“, murmelte ich vor mich hin.
Die Technik macht es möglich, Anrufer mit gespeicherten Nummern zu erkennen. Wer versteckte sich hinter der im Display erscheinenden Rufnummer? Sie war mir völlig unbekannt. Neugierig hob ich ab.
„Niebes“, konnte er meine zögernde Stimme vernehmen. Als er dann seinen Familiennamen nannte, klickte es bei mir und ich fand vor Aufregung und Verblüffung zunächst keine Worte. „Ach du je, Fritz. Nun bin ich aber platt. Erzähl doch, wo bist und was machst du? Du bist doch schon längst Rentner?“
„Na klar, ich genieße besonders die freie Zeit, kann fast machen, was ich will und muss mich nicht mehr mit Kunden ärgern und den Menschen nachlaufen.“
„Wieso, du warst doch nicht der Rattenfänger von Hameln. Ich denke, du bist Künstler geworden und wohnst irgendwo im Rheinland.“
„Nein, mein Weg führte mich auf eine völlig andere Spur. Versicherungsvertreter bin ich geworden.“
„Das ist ja ein Ding. Weißt du, das habe ich vor dreißig Jahren ein Jahr lang auch getan. Fritz, wo wohnst du denn? Das habe ich fast vergessen zu fragen.“
„Nur eine gute Stunde mit dem Fahrrad von meinem Geburtsort entfernt lebe ich seit vielen Jahren“.
Aus weiter Ferne kam war mir die vage Erinnerung gekommen, dass er Künstler werden wollte, und im Hinterstübchen wähnte ich ihn im Rheinland – wie sich nun herausgestellt hatte traf beides nicht zu.
Kurz berichtete er mir noch, sogar ein sehr musikalischer Mensch zu sein. Als Sänger in einem Gospelchor hatte er besondere Freude, stand vor einem größeren oder kleineren Publikum mit recht unterschiedlichen Menschen. Freudig erzählte er mir von einigen erschienen CD-Aufnahmen. Im Verlauf des Gesprächs bemerkte ich, dass er keine Hummeln im Hintern gehabt hatte, um wie ich unsesshaft zu werden.
Ein jeder mag sich denken, dass wir noch einige Zeit plauderten. Wichtig erschien uns, sofort die Mailadressen auszutauschen.
Bereits vor zwei Jahren hatte ich eine ähnliche Erinnerung bei der Betrachtung meiner Fotoalben. Damals vernichtete ich bereits so manches aus meiner Sicht nicht mehr benötigte Bild. Aufräumen kann doch nicht früh genug starten. Fast vergessen hatte ich denselben Fritz. Anfang der 1960er Jahre war er zwei Wochen bei uns zu Hause gewesen.
Damals hatten wir eine gemeinsame Radtour im hügeligen Eifelland unternommen. Die Erinnerung daran brachte seine Gehirnzellen beim Betrachten einiger Bilder in Aufruhr. Er, aus dem nördlichen Ruhrgebiet, der Kohleregion Marl-Hüls kommend, hatte keine Raderfahrung in einer hügeligen Landschaft. Wir Eifler stuften Radfahrer aus einer Tiefebene als unkonditionierte Flachlandtiroler ein. Zur damaligen Zeit hatte ich erheblich bessere Kondition als später. Das mag seine Erinnerungen an die schönen Seiten des kleinen Eifelfleckens etwas getrübt haben. Allerdings spielte das Thema der etwas unerquicklichen Radtour nunmehr keine weitere Rolle.